14. Januar 2010

Inglourious Basterds

Manch Kritiker hatte das Regiegenie im unfertigen "Death Proof" schon vor die Wand fahren sehen; einer der größten Filmemacher seiner Zeit ausgeblutet in blinder Zitierwut und Gewaltorgien. Und was macht Quentin Tarantino? Zieht mit den "Inglourious Basterds" (Universal Pictures), der erklärten Anti-"Walküre", einer jüdischen Rachefantasie, in den Zweiten Weltkrieg und vollführt einen dialoggewaltigen Befreiungsschlag, bei dem die Nazis nicht nur popkulturell ausgeschlachtet werden.

Tarantinos siebter Kinofilm ist ein viersprachiger Bastard fern jeden Reinheitsgebots: ein Spaghetti-Western-Revenge-Kriegs-Movie. Und der 20-minütige Dialog straft gleich zu Beginn des ersten Kapitels alle Schwarzmaler Lügen. Mit Ennio-Morricone-Musik und der auf "Spiel mir das Lied vom Tod" zielenden Zeile "Once Upon A Time in Nazi-Occupied France" lässt Tarantino am Horizont hinterm strahlend weißen Laken das braune Unheil heranfahren. Auftritt Christoph Waltz.

"Es war einmal im Nazi-besetzten Frankreich"

Der Österreicher ist als Spezialist für verschlagene Charaktere bekannt; aber die Rolle des Judenjägers Hans Landa wird er in den kommenden 154 Minuten mit derart diabolischem Genuss schauspielern, dass es ihm zur Parade gereicht. Es ist diese lauernde Brutalität, die schlagartig aufzieht, sobald Waltz die Bildfläche betritt. Er bekommt von allen Darstellern nicht nur die meiste Leinwandzeit, sondern obendrein den Darstellerpreis der 62. Filmfestspiele von Cannes, einen "Golden Globe" als "Bester Nebendarsteller" und den deutschen Medienpreis "Bambi" in der Kategorie "Film International". Der "Oscar" muss folgen.

Es war also einmal im Nazi-besetzten Frankreich... Während Landa den französischen Bauern LaPadite (Denis Menochet) verhört, der im Verdacht steht, Staatsfeinde zu verstecken, gibt sich der weltmännische SS-Mann freundlich-jovial; doch bald ist klar, dass er es mit hinterhältiger Berechnung geradezu genießt, sein Vorwissen auszuspielen und nur auf den rechten Moment wartet, um die leidige Maskerade fallen zu lassen und sein wahres grausames Gesicht zu zeigen.

Und das tut er auch, lässt Maschinengewehrsalven durch die Dielen feuern, auf dass das vermeintlich sichere Versteck für die jüdische Familie darunter zur Todesfalle wird. Eine der Dreyfusens kann dem Detektiv entkommen: Shosanna (Mélanie Laurent). Aber er wird sie wiedersehen - als Femme Fatale, die sich ihm und den seinen zum feurigen Finale im flammenroten Kleid als rachsüchtiger Engel offenbart.

Doch vorher lernen wir in Kapitel zwei die titelgebenden Basterds kennen, "Einen Haufen verwegener Hunde", die sich Tarantino aus Enzo Castellaris etwas anderes buchstabiertem 78er B-Movie "Inglorious Bastards" ("Quel Maledetto Treno Blindato") mit Raimund Harmstorf, Bo Svenson und Fred Williamson entliehen hat (und weil das, was er macht keine Remakes, sondern Hommagen sind, spendiert er dem Italiener im letzten Kapitel einen kurzen Auftritt). Die Spezialeinheit jüdisch-amerikanischer Soldaten steht unter dem Befehl von Lt. Aldo Raine und Brad Pitt muss für seinen Part des überbissigen Südstaatlers noch heftiger grimassieren als in "Burn After Reading".

Kunst der Konversation statt exemplarischer Gewaltdarstellung

Zusammen mit seiner Truppe um den gefürchteten "Bärenjuden" (Eli Roth) - einem Berserker, der Nazis mit dem Baseballschläger zu Brei klumpt - und die beiden Überläufer Hugo Stiglitz (Til Schweiger) und Wilhelm Wicki (Gedeon Burkhard) ist er auf der Jagd nach Naziskalps. Und ihrem Häuptling. Diese Chance kommt, als Hitler (Martin Wuttke, der seit seinem "Arturo Ui" am Berliner Ensemble weiß, wie man eine prächtige Führer-Parodie abliefert), Goebbels (Sylvester Groth) und der Rest des bis zur Karikatur verzerrten Oberkommandos an der Kinopremiere eines Propagandastreifens teilnehmen, in dem der "Stolz der Nation" Fredrick Zoller (Daniel Brühl) nachstellt, wie er zum Wehrmachtshelden wurde. Was die Basterds auf ihrer "Operation Kino" nicht wissen: Das Lichtspieltheater gehört Emmanuelle Mimieux aka Shosanna Dreyfus und nach deren Willen soll die Vorstellung für die Mörder ihrer Familie zum Fanal werden.

Das Geschehen baut Tarantino auf wie ein klassisches Drama; er verteilt es auf fünf Kapitel. Trotz seiner langen Laufzeit bietet er darin im Grunde nichts weiter als fünf Szenen. Und jede einzelne ist ob ihrer Dialoge und der Darsteller ein für sich stehendes Kabinettstückchen, das man spielend auch auf die Bühne stellen könnte. Sein eindringlichstes Stilmittel ist dabei aber eben nicht die exemplarische Gewaltdarstellung; auch wenn er das Skalpieren und Schnitzen von Hakenkreuzen (die übrigens vorsichtshalber aus allen Werbemitteln und Covern entfernt wurden) in Soldatengestirne ebenso wie den Tyrannenmord, als Maschinengewehrsalven Hitlers Antlitz bis zur Unkenntlichkeit zerfetzen, durchaus drastisch ins Bild nimmt. Auch die sich sonst so in den Vordergrund spielende Musik setzt er diesmal auffallend zurückhaltend ein.

Geschichtsrevision im Kino durch das Kino

Im Mittelpunkt steht der messerscharfe Dialog. Der war freilich auch in Tarantinos früheren Werken immer von starkem Reiz, aber mit den "Basterds" bringt er diese Kunst der Konversation zur Vollendung. Seine dialogische Detailbesessenheit gipfelt schließlich im peniblen Sezieren eines Stückchens Apfelstrudel; und sogar mit solch einer süßen Banalität baut er Spannung auf in einem Umfeld, wo jedes falsche Wort das Leben kosten kann. In Englisch, Deutsch, Französisch und Italienisch parliert der Film.

Deshalb verbietet es sich eigentlich "Inglourious Basterds" in seiner synchronisierten, alles verwischenden Einheitsversion zu schauen. Es wird auch so genügend Deutsch geredet: Gleich 45 Schauspieler aus Germany hat Tarantino engagiert, darunter August Diehl als verschlagenen Sturmbannfüher und Diane Krüger als Filmdiva Bridget von Hammersmark, Ken Duken, Volker "Zack" Michalowski, Christian Berkel oder Ludger Pistor. Und Ärzte-Trommler Bela B. ist in einem Cameo-Auftritt als Platzanweiser in Shosannas Kino zu sehen.

"Sieht so aus, als hätte ich eben mein Meisterwerk vollbracht"

Es ist überhaupt eine sehr cinephile Welt, in der die Regisseure Georg Wilhelm Pabst und Leni Riefenstahl ebenso würdige Erwähnung finden wie das Bergfilmdrama "Die weiße Hölle vom Piz Palü", an dem sie beide beteiligt waren. Dazu kommen scheinbar beiläufig eingeworfene Referenzen ans Filmschaffen im Dritten Reich, Truffauts "Letzte Metro", die "Winnetou"-Reihe und Edgar-Wallace-Krimis. Ob Tarantino mit dem Mexican-Standoff den Italo-Western würdigt oder sich selbst, ist inzwischen allerdings nicht mehr so ganz eindeutig festzustellen.

Und nachdem der letzte Nazi mit Hakenkreuz-Stirnschnitzerei gebrandmarkt ist, dürfte der Regisseur hinter seiner Linse die Lippen mitbewegt haben, während er Brad Pitt die vielsagenden Worte sprechen lässt: "Sieht so aus, als hätte ich eben mein Meisterwerk vollbracht."



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Maria, ihm schmeckt's nicht!

Sein Erstling gilt gleich als das erfolgreichste deutsche Romandebüt der vergangenen 20 Jahre. Als "Maria, ihm schmeckt's nicht!" 2003 erschienen ist, hatte der Journalist Jan Weiler längst als Chefredakteur beim "Süddeutsche Zeitung Magazin" Karriere gemacht, der eine zweite als Romancier und vergnüglicher Vorleser gefolgt ist.

1,7 Millionen Exemplare der zu Papier gebrachten Selbsterfahrung mit der seltsamen süditalienischen Sippschaft seiner Frau wurden seither verkauft; die Verfilmung von Neele Leana Vollmar über teutonische Gründlichkeiten in Bella Italia verbindet nun die feuilletonistischen Anekdoten mit einem dramaturgischen Faden und bündelt die sich über mehrere Jahre erstreckenden Reisen hinreißend zu einer einzigen.

Konfrontiert mit einer Überdosis südländischem Temperament, allerlei allergischen Reaktionen verursachenden Schalentieren, einer Sprache, die kein Wort für "satt" kennt, weichen Betten und harter Bürokratie stellt sich Jan (Christian Ulmen) kurz vor dem Si-Wort die Frage, ob die Deutsch-Italienerin Sara (Mina Tander), ihr Vater Antonio (Lino Banfi), dessen Tedesca Ursula (Maren Kroymann) und Campobello wirklich die Richtigen für ihn sind.

Weiler schrieb für die Filmfassung von "Maria, ihm schmeckt's nicht!" (Constantin Film) selbst am Drehbuch mit und nur so ist wohl zu erklären, dass diese leicht überdrehte Culture-Clash-Sommerkomödie den lakonischen Humor der Romanvorlage zu treffen vermag.

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21. Dezember 2009

Horst Schlämmer - Isch kandidiere!

18 Prozent hatten es laut Forsa-Umfrage für denkbar gehalten, bei der Bundestagswahl 2009 für Ocker zu votieren. Und tatsächlich wurden mancherorts Stimmen für Hape Kerkelings Kunstfigur gezählt, der mit seiner Horst Schlämmer Partei, kurz HSP, und dem Slogan "Yes Weekend" in "Isch kandidiere!" (Constantin Film) antritt, um Kanzler zu werden.

Gestellte und vorgeblich improvisierte Szenen mischen sich, wenn der grunzende Herrenhandtaschenträger im doornkaatumwehten Trenchcoat seinen Posten als stellvertretender "Grevenbroicher Tagblatt"-Chefredakteur verwaisen lässt und sich bei NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers erkundigt, wie man überhaupt eine Partei gründet, Rapper Bushido ("Ist der Japaner?") um musikalischen Support bittet und mit dem Grünen-Bundesvorsitzenden Cem Özdemir schon mal die Chancen einer "Fango-Koalition" auslotet.

Angela Merkel, Ronald Pofalla und Ulla Schmidt verkörpert Kerkeling lieber gleich selbst, die Praktikantenstelle an seiner Seite bekommt Simon Gosejohann. Doch "Kein Pardon" kennt die "Hasenpower für Deutschland" nur in Bezug auf die Rolle des Glückshasen aus dem gleichnamigen Kinofilm von 1992, der diesmal als Wahlmaskottchen mitwinken darf. Um wie Sacha Baron Cohen mit "Borat" und "Brüno" zu punkten, ist Kerkelings Charakter längst viel zu bekannt.

Ein bisschen mehr Inhalt als das magere Wahlprogramm hätt's dann schon sein dürfen, aber Schlämmer-Anhänger amüsieren sich auch über die lose aneinander geklemmten Momente. Und bei einem weisse Bescheid: Das echte TV-Duell zwischen Kanzlerin und Kandidat hatte weniger Unterhaltungswert.





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27. November 2009

Anajo und das Poporchester

Hallo, wer kennt hier eigentlich Anajo immer noch nicht? Zum zehnjährigen Bandbestehen stockt das 2004 gleich als neue Tocotronic gefeierte und "Bundesvision Song Contest"-erprobte Indie-Trio aus Augsburg vorübergehend um 26 Köpfe auf: "Anajo und das Poporchester" (Tapete Records/Indigo) heißt das selbstgemachte Unplugged-Geburtstagsgeschenk. Und die Monika steht beinah ohne Tanzband da.

Mit den Studenten der Uni Augsburg waren die Bud-Spencer-Aficionados Oliver Gottwald (Gesang und Gitarre), Michael Schmidt (Bass und Keyboard) und Ingolf Nössner (Schlagzeug) ja bereits auf Tour zu hören und jetzt gibt's ein mit dem Poporchester im Studio eingespieltes "Best Of" samt zweier Nummern, die bisher nicht auf Platte zu haben waren: "Jungs weinen nicht", das eingedeutschte Cover des Cure-Hits "Boys Don't Cry", dürfte Anajo-Konzertgängern schon von der Bühne entgegengeträllert sein, weniger verbreitet ist das hier bläserbetriebene "Landei" von einem ihrer ganz frühen Demos.

Bei dieser Masse an Mitspielern muss der wunderbare Indie-Gitarrenpop mit seinen dezent verspielten Elektronikelementen Klangraum freimachen. Doch wie Sie hören, hören Sie nichts; jedenfalls nicht den vermutet pompösen Orchestersound. Denn die Maxime lautet Minimalismus.

Hier ein Streicher, eine Violine, dort ein Posaunenvorstoß, ein Flötenlaut und dann traut sich doch noch eine Trompete, die Welt zu retten. "Monika Tanzband" bietet wie der Szene-Hit "Ich hol Dich hier raus", die Hommage an Privatschnüffler Josef Matula samt "Ein Fall für zwei"-Titelthema, "Vorhang auf" und "Lass uns sein, was wir sind" in Orchesterform viel Vakuum. Und was ist, wird nur ganz dezent variiert.

Zumindest mitunter mehr Mut zu Vollmundigem wie beim abschließenden "Honigmelone"-Instrumental hätte die Big-Band-Arrangements um einiges aufgewertet. Aber macht nichts, Anajos unbeschwerte Songs sind auch so ganz groß; das zeigt sich schon daran, dass sie auch in Downgrade-Fassung noch ziemlich steil gehen.

Und so macht die übrige Auswahl mit "Stadt der Frisuren", "Franzi + 2", "Lang lebe die Weile", "Mein lieber Herr Gesangsverein" und der um Klee-Sängerin Suzie Kerstgens entschlackte "BVSC"-Kandidat "Wenn Du nur wüsstest" vom zweiten Album "Hallo, wer kennt hier eigentlich wen?" (dessen Titeltrack leider ebenso fehlt wie der "Streuner") aus diesem retrospektiven Bühnenstück auf jeden Fall ein äußerst angenehmes Wiederhörn.



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12. November 2009

State Of Play

In deutschen Zeitungshäusern herrscht spätestens seit den 90ern die traurige Meinung vor, teure Recherchierarbeit könne eingespart werden. Wofür gibt es schließlich PR-Agenturen? Dagegen wird in England und den USA Öffentlichkeit traditionell vergleichsweise weniger häufig bereitgestellt, verstehen sich die Massenmedien noch als vierte Gewalt im Staate. Und unter diesen Bedingungen darf der großmäulige Enthüllungsjournalist des "Washington Globe", Cal McAffrey (Russell Crowe), seinen Pressedienst tun.

Als die Assistentin des aufstrebenden Politikers Stephen Collins (Ben Affleck) unter die U-Bahn und er in die Schlagzeilen gerät, weil sie obendrein seine Geliebte war, nimmt eine komplexe Geschichte ihren Lauf, die von Paul Abbotts BBC-Miniserie "Mord auf Seite eins" ausgehend auf 127 Minuten Kino heruntergebrochen werden musste.

McAffrey und Collins sind Studienfreunde, daher wird der Reporterveteran von seiner Chefredakteurin (Helen Mirren) auf die Affäre angesetzt - und bekommt ausgerechnet Frischling Della Frye (Rachel McAdams) aus der Online-Redaktion zur Seite gestellt. Aber das ungleiche Duo ist der wahren Story schon auf der Spur: die von Collins geleitete Kongressanhörung der Sicherheitsfirma Pointcorp.

Im ständigen Clash von Notizblockermittler Cal und der bloggenden Redaktionsstubenhockerin Della, seriöser Textarbeit und vermeintlichem Blabla, dem Spannungsfeld von Investigative Journalism und Verlegerinteressen schaut sich der zum Komplott ausweitende Kriminalfall wie eine gute Reportage: fesselnd bis zum Schluss! Der vom Dokumentarfilm kommende Kevin Macdonald legt dabei Wert auf Realismus, düstere Bilder, flotten Schnitt, treibenden Score und verpackt im Thriller einen cleveren Kommentar zum "Stand der Dinge" (Universal Pictures) in Sachen Politik, Wirtschaft und Medien.

Es ist aber vor allem auch eine Ode an die gute alte Zeitung, in der Qualität noch über Quote geht. Oder wie formuliert's die Nachwuchsreporterin: "Bei so einer großen Geschichte sollten die Leute schon Druckerschwärze an den Fingern haben, wenn sie's lesen." In Filmform tut's auch eine Tüte Chips.

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6. November 2009

Stromberg - Staffel 4

Es ist die Erfolgsgeschichte eines Misserfolgs. Und das in zweifacher Hinsicht. "Stromberg" ist Kult und vielfach ausgezeichnet, aber kein Quotenbringer. Allenfalls aus Imagegründen sagt Pro7 zur vierten Staffel: "Läuft!". Nicht ohne Grund gibt's parallel alle zehn Folgen als "Limited Edition" auf DVD (Brainpool Home Entertainment/Sony Music). Und der peinlichste aller Vorgesetzten ist plötzlich keiner mehr.

Als die Position des Gesamtleiters der Abteilung Schadensregulierung bei der Capitol Versicherung vakant wird, weil Vorstandsmitglied Wehmeyer (Simon Licht) aufsteigt und Amtsinhaber Becker (Lars Gärtner) nachfolgt, ist die Sache mit der Beförderung so gut wie geritzt - bis Bernd Stromberg (Christoph Maria Herbst) über die Küchenaffäre stolpert: Er schießt aus purem Übermut gegen seinen Intimfeind, den Kantinenchef (Prodromos Antoniadis). Doch der ist nah verwandt mit einer Capitol-Oberen...

So findet sich der einst vom Ressortleiter Schadensregulierung M bis Z zum Stellvertretenden Leiter Schadensregulierung aufgestiegene Antipathieträger im tiefsten Finsdorf, wieder, selbsterklärtes "Juwel der Heide". Und der Papa leitet fortan eine dörfliche Capitol-Filiale im abgewrackten, grauen Eckhaus mit den zwei leidlich motivierten Mitarbeitern Achim Dörfler (Kai Malina) und der polnischen Bürokraft Magdalena Prellwitz (Ramona Kunze-Libnow).

Und während sich Wusel Ulf (Oliver K. Wnuk) und Stromberg-Nachfolgerin Tanja Steinke geb. Seifert (Diana Staehly) das Ja-Wort geben und der mutterlose Berthold "Ernie" Heisterkamp (Bjarne I. Mädel) endgültig depressiv wird, versucht der rücklings im Gulag gelandete Käfer Bernd wieder auf die Beine zu kommen. Dank des vielversprechenden Büro-Blowjobs von Jennifer "Schirmchen" Schirrmann (Milena Dreißig) hat Stromberg aber guten Grund, sich trotz Strafversetzung weiterhin im Kölner Bürokomplex sehen zu lassen.

Stromberg erlebt seinen vorläufigen tragischen Höhepunkt

Was haben wir's vermisst, das prustig-herausgepresste Hustenlachen hinterm Kinderschänderbärtchen, Krawatte langziehen und andere Unarten, das goldene Armkettchen, die angebrochenen Sätze, die derb-genialen Sprüche ("Wie isses gelaufen? Wie ist Stalingrad gelaufen?") - unser aller Lurchi eben!

Vor heiklen Themen wie übelstem Mobbing hat sich die Serie ja noch nie gedrückt, aber so schlimm war es selten um die ans englische Vorbild "The Office" angelehnte Mockumentary mit ihrem augenscheinlichen Kamerakonzept "Professioneller Dilenttantismus" bestellt; Stromberg erlebt seinen vorläufigen tragischen Höhepunkt, sogar Selbstmord ist kein Tabu mehr. Autor Ralf Husmann ist diesmal weitaus bösartiger als bisher, überdreht den Realismus noch stärker ins Absurde. Aber allein die durch einen Blick, eine beiläufige Geste und die wohlgesetzte Pause entstehende Komik ist immer noch einmalig in der deutschen Fernsehlandschaft!

Was Lurchi auf dem Lande so schön mit "Inzesthausen" titulieren darf, ist in Staffellänge ein herrlicher Abgesang auf die piefige Provinz mit ihren Feuerwehrfesten und Schützenkönigen. Und die 310 Minuten enden auf eine Weise, die nahelegt, dass die Bürographie auch ohne Quote (und vielleicht im Kino?) in eine weitere Runde gehen könnte. Denn die Serienfigur Stromberg ist nicht nur bei der Capitol die "Werbe-Ikone" schlechthin.

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2. November 2009

RTL Samstag Nacht - Das Beste aus Staffel 4

Quasi über Samstagnacht brachten sieben Spaßmacher mit der Adaption des beinahe gleichnamigen amerikanischen Formats "Saturday Night Live" im Herbst 1993 die Comedy nach Deutschland. Und jetzt gibt's 1.260 weitere Minuten "RTL Samstag Nacht - Das Beste aus Staffel 4" (Turbine Medien/Alive) live on Disc.

Als am 21. September 1996 die vierte und vorletzte Staffel anläuft, ist die Reihe der Produzenten Hugo Egon Balder und Jacky Dreksler mit dem "Bayerischen Fernsehpreis", dem Löwen von Radio Luxemburg sowie einem "Bambi" ausgezeichnet und fester Bestandteil des Wochenendes; anarchisch, satirisch, rotzfrech oder einfach völlig balla balla präsentieren Esther Schweins, Mirco Nontschew, Olli Dittrich, Stefan Jürgens, Tanja Schumann, Wigald Boning und der damals seit einem Jahr an Bord befindliche Tommy Krappweis Sketche und Parodien, die inzwischen nichts weniger als Fernsehpopkultur sind.

Mit dem "Grimme-Preis" ausgezeichnet ist die Talkrunde "Zwei Stühle, eine Meinung", in der Boning mit einem "Halli hallo" Dieter Bohlen, Quasimodo, Mike Tyson, Boris Becker und andere Knallköpfe sowie die selbstkreierten Figuren Luden-Mike Hansen, das sprechende Schaf Billy und die Verwandtschaft von Boxer Butsche, Bruder Bubi und Schwester Bibi Roni begrüßt, in deren Haut jeweils sein kongenialer Kollege Dittrich steckt.

"Pucki ist weg" und heiterer Spätselraß in der Bühnchenhude

In "Derrick" sehen wir Jürgens und Krappweis als Stephan und Harry auf Gaunerjagd; Schumann legt als "Schreinemakers ihre Schwester" selbst der echten Margarete zu Themen wie "Hilfe, ich bin Peter Bond" oder "Hilfe, wenn ich Pornos gucke, schubbeln meine Nippel" die mütterliche Hand aufs Knie; die Jungs von "Far Out", Nontschew alias Pain und Krappweis alias Splatter, gehen in die Extreme und versuchen sich im Bekiffing, Supermanning, Ikeaing, Russisch-Rouletting, Graffitiing, Suppenkaspering, Doktorspieling und Auf-den-Bus-Warting.

Mit den "Freitag Nacht News", moderiert von Henry Gründler und Ruth Moschner, konnte sich eine "Samstag Nacht"-Nummer nach dem Aus 1998 sogar in die Eigenständigkeit retten: Wenn der klöppelnde Ex-Anchrorman Hans Meiser die Nachrichten einläutet, ist klar, dass Jürgens und Schweins auch beim allwöchentlich umjubelten Vermelden des Ablebens eines gewissen Karl Ranseier das letzte Wort haben. Und dann gibt's natürlich "Neues vom Spocht", wo sich diesmal vieles um Pucki, die sympathische Hartgummischeibe dreht. Der ist nämlich weg.

Ebenfalls in der sechs DVDs starken Box mit ihren 32 Folgen aus dem festen Bouquet an Sketchen: "Die kleine politische Ecke" mit Herrn Schall und Herrn Rauch, die Nonsense-Interviews aus "Wigalds Welt", "Wilhelms Woche", die Monologe von Ex-Bruder Gottfried ("Rufen Sie mich an - auch nachts!"), "Eine schrecklich karnevalistische Familie", "Für alle Fälle Schwester Esther", die "Hobbythek" mit Jean "Olli" Pütz, das zweizeilernde Orakel-Whip Ali Bengali und natürlich laufen die von spitzen Schreien begleiteten Aktionswochen bei "Kentucky schreit ficken": Zum heiteren Spätselraß in die Bühnchenhude lockt allerlei lecker Kreinschwam.

Selbst Möllemann schaut auf einen Sprung vorbei

Von den Musik-Acts konnte unter anderem Depeche Mode ("It's No Good") und den Fantastischen Vier ("Der Picknicker") rechtliche Unbedenklichkeit bescheinigt werden und natürlich mischen neben der Studioband RTL Samstag Nacht Allstars unter der Leitung von Martin Ernst, der auch das bekannte Saxophon-Intro komponiert hat, wieder jede Menge Promis mit: Til Schweiger versucht sich als Apothekentürsteher, Jochen Busse wird zum Zahnarzt, Iris Berben dreht krumme Dinger, Rüdiger Hoffmann bremst das Mobbing aus, Gaby Köster berichtet von dreibeinigen Wesen, Henry Maske trifft Butsche Roni, Markus Maria Profitlich erweist sich als Computerexperte und Rainhard Fendrich spielt "Schmerz-Blatt".

Dauergast und Oberarschloch Ingo Appelt hat's derweil von Zivildienst, Tierliebe, Fußball, Babyboom, seinem besten Freund Gregor Gysi und Suizid, Michael Winslow vertont das Tennismatch McEnroe vs. Chang und Jenny Elvers ist die Zigarette danach. Dazu gesellen sich Piet Klocke, Moritz Bleibtreu, Maren Kroymann, DJ Bobo, Dirk Bach, Iris Berben, Hape Kerkeling, Jochen Busse ("Da liegt kein Segen drauf"), Peter Shub, Ottfried Fischer, Walter Freiwald, Karl Dall und Mike Krüger. Dabei macht nicht nur das wehmütige Wiedersehen mit Klaus Wennemann bewusst, wie lange es her sein muss. Selbst der Möllemann schaut noch auf einen Sprung vorbei (und zieht ausnahmsweise Leine), dazu kommen jede Menge Michael-Jackson-Witze oder kurz gesagt: das Beste, was deutsche Comedy zu bieten hatte.

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25. Oktober 2009

Der Knochenmann

"Jetzt ist schon wieder was passiert." Na endlich, Oida! Wenn nämlich dieser einleitende Satz gesprochen wird, haben Autor Wolf Haas, Regisseur Wolfgang Murnberger und Schauspieler Josef Hader einen neuen Fall vom Brenner verfilmt. 2009 ist "Der Knochenmann" (Majestic Home Entertainment) dran, zweiter Roman der sieben Bände fassenden Reihe um den abgewrackt-liebenswerten Privatschnüffler.

Unwillig übernimmt der Brenner von seinem inzwischen autohandelnden Spezi Berti (Simon Schwarz) den mickrigen Auftrag, einen säumigen Zahler zur Begleichung seiner Leasingraten zu bewegen. Um den ominösen Herrn Horvath zu finden, macht er sich von Wien auf in die schneebedeckte österreichische Provinz zur Backhendlgaststätte Löschenkohl, wo ihm die Gitti (Birgit Minichmayr), Frau des untergebutterten Juniorchefs Pauli (Christoph Luser), alsbald schöne Augen macht. Und vor lauter Hineinschaun hätte der Brenner auf seinen weichen Freiersfüßen fast übersehen, dass der bullige Wirt (Josef Bierbichler) nicht nur abgenagte Hühnergebeine durch die Knochenmühle malmt. Dann geht das Rotlicht an.

Schon mit den ersten beiden Adaptionen "Komm, süßer Tod" und "Silentium" ist Ausnahmekabarettist Hader eins geworden mit dem herrlich lakonischen, schmähsprühenden Ex-Polizisten Simon Brenner, dieser Ausgeburt des absoluten Antihelden, der an der Seite des übrigen Skurrilitätenkabinetts begleitet von Slapstick, Situationskomik, Satire, Sarkasmus und umwerfenden Dialogen den morbiden Heimatthriller erneut ständig ins Groteske tunkt. Diesmal ist's ein wahrer Ösi-"Fargo", den das Erfolgstrio über 126 Minuten und mit wesentlich mehr Kinoformat inszeniert als seine Vorgänger. "Das ewige Leben" ist der nächste. 2011 soll endlich wieder was passiern.

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23. Oktober 2009

Götz Widmann - "Hingabe"

Der Liedermacher muss sein Herz zwangsläufig auf der Zunge tragen. Stimmt das, scheint Götz Widmann derzeit die Sonne aus allen Löchern. Denn er schwelgt nach dem eher eruptiven "Böäöäöäöäöä" auf seinem ebenso vielsagenden Neuling "Hingabe" (Ahuga/Alive) in Harmonien.

Wieder hat Widmann 13 neue Stücke live eingespielt, aufgenommen vor kleinem Publikum an vier Abenden im Kölner Theater im Bauturm und ohne Anlage, was die ganze Produktion vornweg mit wohligem Wohnzimmercharme umgarnt.

Schon im eröffnenden "Streiten und Liebe machen" setzt der Bonner Barde auf Einklang: "Wie gut mir deine Liebe tut" und "Wolke 7" sind nicht nur zwei richtig schöne Bekenntnisse, sie dokumentieren ganz ohne Umschweife Befindlichkeit, markieren ein weiteres Ende der Einsamkeit. Und mit Mitte 40 findet Widmann für solche Wohlstände offenbar zusehends Worte. Da wirken selbst die drei berühmten nur konsequent.

Einzig das die Weiblichkeit anklagende "Jesus Freak" und "Die schöne Frau hinter der Bar" stammen (zu Erheiterung des Hörers!) ganz offensichtlich aus einer vergangenen Lebensphase, als Fickblick und Nebenbuhler noch eine Rolle gespielt haben. Nachdenklich gestimmt ist sein persönliches "Babylon", aber dann ist da ja der Titelsong "Hingabe", das "Glaubensbekenntnis eines Ungläubigen mit spirituellem Restbedürfnis", in dem Widmann gleich wieder jeden Zweifel wegwischt. Bei diesem Loblied aufs Leben lehnt sich sogar die mittlerweile nicht mehr ganz so obligatorische Anbauernummer mit Option zum Aufhören entspannt zurück ("Vier Jahreszeiten").

Gottoderwemauchimmerseidank kann er sie auch angesichts vollkommener Glückseligkeit aber nicht unterdrücken, seine herrlich abseitigen Gedanken, diese Gabe, eine fixe Idee auf dreieinhalb Minuten Musik auszuwalzen. Das genial entnervt intonierte "Schwanger" ist so eine. Widmann begibt sich auf die Spuren von Schwarzeneggers "Junior" und schließlich kommt auch noch die Schlaggitarre zum Einsatz: Tod dem "Laptopwebcammann"!

Und welche halbwegs ansehliche Frau bislang ernsthaft geglaubt hat, der Gegenüber würde ihr stets ungeteilte Aufmerksamkeit schenken, weiß nun, was im Laufe einer Konversation in so einem "Mannhirn" vorgeht. Auch beim sarkastisch-zynischen Abgesang auf den "Sozialberuf" darf das Schmunzeln beibehalten werden und mit dem wortspielerischen "Bubble Bubble Blablabla" gibt's einen heiteren Nonsense-Zweizeiler - auf Englisch!

Abgesehen davon ruht diese Platte in sich selbst - auch, weil sich Widmann diesmal ganz der Liedkunst hingibt und die Ansagen zwischen den Stücken außen vor gelassen hat. Für den Moment ist von seiner Seite anscheinend alles gesagt.

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Rock-Furore zwischen Bayern und Fernost

Karlsdorf-Neuthard - In diesem Karlsdorfer Tonstudio laufen nicht nur Musikgrößen auf. Zwar drückt Andreas Görlitz seit seiner Rückkehr zum FC Bayern noch Krankenlager und Ersatzbank; hat er aber die Gitarre in der Hand, ist der Mann von der rechten Außenbahn spielfreudig wie zu seinen besten KSC-Zeiten.

Damals lernte der Profifußballer Thomas Lichtenwalter vom Piranha Recording Studio in Karlsdorf kennen, wo das Debüt von Görlitz' Rockband Room 77 produziert wurde, das seit Wochenanfang in den Läden steht. Bis dato war die CD nur via Band-Website zu beziehen; ab Montag, 23. November, ist die zweite Pressung raus und "At Home" (NL Distribution/Alive) steht auch im Multimediamarkt und mp3-Shop des Vertrauens zum Kauf.

"Ein Bayern-Spieler mit Rockband - dafür kann man die Japaner begeistern!"

"Eigentlich wollten wir nur zwei Stücke, 'Different Views' und 'Only One Way', aufnehmen. Dann wurde spontan beschlossen, dass ein komplettes Album draus werden soll", erzählt Lichtenwalter. Dazu musste aber noch der ein oder andere Song her, "also haben wir begonnen zu komponieren", sagt er - und zwar so, als wäre grade die "Rock-Woche" bei Aldi angebrochen. Doch der Tontechniker und Produzent weiß nur zu gut, wie man Musik macht; spielte jahrelang selbst in Bands, allen voran als Gitarrist bei Torrent und Novokain. Und so machte er sich mit Andi, dessen Bruder Markus (Gesang), Temren Demirbolat (Gitarre), Manuel Riesemann (Bass) und Michael Kratzl (Schlagzeug) ans kreative Werkeln.

Beim Texten mitgeholfen hat Görlitz' Mentaltrainer Holger Fischer, der während der Arbeit an seinem Bestseller "Sie sind ihr bester Coach" den Hang zum geschriebenen Wort entdeckt hat: "Schatten", der einzige deutschsprachige Track auf "At Home", und "Hope", eine hymnenhafte Nummer fürs SOS-Kinderdorf Ammersee, das auch vom Verkaufserlös der Scheibe profitiert, stammen von ihm. Getragen sind alle zehn Songs von kernig-breitwandigem Rocksound, der bald schon bis nach Fernost für Furore sorgen soll: "Ein Bayern-Spieler mit Band - dafür kann man die Menschen in Japan begeistern!", ist Lichtenwalter überzeugt. Jetzt spricht der Manager von Room 77.

Das "Rock'n'Roll-Studio" in der Bahnhofstraße 21 vermittelte dem Linkenheimer im Jahr 2001 ein Kunde, für den er schon zu aktiven Bandzeiten die ein oder andere Arbeit übernommen hat. Auf zwei Geschossen verteilen sich hier im warmen Ambiente eine große und eine kleine Regie sowie drei Aufnahmeräume samt Pausenzimmer und Küche - in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Zanki-Brüdern, die Mitte der 70er den Anfang der Karlsdorfer Studioansammlung markierten.

Das nächste Großprojekt: "Rock Meets Lyrics"

"Überwiegend mache ich nach wie vor Bandaufnahmen", meint Lichtenwalter. Darunter befinden sich auch mal solche Kracher wie die Hamburger Helloween, die sich vom Piranha Tonstudio die Chorsamples für ihre nahezu komplett ausverkaufte "Keeper"-Welttournee 2006 produzieren ließen. Auch der ehemalige Sänger der Kürbisköpfe, Michael Kiske, buchte Lichtenwalter für die Schlagzeugaufnahmen seines Plattenprojekts "Place Vendome". In selber Angelegenheit war er beim aktuellen Album der Stuttgarter Debauchery aktiv, nahm mit den Western-Metalern Dezperadoz und den seit "Goodbye Deutschland" auch außerhalb Waghäusels berühmt gewordenen Pussy Sisster auf. Selbst Produzentenkollege und Tonstudiobesitzer Dennis Ward, als Bassist von Pink Cream 69 ebenfalls kein Unbekannter, schätzt das akustische Design im Hause Piranha und kommt immer mal wieder für Schlagzeugaufnahmen vorbei.

"Dennoch muss man sehen: Das klassische Recording-Geschäft ist rückläufig", bilanziert Lichtenwalter, der als freier Berater in der Studioabteilung des Karlsruher Rock Shop ein weiteres Standbein sicher hat. Mit Wochenend-Crashkursen in Aufnahmetechnik lastet er sein Studio aus, gibt außerdem Werbeagenturen Seminare in Sachen "Pro Tools", einem der Standardprogramme für Musikproduktionen. Und das nächste Großprojekt hat Lichtenwalter auch schon vor Augen: "Rock Meets Lyrics". Wieder ist Mentalcoach Fischer im Spiel, dessen im Vordergrund stehende Texte von Classic-Rock transportiert werden sollen. Als Saitenkünstler im Gespräch sind Victor Smolski von Rage und Scorpions-Gründer Rudolf Schenker. Der könnte dann auch die Gebrüder Görlitz schon mal ein bisschen einstimmen. Schließlich kennt sich der Gibson-Flying-V-Gitarrero nur zu gut aus mit "Tokyo Tapes".

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16. Oktober 2009

Fools Garden - "High Times"

Sie sind der Inbegriff des One-Hit-Wonders. Und mehr als eine Single sollte es nicht brauchen, wenn Fools Garden ihr "Best Of"-Album zusammenstellen. Meint man. Die Beatles-Adepten aus Pforzheim versammeln aber tatsächlich gleich 15 Stücke auf "High Times" (Lemonade Music) und am Schluss wird's dank der Titelnummer nochmal unerwartet spannend.

"Why Did She Go?"? "Probably"? "Suzy"? Nie gehört - obgleich doch allesamt chartplatziert? Wie gut, dass gleich der Opener eine Zeitmaschine sondergleichen in Gang setzt: Denn bei "Lemon Tree" weiß jeder, wo der Hammer hängt. Fool's Gardens (damals noch mit Apostroph) Nummer-Eins-Hit von 1995, für den Peter Freudenthaler (Gesang), Volker Hinkel (Gitarre) und die damaligen Bandmitglieder Thomas Mangold (Bass), Roland Röhl (Keyboard) und Ralf Wochele (Schlagzeug) im In- und Ausland mit Gold, Platin und Werweißnichtwas aufgewogen wurden, ist jedem noch im Ohr und sei er darüber auch noch so angesäuert.

Auch die zweite Nummer vom Hit-Album "Dish Of The Day", "Wild Days", mit der Freudenthaler und Band einst einen C&A-Spot vertonen durften, verführt zu nostalgischem Schwelgen in den 90ern. Zwischendrin spiegelt "The Best Of" vielfach die geknickte Karriere von Fools Garden wider: Alles zumeist ganz adrett arrangiert, aber irgendwie zu wenig bei, was langfristig hängen bleibt; nicht das 60er-Harmonien atmende "Rainy Day", der "Comedy Song" oder "Welcome Sun" von der "Go And Ask Peggy For The Principal Thing" (1997), nicht die auf "Ready For The Real Life" (2005) erschienenen "Count On Me", "Dreaming" und "Life".

Das zur WM 2006 veröffentlichte "I Got A Ticket" klingt (erst recht für eine Stadion-Nummer) viel zu verhalten und selbiges gilt für "Million Dollar Baby", zusammen mit "Home" der gleichnamigen Limited-Edition-EP (2008) entnommen - im Gegensatz zum Rest allerdings nicht nur schön, sondern bislang immerhin auch selten.

Aufhorchen lässt das Quartett (seit 2003 mit Dirk Blümlein am Bass und Schlagzeuger Claus Müller) erst zum Finale ihrer Bestenliste, die sie im Oktober zu Promozwecken auf Webtour geschickt haben. Das bislang unveröffentlichte, von cembaloartigem Tastenspiel und Streichern getragene "High Time" keimt nach einer guten Minute und steht schließlich als ohrwurmige Mitsing-Pop-Hymne mit elektrischer Verstärkung in voller Blüte; seit kurzem auch in den Radio-Charts - verdienter Lohn für richtig gutes Songwriting! Um eine echte Chance auf ordentlich mehr zu haben, kommt der Song allerdings gute zehn Jahre zu spät. In den Himmel wachsen die Zitronenbäume dieser Tage wohl nicht mehr.


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Wenn der Bassmann mitmischt

Karlsdorf-Neuthard - Sie gelten auch 18 Jahre nach "One Size Fits All" als einzige Karlsruher Band von internationalem Format. Nun haben die Hardrocker Pink Cream 69 das neue Jubiläums-Live-Album und die darüber hinausgehende DVD "Past And Present" veröffentlicht, beide aufgenommen Anfang des Jahres beim seltenen Heimspiel in der Durlacher Festhalle. Produziert werden die Ton- und Bildträger der Pinkies mittlerweile in Eigenregie: Basser Dennis Ward hat im heimischen Karlsdorfer Kellerstudio die Regler in Händen.

Seit 1994 nennt sich der Profimusiker auch "Professional Producer". Zu Anfang war's noch die bloße Begeisterung fürs technische Gerät: "Mein Vater hat in Würzburg als Funker fürs amerikanische Militär gearbeitet. Das dafür nötige Equipment hat mich immer fasziniert - ich war ein reiner Techie. Erst später kam die Musik ins Spiel", erzählt Ward. Er lernte Saxophon, Akustikgitarre und Kontrabass, stieg auf E-Bass um, spielte nach der Highschool bei Tusk und anderen Bands bis die Familie Ward nach Heidelberg umzog. "Bass Player Looking For Rock Band" annoncierte er dort "und die einzigen, die sich gemeldet haben, waren Kosta Zafiriou und Andi Deris", lacht Ward. Wenige Wochen später stand er mit dem griechischen Schlagzeuger, Gitarrist Alfred Koffler und dem inzwischen zu den Hamburger Kürbisköpfen Helloween übergelaufenen Sänger im Studio. Die Erfolgsformation war komplett.

Den neuerlichen Impuls bekam Ward wiederum von seinem Dad: "Er schenkte mir Videotapes zum Thema Tontechnik. Ich begann mich immer mehr zu interessieren, investierte in Mischpult, Aufnahmegerät - von da an war ich hooked!" Bei der Pink-Cream-Platte "Food For Thought" hatte er schon mitgemischt, seit dem 98er Release "Electrified" regelt Ward alles selbst, natürlich nicht nur für die eigene Band: Axxis, Angra, Krokus, Debauchery, Dezperadoz, Wicked Sensation, Primal Fear, House Of Lords, Robin Beck oder das Soloalbum des Pink-Cream-Sängers David Readman - wer mit stromverstärkten Gitarrensounds vertraut ist, weiß diese Referenzliste einzuschätzen. Dabei überwacht Ward nicht nur die Aufnahmen, sondern hilft bei mancher Produktion selbst am Viersaiter aus.

"Viele meiner Kunden treffe ich nie persönlich"

Bereits bevor es ihn ins Tonstudio-Mekka gezogen hat, war Ward öfter Karlsdorfer Gast: Mehrere Jahre ging er als selbstständiger Produzent bei den HOFA-Studios ein und aus. Als ein Mitarbeiter von Bottom Row Promotion - einer Karlsruher Musiker-Agentur, für die auch Bandkollege Kosta arbeitet - sein Reihenhaus vermietet, wird Ward in Karlsdorf sesshaft und richtet sein Kellerstudio ein. Der Raum ist überschaubar; eine vollversammelte Band findet hier jedenfalls keinen Platz. Muss sie aber auch nicht und andernfalls befinden sich die Kollegen von House Of Audio, Tidalwave oder Piranha Recording Studio in Rufweite.

"Meine Kunden sind über die ganze Welt verteilt, viele treffe ich nie persönlich. Wir tauschen dann die zu bearbeitenden Tonspuren online aus. Das Internet hat meinen Job schon sehr vereinfacht", befindet Ward, der sich künftig aber wieder mehr On Stage sieht: Unisonic heißt sein neues Bandprojekt, das er mit Kosta Zafiriou, dem Gitarristen Mandy Meyer und Andi Deris' Vorgänger bei Helloween, der seit 17 Jahren bühnenabstinenten Wunderstimme Michael Kiske, gegründet hat. Fürs kommende "Masters Of Rock"-Festival im tschechischen Vizovice sind sie schon gebucht.

"Jetzt müssen wir langsam ein paar Songs komponieren", grinst Dennis Ward und kündigt neben der ein oder anderen Place-Vendom-Nummer Neuinterpretationen von alten Helloween-Stücken an. Viele von ihnen hat Kiske komponiert und bereits auf seinem jüngsten Pop-Soloalbum "Past In Different Ways" gezeigt, dass er keine Berührungsängste mit dem Speed-Metal-Material von damals hat. Diesmal wird's Adult Oriented Rock - im großen Stil, so viel ist schon mal sicher.

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