19. Juni 2009

Szenen vor der Ehe

Karlsruhe - Der erste gemeinsame Urlaub ist für jedes Paar die Nagelprobe. Auch für Gitti und Chris. Am Ende ist das Glas halb leer. Oder doch halb voll? Diese Geschichte einer jungen Liebe und ihrer stinknormalen Ernüchterung hat die aus Karlsruhe stammende Maren Ade zum Thema ihres zweiten Kinofilms "Alle anderen" gemacht, der auf der "Berlinale" für hitziges Flirren gesorgt hat. Mit Patrick Wurster unterhielt sie sich vor der Präsentation in der Schauburg übers neue deutsche Kino, die Generation Ü30 und ihre Angst vor Melanie Pröschle.

???: 2005 der viel beachtete Abschlussfilm, jetzt der "Berlinale"-Erfolg: Großer Preis der Jury und ein Darstellerpreis für Birgit Minichmayr. "Mein Lebenslauf ist eigentlich ohne Umweg. Was ich manchmal ein bisschen schade finde." Zitat Maren Ade in der "taz" vor den "Silbernen Bären". Denkst du nach der Preisverleihung immer noch so?
Maren Ade: Ja, denn ich habe mich ziemlich schnell fürs Filmemachen entschieden und bin dann gradlinig meinen Weg gegangen. Das heißt aber auch, auf manche Sache verzichten zu müssen; ich hätte mir zum Beispiel auch vorstellen können, im Ausland zu leben oder noch etwas anderes zu studieren. Einen etwas wilderen Lebenslauf könnte ich mir durchaus vorstellen.

???: Schlagworte wie "Berliner Schule", "Nouvelle vague allemande" - also dieses introvertierte Kino von jungen Regisseuren wie Benjamin Heisenberg oder Christoph Hochhäusler mit ihren reduzierten, meist statischen, klaren Bildern - fallen immer mehr, wenn über Maren Ade berichtete wird. Sind das Schlagworte, denen du dich zugewandt fühlst?
Ade: Mit den Filmen und den Regisseuren, die in diesem Kontext genannt werden, kann ich mit vollkommen identifizieren. Das begeistert mich, hat mich beeinflusst. Zwei davon, Valeska Grisebach und Ulrich Köhler, haben ja auch an meinem Film mitgearbeitet, mich dramaturgisch beraten. Was mich dabei stört ist, dass ich doch gerade etwas Neues fertig gemacht habe - und schon wird das auf Gemeinsamkeiten mit anderen Werken hin untersucht. Und dieser programmatische Zusammenschluss wird dem jeweiligen Film dann nicht gerecht. Schließlich wünscht man sich, dass in erster Linie das Eigene wahrgenommen wird.

???: Irgendwie kurios bei einem Film, der sich um ein Paar dreht, das eben nicht so sein will wie alle anderen...
Ade: Wir Filmemacher haben diese Begrifflichkeit ja nicht erfunden; wenngleich er im Ausland und auf den Filmfestivals bestens funktioniert. Aber in Deutschland hat sich das so ein bisschen abgenutzt, steht für Filme, die keine Kasse machen. Branchenintern muss man oft gegen den Begriff anargumentieren.

???: Wie siehst du dich?
Ade: Als Autorenfilmerin.

???: Welche Autorenfilmer und -filme haben dich beeinflusst?
Ade: Ich habe gar nicht so den einen Film oder den einen Regisseur. Cassavetes-Filme mag ich sehr, Filme, die sehr schauspiellastig sind, in denen es starke Figuren gibt. Für "Alle anderen" habe ich viele Filme über Paare geschaut; Ingmar Bergmans "Szenen einer Ehe" war schon in gewisser Weise Vorbild.

???: Du hast nicht nur das Drehbuch geschrieben, Regie geführt, sondern auch noch mit Komplizen Film produziert, deiner eigenen Firma. Kontrollfreak?
Ade: Das würden wahrscheinlich alle unterschreiben, die mit mir zu tun haben. Gerade beim Autorenfilm halte ich das aber auch für wichtig; wenn man so lange an einem Film arbeitet und dann im Nachhinein überhaupt keine Rechte mehr an seinem Werk hat, stimmt etwas nicht.

???: 2007 hast du den Spielfilm "Hotel Very Welcome" über Rucksacktouristen in Asien produziert - hast ja auch zuerst Produktion studiert und dann auf Regie umgeschwenkt. Ein Vorteil für die Arbeit hinter der Kamera?
Ade: Für mich liegt das sehr nahe beieinander; eine produktionelle Entscheidung ist auch immer eine kreative. Ich genieße irgendwie beides, bin auch mal befreit, nicht dem Druck ausgesetzt zu sein, mir sofort wieder etwas einfallen lassen zu müssen. Aber letztendlich bin ich Filmemacherin - die Position ist da zweitrangig.

???: Die Hauptprotagonisten Gitti und Chris bewegen sich in deinem Alter - ist "Alle anderen" eine Zustandsbeschreibung, ein Ü30-Generationenporträt - viele Möglichkeiten, wenig Orientierung?
Ade: Ich mag das Wort nicht, weil ich das Gefühl habe, das schränkt so sehr ein; als ob das ein Film wäre, der nur für die Leute in meinem Alter ist. Ich hoffe natürlich, dass alles, was mit der Liebesbeziehung zu tun hat im Kern etwas Universelles erzählt. Ich freue mich aber, wenn Gleichaltrige sagen: Da habe ich mich wiedererkannt, da hast du uns erwischt. Und ich habe es als Herausforderung empfunden, diesmal etwas mehr über mich zu erzählen anstatt wie bei "Der Wald vor lauter Bäumen" über eine Lehrerin, mit der ich soziologisch nicht so viel gemeinsam habe.

???: Du hast deine Regieassistentin sogar darum gebeten, Bescheid zu sagen, falls sie etwas "Melanie-Pröschle-mäßiges" bemerken sollte. Musste sie eingreifen?
Ade: Eigentlich nicht. Das ist wohl auch in erster Linie meine Angst, mich zu wiederholen. Aber ich wollte diesen Fremdschäm-Effekt auf keinen Fall in diesem Film, weil das die Identifikation verwehrt hätte.

???: Bist du eher Gitti oder Chris - oder findest du dich in "Allen anderen" wieder?
Ade: Ich habe etwas von allen vier Figuren. Es steckt zwangsläufig in diesem Film viel von mir. Ich empfinde ihn auch als etwas sehr Privates, gerade weil alles ausgedacht ist: Ich zeige, worüber ich nachdenke, was mich beschäftigt. Es interessiert mich auch nicht, die Realität nachzustellen. Der Film ist reine Fiktion. Die Geschichte hat vielleicht ihren Ursprung in der Wirklichkeit, aber ich suche gezielt nach einer dramaturgischen Dichte, mag eine gewisse Überhöhung.

???: Wie schwer ist es dir gefallen, den männlichen Part auszustaffieren?
Ade: Ich hatte da schon noch so eine gewisse Resthemmung, dieses ungute Gefühl ich kann dieses oder jenes nicht einfach so behaupten und habe dann ziemlich oft Lars Eidinger gebeten, mir Feedback zu geben. Zumal ein Schauspieler nach einer gewissen Zeit ein gutes Gefühl für seine Rolle bekommt, das man dann als Regisseur auch gerne mal abklopfen kann. Ich wollte von einem modernen Mann erzählen, der Nachdenklichkeit und Melancholie zulässt. Chris erlebt in dem Film ja so etwas wie eine Lebenskrise. Er merkt, dass es ihm nicht gelingt, seinen beruflichen Idealismus aufrechtzuerhalten und beginnt, grundsätzlich an seiner Person und damit an sich als Mann zu zweifeln. Er versucht, den alten, defensiven Chris loszuwerden. Doch er entfernt sich so weit von sich selbst, dass es gefährlich wird. Bei der Frauenfigur hatte ich eher das Gefühl, dass ich alles erzählen darf. Obwohl sie eine selbstbewusste, mutige Frau ist, gerät Gitti ja in große Unsicherheit, was ihre Person angeht. Sie beginnt überraschend, sich ihrem Freund anzupassen, um ihm zu gefallen. Ich erkenne mich mehr in ihr, bin deshalb aber auch strenger mit ihr.

???: Noch ein Zitat: "Mich interessierte schon immer so etwas wie ein Klischee oder etwas Banales." Bei einem Themenkomplex, der so voller Klischees steckt wie vielleicht kein anderer, hast du dich aber erstaunlich zurückgehalten?
Ade: Ich will natürlich keine klischeehaften Figuren in meinem Film haben; trotzdem interessiert mich der Alltag in seiner Banaliät. Da liegt in ganz vielen Details eine Dramatik und Komik, etwas Erzählenswertes.

???: Warum hast du die Geschichte auf einer Ferieninsel angesiedelt?
Ade: Ich wollte das Paar herausstellen aus dem alltäglichen Kontext. Mich haben nicht die Wohnungen interessiert, ihre Freunde oder die Kneipe, in die sie gehen. Das wäre alles zu kleinteilig geworden. Und ein Urlaub ist eine Herausforderung: Man kann nicht voreinander fliehen, die Erwartungen sind hoch. Ich fand diese Isolation gut, das ermöglichte eine Konzentration auf die Geschichte.

???: So wenig die beiden Protagonisten zusammenpassen, so stimmig ist das Spiel der Hauptdarsteller Birgit Minichmayr und Lars Eidinger. Klappt bei derart theatererfahrenen Darstellern alles beim ersten Take?
Ade: Nein. Das liegt aber auch daran, dass ich dazu neige, viel zu drehen. Weil ich's nochmal präzisieren will, konkretisieren will - auch, wenn eine Szene gut gelaufen ist. Wir haben viel an Sätzen, am Rhythmus und Haltungen gefeilt.

???: Lässt du beim Drehen mit dir handeln?
Ade: Wenn ich eine gewisse Natürlichkeit haben will, muss ich den Schauspielern auch Freiheiten zugestehen. Es gibt ein paar Szenen, in denen Birgit und Lars freier gespielt haben, wobei das weit entfernt war von Improvisation. Die Dialoge stehen aber generell so im Drehbuch.

???: Und wie geht es nun mit den beiden nach dem Film weiter - ist das Glas für dich halb leer oder halb voll?
Ade: Mein Gefühl wie es weitergeht zwischen den beiden ist nicht richtiger als die Gedanken des Zuschauers. Es gibt da nur einen individuellen Wunsch oder eine Vermutung, je nachdem wie man den Film gesehen hat. Bei den Sichtungen war es interessant, dass die Zuschauer oft stark für einen der beiden Partei ergriffen haben. Aber es sollte nicht um Recht und Unrecht gehen. In einer Liebesbeziehung spielt sich doch das meiste jenseits dieser Begriffe ab.

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11. Juni 2009

Der entsorgte Vater

"Mutterliebe ist kinoträchtig, Vaterliebe nicht", schrieb Matthias Matussek in seiner 1997 erschienenen Polemik "Über feministische Muttermacht und Kinder als Trümpfe im Geschlechterkampf". Doch nicht jeder Mann kann sich so wehren wie der "Spiegel"-Autor. Ein Douglas Wolfsperger schon.

Seit mehr als fünf Jahren durchlebt auch der Dokufilmer die besondere Spielart des Rosenkriegs getrennt lebender Eltern: Seine ehemalige Lebensgefährtin setzt alles daran, den Kontakt zwischen Vater und Tochter zu boykottieren; bis er ihm schließlich per Gerichtsentscheid zum Wohle des Kindes verwehrt wird. Wolfsperger muss sich von Hanna verabschieden, und zwar endgültig.

Seine Verzweiflung, nicht mehr Vater sein zu dürfen, nimmt Wolfsperger zum Anlass für ein sehr persönliches Porträt - von sich selbst und vier verhinderten Vätern aus der Karlsruher Gegend, darunter auch Franzjörg Krieg, dem Gründer des Vereins Väteraufbruch für Kinder. Und über die 86 Minuten ist der Filmemacher als Betroffener gleichwertiger Teil der eigenen Dokumentation.

Auf seiner vorerst letzten Reise zur Tochter lässt Wolfsperger Männer zu Wort kommen, denen nicht nur der Umgang mit dem gemeinsamen Nachwuchs durch die Mutter verwehrt wird, sondern die darüber hinaus auch noch gegen Ämter und Verleumdungen zu kämpfen haben. Wütend, enttäuscht, traurig und manchmal auch ein bisschen naiv (aber gerade deshalb so authentisch) schildern Krieg, Harald Merker, Bernd "Benni" Sosna und Ralf Bähringer, der als einziger Kontakt zu seinen Kindern hat, ihr Entfremdungsdilemma; eine Mutter begründet die Umgangsverweigerung mit dem "Erzeuger" aus ihrer Sicht.

Fürs vollständige Bild fehlen natürlich die vermeintlich unverbesserlichen Hälften, die sich nicht bitten ließen. Die Subjektivität stellt Wolfsperger hinten an. Und dafür kann man eigentlich nicht genug Verständnis haben.

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21. Mai 2009

30 Rock - Season 1

30 Rock - Season 1Tina Fey weiß ganz genau, was hier gespielt wird. Schließlich hat die Sarah-Palin-Parodistin selbst lange Jahre für "Saturday Night Live", die berühmteste Comedy-Show im US-TV, gearbeitet. Und den Posten als Chefautorin verpasst sie sich alias Liz Lemon auch in der fiktiven NBC-Varieté-Sendung "The Girlie Show" beim selbstinszenierten Blick hinter die Kulissen eines amerikanischen Fernsehbetriebs - der Staatengemeinschaft "wahre Kunstform".

Am Rockefeller Plaza Nummer 30 in New York City weht ein frischer Wind: Der neue Geschäftsführer Jack Donaghy (Alec Baldwin) versetzt Sternchen Jenna Maroney (Jane Krakowski) ins zweite Glied und engagiert den absolut unberechenbaren Schauspieler Tracy Jordan (Tracy Morgan), um ihn in den Mittelpunkt der neuen Comedy-Show zu stellen. Und dann sieht er auch im Privatleben von Mittdreißigerin Liz Verbesserungspotenzial?

Doch nicht nur die findet an ihrem zu Anfang äußerst borniert wirkenden Chef von Folge zu Folge mehr Gefallen. Denn wenn hier einer allen die Show stielt, ist es Alec Baldwin, der als berechnend-blasierter Vorgesetzter mit ziemlich gutem Kern einen phänomenalen Part gibt! Ihn umgeben schönschrullige Figuren (wie der von Judah Friedlander verkörperte Kreativkopf Frank oder Jack McBrayer als Laufbursche Kenneth), die in den 21 inhaltlich in sich geschlossenen, aber aufeinander bauenden Episoden á 21 Minuten immer mehr Witz und Verve versprühen. Wenn hier gelacht wird, gar kein Zweifel, es ist echt!

"30 Rock" (Universal Pictures), der dreifache "Golden Globe"-Gewinner vom Januar (Beste Serie, Hauptdarsteller und Hauptdarstellerin), ist in Amerika längst Kritikerliebling, da lassen sich auch Gaststars wie Talkmaster Conan O'Brien oder Whoopi Goldberg gerne sehen. Und wer auf den Exklusivempfang im deutschen Sparten-Bezahl-Neustarter TNT verzichten kann, zappt sich am besten staffelweise durch diese aufwändigst produzierte Sitcom; vielleicht die Beste seit "Seinfeld".

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20. Mai 2009

My Bloody Valentine 3D

Der Horror bekommt eine neue Dimension. Was wie ein ausgelutschter Werbeslogan klingt, ist beim Remake des kanadischen Low-Budget-Streifens "My Bloody Valentine" wörtlich zu nehmen: Erstmals seit den 80ern feiert wieder ein Splatter-Movie Kino-Premiere im 3-D-Format.

Als Tom Hanninger (Jensen Ackles) zehn Jahre nachdem er das Valentinstag-Massaker überlebt hat in seine Heimatstadt Harmony zurückkehrt, schlägt der schnaufende Spitzhacken-Killer im Minenarbeiterdress wieder zu. Seine damalige Freundin und amtierende Sheriffsgattin Sarah (Jaime King) kann sich nicht lange am Traummann von einst ergötzen: Tom ist hauptverdächtig, dabei wurde der durch ein Grubenunglück traumatisierte und seinerzeit amoklaufende Bergmann Harry Warden nie gefasst...

Als Cutter hat er so manches von Wes Cravens neueren Werken geschnitten; der somit im Leinwand-Grusel erfahrene Regisseur Patrick Lussier ist augenscheinlich Handwerker und gibt sich gar nicht erst groß Mühe, allzu viel Dramaturgie und Logik ins Skript einfließen zu lassen. Er entwickelt Geschichte und Personalien nur der Form halber, während binnen 100 Filmminuten eine halbe Hundertschaft zerlegt wird. Leichter fallen ihm schon lange, langsame Kamerafahrten, die klaustrophobische Atmosphäre im Bergwerkstollen verströmen.

Und er weiß mit der Tiefenwirkung der neuen digitalen 3D-Technik umzugehen, die gegenüber dem herkömmlichen Rot/Grün-Verfahren stereoskopische Bilder mit perfektem Raumeindruck und damit plastische Schockeffekte erzeugt. Lussier splattert und slasht ohne viel Schonung, zeigt abgetrennte Kinnladen, herausgerissene Herzen und eine splitternackte Schönheit samt ihrer Rundungen ziemlich explizit. Mit anderen scharfen und spitzen Gegenständen, die allenthalben unverhofft in den Kinosaal hineinragen, Gliedmaßen oder Gewehrkugeln prüft er die Abwehrreflexe des bebrillten Publikums.

Auch das Remake bleibt eine B-Produktion und auf die dritte Dimension angewiesen, um nicht direkt in den Videothekenregalen zu verschwinden. Langfristig, da muss man sich der Einschätzung von "Spiegel Online" anschließen, kann die 3D-Kinokunst im zweiten Anlauf "nur überleben, wenn sie sich vom phallischen Diktat befreit". Aber das vornehmliche Ziel - und damit dem Pornofilm nicht ganz unähnlich - ist noch die visuelle Stimulation an einzelnen Sequenzen. Fürs Erste dürften Genrefreunde deshalb ganz gut leben mit der Ansage: Spitze, Hacke, eins-zwei-drei!

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7. Mai 2009

Star Trek

Nach vier Kinofilmen hat die "Next Generation"-Mannschaft von Captain Jean-Luc Picard abgedankt. James Tiberius Kirk übernimmt - und zwar noch ehe er in Galaxien vordringt, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Die betritt nun Regisseur J.J. Abrams, der im elften Leinwandabenteuer das Prequel zur Sixties-Space-Saga "Raumschiff Enterprise" erzählt.

Mit einer prächtig gecasteten Darstellerriege um Chris Pine beschreibt er, wie die übermütige Crew zu früher Sternzeit zusammenfindet, sich Kirk vom Haudrauf zum Captain der fabrikneuen NCC-1701 entwickelt und natürlich bekommt die Mannschaft mit dem zeitreisenden Romulaner Nero (Eric Bana) einen rachsüchtigen Kontrahenten.

Abrams hat mit seinem Serien-Hit "Lost" über fünf Staffeln bewiesen, dass er nicht nur neue Welten, sondern ganze Universen erschaffen kann. Er bewegt sich weg vom philosophisch-politischen Unterbau der steifen, stets sternenflottenhörigen nächsten Generation hin zum Trashigen, das die frühen Folgen mit William Shatner auf der Kommandobrücke ausgemacht hat.

Spitzohrspezi Leonard Nimoy sehen wir obendrein in einer Gastrolle als greisen Halbvulkanier wieder, während sich sein unverbrauchtes Ich (selbst in Sachen Liebe!) austoben und mit dem Vorwissen des Publikums spielen darf. Dazu Spaß und Action auf Warp neun und obwohl wir am Ende der Verjüngungskur von Gene Roddenberrys Sci-Fi-Klassiker dort ankommen, wo die Serie einsetzt, bleibt "To boldly go where no one has gone before" der Leitspruch dieses Neustarts. On Screen!

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6. Mai 2009

Kuno Bärenbold - "Letzte Verführung"

"Ein warmherziger Erd- und Poltergeist", so beschreibt Harald Hurst den "Einzelgängerfreund" im Vorwort. Als am 6. Mai 2008, einem Dienstagabend, das 61-jährige Herz nicht weiter schlagen wollte, verlor Karlsruhe eine der markantesten Figuren im hiesigen Literaturbetrieb. Die "Verführen zum Lesen" war stets sein Credo, ein Bändchen vereint nachgelassene Texte und dokumentiert das Wirken des Kuno Bärenbold.

"Letzte Verführung" (Info Verlag, Lindemanns Bibliothek Band 58) porträtiert den Schriftsteller, Rezensent und eifrigen Briefeschreiber aus der Durlacher "Poetenhöhle", der sich neben dem Verfassen von autobiografischen Erzählungen über allerlei Randfiguren (hier stellvertretend "Endlich daheim" oder "Na, wie gefällt's uns in der Klapse?"), zu denen er ja selbst irgendwie gezählt hat, auch und gerne an seinen Mitmenschen gerieben hat.

Und wenn sie nicht zu greifen waren, dann gab's einen gepfefferten Leserbrief: "Hundsgemein" ist so einer, gerichtet von einem, der versehentlich schwarz fuhr, an die hiesige Tageszeitung und natürlich der als "Amputierter Stier" betitelte und bereits zu Lebzeiten in Kunobärs Weblog veröffentlichte private Briefwechsel mit Heidi Gronegger von der SWR-Zeitschrift "Doppelpfeil - ein Dialog aus dem Lehrbuch der hohen Streitkultur.

Wie viel Herzlichkeit dieser stets hellwache Kritikus zugleich in sich trug, zeigt der liebevoll-originelle Geburtstagsgruß zum 60. des besten Freundes ("Don't worry, be happy") oder eine am Nachmittag des ersten Weihnachtsfeiertages 2007 verfasste E-Mail an die "Lieben Freunde!". "Bye bye Kuno" sagt stellvertretend für viele Peter Kohl im dem Karlsruher Stadtmagazin "Klappe auf" entnommenen Nachruf.

Bärenbolds Art zu schreiben war mitunter eigen, so ganz ohne Schörkel, die Geschichten speziell und vieles stilistisch kaum einzuordnen. Oft bleiben es Anekdoten, Momentaufnahmen, die unverhofft enden, wie das "Duell im Ländle 1", das er mir im Februar 2008 mit dem verschmitzten Vermerk "Bitte 50 x ausdrucken und heute Nachmittag an alle VfB-Halunken verteilen!" mit zum Derby-Schauen gab. Es war seine letzte Mail an mich.

"Egal wo ich bin, ich will Spuren hinterlassen. Das will ich, Spuren hinterlassen", gibt er in dem ebenfalls nachzulesenden, sehr eindringlichen Interview mit Kurt Kreiler aus dem Jahr 2000 anlässlich eines Radio-Features zu Protokoll; einer der seltenen Momente, in dem er über seine "Verzweiflungstat" und die Haft spricht. Kuno Bärenbold wird in der regionalen Literaturgeschichtsschreibung vielleicht "keine große Rolle spielen, auch wenn man seinen Knastgeschichten und manchen Reportagen aus der Arbeitswelt mehr Leser und einen gewichtigeren Platz wünschen möchte", wie Mit-Herausgeber Matthias Kehle im Nachwort schreibt. Dass ihm sein Wollen aber nachdrücklich gelungen sein muss - auch davon zeugen diese 84 Seiten.

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12. April 2009

Casa Aposto

Die Nudel wurde vom Aposto ebenso wenig nach Karlsruhe gebracht, wie Marco Polo sie in Italien kultiviert haben soll. Aber der geschäftsführende Franke Christian Veit demonstriert im "cafe, ristorante e bar italiano" am Ludwigsplatz seit drei Jahren, dass man das lieblose Schlagwort "Systemgastronomie" auch mit jeder Menge "Mamma Mia" belegen kann: Pizza aus dem Steinofen, Pasta aus der eigenen Manufaktur, das Gelato gleichfalls hausgemacht.

"Wohlfühlen wie in Italien" - dieses Motto ist wörtlich zu nehmen: Gesessen wird umringt von Olivengewächsen und inmitten mediteraner Beigetöne; die unterschiedlichen Ebenen sorgen fürs heimelige Casa-Flair. Von Montag bis Freitag lockt die Pasta für 4,90 Euro beim täglich wechselnden Mittagstisch. Neben den Nationalgerichten vom Stiefel finden sich aber auch Carne und Pesce auf der Karte; Vegiverfechtern signalisiert ein Pilz, wo sie bedenkenlos zugreifen können.

Die Bestellung wandert in die einsehbare Küche, wo man von Spaghetti bis Rigatoni alles frisch verarbeitet und dampfende Pizzen aus dem Steinofen zieht. Dazu werden saisonal ausgesuchte italienische Weine serviert. Der Kinderspielbereich hilft, während des Genießens seinen Nachwuchs beisammen zu halten.

Ein Lavazza-Käffchen geht immer und wer früh genug dran ist, macht sich ans Colazione, das Frühstück. Doch auch Nachtschwärmer sind im Aposto gern gesehene Gäste: Ab halb elf kommen Cocktailtrinker auf ihre Kosten, wenn's zur Happy Hour alle 50 "Hahnenschwanz"-Varianten zum Sonderpreis gibt - auch "To go". In der Küche ist täglich bis Mitternacht Betrieb, die Pizza gibt?s freitags und samstags sogar bis 1 Uhr. Das Erfolgsrezept aus der Fächerstadt hat inzwischen Filialen in Pforzheim und Schweinfurt; dank integriertem Partyservice kann man sich sein Stück Aposto aber auch mal ins eigene Casa heimholen.

Waldstraße 57, 76133 Karlsruhe, Telefon 0721/1607773, Mo-Sa 9.30-1 Uhr, So ab 10.30 Uhr

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2. April 2009

Burn After Reading

Den Coen-Brüdern ist es gegeben, selbst das Triviale zur Kunst zu erheben. Irgendwo zwischen Spionagefarce und Screwballkomödie pendelt "Burn After Reading - Wer verbrennt sich hier die Finger?" (Universum Film), bei dem ausgerechnet die Schönlinge Pitt und Clooney zu ironiefähigen Selbstdarstellern erwachsen.

Nach dem Lesen vernichten muss man die Memoiren des suspendierten CIA-Agenten Osbourne Cox (John Malkovich) nicht. Der hatte bis vor kurzem einen einigermaßen unwichtigen Job als Analyst und Balkan-Experte beim Auslandsnachrichtendienst der Vereinigten Staaten; und nun nur noch sein Alkoholproblem.

Denn auch seine eisige Frau ist ihren Ozzie Leid und brennt ein paar Daten für den Scheidungsanwalt auf CD. Die vergisst sie in der Umkleidekabine des Fitness-Studios, wo die einzig aufs längst überfallige, aber mit Hard-Bodies-Einkommen nicht zu leistende, bessere Aussehen bedachte Fitnesstrainerin Linda Litzke (Frances McDormand) und ihr von Haus aus gutaussehender, aber ebenso strunzdummer Kollege Chad Feldheimer (Brad Pitt) das vermeintlich brisante Manuskript finden.

Die beiden wittern das große Geschäft mit der geheimen Staatssache. Dass aber ausgerechnet die Liebesaffären des sexuell umtriebigen Ex-Personenschützers und Regierungsbeamten Harry Pfarrer (George Clooney) die amateurhaften Erpressungsversuche behindern würden, kann allenfalls der Zuschauer ahnen. Der CIA-Apparat in Washington D.C. wittert bereits einen Racheakt des Geschassten - und dann kommen auch noch die Russen ins Spiel...

Diese und noch mehr zu Anfang lose Handlungsfäden schlingern sich bald zu einem tiefschwarzen-lakonischen Schnellschuss. Und sämtliche alsbald unter Verfolgungswahn leidenden Charaktere - die von niemandem auch nur annähernd so wichtig genommen werden, wie sie sich selbst sehen möchten - leben diesmal besonders schön weit weg von dem, was noch als normal zu bezeichnen wäre. Erfrischend selbstironisch geht George Clooney sein Womanizer-Image an; und auch Brad Pitt hat offenbar kein Problem damit, sich auf seine durchtrainierte Fassade reduzieren zu lassen. Im Gegenteil, es bereitet ihm sichtlich Spielfreude, hinter Fönfrisur und Dumpfbacken den Clown zu geben.

Und nicht nur ihm: Wer hätte gedacht, was diese beiden Hollywood-Ikonen - deren Rollen das Drehbuch von Joel und Ethan Coen nur einen kurzen gemeinsamen Auftritt gönnt - allein an komischen Grimassen zustande bekommen; welch komödiantisches Talent da schlummert - mit dem Mut zur inneren Häßlichkeit. Gerade der auf Dauerwellen-Bubi gestriegelte Pitt ist Dreh- und Angelpunkt so manchen (Running-)Gags. Stehenden Szenenapplaus dürfen sich da auch unbedingt David Rasche und J.K. Simmons abholen, die als hohe Tiere die satierische Seite der CIA verkörpern.

Und wer verbrennt sich nun die Finger? Klare Antwort: Alle und jeder. Gen Ende löst sich der Knoten in ein einziges Nichts; ist alle Handlung nur noch Dekonstruktion, ohne jede Bedeutung. Vielleicht ist deshalb bei so vielen das Gefühl haften geblieben, dass "Burn After Reading" im Vergleich mit dem vierfach "Oscar"-prämierten Vorgänger "No Country For Old Men" wie eine Art Lockerungseinheit auf dem Weg zum nächsten Treppchen-Sturm wirkt. Nein, diese 90 Minuten sind mehr als eine leichtfüßige Stilübung. Das ist - wie es der gute Chad ganz sicher und mit der größtmöglichen Bedeutung in der Stimme formuliert hätte - einfach ganz ganz heißer Coen-Scheiß!

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1. April 2009

Christoph Maria Herbst, der "Millionär"-Adair

Karlsruhe - Nirgendwo lässt sich so schön fremdschämen wie bei ihm. Bis er sich mit seiner Paraderolle als dummdreistes Büroekel Bernd Stromberg bekannt macht, ist auch Christoph Maria Herbst anonyme Masse. Inzwischen macht er gleich mehrfach Karriere und die Dreharbeiten zur vierten Staffel der kultigen TV-Serie sind denn auch Grund dafür, dass der Schauspieler bei seinem "Millionär"-Leseabend mit Kinderschänderbart und unrasiertem Resthaar im Tollhaus Platz nimmt.

"'Stromberg', das ist die Serie, die mehr Fans als Zuschauer hat", macht der ganz in schwarz gekleidete Herbst ein letztes Mal demonstrativ Werbung in eigener Sache, um sich dann der wiederum hart am Zeitgeist kreisenden "Vollidiot"-Fortsetzung "Millionär" (Fischer Verlag) zu widmen. Und dessen Autor Tommy Jaud - früher bekannt als Headwriter der Sat.1-"Wochenshow" und Creative Producer von Anke Engelkes "Ladykrachern", neuerdings "Thomas Mann der popkulturellen Belletristik" - weiß um die existenziellen, aber irgendwie auch nichtigen Nöte notorischer Single-Existenzen unserer Tage.

Damals waren es Männerfüße mit einem Paar de facto nicht zusammengehöriger Socken, dann Badelatschen im Großformat, welche die Bestsellerregale deutscher Buchhandlungen schmücken. Im von Hochwasserhosen und in Lackschuhen steckenden Tennissocken illustrierten Drittwerk pendelt der Jennylund-Single-Sessel-Geschädigte Simon Peters neuerdings zwischen seiner neuen Hochhauswohnung in Köln-Sülz, Arbeitsagentur (statt T-Punkt) und dem Internet-Café seines persischen Freundes, Shahins Web World, wo er versucht, gegen "20 Euro Büro-Warmmiete im Monat" so etwas wie den schönen Schein eines Arbeitsalltags aufrecht zu erhalten.

"Morgen muss ich in den Osten. Nach Stuttgart."

Dort gibt er den "Beschwerdeführer Belanglosigkeiten", der sich mittlerweile nicht mal mehr zu schade ist, das Alphabet in der Buchstabensuppe auf Vollständigkeit zu kontrollieren - nur um Gratisprodukte und Sozialkontakte zu schnorren. Dann mietet sich zur ohnehin schon unnachbarlichen Touretteturmuhr auch noch die unerträgliche Tusse Johanna in der Penthouse-Wohnung über ihm ein. Doch um Vermieter Zwirbel-Jupp das Mietshaus abzukaufen und die Hummer-fahrende, Wii-spielende EMI-Managerin vor die Tür zu setzen, braucht der Hartz-IV-Empfänger eine ganze Million Euronen. Und eine Geschäftsidee.

Wie es sich für eine gute Lesung gehört, findet Herbst für diese Rahmenhandlung die richtigen Kapitel und Stellen, um einem Unwissenden Lust auf den Roman zu machen und - viel schwieriger - auch jene zu unterhalten, die ihn bereits kennen. Er trägt aus dem ersten Buchviertel von "Do simmer dobei!" bis zu "Königin der Unterschicht" vor, zieht die passenden Passagen nach vorne und peppt sie mit aktuellen Bezügen auf, etwa zur Bankenkrise ("oder würden Sie Ihr Geld einem Institut geben, das mit 'Diba-diba-du' wirbt?").

Die schauspielerische Gabe hält beim Vorlesen nicht inne

Zwischendurch gönnt er sich immer mal wieder ein Schlückchen von der undefinierbaren, dampfenden Brühe mit Stückchen aus der Karaffe neben seinem schlichten quadratischen Lesemöbel. Genutzte Gelegenheiten, die Stimmung noch weiter aufzuweichen: "Morgen muss ich in den Osten. Nach Stuttgart." Selbst als er sich ein einziges Mal an diesem Abend ("und das erste Mal in 43 Jahren!") verspricht und "offene Bühne" statt "offene Küche" sagt, ist es ein Lacher sondersgleichen, den Herbst mit seinem kokettierten Abbruch der "Millionärs"-Lesung ("Ja, da kommt ja jetzt eigentlich auch nix Dolles mehr") auf die Spitze zu treiben weiß. Und noch ein Punkt für die Gast-Ein-Mann-Schaft!

Deshalb ist das Publikum schließlich so zahlreich gekommen, und weil die schauspielerische Gabe des geübten Synchronsprechers auch beim Vorlesen nicht innehalten kann. Wie in einem dem CD-Player entstiegenen Hörspiel fühlt man sich, wenn Herbst mit bloßen Dialogen ein Mikromilieu im kargen Nichts entstehen lässt; Schickse Johanna kiekst und kichert in höchster Stimmlage "Suuuupiiii!", Zwirbel-Jupp blökt in bestem Kölsch, der Titelheld sirent zum Widerstand gegens christliche "St. Bim Bam"-Glockengeläut wie ein islamischer Prediger, dazu der keuchende Shahin und ein sich mit vietnamesischem Akzent mantrahaft am Spruch "Habewia! Daasdebeste!" abarbeitender Wirt der Ha-Long-Bucht. Auch deshalb füllt sich das Karlsruher Tollhaus mit vernehmbarer Vorfreude, als Herbst zum Grande Finale "Dr. Parisi" ankündigt, den stotternden und so gerne von seinem Gegenüber in der dritten Person sprechenden leicht wirren Weißkittelclown.

Jauds Romane muss man hören

Als Zugabe und inhaltlich zwangsläufigen Cliffhanger muss und darf "Mr. Moneybooster" ran; das Kapitel über jenen Kapital-Guru aus dem Lande der Planwirtschaft mit der Vergleichsvorliebe für den Starfeuerwehrmann Paul Neal Adair, der Simon Peters zum "Beschwer-Adair" macht. Geheimformel zur Million: "Wenn du tust, was alle tun, dann kriegst du das, was alle kriegen" - ergo: "Wo tust du, was keiner tut?" Herbst, der den Motivator schon beim Hörbuch (Argon Verlag) mit ostdeutscher Inbrunst gegeben hat, legt nochmals nach und verausgabt sich im wilden Wechsel zwischen Protagonisten und Erzähler dermaßen, dass ihm kleine Schweißperlen auf der hohen Stirn stehen. Längst ist die Lesung in etwas übergegangen, das mancher wohl als Performance bezeichnen würde.

Dabei ist es im Grunde nur Höhepunkt der großartigen Zwei-Stunden-Vorstellung eines Mannes, der definitiv nicht das tut, was alle tun, (dafür auch nicht das bekommt, was alle bekommen, sondern jede Menge Applaus) und an deren Ende zwei Erkenntnisse stehen, die untrennbar miteinander verbunden sind: Jauds Romane muss man gehört haben, denn sie sind literarisierte Comedy - jedenfalls solange Christoph Maria Herbst sie liest, der "Millionär"-Adair, der Oberbrandmeister der deutschen Unterhaltungsbranche.

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20. März 2009

Die Toten Hosen - "In aller Stille"

Die Hosen haben den Blues. Zwar gehen die Düsseldorfer Alt-(Punk-)Rocker auf "Machmalauter"-Tour, das Studioalbum nach vier Jahren Plattenpause heißt aber ganz im Gegensatz "In aller Stille" (JKP/Warner) und ist so melancholisch wie keines seiner 18 Vorgänger.

Das vorab als Gratis-Download erhältliche "Strom" lärmt trotz Nullingertext schon mal gut los, die "Disco" hat alles, Unbekanntes, Bekanntes, Electro-Dance-Beats, mehrstimmigen Hosen-Chor und Breiti-Brett, nur Moskau fehlt. "Die letzte Schlacht" steht als einzige klassische Politnummer ein bisschen verloren da; auch, weil "Dagegen" auf die Single abgeschoben wurde.

Egal, denn dann geht es um alles, um Leben und um Tod, ums Älterwerden und Abschiednehmen. "Teil von mir", "Ertrinken", "Angst", "Alles was war", "Wir bleiben stumm" oder "Leben ist tödlich" heißen die teils tieftraurigen Titel eines Albums, das mitunter eine fast noch druckvollere Gangart an den Tag legt wie der Vorgänger "Zurück zum Glück". Neu ist die Nachdenklichkeit.

Die Texte sind ernster, manchmal schon depressiv. Keine Saufhymne, keine Possen, keine Späße. "In aller Stille" ist wohl die erste Platte seit dem Konzeptalbum "Ein kleines bisschen Horrorschau", die ohne Ausflug ins Humoristische auskommen muss; den dezenten Sarkasmus über Scheinheiligkeiten bei "Innen ist alles neu" mal nicht eingerechnet.

Ein leises Hoch inmitten all der dicken dunklen Wolkenwand beschert der seit 2006 von Freundin und gemeinsamem Kind getrennt lebende Sänger Campino mit seinem Premieren-Duett als moderner Johnny Cash: Seine June Carter, das weibliche Gegenstück, ist die österreichische Schauspielerin Birgit Minichmayr. Bei minimalistischer Instrumentierung besingen sie das "Auflösen", lassen dabei mit wenigen Worten ganz viel Zweisamkeit zurück.

Und ausgerechnet der "Pessimist" rappelt sich wieder: Ein Song wie der Fausthieb in die Fresse, inklusive dem röhrigen Mitwirken von Zweitstimme Kuddel: "Und ich glaube, dass es stimmt - dass alle Pessimisten Lügner sind!" Machmalauter Mann, die Hosen ham's halt immer noch.

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19. März 2009

Slumdog Millionär

Kaum einer unter den großen Regisseuren ist so vielseitig wie Danny Boyle, der sich zwischen Drogen-Groteske ("Trainspotting"), Aussteiger-Abenteuer ("The Beach") und Zombie-Schocker ("28 Days Later") im Laufe der Jahre durch sämtliche Genres gefilmt hat, ohne sich festzulegen. Mit "Slumdog Millionär" setzt der Brite nochmals einen drauf.

Die multiglobale TV-Show "Wer wird Millionär?" ist über zwei Stunden das einzig Vertraute aus der westlichen Welt; und Jamal Malik (Dev Patel) trennt nur noch eine Antwort vom 20-Millionen-Jackpot. Aber warum weiß dieser Junge aus der Gosse Mumbais sogar auf die finale Frage das Richtige zu sagen? Weil es sein Schicksal ist, antwortet der Film. Und blendet zurück. Denn für Jamal ist die Sendung nur Mittel zum Zweck, seine verlorene Liebe Latika (Freida Pinto) in der flirrenden Millionenmetropole wieder zu finden.

Selbst acht "Oscars" und vier "Golden Globes" (jeweils Bestnoten für Film, Regie, Drehbuch und Soundtrack) lassen nur erahnen, was Boyle mit seinem Bollywood-verstärkten Laienensemble aus der Buchvorlage "Rupien! Rupien!" von Vikas Swarup gemacht hat: ein das Elend keinesfalls aussparendes und dabei vor Farbe und Lebendigkeit schier zerberstendes Märchen, ein ekstatisches Ausnahmewerk! Da darf man sich festlegen.

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