Szenen vor der Ehe
Karlsruhe
- Der erste gemeinsame Urlaub ist für jedes Paar die Nagelprobe.
Auch für Gitti und Chris. Am Ende ist das Glas halb leer. Oder
doch halb voll? Diese Geschichte einer jungen Liebe und ihrer
stinknormalen Ernüchterung hat die aus Karlsruhe stammende Maren
Ade zum Thema ihres zweiten Kinofilms "Alle
anderen" gemacht, der auf der "Berlinale" für hitziges Flirren
gesorgt hat. Mit Patrick Wurster unterhielt sie sich vor der Präsentation
in der Schauburg übers
neue deutsche Kino, die Generation Ü30 und ihre Angst vor Melanie
Pröschle.???: 2005 der viel beachtete Abschlussfilm, jetzt der "Berlinale"-Erfolg: Großer Preis der Jury und ein Darstellerpreis für Birgit Minichmayr. "Mein Lebenslauf ist eigentlich ohne Umweg. Was ich manchmal ein bisschen schade finde." Zitat Maren Ade in der "taz" vor den "Silbernen Bären". Denkst du nach der Preisverleihung immer noch so?
Maren Ade: Ja, denn ich habe mich ziemlich schnell fürs Filmemachen entschieden und bin dann gradlinig meinen Weg gegangen. Das heißt aber auch, auf manche Sache verzichten zu müssen; ich hätte mir zum Beispiel auch vorstellen können, im Ausland zu leben oder noch etwas anderes zu studieren. Einen etwas wilderen Lebenslauf könnte ich mir durchaus vorstellen.
???: Schlagworte wie "Berliner Schule", "Nouvelle vague allemande" - also dieses introvertierte Kino von jungen Regisseuren wie Benjamin Heisenberg oder Christoph Hochhäusler mit ihren reduzierten, meist statischen, klaren Bildern - fallen immer mehr, wenn über Maren Ade berichtete wird. Sind das Schlagworte, denen du dich zugewandt fühlst?
Ade: Mit den Filmen und den Regisseuren, die in diesem Kontext genannt werden, kann ich mit vollkommen identifizieren. Das begeistert mich, hat mich beeinflusst. Zwei davon, Valeska Grisebach und Ulrich Köhler, haben ja auch an meinem Film mitgearbeitet, mich dramaturgisch beraten. Was mich dabei stört ist, dass ich doch gerade etwas Neues fertig gemacht habe - und schon wird das auf Gemeinsamkeiten mit anderen Werken hin untersucht. Und dieser programmatische Zusammenschluss wird dem jeweiligen Film dann nicht gerecht. Schließlich wünscht man sich, dass in erster Linie das Eigene wahrgenommen wird.
???: Irgendwie kurios bei einem Film, der sich um ein Paar dreht, das eben nicht so sein will wie alle anderen...
Ade: Wir Filmemacher haben diese Begrifflichkeit ja nicht erfunden; wenngleich er im Ausland und auf den Filmfestivals bestens funktioniert. Aber in Deutschland hat sich das so ein bisschen abgenutzt, steht für Filme, die keine Kasse machen. Branchenintern muss man oft gegen den Begriff anargumentieren.
???: Wie siehst du dich?
Ade: Als Autorenfilmerin.
???: Welche Autorenfilmer und -filme haben dich beeinflusst?
Ade: Ich habe gar nicht so den einen Film oder den einen Regisseur. Cassavetes-Filme mag ich sehr, Filme, die sehr schauspiellastig sind, in denen es starke Figuren gibt. Für "Alle anderen" habe ich viele Filme über Paare geschaut; Ingmar Bergmans "Szenen einer Ehe" war schon in gewisser Weise Vorbild.
???: Du hast nicht nur das Drehbuch geschrieben, Regie geführt, sondern auch noch mit Komplizen Film produziert, deiner eigenen Firma. Kontrollfreak?
Ade: Das würden wahrscheinlich alle unterschreiben, die mit mir zu tun haben. Gerade beim Autorenfilm halte ich das aber auch für wichtig; wenn man so lange an einem Film arbeitet und dann im Nachhinein überhaupt keine Rechte mehr an seinem Werk hat, stimmt etwas nicht.
???: 2007 hast du den Spielfilm "Hotel Very Welcome" über Rucksacktouristen in Asien produziert - hast ja auch zuerst Produktion studiert und dann auf Regie umgeschwenkt. Ein Vorteil für die Arbeit hinter der Kamera?
Ade: Für mich liegt das sehr nahe beieinander; eine produktionelle Entscheidung ist auch immer eine kreative. Ich genieße irgendwie beides, bin auch mal befreit, nicht dem Druck ausgesetzt zu sein, mir sofort wieder etwas einfallen lassen zu müssen. Aber letztendlich bin ich Filmemacherin - die Position ist da zweitrangig.
???: Die Hauptprotagonisten Gitti und Chris bewegen sich in deinem Alter - ist "Alle anderen" eine Zustandsbeschreibung, ein Ü30-Generationenporträt - viele Möglichkeiten, wenig Orientierung?
Ade: Ich mag das Wort nicht, weil ich das Gefühl habe, das schränkt so sehr ein; als ob das ein Film wäre, der nur für die Leute in meinem Alter ist. Ich hoffe natürlich, dass alles, was mit der Liebesbeziehung zu tun hat im Kern etwas Universelles erzählt. Ich freue mich aber, wenn Gleichaltrige sagen: Da habe ich mich wiedererkannt, da hast du uns erwischt. Und ich habe es als Herausforderung empfunden, diesmal etwas mehr über mich zu erzählen anstatt wie bei "Der Wald vor lauter Bäumen" über eine Lehrerin, mit der ich soziologisch nicht so viel gemeinsam habe.
???: Du hast deine Regieassistentin sogar darum gebeten, Bescheid zu sagen, falls sie etwas "Melanie-Pröschle-mäßiges" bemerken sollte. Musste sie eingreifen?
Ade: Eigentlich nicht. Das ist wohl auch in erster Linie meine Angst, mich zu wiederholen. Aber ich wollte diesen Fremdschäm-Effekt auf keinen Fall in diesem Film, weil das die Identifikation verwehrt hätte.
???: Bist du eher Gitti oder Chris - oder findest du dich in "Allen anderen" wieder?
Ade: Ich habe etwas von allen vier Figuren. Es steckt zwangsläufig in diesem Film viel von mir. Ich empfinde ihn auch als etwas sehr Privates, gerade weil alles ausgedacht ist: Ich zeige, worüber ich nachdenke, was mich beschäftigt. Es interessiert mich auch nicht, die Realität nachzustellen. Der Film ist reine Fiktion. Die Geschichte hat vielleicht ihren Ursprung in der Wirklichkeit, aber ich suche gezielt nach einer dramaturgischen Dichte, mag eine gewisse Überhöhung.
???: Wie schwer ist es dir gefallen, den männlichen Part auszustaffieren?
Ade: Ich hatte da schon noch so eine gewisse Resthemmung, dieses ungute Gefühl ich kann dieses oder jenes nicht einfach so behaupten und habe dann ziemlich oft Lars Eidinger gebeten, mir Feedback zu geben. Zumal ein Schauspieler nach einer gewissen Zeit ein gutes Gefühl für seine Rolle bekommt, das man dann als Regisseur auch gerne mal abklopfen kann. Ich wollte von einem modernen Mann erzählen, der Nachdenklichkeit und Melancholie zulässt. Chris erlebt in dem Film ja so etwas wie eine Lebenskrise. Er merkt, dass es ihm nicht gelingt, seinen beruflichen Idealismus aufrechtzuerhalten und beginnt, grundsätzlich an seiner Person und damit an sich als Mann zu zweifeln. Er versucht, den alten, defensiven Chris loszuwerden. Doch er entfernt sich so weit von sich selbst, dass es gefährlich wird. Bei der Frauenfigur hatte ich eher das Gefühl, dass ich alles erzählen darf. Obwohl sie eine selbstbewusste, mutige Frau ist, gerät Gitti ja in große Unsicherheit, was ihre Person angeht. Sie beginnt überraschend, sich ihrem Freund anzupassen, um ihm zu gefallen. Ich erkenne mich mehr in ihr, bin deshalb aber auch strenger mit ihr.
???: Noch ein Zitat: "Mich interessierte schon immer so etwas wie ein Klischee oder etwas Banales." Bei einem Themenkomplex, der so voller Klischees steckt wie vielleicht kein anderer, hast du dich aber erstaunlich zurückgehalten?
Ade: Ich will natürlich keine klischeehaften Figuren in meinem Film haben; trotzdem interessiert mich der Alltag in seiner Banaliät. Da liegt in ganz vielen Details eine Dramatik und Komik, etwas Erzählenswertes.
???: Warum hast du die Geschichte auf einer Ferieninsel angesiedelt?
Ade: Ich wollte das Paar herausstellen aus dem alltäglichen Kontext. Mich haben nicht die Wohnungen interessiert, ihre Freunde oder die Kneipe, in die sie gehen. Das wäre alles zu kleinteilig geworden. Und ein Urlaub ist eine Herausforderung: Man kann nicht voreinander fliehen, die Erwartungen sind hoch. Ich fand diese Isolation gut, das ermöglichte eine Konzentration auf die Geschichte.
???: So wenig die beiden Protagonisten zusammenpassen, so stimmig ist das Spiel der Hauptdarsteller Birgit Minichmayr und Lars Eidinger. Klappt bei derart theatererfahrenen Darstellern alles beim ersten Take?
Ade: Nein. Das liegt aber auch daran, dass ich dazu neige, viel zu drehen. Weil ich's nochmal präzisieren will, konkretisieren will - auch, wenn eine Szene gut gelaufen ist. Wir haben viel an Sätzen, am Rhythmus und Haltungen gefeilt.
???: Lässt du beim Drehen mit dir handeln?
Ade: Wenn ich eine gewisse Natürlichkeit haben will, muss ich den Schauspielern auch Freiheiten zugestehen. Es gibt ein paar Szenen, in denen Birgit und Lars freier gespielt haben, wobei das weit entfernt war von Improvisation. Die Dialoge stehen aber generell so im Drehbuch.
???: Und wie geht es nun mit den beiden nach dem Film weiter - ist das Glas für dich halb leer oder halb voll?
Ade: Mein Gefühl wie es weitergeht zwischen den beiden ist nicht richtiger als die Gedanken des Zuschauers. Es gibt da nur einen individuellen Wunsch oder eine Vermutung, je nachdem wie man den Film gesehen hat. Bei den Sichtungen war es interessant, dass die Zuschauer oft stark für einen der beiden Partei ergriffen haben. Aber es sollte nicht um Recht und Unrecht gehen. In einer Liebesbeziehung spielt sich doch das meiste jenseits dieser Begriffe ab.
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