Beim
King Of Pop regiert der Konjunktiv. Hätte Michael Jackson am 25.
Juni 2009 nicht abgedankt, wäre das Material von den "This Is
It"-Proben nur eine Behind-The-Scenes-Dreingabe zum Konzertmitschnitt
der Londoner Mega-Shows gewesen, die seit letzten Sommer über
die Bühne gehen sollten.
"High School Musical"-Macher Kenny Ortega,
der mit Jackson nach "Dangerous" und "History" im Staples Center
von Los Angeles auch an der Konzertserie gearbeitet hat, montierte
für "This Is It" (Sony
Pictures Home Entertainment) über 100 Stunden akribischer
Vorbereitung aus Michaels letzten Wochen und Tagen beginnend beim
Casting der Dance-Crew zu einem knapp zweistündigen "Making Of"
an- und ineinander, das einen begnadeten Künstler zeigt, der unnachgiebig
am Comeback arbeitet.
Wenngleich die Londoner Pressekonferenz, auf der MJ im März 2009
nach zwölf Jahren Tourpause etwas verstörend seine Wiederkehr
ankündigte, beschönigend zusammengeschnitten wurde, widerspricht
der Film jeglichen Spekulationen um den körperlichen Zustand des
50-Jährigen. Er hinterlässt einen zwar hageren, aber absolut agilen
Jacko und den letzten Eindruck, dass der Moonwalker den Auftrittsmarathon
durchaus bewältigt hätte. 18 Tage vor der Premiere in der 02-Arena
fällt verfrüht der Final Curtain: Michael Jackson stirbt an einer
Überdosis des Betäubungsmittels Propofol.
Weil beim konzeptlosen Dreh natürlich niemand daran gedacht hätte,
dass aus diesen Szenen jemals eine Kinodokumentation entstehen
könnte, musste Ortega auf so etwas wie Dramaturgie oder einen
roten Faden verzichten. Den tragischen Menschen hinter der kaputten
Nase klammert der Film aus. Er beschränkt sich darauf, ein Musikvideo,
eine Hommage, eine Vergötterung zu sein und stellt den Superstar,
die Songs und sein ungebrochenes Tanztalent in den Vordergrund.
Zu hören sind unter anderem die Greatest Hits "Beat It", "Black
Or White", "Billie Jean" und "Man In The Mirror", zu "They Don't
Care About Us" marschiert eine virtuell vervielfachte futuristische
Soldatenarmada auf, die den Moves ihres Vortänzer folgt; in einem
anderen Hintergrundfilm spaziert Jacko als "Smooth Criminal" via
Greenscreen in einen Schwarzweiß-Streifen mit Rita Hayworth und
lässt sich von Humphrey Bogart durch ein Fenster jagen, um so
auf der Bühne vor seinem geliebten Publikum zu landen; "The Way
You Make Me Feel" spielt auf einem überdimensionierten Gerüst
vor Manhattans Skyline; auch seinen Jackson Five macht er mit
alten Film- und Fotoschnipseln eine musikalische Liebeserklärung;
bei "Thriller" entsteigen die Untoten diesmal in 3D ihren Gräbern;
und schließlich wollte Jacko am Ende der Öko-Schnulze "Earth Song"
einen überdimensionierten Schaufellader über die Bühne rollen
lassen. "This Is It" - eine pompöse, perfekt durchchoreografierte
"Best Of"-Pop-Show. Die größte aller Zeiten. Das wär's gewesen.
Denn im Provinzstädtchen Affenfels regnen
plötzlich Hamburger vom Himmel, die Dächer sind von Eiskugeln
bedeckt. Hinter diesem Wetterphänomen steckt der eigenbrötlerische
Erfinder Flint Lockwood, der damit vom Nerd zum gefragten Mann
aufsteigt. Aber die Völlerei wird zum Selbstläufer. Der Bürgermeister
kann den Hals nicht voll bekommen, Flint ist durch das wackelpuddingliebende
Wesen der TV-Wetterfee Sam Sparks abgelenkt und seine Essen-zu-Wasser-Maschine
verursacht plötzlich Hagelschauer in "Super Size Me"-Portionen.
Die wunderbare Vorstellung einer Welt, in der die Leibspeise einfach
in den Schoß fällt, beruht auf Judi und Ron Barretts Kinderbuchklassiker
"Cloudy With A Chance Of Meatballs" aus dem Jahr 1978. Diese nur
32 Seiten starke Vorlage malen sich die durch den MTV-Cartoon
"Clone High" bekannten Animationsfilmer Christopher Miller und
Phil Lord in ihrer 3D-Vision knallbunt und mit kritischen Untertönen
gegen Überflussgesellschaft und Genmanipulation aus.
Auch wenn es für die hintergründigen Charakterzeichnungen und
Anspielungen einer Pixar-Produktion noch nicht reicht, bieten
ihre knackigen, "Golden Globe"-nominierten 90 Minuten temporeiche
Unterhaltung mit Witz und Ironie - eine Schlaraffenland-Fantasie,
an der sich ganze Familien laben können.
Karl
Ranseier ist tot. Der wohl erfolgloseste DVD-Sammler aller Zeiten
starb beim Versuch, an prädestinierter Stelle Platz für die letzte
Staffel von "RTL Samstag
Nacht" (Turbine
Medien/Alive) zu schaffen.
Denn über elf Jahre nachdem das Format eingestellt wurde, ist
sie nun vollendet: die Quintologie der ersten deutschen Comedy-Show.
Nach seinem Moderatorenjob bei der Tittenparade
"Tutti Frutti" wagte sich Hugo Egon Balder gemeinsam mit Jacky
Dreksler ans Unterfangen, "Saturday Night Live" auf deutsche Verhältnisse
zu übertragen. In Wigald Boning, Olli Dittrich, Esther Schweins,
Mirko Nontschew, Tanja Schumann und Stefan Jürgens fand er seine
Stammmannschaft, die das bis dato eher unbekannte Unterhaltungsformat
hierzulande mit famosem Erfolg und jeder Menge Nonsens etablieren
konnte. Als achter Komiker darf nach Aussteigerin Sabine Aulmann
und Einsteiger Tommy Krappweis 1997 Mark Weigel ran und ersetzt
Jürgens als Anchorman beim zu "GNN - Gute Nacht News" umgetauften
Nachrichtenblock.
Der wiederum baut seinen mehr denn je umjohlten Ranseier-Nachruf
zur Solonummer aus, dazu gibt's Schweins als Feldbusch im Sextalk
mit Verona und Schumann im "Piep"-Quiz als Buster mit aufgeblasenem
Dolly-Dekollete, zum "Ah, Bäh oder Zäh"-Pausenfüller kommt der
gewohnte Spätselraß des um die gleichfalls frivol-verdrehten "Senen
einer Zehe" erweiterten "Kentucky schreit ficken".
Harry Klein und Stephan Derrick treffen auf ihre trantütigen Ebenbilder
Fritz Wepper und Horst Tappert, der "Spocht" verspottet diesmal
mit Vorliebe Franzi van Almsick und Mario Basler, "Zwei Stühle,
eine Meinung" Reinhold Messner und Adolf "Adi" Hitler, während
die letzten Folgen der genialen Parodie "Schreinemakers ihre Schwester
TV" laufen, sich die "Far Out"-Boys Pain und Splatter am extremen
Fernbediening, Tramping, Bilding, Silvestering, Versteckspieling,
Reise-nach-Jerusaleming und zum absoluten Höhepunkt Extrem-Samstag-Nachting
versuchen, Ex-Bruder Gottfried vor sich hinmonologisiert ("Da
gucken se, ne?") und der "Märchen-Man" dank Inge Meysels Zauberkugel
nochmals einen Kurzauftritt absolviert.
Als Gäste grüßen wieder Branchenschwergewichte wie Hella von Sinnen,
Dieter Pfaff und Ottfried Fischer; außerdem dabei sind in "Das
Beste aus Staffel 5" Klaus Eberhartinger, Jan Josef Liefers, Richy
Müller, Hans Meiser, Thomas Ohrner, Lutz Reichert, Michael Lesch,
Armin Rhode, Peter Lohmeyer, Lilo Wanders, Jörg Knör, Rufus Beck,
Uwe Ochenknecht, DJ Bobo, Jenny Elvers, Mark Keller, Christoph
Waltz und Dieter Bohlen, der mit Blue System ("Anything") als
einziger auch musikalisch ran darf sowie praktisch alle aufstrebenden
und schon wichtigen deutschen Comedians dieser Zeit von Ingo Appelt,
Rüdiger Hoffmann, Gaby Köster, Roberto Capitoni, Markus Maria
Profitlich bis Atze Schröder, die vielfach ihre Karrieren als
"Samstag Nacht"-Dauerbrenner zündeten.
In den letzten beiden Jahren der Show hatte es immer wieder Gerüchte
über den Ausstieg dieses oder jenes Ensemblemitglieds gegeben,
womit die Mannschaft auch öfters in ihren Nummern kokettiert;
und trotz aufgepepptem Vorspann und frischer Studiokulisse sind
im Rückblick durchaus Abnutzungserscheinungen auszumachen. Doch
als Jürgens am 23. Mai 1998 zum Finale Grande in der 30. Folge
ein einziges Mal als erfolgreichster Engel aller Zeiten in Ranseiers
Rolle schlüpft, Die Doofen "Time To Say Goodbye" anstimmen und
Simone Thomalla nach der Zeugnisvergabe durch Piet Klocke die
obligatorischen Verabschiedungsworte spricht, geht nach fünf Jahren
eine Erfolgsgeschichte zu Ende, ohne die unsere heutige Fernsehlandschaft
wohl längst nicht so viel Spaß verstehen würde.
Manch
Kritiker hatte das Regiegenie im unfertigen "Death
Proof" schon vor die Wand fahren sehen; einer der größten
Filmemacher seiner Zeit ausgeblutet in blinder Zitierwut und Gewaltorgien.
Und was macht Quentin Tarantino? Zieht mit den "Inglourious
Basterds" (Universal
Pictures), der erklärten Anti-"Walküre", einer jüdischen Rachefantasie,
in den Zweiten Weltkrieg und vollführt einen dialoggewaltigen
Befreiungsschlag, bei dem die Nazis nicht nur popkulturell ausgeschlachtet
werden.
Tarantinos siebter Kinofilm ist ein viersprachiger
Bastard fern jeden Reinheitsgebots: ein Spaghetti-Western-Revenge-Kriegs-Movie.
Und der 20-minütige Dialog straft gleich zu Beginn des ersten
Kapitels alle Schwarzmaler Lügen. Mit Ennio-Morricone-Musik und
der auf "Spiel mir das Lied vom Tod" zielenden Zeile "Once Upon
A Time in Nazi-Occupied France" lässt Tarantino am Horizont hinterm
strahlend weißen Laken das braune Unheil heranfahren. Auftritt
Christoph Waltz.
"Es war
einmal im Nazi-besetzten Frankreich"
Der Österreicher ist als Spezialist für verschlagene Charaktere
bekannt; aber die Rolle des Judenjägers Hans Landa wird er in
den kommenden 154 Minuten mit derart diabolischem Genuss schauspielern,
dass es ihm zur Parade gereicht. Es ist diese lauernde Brutalität,
die schlagartig aufzieht, sobald Waltz die Bildfläche betritt.
Er bekommt von allen Darstellern nicht nur die meiste Leinwandzeit,
sondern obendrein den Darstellerpreis der 62. Filmfestspiele von
Cannes, einen "Golden Globe" als "Bester Nebendarsteller" und
den deutschen Medienpreis "Bambi" in der Kategorie "Film International".
Der "Oscar" muss folgen.
Es war also einmal im Nazi-besetzten Frankreich... Während Landa
den französischen Bauern LaPadite (Denis Menochet) verhört, der
im Verdacht steht, Staatsfeinde zu verstecken, gibt sich der weltmännische
SS-Mann freundlich-jovial; doch bald ist klar, dass er es mit
hinterhältiger Berechnung geradezu genießt, sein Vorwissen auszuspielen
und nur auf den rechten Moment wartet, um die leidige Maskerade
fallen zu lassen und sein wahres grausames Gesicht zu zeigen.
Und das tut er auch, lässt Maschinengewehrsalven durch die Dielen
feuern, auf dass das vermeintlich sichere Versteck für die jüdische
Familie darunter zur Todesfalle wird. Eine der Dreyfusens kann
dem Detektiv entkommen: Shosanna (Mélanie Laurent). Aber er wird
sie wiedersehen - als Femme Fatale, die sich ihm und den seinen
zum feurigen Finale im flammenroten Kleid als rachsüchtiger Engel
offenbart.
Doch vorher lernen wir in Kapitel zwei die titelgebenden Basterds
kennen, "Einen Haufen verwegener Hunde", die sich Tarantino aus
Enzo Castellaris etwas anderes buchstabiertem 78er B-Movie "Inglorious
Bastards" ("Quel Maledetto Treno Blindato") mit Raimund Harmstorf,
Bo Svenson und Fred Williamson entliehen hat (und weil das, was
er macht keine Remakes, sondern Hommagen sind, spendiert er dem
Italiener im letzten Kapitel einen kurzen Auftritt). Die Spezialeinheit
jüdisch-amerikanischer Soldaten steht unter dem Befehl von Lt.
Aldo Raine und Brad Pitt muss für seinen Part des überbissigen
Südstaatlers noch heftiger grimassieren als in "Burn
After Reading".
Kunst der Konversation statt
exemplarischer Gewaltdarstellung
Zusammen mit seiner Truppe um den gefürchteten "Bärenjuden" (Eli
Roth) - einem Berserker, der Nazis mit dem Baseballschläger zu
Brei klumpt - und die beiden Überläufer Hugo Stiglitz (Til Schweiger)
und Wilhelm Wicki (Gedeon Burkhard) ist er auf der Jagd nach Naziskalps.
Und ihrem Häuptling. Diese Chance kommt, als Hitler (Martin Wuttke,
der seit seinem "Arturo Ui" am Berliner Ensemble weiß, wie man
eine prächtige Führer-Parodie abliefert), Goebbels (Sylvester
Groth) und der Rest des bis zur Karikatur verzerrten Oberkommandos
an der Kinopremiere eines Propagandastreifens teilnehmen, in dem
der "Stolz der Nation" Fredrick Zoller (Daniel Brühl) nachstellt,
wie er zum Wehrmachtshelden wurde. Was die Basterds auf ihrer
"Operation Kino" nicht wissen: Das Lichtspieltheater gehört Emmanuelle
Mimieux aka Shosanna Dreyfus und nach deren Willen soll die Vorstellung
für die Mörder ihrer Familie zum Fanal werden.
Das Geschehen baut Tarantino auf wie ein klassisches Drama; er
verteilt es auf fünf Kapitel. Trotz seiner langen Laufzeit bietet
er darin im Grunde nichts weiter als fünf Szenen. Und jede einzelne
ist ob ihrer Dialoge und der Darsteller ein für sich stehendes
Kabinettstückchen, das man spielend auch auf die Bühne stellen
könnte. Sein eindringlichstes Stilmittel ist dabei aber eben nicht
die exemplarische Gewaltdarstellung; auch wenn er das Skalpieren
und Schnitzen von Hakenkreuzen (die übrigens vorsichtshalber aus
allen Werbemitteln und Covern entfernt wurden) in Soldatengestirne
ebenso wie den Tyrannenmord, als Maschinengewehrsalven Hitlers
Antlitz bis zur Unkenntlichkeit zerfetzen, durchaus drastisch
ins Bild nimmt. Auch die sich sonst so in den Vordergrund spielende
Musik setzt er diesmal auffallend zurückhaltend ein.
Geschichtsrevision im Kino durch
das Kino
Im Mittelpunkt steht der messerscharfe Dialog. Der war freilich
auch in Tarantinos früheren Werken immer von starkem Reiz, aber
mit den "Basterds" bringt er diese Kunst der Konversation zur
Vollendung. Seine dialogische Detailbesessenheit gipfelt schließlich
im peniblen Sezieren eines Stückchens Apfelstrudel; und sogar
mit solch einer süßen Banalität baut er Spannung auf in einem
Umfeld, wo jedes falsche Wort das Leben kosten kann. In Englisch,
Deutsch, Französisch und Italienisch parliert der Film.
Deshalb verbietet es sich eigentlich "Inglourious Basterds" in
seiner synchronisierten, alles verwischenden Einheitsversion zu
schauen. Es wird auch so genügend Deutsch geredet: Gleich 45 Schauspieler
aus Germany hat Tarantino engagiert, darunter August Diehl als
verschlagenen Sturmbannfüher und Diane Krüger als Filmdiva Bridget
von Hammersmark, Ken Duken, Volker "Zack" Michalowski, Christian
Berkel oder Ludger Pistor. Und Ärzte-Trommler Bela B. ist in einem
Cameo-Auftritt als Platzanweiser in Shosannas Kino zu sehen.
"Sieht so aus, als hätte ich
eben mein Meisterwerk vollbracht"
Es ist überhaupt eine sehr cinephile Welt, in der die Regisseure
Georg Wilhelm Pabst und Leni Riefenstahl ebenso würdige Erwähnung
finden wie das Bergfilmdrama "Die weiße Hölle vom Piz Palü", an
dem sie beide beteiligt waren. Dazu kommen scheinbar beiläufig
eingeworfene Referenzen ans Filmschaffen im Dritten Reich, Truffauts
"Letzte Metro", die "Winnetou"-Reihe und Edgar-Wallace-Krimis.
Ob Tarantino mit dem Mexican-Standoff den Italo-Western würdigt
oder sich selbst, ist inzwischen allerdings nicht mehr so ganz
eindeutig festzustellen.
Und nachdem der letzte Nazi mit Hakenkreuz-Stirnschnitzerei gebrandmarkt
ist, dürfte der Regisseur hinter seiner Linse die Lippen mitbewegt
haben, während er Brad Pitt die vielsagenden Worte sprechen lässt:
"Sieht so aus, als hätte ich eben mein Meisterwerk vollbracht."
Sein
Erstling gilt gleich als das erfolgreichste deutsche Romandebüt
der vergangenen 20 Jahre. Als "Maria, ihm schmeckt's nicht!" 2003
erschienen ist, hatte der Journalist Jan Weiler längst als Chefredakteur
beim "Süddeutsche Zeitung Magazin" Karriere gemacht, der eine
zweite als Romancier und vergnüglicher Vorleser gefolgt ist.
1,7 Millionen Exemplare der zu Papier
gebrachten Selbsterfahrung mit der seltsamen süditalienischen
Sippschaft seiner Frau wurden seither verkauft; die Verfilmung
von Neele Leana Vollmar über teutonische Gründlichkeiten in Bella
Italia verbindet nun die feuilletonistischen Anekdoten mit einem
dramaturgischen Faden und bündelt die sich über mehrere Jahre
erstreckenden Reisen hinreißend zu einer einzigen.
Konfrontiert mit einer Überdosis südländischem Temperament, allerlei
allergischen Reaktionen verursachenden Schalentieren, einer Sprache,
die kein Wort für "satt" kennt, weichen Betten und harter Bürokratie
stellt sich Jan (Christian Ulmen) kurz vor dem Si-Wort die Frage,
ob die Deutsch-Italienerin Sara (Mina Tander), ihr Vater Antonio
(Lino Banfi), dessen Tedesca Ursula (Maren Kroymann) und Campobello
wirklich die Richtigen für ihn sind.
Weiler schrieb für die Filmfassung von "Maria,
ihm schmeckt's nicht!" (Constantin
Film) selbst am Drehbuch mit und nur so ist wohl zu erklären,
dass diese leicht überdrehte Culture-Clash-Sommerkomödie den lakonischen
Humor der Romanvorlage zu treffen vermag.
18
Prozent hatten es laut Forsa-Umfrage für denkbar gehalten, bei
der Bundestagswahl 2009 für Ocker zu votieren. Und tatsächlich
wurden mancherorts Stimmen für Hape Kerkelings Kunstfigur gezählt,
der mit seiner Horst Schlämmer Partei, kurz HSP, und dem Slogan
"Yes Weekend" in "Isch
kandidiere!" (Constantin
Film) antritt, um Kanzler zu werden.
Gestellte und vorgeblich improvisierte
Szenen mischen sich, wenn der grunzende Herrenhandtaschenträger
im doornkaatumwehten Trenchcoat seinen Posten als stellvertretender
"Grevenbroicher Tagblatt"-Chefredakteur verwaisen lässt und sich
bei NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers erkundigt, wie man überhaupt
eine Partei gründet, Rapper Bushido
("Ist der Japaner?") um musikalischen Support bittet und mit dem
Grünen-Bundesvorsitzenden Cem Özdemir schon mal die Chancen einer
"Fango-Koalition" auslotet.
Angela Merkel, Ronald Pofalla und Ulla Schmidt verkörpert Kerkeling
lieber gleich selbst, die Praktikantenstelle an seiner Seite bekommt
Simon Gosejohann. Doch "Kein Pardon" kennt die "Hasenpower für
Deutschland" nur in Bezug auf die Rolle des Glückshasen aus dem
gleichnamigen Kinofilm von 1992, der diesmal als Wahlmaskottchen
mitwinken darf. Um wie Sacha Baron Cohen mit "Borat"
und "Brüno"
zu punkten, ist Kerkelings Charakter längst viel zu bekannt.
Ein bisschen mehr Inhalt als das magere Wahlprogramm hätt's dann
schon sein dürfen, aber Schlämmer-Anhänger amüsieren sich auch
über die lose aneinander geklemmten Momente. Und bei einem weisse
Bescheid: Das echte TV-Duell zwischen Kanzlerin und Kandidat hatte
weniger Unterhaltungswert.
Hallo,
wer kennt hier eigentlich Anajo
immer noch nicht? Zum zehnjährigen Bandbestehen stockt das 2004
gleich als neue Tocotronic gefeierte und "Bundesvision Song Contest"-erprobte
Indie-Trio aus Augsburg vorübergehend um 26 Köpfe auf: "Anajo
und das Poporchester" (Tapete
Records/Indigo) heißt
das selbstgemachte Unplugged-Geburtstagsgeschenk. Und die Monika
steht beinah ohne Tanzband da.
Mit den Studenten der Uni Augsburg waren
die Bud-Spencer-Aficionados Oliver Gottwald (Gesang und Gitarre),
Michael Schmidt (Bass und Keyboard) und Ingolf Nössner (Schlagzeug)
ja bereits auf Tour zu hören und jetzt gibt's ein mit dem Poporchester
im Studio eingespieltes "Best Of" samt zweier Nummern, die bisher
nicht auf Platte zu haben waren: "Jungs weinen nicht", das eingedeutschte
Cover des Cure-Hits "Boys Don't Cry", dürfte Anajo-Konzertgängern
schon von der Bühne entgegengeträllert sein, weniger verbreitet
ist das hier bläserbetriebene "Landei" von einem ihrer ganz frühen
Demos.
Bei dieser Masse an Mitspielern muss der wunderbare Indie-Gitarrenpop
mit seinen dezent verspielten Elektronikelementen Klangraum freimachen.
Doch wie Sie hören, hören Sie nichts; jedenfalls nicht den vermutet
pompösen Orchestersound. Denn die Maxime lautet Minimalismus.
Hier ein Streicher, eine Violine, dort ein Posaunenvorstoß, ein
Flötenlaut und dann traut sich doch noch eine Trompete, die Welt
zu retten. "Monika Tanzband" bietet wie der Szene-Hit "Ich hol
Dich hier raus", die Hommage an Privatschnüffler Josef Matula
samt "Ein Fall für zwei"-Titelthema, "Vorhang auf" und "Lass uns
sein, was wir sind" in Orchesterform viel Vakuum. Und was ist,
wird nur ganz dezent variiert.
Zumindest mitunter mehr Mut zu Vollmundigem wie beim abschließenden
"Honigmelone"-Instrumental hätte die Big-Band-Arrangements um
einiges aufgewertet. Aber macht nichts, Anajos unbeschwerte Songs
sind auch so ganz groß; das zeigt sich schon daran, dass sie auch
in Downgrade-Fassung noch ziemlich steil gehen.
Und so macht die übrige Auswahl mit "Stadt der Frisuren", "Franzi
+ 2", "Lang lebe die Weile", "Mein lieber Herr Gesangsverein"
und der um Klee-Sängerin Suzie Kerstgens entschlackte "BVSC"-Kandidat
"Wenn Du nur wüsstest" vom zweiten Album "Hallo, wer kennt hier
eigentlich wen?" (dessen Titeltrack leider ebenso fehlt wie der
"Streuner") aus diesem retrospektiven Bühnenstück auf jeden Fall
ein äußerst angenehmes Wiederhörn.
In
deutschen Zeitungshäusern herrscht spätestens seit den 90ern die
traurige Meinung vor, teure Recherchierarbeit könne eingespart
werden. Wofür gibt es schließlich PR-Agenturen? Dagegen wird in
England und den USA Öffentlichkeit traditionell vergleichsweise
weniger häufig bereitgestellt, verstehen sich die Massenmedien
noch als vierte Gewalt im Staate. Und unter diesen Bedingungen
darf der großmäulige Enthüllungsjournalist des "Washington Globe",
Cal McAffrey (Russell Crowe), seinen Pressedienst tun.
Als die Assistentin des aufstrebenden
Politikers Stephen Collins (Ben Affleck) unter die U-Bahn und
er in die Schlagzeilen gerät, weil sie obendrein seine Geliebte
war, nimmt eine komplexe Geschichte ihren Lauf, die von Paul Abbotts
BBC-Miniserie "Mord auf Seite eins" ausgehend auf 127 Minuten
Kino heruntergebrochen werden musste.
McAffrey und Collins sind Studienfreunde, daher wird der Reporterveteran
von seiner Chefredakteurin (Helen Mirren) auf die Affäre angesetzt
- und bekommt ausgerechnet Frischling Della Frye (Rachel McAdams)
aus der Online-Redaktion zur Seite gestellt. Aber das ungleiche
Duo ist der wahren Story schon auf der Spur: die von Collins geleitete
Kongressanhörung der Sicherheitsfirma Pointcorp.
Im ständigen Clash von Notizblockermittler Cal und der bloggenden
Redaktionsstubenhockerin Della, seriöser Textarbeit und vermeintlichem
Blabla, dem Spannungsfeld von Investigative Journalism und Verlegerinteressen
schaut sich der zum Komplott ausweitende Kriminalfall wie eine
gute Reportage: fesselnd bis zum Schluss! Der vom Dokumentarfilm
kommende Kevin Macdonald legt dabei Wert auf Realismus, düstere
Bilder, flotten Schnitt, treibenden Score und verpackt im Thriller
einen cleveren Kommentar zum "Stand
der Dinge" (Universal
Pictures) in Sachen Politik, Wirtschaft und Medien.
Es ist aber vor allem auch eine Ode an die gute alte Zeitung,
in der Qualität noch über Quote geht. Oder wie formuliert's die
Nachwuchsreporterin: "Bei so einer großen Geschichte sollten die
Leute schon Druckerschwärze an den Fingern haben, wenn sie's lesen."
In Filmform tut's auch eine Tüte Chips.
Es
ist die Erfolgsgeschichte eines Misserfolgs. Und das in zweifacher
Hinsicht. "Stromberg" ist Kult und vielfach ausgezeichnet, aber
kein Quotenbringer. Allenfalls aus Imagegründen sagt Pro7 zur
vierten Staffel: "Läuft!".
Nicht ohne Grund gibt's parallel alle zehn Folgen als "Limited
Edition" auf DVD (Brainpool Home Entertainment/Sony Music). Und
der peinlichste aller Vorgesetzten ist plötzlich keiner mehr.
Als die Position des Gesamtleiters der
Abteilung Schadensregulierung bei der Capitol
Versicherung vakant wird, weil Vorstandsmitglied Wehmeyer
(Simon Licht) aufsteigt und Amtsinhaber Becker (Lars Gärtner)
nachfolgt, ist die Sache mit der Beförderung so gut wie geritzt
- bis Bernd Stromberg (Christoph Maria Herbst) über die Küchenaffäre
stolpert: Er schießt aus purem Übermut gegen seinen Intimfeind,
den Kantinenchef (Prodromos Antoniadis). Doch der ist nah verwandt
mit einer Capitol-Oberen...
So findet sich der einst vom Ressortleiter Schadensregulierung
M bis Z zum Stellvertretenden Leiter Schadensregulierung aufgestiegene
Antipathieträger im tiefsten Finsdorf,
wieder, selbsterklärtes "Juwel der Heide". Und der Papa leitet
fortan eine dörfliche Capitol-Filiale im abgewrackten, grauen
Eckhaus mit den zwei leidlich motivierten Mitarbeitern Achim Dörfler
(Kai Malina) und der polnischen Bürokraft Magdalena Prellwitz
(Ramona Kunze-Libnow).
Und während sich Wusel Ulf (Oliver K. Wnuk) und Stromberg-Nachfolgerin
Tanja Steinke geb. Seifert (Diana Staehly) das Ja-Wort geben und
der mutterlose Berthold "Ernie" Heisterkamp (Bjarne I. Mädel)
endgültig depressiv wird, versucht der rücklings im Gulag gelandete
Käfer Bernd wieder auf die Beine zu kommen. Dank des vielversprechenden
Büro-Blowjobs von Jennifer "Schirmchen" Schirrmann (Milena Dreißig)
hat Stromberg aber guten Grund, sich trotz Strafversetzung weiterhin
im Kölner Bürokomplex sehen zu lassen.
Stromberg erlebt seinen vorläufigen
tragischen Höhepunkt
Was haben wir's vermisst, das prustig-herausgepresste Hustenlachen
hinterm Kinderschänderbärtchen, Krawatte langziehen und andere
Unarten, das goldene Armkettchen, die angebrochenen Sätze, die
derb-genialen Sprüche ("Wie isses gelaufen? Wie ist Stalingrad
gelaufen?") - unser aller Lurchi eben!
Vor heiklen Themen wie übelstem Mobbing hat sich die Serie ja
noch nie gedrückt, aber so schlimm war es selten um die ans englische
Vorbild "The Office" angelehnte Mockumentary mit ihrem augenscheinlichen
Kamerakonzept "Professioneller Dilenttantismus" bestellt; Stromberg
erlebt seinen vorläufigen tragischen Höhepunkt, sogar Selbstmord
ist kein Tabu mehr. Autor Ralf Husmann ist diesmal weitaus bösartiger
als bisher, überdreht den Realismus noch stärker ins Absurde.
Aber allein die durch einen Blick, eine beiläufige Geste und die
wohlgesetzte Pause entstehende Komik ist immer noch einmalig in
der deutschen Fernsehlandschaft!
Was Lurchi auf dem Lande so schön mit "Inzesthausen" titulieren
darf, ist in Staffellänge ein herrlicher Abgesang auf die piefige
Provinz mit ihren Feuerwehrfesten und Schützenkönigen. Und die
310 Minuten enden auf eine Weise, die nahelegt, dass die Bürographie
auch ohne Quote (und vielleicht im Kino?) in eine weitere Runde
gehen könnte. Denn die Serienfigur Stromberg ist nicht nur bei
der Capitol die "Werbe-Ikone" schlechthin.
Quasi
über Samstagnacht brachten sieben Spaßmacher mit der Adaption
des beinahe gleichnamigen amerikanischen Formats "Saturday Night
Live" im Herbst 1993 die Comedy nach Deutschland. Und jetzt gibt's
1.260 weitere Minuten "RTL Samstag Nacht - Das Beste aus Staffel
4" (Turbine
Medien/Alive) live on
Disc.
Als am 21. September 1996 die vierte und
vorletzte Staffel anläuft, ist die Reihe der Produzenten Hugo
Egon Balder und Jacky Dreksler mit dem "Bayerischen Fernsehpreis",
dem Löwen von Radio Luxemburg sowie einem "Bambi" ausgezeichnet
und fester Bestandteil des Wochenendes; anarchisch, satirisch,
rotzfrech oder einfach völlig balla balla präsentieren Esther
Schweins, Mirco Nontschew, Olli Dittrich, Stefan Jürgens, Tanja
Schumann, Wigald Boning und der damals seit einem Jahr an Bord
befindliche Tommy Krappweis Sketche und Parodien, die inzwischen
nichts weniger als Fernsehpopkultur sind.
Mit dem "Grimme-Preis" ausgezeichnet ist die Talkrunde "Zwei
Stühle, eine Meinung", in der Boning mit einem "Halli hallo"
Dieter Bohlen, Quasimodo, Mike Tyson, Boris Becker und andere
Knallköpfe sowie die selbstkreierten Figuren Luden-Mike Hansen,
das sprechende Schaf Billy und die Verwandtschaft von Boxer Butsche,
Bruder Bubi und Schwester Bibi Roni begrüßt, in deren Haut jeweils
sein kongenialer Kollege Dittrich steckt.
"Pucki ist weg" und heiterer
Spätselraß in der Bühnchenhude
In "Derrick" sehen wir Jürgens und Krappweis als Stephan und Harry
auf Gaunerjagd; Schumann legt als "Schreinemakers ihre Schwester"
selbst der echten Margarete zu Themen wie "Hilfe, ich bin Peter
Bond" oder "Hilfe, wenn ich Pornos gucke, schubbeln meine Nippel"
die mütterliche Hand aufs Knie; die Jungs von "Far Out", Nontschew
alias Pain und Krappweis alias Splatter, gehen in die Extreme
und versuchen sich im Bekiffing, Supermanning, Ikeaing, Russisch-Rouletting,
Graffitiing, Suppenkaspering, Doktorspieling und Auf-den-Bus-Warting.
Mit den "Freitag Nacht News", moderiert von Henry Gründler und
Ruth Moschner, konnte sich eine "Samstag Nacht"-Nummer nach dem
Aus 1998 sogar in die Eigenständigkeit retten: Wenn der klöppelnde
Ex-Anchrorman Hans Meiser die Nachrichten einläutet, ist klar,
dass Jürgens und Schweins auch beim allwöchentlich umjubelten
Vermelden des Ablebens eines gewissen Karl Ranseier das letzte
Wort haben. Und dann gibt's natürlich "Neues vom Spocht", wo sich
diesmal vieles um Pucki, die sympathische Hartgummischeibe dreht.
Der ist nämlich weg.
Ebenfalls in der sechs DVDs starken Box mit ihren 32 Folgen aus
dem festen Bouquet an Sketchen: "Die kleine politische Ecke" mit
Herrn Schall und Herrn Rauch, die Nonsense-Interviews aus "Wigalds
Welt", "Wilhelms Woche", die Monologe von Ex-Bruder Gottfried
("Rufen Sie mich an - auch nachts!"), "Eine schrecklich karnevalistische
Familie", "Für alle Fälle Schwester Esther", die "Hobbythek" mit
Jean "Olli" Pütz, das zweizeilernde Orakel-Whip Ali Bengali und
natürlich laufen die von spitzen Schreien begleiteten Aktionswochen
bei "Kentucky
schreit ficken": Zum heiteren Spätselraß in die Bühnchenhude
lockt allerlei lecker Kreinschwam.
Selbst Möllemann schaut auf einen
Sprung vorbei
Von den Musik-Acts konnte unter anderem Depeche Mode ("It's No
Good") und den Fantastischen Vier ("Der Picknicker") rechtliche
Unbedenklichkeit bescheinigt werden und natürlich mischen neben
der Studioband RTL Samstag Nacht Allstars unter der Leitung von
Martin Ernst, der auch das bekannte Saxophon-Intro komponiert
hat, wieder jede Menge Promis mit: Til Schweiger versucht sich
als Apothekentürsteher, Jochen Busse wird zum Zahnarzt, Iris Berben
dreht krumme Dinger, Rüdiger Hoffmann bremst das Mobbing aus,
Gaby Köster berichtet von dreibeinigen Wesen, Henry Maske trifft
Butsche Roni, Markus Maria Profitlich erweist sich als Computerexperte
und Rainhard Fendrich spielt "Schmerz-Blatt".
Dauergast und Oberarschloch Ingo Appelt hat's derweil von Zivildienst,
Tierliebe, Fußball, Babyboom, seinem besten Freund Gregor Gysi
und Suizid, Michael Winslow vertont das Tennismatch McEnroe vs.
Chang und Jenny Elvers ist die Zigarette danach. Dazu gesellen
sich Piet Klocke, Moritz Bleibtreu, Maren Kroymann, DJ Bobo, Dirk
Bach, Iris Berben, Hape Kerkeling, Jochen Busse ("Da liegt kein
Segen drauf"), Peter Shub, Ottfried Fischer, Walter Freiwald,
Karl Dall und Mike Krüger. Dabei macht nicht nur das wehmütige
Wiedersehen mit Klaus Wennemann bewusst, wie lange es her sein
muss. Selbst der Möllemann schaut noch auf einen Sprung vorbei
(und zieht ausnahmsweise Leine), dazu kommen jede Menge Michael-Jackson-Witze
oder kurz gesagt: das Beste, was deutsche Comedy zu bieten hatte.
"Jetzt
ist schon wieder was passiert." Na endlich, Oida! Wenn nämlich
dieser einleitende Satz gesprochen wird, haben Autor Wolf Haas,
Regisseur Wolfgang Murnberger und Schauspieler Josef Hader einen
neuen Fall vom Brenner verfilmt. 2009 ist "Der
Knochenmann" (Majestic Home
Entertainment) dran, zweiter Roman der sieben Bände fassenden
Reihe um den abgewrackt-liebenswerten Privatschnüffler.
Unwillig übernimmt der Brenner von seinem
inzwischen autohandelnden Spezi Berti (Simon Schwarz) den mickrigen
Auftrag, einen säumigen Zahler zur Begleichung seiner Leasingraten
zu bewegen. Um den ominösen Herrn Horvath zu finden, macht er
sich von Wien auf in die schneebedeckte österreichische Provinz
zur Backhendlgaststätte Löschenkohl, wo ihm die Gitti (Birgit
Minichmayr), Frau des untergebutterten Juniorchefs Pauli (Christoph
Luser), alsbald schöne Augen macht. Und vor lauter Hineinschaun
hätte der Brenner auf seinen weichen Freiersfüßen fast übersehen,
dass der bullige Wirt (Josef Bierbichler) nicht nur abgenagte
Hühnergebeine durch die Knochenmühle malmt. Dann geht das Rotlicht
an.
Schon mit den ersten beiden Adaptionen "Komm, süßer Tod" und "Silentium"
ist Ausnahmekabarettist Hader eins geworden mit dem herrlich lakonischen,
schmähsprühenden Ex-Polizisten Simon Brenner, dieser Ausgeburt
des absoluten Antihelden, der an der Seite des übrigen Skurrilitätenkabinetts
begleitet von Slapstick, Situationskomik, Satire, Sarkasmus und
umwerfenden Dialogen den morbiden Heimatthriller erneut ständig
ins Groteske tunkt. Diesmal ist's ein wahrer Ösi-"Fargo", den
das Erfolgstrio über 126 Minuten und mit wesentlich mehr Kinoformat
inszeniert als seine Vorgänger. "Das ewige Leben" ist der nächste.
2011 soll endlich wieder was passiern.
Der
Liedermacher muss sein Herz zwangsläufig auf der Zunge tragen.
Stimmt das, scheint Götz
Widmann derzeit die Sonne aus allen Löchern. Denn er schwelgt
nach dem eher eruptiven "Böäöäöäöäöä"
auf seinem ebenso vielsagenden Neuling "Hingabe" (Ahuga/Alive)
in Harmonien.
Wieder hat Widmann 13 neue Stücke live
eingespielt, aufgenommen vor kleinem Publikum an vier Abenden
im Kölner Theater
im Bauturm und ohne Anlage, was die ganze Produktion vornweg
mit wohligem Wohnzimmercharme umgarnt.
Schon im eröffnenden "Streiten und Liebe machen" setzt der Bonner
Barde auf Einklang: "Wie gut mir deine Liebe tut" und "Wolke 7"
sind nicht nur zwei richtig schöne Bekenntnisse, sie dokumentieren
ganz ohne Umschweife Befindlichkeit, markieren ein weiteres Ende
der Einsamkeit. Und mit Mitte 40 findet Widmann für solche Wohlstände
offenbar zusehends Worte. Da wirken selbst die drei berühmten
nur konsequent.
Einzig das die Weiblichkeit anklagende "Jesus Freak" und "Die
schöne Frau hinter der Bar" stammen (zu Erheiterung des Hörers!)
ganz offensichtlich aus einer vergangenen Lebensphase, als Fickblick
und Nebenbuhler noch eine Rolle gespielt haben. Nachdenklich gestimmt
ist sein persönliches "Babylon", aber dann ist da ja der Titelsong
"Hingabe", das "Glaubensbekenntnis eines Ungläubigen mit spirituellem
Restbedürfnis", in dem Widmann gleich wieder jeden Zweifel wegwischt.
Bei diesem Loblied aufs Leben lehnt sich sogar die mittlerweile
nicht mehr ganz so obligatorische Anbauernummer mit Option zum
Aufhören entspannt zurück ("Vier Jahreszeiten").
Gottoderwemauchimmerseidank kann er sie auch angesichts vollkommener
Glückseligkeit aber nicht unterdrücken, seine herrlich abseitigen
Gedanken, diese Gabe, eine fixe Idee auf dreieinhalb Minuten Musik
auszuwalzen. Das genial entnervt intonierte "Schwanger" ist so
eine. Widmann begibt sich auf die Spuren von Schwarzeneggers "Junior"
und schließlich kommt auch noch die Schlaggitarre zum Einsatz:
Tod dem "Laptopwebcammann"!
Und welche halbwegs ansehliche Frau bislang ernsthaft geglaubt
hat, der Gegenüber würde ihr stets ungeteilte Aufmerksamkeit schenken,
weiß nun, was im Laufe einer Konversation in so einem "Mannhirn"
vorgeht. Auch beim sarkastisch-zynischen Abgesang auf den "Sozialberuf"
darf das Schmunzeln beibehalten werden und mit dem wortspielerischen
"Bubble Bubble Blablabla" gibt's einen heiteren Nonsense-Zweizeiler
- auf Englisch!
Abgesehen davon ruht diese Platte in sich selbst - auch, weil
sich Widmann diesmal ganz der Liedkunst hingibt und die Ansagen
zwischen den Stücken außen vor gelassen hat. Für den Moment ist
von seiner Seite anscheinend alles gesagt.