Sein Name war Bond, James Bond. Daniel Craig gibt zum zweiten Mal den MI6-Doppelnullagenten auf die eigene Art: knallhart und ohne jeden Charme. Doch der Wind hat sich gedreht. Die Bewahrer der Gentlemen-Verfilmungen mit Sean Connery, Roger Moore und Pierce Brosnan sind anscheinend zu einer Minderheit geraten, der Run auf den Relaunch ist ungebrochen.
Nachdem er vor zwei Jahren von Vesper betrogen wurde, kämpft 007 sehr zum Missfallen von Chefin M (Judi Dench) gegen das Verlangen, seine nächste Mission zu einer persönlichen Angelegenheit zu machen. Dann trifft er Camille (Olga Kurylenko), eine Frau, die ihre eigene Vendetta führt - und ihn über Haiti, Österreich und Italien nach Südamerika, wo der Geschäftsmann Dominic Greene (Mathieu Amalric) versucht, die Kontrolle über eine der wichtigsten natürlichen Ressourcen zu gewinnen.
Regisseur Marc Forster macht mit der ersten 007-Fortsetzungsgeschichte da weiter, wo Martin Campbell bei "Casino Royale" aufgehört hat und verankert das aufs schmerzlichste modernisierte Franchise in der Realität. Im Stile der "Bourne"-Reihe als wildes Agenten-Action-Paket produziert, gibt's inmitten verstörend schnell geschnittener Verfolgungsjagden per Aston Martin, Boot, Flugzeug oder zu Fuß über 106 Minuten nahezu keinen ruhigen Moment.
Die eröffnende Gunbarrel-Sequenz fließt ans Ende; zuvor mimt Craig den skrupellosen Killer, der auch sonst keine Miene verzieht und ganz auf physische Präsenz setzt. Selbst das Bond-Girl muss sich diesmal mit einem vorsichtigen Küsschen begnügen. Bleibt alles anders.
Angus & Co. sind wie guter Single-Malt. Man weiß auch bei längerer Lagerung genau, wie's schmecken wird. Nach acht Jahren Reifezeit haben die Australier jetzt endlich das neue Album rausgemacht: AC/DC sind back mit "Black Ice" (Columbia/Sony BMG). Der "Rock 'n' Roll Train" ist schon seit geraumer Zeit auf Radio-Single-Spur und zieht auf Albumlänge weitere 14 Songs hinterher.
Malcolm Young wirft die raue Rhythmusgitarre an, Phil Rudd taktet die Schießbude - und der Opener ist in Fahrt. Dieses Gespann läuft auch rund, wenn die treibenden Riffs und Cliff Williams' Bassläufe den mit unterdrückt-hochlagiger Stimme ins Mic gepressten Vocals von Brian Johnson Platz machen müssen. Zum mehrstimmigen Refrain finden alles zusammen. Damit die Sache auch in Schwung bleibt, feuert Angus Young auf seiner Gibson SG noch ein paar sweete Licks nach.
Und fertig ist der knochentrockene, selbstbewusst reduzierte Groove, nach dessen schlichtem Bauprinzip unzählige gute und noch bessere AC/DC-Nummern (von denen es übrigens mehr gibt als die fetenweise totgenudelten "Thunderstruck", "TNT", "Hells Bells" und "Highway To Hell"!) so sicher arbeiten wie ein Schweizer Uhrwerk. Mit ihrem 15. Studioalbum - dem ersten, seit "Stiff Upper Lip" Anfang 2000 Platz eins der deutschen Album-Charts belegt hat - konservieren AC/DC diesen zeitlosen Sound. Und zumindest zahlenmäßig sind die unverwüstlichen Hardrock-Ikonen abermals ganz obenauf.
Denn in Sachen Drive und Geschmeidigkeit kommt kaum eine Nummer an dem allenfalls Midtempo aufnehmenden "Rock 'n' Roll Train" vorbei - trotz aller Verspieltheit ausgeklügeltster Arrangements wie dem die Platte beschließenden Titelsong, "Big Jack", "War Machine", "Wheels" oder das blues-wurzelige "Decibel", die öfter als gewohnt dem sturen Rifferunterspielen entfliehen. Und obwohl sich die Young-Brüder wie selten gegenläufige Melodielinien in die Saiten spielen, kann Schlagzeuger Rudd im Grunde den Tempomat einstellen: AC/DC zünden dieser Tage keine "Heatseeker".
Und als müssten sie es sich mantrahaft vor Augen halten, dass ihre Mucke immer noch nach Männerschweiß riecht, beinhalten neben der Single-Auskopplung gleich drei weitere die Essenz ihres 35-jährigen Schaffens: "Rocking All The Way", "She Likes Rock 'n' Roll" und "Rock 'n' Roll Dream". Der bleibt nach dem Opener gleichfalls von einer Scheibe hängen, die weniger markant ist, als ihre Vorgänger "Ballbreaker" und "Stiff Upper Lip"; über allen anderen AC/DC-Alben liegt bereits der heilige Schein der Unantastbarkeit.
Aber sollte man statt zu stänkern nicht vielmehr fünf Duckwalks machen, dass diese alten Herren überhaupt nochmal Schiebermütze und Schulbubenuniform ins Studio getragen haben? We Salute You! Da müssen die Promille eben auch mal ohne Hochprozentiges zustande kommen.
Wie Metallicas Karriere wohl verlaufen wäre, wenn sie schon 1988 angekündigt hätten, dass das übersteuerte "And Justice For All" ihr letztes gutes Album für die nächsten 20 Jahre bleiben würde (sieht man mal von der Coverkiste "Garage Inc." ab)? Schwermetaler hatten jedenfalls ziemlich leichtes Spiel: Mit Besitzstandswahrung kam man zwei ganze Dekaden durch. Jetzt steht mit dem neunten Studioalbum "Death Magnetic" (Mercury/Universal) endlich wieder "Some Kind Of Monster" in den Läden.
Mit dem Thrash-Metal-Sound, der sie unter Produzent Flemming Rasmussen wachsen ließ, hatte schon das "Black Album" nichts mehr zu tun; zwangsläufig hat man sich dennoch angefreundet mit den Mainstream-Rock-Tracks "Enter Sandman", "Sad But True", "Nothing Else Matters" und "Wherever I May Roam" - ging ja auch nicht anders bei der medialen Präsenz. Das Material, was dann '96 in "Load" abgefeuert wurde, war dagegen schon ein einziger Rohrkrepierer; aber nein, man musste sich beim Nachladen gleich nochmal die volle Ladung ins andere Knie schießen.
Dass man mit dem Symphonie-Rock-Symbiosen-Album "S&M" nur den eigenen Anspruch bedienen würde, hätten sich James Hetfield, Lars Ulrich und Kirk Hammett gleich ausrechnen können. Noch so ein Kunststück! Und nach der schallgedämmten, dumpf-stampfenden Klangkatastrophe, die Hausproduzent Bob Rock dann 2003 auf dem schier solilosen "St. Anger" abgemischt hat, ließen sich Metallica endgültig nur noch auf der Bühne anhören. Kein eben glücklicher Einstand für Jason-Newsted-Nachfolger Robert Trujillo, der jetzt aber zeigen darf, dass er der wahre Ersatz für den '86 tödlich verunglückten Basser Cliff Burton ist.
Besinnung. Schon der gute alte, zackige Bandschriftzug auf dem Cover weckt Vorfreude auf gerechtere Zeiten; der einsetzende Herzschlag beim Opener "That Was Just Your Life" taktet synchron mit der eigenen Blutpumpe. Und es kündigt sich im Intro wie schon bei "Battery" oder "Blackened" Großes an. Nach anderthalb Minuten schlagen endlich schwere, schnelle Kettensägenriffs und Double-Bass-Attacken um sich, abgehackt-treibender Gesang und zügelloses Solospiel soll folgen. Und weiter geht's im selben Stile mit den druckvollen "The End Of The Line", "Broken, Beat & Scarred" und niemals unter sechseinhalb Minuten. Da bleibt auch Zeit, um die ohnehin schon ausschweifenden Songstrukturen immer mal wieder aufzusprengen.
"The Day That Never Comes" kommt zu Beginn schon wieder daher wie eine dieser öd-eingängigen, balladesken Metallica-Hardrock-Nummern - reißt sich dann aber von allem los, um in einer druckvollen Jamsession verloren zu gehen. Und jetzt kommt's! "All Nightmare Long", eine klassikerverdächtige, einzig durch die melodische Hookline aufgebrochene, aggressive Trümmernummer, die ebenso gut der Hidden-Track auf "Ride The Lightning" hätte sein können. Dagegen bleibt das sich anschließende "Cyanide" geradezu konturenlos.
Das einzig echte Bekenntnis an die unschöne Vergangenheit ist "The Unforgiven III", das mit Piano und Streichern den dünnen Faden von schwarzem Album und "Re-Load" aufgreift und sich einzig durch einen aufbäumenden Zwischenteil rechtfertigt. Dann hat Hetfield Sendepause: "Suicide & Redemption" schielt ins tiefste Damals und auf die Instrumentals "The Call Of Ktulu" und "Orion", prescht aber acht Minuten lang zielstrebig dran vorbei. Egal, der diesmal von Rick Rubin arrangierte Sound klingt wieder breitwandig, fett, vollmundig; Metallica tun das Übrige und kloppen mit "The Judas Kiss" und "My Apocalypse" 76 teils furiose Minuten voll. Das mag (noch) nicht so elektrisierend sein wie einst in den 80ern. Aber unerwartet anziehend.
Wenn das Drehbuch erst den Satz "Ich liebe dich" vorschreibt, hat der Film im Grunde schon verspielt. Show Me, Don't Tell Me! Und Auftritt "Wall-E". Beim fortan unter Disney-Dachverband im Haus der Maus produzierenden Pixar-Studio hat man Spielzeug, Fischen, Autos und Ratten das Sprechen beigebracht. Der letzte Erdbewohner allerdings ist der Trickschmiede erster Animationsheld, dem fast gänzlich die Worte fehlen.
Zu Anfang des Hightech-Zukunftsmärchens ist auch niemand mehr da, mit dem er sich unterhalten könnte (mal abgesehen von seinem Freund, der Kakerlake): Die Menschheit hat ihren zugemüllten Planeten verlassen, aber vergessen, den letzten Roboter auszuschalten. Und der rostige, vom vielen Schuften gezeichnete Wall-E (Waste Allocation Load Lifter Earth-Class) tut weiterhin, worauf er programmiert ist.
So reflektiert Regisseur Andrew Stanton - wie es sich für guten Science Fiction gehört - nach dem obligatorischen Vorfilm ("Presto", der ein widerspenstiges Showkaninchen in den Lichtkegel stellt) über 98 Minuten das Hier und Jetzt, während er seine beiden Blechgesellen nahezu ausschließlich unter Zuhilfenahme von Körpersprache und den Soundeffekten von Ben Burtt emotionalisiert, der ja schon R2-D2 in der "Star Wars"-Saga das Piepsen (und Darth Vader das Atmen) gelehrt hat. Was bei "Cars" nicht richtig zünden wollte, läuft auf einmal wie geschmiert.
Dabei ist "Wall-E" noch weniger Kinderfilm als Pixar-Vorgänger "Ratatouille", der zwischen den Zeilen eine kluge Parabel auf Toleranz, Loyalität, Läuterung, Risikobereitschaft und Durchhaltevermögen vorträgt. Was hier noch stimmig als echte Familienunterhaltung verpackt war, könnte die Kleinen jetzt aufgrund seines hohen Niveaus ebenso mitunter langweilen wie die Großen, die sich wiederum an plump vorgetragener Konsum- und Kulturkritik stören: Unmündige, technikhörige Menschen, die nur noch Soft und Fast in sich hineinstopfen, unfähig ihren Gehapparat zu benutzen, werden im Zielgruppenspagat derart naiv dargestellt, dass die Botschaft an Wirkung einbüßt.
Während die einen mit ordentlich Schauwert (und einem in Dreck versinkenden Putzroboter) bei Laune gehalten werden, der in Sachen detailverliebter, realitätsgetreuer Animation (die Menschen wirken dabei mit ihrer Comicartigkeit jedoch wie Fremdkörper) einmal mehr neue Maßstäbe setzt, dürfen sich die anderen an den zahlreichen Sci-Fi-Reminiszenzen erfreuen.
Allen voran zitiert Stanton Stanley Kubricks "2001 - Odyssee im Weltraum"; von der ersten halben, nahezu dialoglosen Stunde über die Hal-Verwandschaft auf der Kommandobrücke des Raumschiffs Axiom, der neuen Heimat der planetenlosen Menschen, bis hin zum Ertönen von Richard Strauss' "Also sprach Zarathustra". Und wenn die beiden schließlich Händen halten, festigt sich der Eindruck: Pixars in jeder Hinsicht erwachsenste Liebeserklärung ans Trickfilmgenre.
Bruchsal - Die Barockstadt ist um einen weiteren Goertzschen Blickfang reicher, der neu gestaltete Bruchsaler Friedrichsplatz samt Brunnenanlage "Faun und Nymphe" offiziell eingeweiht. Patrick Wurster sprach mit Jürgen Goertz - jenem Künstler, der so gerne Widersprüche in Aluminium, Bronze, Edelstahl und Blattgold plastisch werden lässt - über seinen ironischen Flirt mit der Kunstgeschichte.
Was steckt hinter Ihrem mythologischen Ansatz "Faun und Nymphe"? Jürgen Goertz: Die Provokation meiner Arbeit liegt im Zitat historisch abgestandener Motive. Faun und Nymphe sehe ich dabei etwas abstrakter: Für mich charakterisieren sie den ewigen Geschlechterkampf zwischen Mann und Frau.
Was finden Sie an Gegensätzen so anziehend? Goertz: Es ist der Kontrast, der mich reizt. In der Kunst ist es immer spannend, wenn man Ungleiches gegeneinander ausspielen kann.
Der Faun ist als Brunnenskulptur konzipiert, die Nymphe dagegen steht frei... Goertz: Bei mir kommt die Frau meist besser weg. Der Mann ist eher in der dienenden Rolle; funktionalisiert, instrumentalisiert.
Wie passt da ein Großherzog ins Gesamtkonzept des Platzes? Goertz: Friedrich I. von Baden und Luise sind zwei Vorzeigepersönlichkeiten. Und auch diese feudalen Figuren hole ich in die Gegenwart, präsentiere sie aber ganz anders, als man es damals getan hätte. Beim Medaillon auf der vorderen Giebelseite des Wartehäuschens, dem Faun-und-Nymphen-Reigen, habe ich dagegen ein stilistisches Zitat aus dem Spätbarock verwendet. Das sind augenzwinkernde Grüße Richtung Schloss. Und die "Vier Jahreszeiten" ziehen sich durch die gesamte Kunstgeschichte. Auch hier ist es wichtig, dass man sie immer wieder anders definiert. Aber: Bei der Deutung von Kunst im öffentlichen Raum kann es keinen Konsens geben - sie muss Geselligkeit, muss Kommunikation auslösen. Es gefällt mir, wenn in meine Werke hineininterpretiert wird, wenn verschiedene Vermutung auftauchen. Der Bürger hat diese Freiheit, das ist seine kreative Leistung. Und sofern die Kunst solche Voraussetzungen schafft, ist das schlussendlich auch ein Teil von ihr.
Warum ist die Kopfgestalt von Großherzog Friedrich nun doch nicht wie geplant an der Fassade des Palais angebracht worden? Goertz: Das hat sich aufgrund der verwendeten Natursteinplatten als schwierig erwiesen. Die Stabilität wäre nicht gewährleistet. Also hat man beschlossen, ihn mit Abstand zum Haupteingang freizustellen.
Wie gehen Sie mit Kritik an Ihrem Werk um? Gerade das "Rolling Horse" vor dem Berliner Hauptbahnhof hat jüngst große Kontroversen ausgelöst. Goertz: Je weiter man nach oben kommt, desto windiger wird es. Natürlich sind nicht alle Künstlerkollegen erfreut, dass nun einer wie ich aus dem Südwesten nach Berlin kommt; und wenn ein einzelner dann eine Polemik losbricht, weiß er genau, dass er viele andere mit seinen Worten für den Moment zufriedenstellt. Andere Künstler, die darüber verärgert sind, dass nicht sie den Auftrag erhalten haben. Das verselbstsändigt sich und irgendwann spielt die Kunst als Streitobjekt keine Rolle mehr. Das Pferd ist heute jedenfalls eines der meistfotografierten Motive in Berlin.
Das "S-Printing Horse" in Heidelberg, der "Wagenlenker" am Mingolsheimer Marktplatz, das "Rastatter Rätsel", in Bruchsal der "Pegasus" im Technologiedorf, die "Ordensschwester" am Krankenhaus, in Karlsruhe der "Musengaul" vorm Badischen Staatstheater, das "Ku(h)riosum" zu Bietigheim-Bissingen oder doch das "Rolling Horse" - gibt es in Ihrem langjährigen Schaffen ein Lieblingskunstwerk? Goertz: Das lässt sich nicht ohne weiteres miteinander konfrontieren. Mein Werk wird man eines Tages in seiner ganzen Vielfalt beurteilen müssen. Eine einzelne Arbeit ist immer im Zusammenhang mir dem jeweiligen Standort zu sehen. Und dabei gibt es natürlich Standorte, die außergewöhnlich sind; etwa der Tiergärtnertorplatz in Nürnberg, der älteste mittelalterliche Platz. Dort steht ein von mir entworfener Hase nach Dürer. Ob ich diesen jetzt als mein grandiosestes Werk betrachte, sei dahingestellt. Aber der Platz ist ein sehr ehrenvoller.
Und der Bruchsaler Friedrichsplatz? Goertz: Es ist ein großes Kompliment für mich, in Bruchsal nicht mehr nur in der Peripherie vertreten zu sein. Man hat erkannt, dass ich als Künstler neobarockes Lebensgefühl verkörpere und durch meinen ironischen Flirt mit der Kunstgeschichte ist ein Stück Urbanität in die Innenstadt geflossen.
Es muss nicht immer Hitler sein, wenn sich das Kino deutscher Geschichte besinnt. Schon 1985 schrieb Ex-"Spiegel"-Chefredakteur Stefan Aust am Drehbuch der Gerichtsprozesse von "Stammheim" mit, Heinrich Breloer griff sich für sein Doku-Drama "Todesspiel" die Landshut-Entführung heraus, Volker Schlöndorff spähte vor acht Jahren mit "Die Stille nach dem Schuss" ins RAF-Exil DDR und Christopher Roth vermischte 2001 Fakten und Fiktion um den Mythos "Baader". Produzent Bernd Eichinger und sein Regisseur Uli Edel dagegen haben sich mit der Adaption von Austs Standardwerk in Sachen RAF, "Der Baader-Meinhof-Komplex", erstmals an den ganzheitlichen Ansatz gewagt.
Die radikalisierten Kinder der Nazi-Generation, angeführt von Andreas Baader (Moritz Bleibtreu), seiner Partnerin und Pastorentochter Gudrun Ensslin (Johanna Wokalek), der links angesiedelten Journalistin Ulrike Meinhof (Martina Gedeck), Holger Meins (Stipe Erceg) und Jan-Carl Raspe (Niels Bruno Schmidt) kämpfen gegen das, was sie als das neue Manifest des Faschismus begreifen: die US-amerikanische Politik in Vietnam, im Nahen Osten und der Dritten Welt, die von führenden Köpfen der deutschen Politik, Justiz und Industrie unterstützt wird. Die Rote Armee Fraktion erklärt der Bundesrepublik Deutschland den Krieg. Und eine junge Demokratie wird über zehn Jahre hinweg in ihren Grundfesten erschüttert.
Dass es kein Drittes Reich wie in Eichingers Kammerstück "Der Untergang" mehr braucht, um in Übersee Heil zu empfangen, hat der "Oscar"-Gewinner "Das Leben der Anderen" gezeigt. Aber eine Nominierung für diese Trophäe muss ja noch nichts heißen. Und sollte "Der Baader Meinhof Komplex" tatsächlich eine Chance haben, würde dies voraussetzen, dass sich die Ladies und Gentlemen der Academy aus Hollywood gründlich in die deutsche Nachkriegsgeschichte eingelesen haben: Angefangen bei den Studentenunruhen mit den Prügelpersern beim Staatsbesuch des Schahs, als der Zivilbeamte Karl-Heinz Kurras in der Krummen Straße einen Todesschuss auf den Hinterkopf des Studenten Benno Ohnesorg (Martin Glade) abfeuert und eskalierend beim Attentat auf den Wortführer der westdeutschen Studentenbewegung, Rudi Dutschke (Sebastian Blomberg).
Und weiter mit den Frankfurter Kaufhausbränden, der Baader-Befreiung, der militärischen Ausbildung in Jordanien, den ersten Banküberfällen und Bombenanschlägen auf US-Militär, hetzenden Axel-Springer-Verlag und andere bundesdeutsche Einrichtungen, der als "Isolationsfolter" gebrandmarkten Inhaftierung von Baader, Meinhof und Co. im Hochsicherheitstrakt der JVA Stuttgart-Stammheim und den blutigen Freipressungsversuchen der zweiten Generation um Brigitte Mohnhaupt (Nadja Uhl) mit der Geiselnahme von Stockholm, Landshut- und Schleyer-Entführung, der Erschießung von Generalbundesanwalt Siegfried Buback und Dresdner-Bank-Vorstandssprecher Jürgen Ponto, endend mit der Todesnacht von Stammheim und Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten. Und dies sind nur wesentliche Stationen, die der Film seinem Konzept nach in 150 Minuten abarbeiten muss.
Nur noch illustrierte Schlagzeile
Aber eine journalistische Chronik des Terrors, wie sie Austs Werk darstellt, von 1967 bis zum "Deutschen Herbst" '77 - das ist selbst für diese Laufzeit zu viel. Stellenweise reicht es nur zu illustrierten Schlagzeilen; und die werden dann mit entsprechenden (Original-)Aufnahmen und sich überlagernder Nachrichtensprecher abgehakt - wer nicht vornweg im Bilde ist, steigt bleibt außen vor. Fatal für einen Film, der es sich (auch) zum Ziel setzt, eine vielfach in Unkenntnis lebende Jugend fürs Thema zu sensibilisieren.
Der Gefahr, dies über ein Action-Gewitter zu verkaufen, sind Eichinger und Edel indes nicht erlegen. Knalleffekt gibt's allenfalls, wenn man Gewalt als solche bezeichnen möchte: Eine hochgehende Autobombe, abgetrennte Gliedmaße oder 119 Kugeln in den Körpern von Schleyers Begleitmannschaft sind im Film das, was sie damals waren. Wie aber kam es überhaupt so weit, dass eine Truppe Weltverbesserer derart übers Ziel hinausgeschossen und in blutigem Terrorismus geendet ist?
Für Polittheorie und Psychologie, großartige Erklärungen, geschweige denn ein Nacherleben bleibt keine Zeit. Und hier macht sich das versammelte Star-Ensemble negativ bemerkbar: Abgesehen von unfreiwilliger Stadtguerilla-Sympathie ob der Schönheiten Susanne Bormann oder Alexandra Maria Lara, besteht die große Gefahr darin, dass die Handlung nicht mehr im Zentrum des Interesses steht; etwa, wenn einer wie Tom Schilling nur dazu dient, als Dutschke-Attentäter Josef Bachmann abzudrücken, um dann wieder aus dem Plot zu verschwinden.
"Hört auf sie so zu sehen, wie sie nicht waren!"
Abgesehen von den bekannten Köpfen bleibt Eichingers Produktion wie schon die Vorlage neutral. Da ein Mitgefühl den Opfern gegenüber schon deshalb unmöglich ist, weil sie auf Charaktermasken reduziert bleiben, verbuchen die Gegner (zumindest ihre maßgeblichen, der Rest an Tätern geht gleichfalls unter) des "Schweinesystems" allerdings leichte Pluspunkte in einer ansonsten durchweg gewissenhaften Aufarbeitung, die sich nicht wie andere Produktionen dem Vorwurf aussetzen lassen muss, ihren Protagonisten linkerseits mit einer gewissen Zuneigung zu begegnen: "Ihr habt sie nicht gekannt. Hört endlich auf sie so zu sehen, wie sie nicht waren!", gibt das Drehbuch nicht nur Mohnhaupts Mahnung an die zweite Generation vor, die ebenso die letzten Sprengel Pro-RAF-Stimmung in der Bevölkerung zum Kippen gebracht wie auch die Linke im Lande endgültig gespalten hat. Beides wird im Film nicht deutlich.
Das Abbild ist aber vielfach äußerst stimmig, nimmt man die millionenfach reproduzierten Aufnahmen aus der damaligen Zeit zum Maßstab, etwa der erschossene Ohnesorg (selbst das Käferkennzeichen stimmt überein), Dutschkes Rede oder die Festnahme des blondierten Baader. Auch wenn sich die Todesnacht von Stammheim keinen Spekulationen um die von vielen bis heute in Frage gestellte Selbsttötung hingibt, leistet man sich zum Schluss eine künstlerische Freiheit: Andreas Baader war jedenfalls sicher nicht das gute Gewissen der RAF. Ansonsten spielt Bleibtreu aber den rabaukenhaften Draufgänger nach, als der er überliefert ist.
Anonym Agierende - ein Ärgernis
Überhaupt trifft die Besetzung (wäre sie denn nur nicht zu prominent) ihre Vorbilder. Von Gedecks Meinhof bis hin zu Bruno Ganz als Leiter des Bundeskriminalamts und filmisches Sympathiezentrum Horst Herold. Und geradezu verblüffend ist die Ähnlichkeit zwischen einer fanatisch aufspielenden Johanna Wokalek als "heilige Selbstverwirklicherin" Gudrun Ensslin, die zeigt, dass sie auch die Kehrtwende der zerbrechlichen Leila aus Til Schweigers "Barfuss" (ka-news berichtete) im Repertoire hat. Das Schwäbeln hat man ihr ebenso wie dem Richtenden abgewöhnt - gut so, die Authentizität wäre in bäuerliche Lächerlichkeit gekippt.
Anonymität ist dagegen ein Ärgernis, das sich der bis dato teuerste deutsche Film durchweg leistet. Die Agierenden - zumal jene, die ungeachtet ihrer bis zum heutigen Tag bedeutenden Rollen nur Randfiguren bleiben müssen - werden dem Publikum oft überhaupt nicht vorstellig. Dabei ließe sich das ohne weiteres im Dialog bewerkstelligen.
Wer sich mit der RAF-Geschichte zumindest oberflächlich beschäftigt hat, weiß natürlich, dass dies wohl Stefan Aust gewesen sein muss, der da eben Ulrike Meinhofs Kinder eingesammelt hat; Christian Klar gerade die Schüsse auf Ponto abgibt, während Peter-Jürgen Boock vor dem Haus den Fluchtwagen startet. Aber war das nun der Otto Schily neben dem hungerstreikenden Holger Meins?
Ungeklärt bleibt neben solchen Details die grundsätzliche Frage, ob und wie man diese wichtige Geschichtslektion in ihrer Gesamtheit hätte anders aufbereiten können. Das wäre wohl nur als Mehrteiler machbar gewesen - und die gehören nunmal ins Fernsehen (eine langsamer erzählte TV-Fassung soll es noch geben) und nicht auf die Leinwand. Denn dort bleibt Austs Kompendium ein Kompromiss: Gelungen bebildertes Expertenwissen, das für Laien zu komplex bleibt, um daraus nachhaltige Lehren zu ziehen.
Ohne einen einzigen Kuss hat er das Genre der Romantischen Komödie abgeschritten. "Barfuss" - ein Film, ein Titeltrack: "Absolutely Entertaining"! Mit dem verkappten Nachfolger ist Til Schweiger auch finanziell ganz vorn dabei: "Keinohrhasen" (Warner Home Video) befindet sich unter den Top Ten der erfolgreichsten deutschen Filme seit der offiziellen Zuschauerzählung 1968. Dabei macht der Regisseur, Produzent und Hauptdarsteller eigentlich fast nichts anders als drei Jahre zuvor; nämlich die Geschichte von verkanntem Mäuschen und liebesgeläutertem Arsch erzählen.
Unter abermals tollem Titel (jetzt auch in Sachen Vermarktung samt Titeltier ein Geniestreich!) gibt Schweiger den schwerenötenden Sudelblattschreiberling Ludo Decker, der mit seinem Paparazzo Moritz (Matthias Schweighöfer) Stars und Schürzen jagt. Als er halbnackt in der Hochzeitstorte von Yvonne Catterfeld und Wladimir Klitschko landet (wobei Schweiger zu Fraus Freude geradezu penetrant seinen makellosen Hintern zu Schau stellt), bekommt Ludo 300 Sozialstunden in einem Kinderhort zur Bewährung aufgebrummt. Und hier arbeitet Anna "Vierauge" Gotzlowski (Nora Tschirner), die er zu Kindertagen bis aufs Blut gepiesackt hat...
Aus dieser heiklen Gegenüberstellung zielt Schweiger abermals von hinten ins Herz, verwässert 115 schön-komische (und etwas gefühllosere) Minuten aber mit vollkommen stupiden Slapstick-Einlagen. Und gemeint ist hier gar nicht mal der Humor im Stile Männerkategorisierung in "die, die's dir gar nicht machen, die Wühler und die Pieker". Die Doppeldeutigkeiten haben durchweg Pass - aber was Wunder, dass die FSK bei derlei Gesprächsthemen von sechs auf zwölf nachgebessert wurde.
Tschirner passt dabei prima zur Rolle; sie kann auch genau deshalb gar nicht an die Vorstellung ihrer Vorgängerin Johanna Wokalek rankommen. Und Til Schweiger? Der spielt sowieso mit Vorliebe sich selbst. Vielleicht kann er als Darsteller auch nichts anderes. Was er aber definitiv vermag, ist Kino inszenieren, mit Blick fürs Bild und dem Ohr für die musikalische Untermalung. Das wird verdammt schwer für den in Vorbereitung befindlichen Teil zwei, der im Dezember 2009 anlaufen soll.
Die Credits ganz ambitioniert auf englisch verfasst, hat sich der Macher den akustischen Höhepunkt diesmal fürs Finale aufgespart: "Mr. Brightside" von den Killers im elektrolastigen "Jacques Lu Cont's Thin White Duke Remix". Zuvor gibt's noch Bloc Partys "I Still Remember", den "Sad Song" von Au Revoir Simone und einen "Zauberlehrling" im dramatischen Rockformat von den Jungen Dichtern und Denkern, die auch im Film ihren großen Musical-Auftritt haben.
Dazu optisch wieder leicht angebräunt und bis ins Kleinste ausgezeichnet besetzt. Genial: Rick Kavanian als stieriger "Das Blatt"-Chefredakteur, Armin Rohde als koksender Uiuiuiuiuiuiuiuiuiuiui"-Kinderunterhalter Bello aus dem Zi-Za-Zauberwald und Schweiger-Tochter Emma Tiger neben ihren drei Geschwistern als ochsenknechtige Cheyenne-Blue. Auch im Aufgebot sind Barbara Rudnik, Christian Tramitz, Jürgen Vogel in der Totlachereröffnungssequenz und Wolfgang Stumph als wohl brummeligster aller Taxifahrer. Und wer so dasteht, darf doch gut und gerne auch mal auf der Stelle treten.
Während wir uns immer noch mit "Superstars" und "Topmodels" herumschlagen müssen, war Amerika wiedermal einen Schritt weiter: Gesucht wurde via TV-Show ein Drehbuch samt Regisseur, dessen Film dann tatsächlich produziert wird. Und hinter dem Format standen große Namen: Matt Damon, Ben Affleck, Wes Craven und Chris Moore. Zwar gab's von "Project Greenlight" nur drei Staffeln, doch die letzte aus dem Jahr 2005 beschert uns jetzt den spritzigen Creature-Splatter-Spaß "Feast" (Senator Home Entertainment/Universum Film).
Und weil das Geld für den siegreichen Regisseur John Gulager und seine Schreiber Marcus Dunstan und Patrick Melton knapp bemessen war, beschränkt sich das gesamte Geschehen konsequenterweise auf eine speckige Spielunke irgendwo in der texanischen Wüste. Ein illustres Grüppchen von Bräuten und Verlierern (darunter Stiernacken-Rocklegende Henry Rollins und Jason Mewes) tummelt sich hier an einem verdammt normalen Abend, der sich als verdammt letzter Abend für manchen Barbesucher entpuppt, als plötzlich die Tür auffliegt und der vermeintliche Held mit dem abgetrennten Monsterkopf in der Hand als der Typ vorstellig wird, "der euch den Arsch retten wird."
Von diesem Moment an beginnt eine 80-minütige Tour de Blood; es regnet Körpersäfte literweise. In seinen Grundzügen erinnert das stark an "From Dusk Till Dawn" und auch sonst spielt Gulager gerne mit gorigen Genreklischees, die er gnadenlos überspitzt und ironisch zu brechen versteht. Die meisten der hauchdünnen Charaktere gehen bereits bei der ersten Attacke drauf, so dass wir nicht viel mehr von ihnen erfahren, als auf dem kurzen Steckbriefe stand, mit denen jeder einzelne im Schnellverfahren eingeführt wurde. Wo das Low Budget zu sehen sein könnte, helfen schnelle Schnitte und ein Skid-Row-Song. Das ist zwar alles ein bisschen gewollt cool - aber so sind nunmal die Casting-Show-Gesetze.
Was reden wir uns eigentlich den ganzen Tag zusammen, wenn wir so reden, wie wir reden? Das hat sich Christoph Gutknecht, Professor der Linguistik an der Universität Hamburg, gefragt und in seinem Buch "Von Treppenwitz bis Sauregurkenzeit - Die verrücktesten Wörter im Deutschen" (C.H. Beck Verlag) allerlei interessante Antworten zusammengetragen.
Wir verhonepipeln und verhunzen bis hin zum Treppenwitz; ein anderer verbittet es sich, einen Türken gebaut zu bekommen; die oberen Zehntausend feiern bis in die Puppen, während für die da unten Sauregurkenzeit angesagt ist - also höchste Eisenbahn fürs Ei des Columbus. Es gibt im Deutschen manches, das man nur schwer etymologisch herleiten kann. Die Worte haben im Laufe der Geschichte ihre Bedeutung verändert, so dass man ohne Kenntnis der Kulturgeschichte keine Ahnung hat, wovon da eigentlich die Rede ist: "Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts" mehr.
Gutknecht geht diesem Wandel der Sprache nach, reitet dabei aber nicht die populäre Welle der Spracherzieher Bastian Sick oder Wolf Schneider. Er zielt auf das Hintergründige von Wörtern wie Phrasen; darauf, dass sie in ihrem historischen Verlauf semantisch "ver-rückt" sind - und zuweilen auch nicht mehr verwendet werden sollten: sei es der durchs NS-Regime geprägte Ausdruck Journaille, mit dem sich manch Nachrichtenmensch in seiner Redaktionsstube bis heute unwissentlich einer journalistischen Canaille zuschreibt; oder den Ausdruck Kümmeltürke, der ursprünglich mal einen Studenten aus Halle bezeichnet hat.
Seinen mitunter etwas wissenschaftlich-staubigen Streifzug durch die Sprachgeschichte belegt Gutknecht mit Abbildungen quer durch die Jahrhunderte und Beispielen aus der Tages- wie Wochenpresse, zitiert auf den 236 Seiten aber auch vielfach Lexika, Wörterbücher, Schnitzler, Goethe, Kraus und Lessing. Und während sich die (auch deshalb etwas versprengten) Ergebnisse präsentieren, gelingt es dem Redensarten-Rechercheur doch noch, seinem Leser ein Sick'sches Schmunzeln zu entlocken: "Ein bisschen Spaß" muss schließlich sein! Auch wenn die deutsche Sprache "ein Stück weit" mehr ist als höherer Blödsinn.