8. Januar 2003
Kuno Bärenbold, Schriftsteller
Wie es sich als Schriftsteller im beschaulichen Karlsruhe lebt? „Schlecht, aber gut.“ Seine Standard-Antwort. Da muss er nicht lang nachdenken. Die ersten Versuche als Schreiber datieren noch aus seiner Zeit in der Justizvollzugsanstalt Heilbronn – längst Geschichte. Dort veröffentlicht er in der Gefangenenzeitung „ZU“ seine ersten Zeilen. Dass er mal im Knast war, daraus hat Kuno Bärenbold nie einen Hehl gemacht. Nur das „warum“ muss er nach so vielen Sommern nicht mehr jedermann auf die Nase binden. Warum sollte er auch oder ist der Grund seiner Inhaftierung wirklich von Belang? Dem Mann mit dem markanten bogenförmigen Schnauzbart jedenfalls, den sie so liebevoll Kunobär nennen, kommt es auf etwas ganz anderes an.
Ob verarmte Klofrauen, vereinsamte Prostituierte, verwahrloste Junkies, verzweifelte Obdachlose, vernachlässigte Behinderte oder eben verkannte Ex-Häftlinge – Kuno Bärenbold kämpft verbissen gegen die Vorverurteilung von Randgruppen. Mit seinen Waffen wohlgemerkt. Denn die Feder ist bekanntlich um ein vielfaches mächtiger als das Schwert.
„Verführung zum Lesen. Gegen Vorurteile – für Toleranz“ heißt deshalb auch sein neues Buch-Projekt. Mit 20 Erzählungen über den Strafvollzug, die Arbeitswelt, über Lebenshungrige und Liebesträumer, von Achtklässlern der Neuenstadter Realschule aus seinen Büchern ausgewählt, versucht er für seine Sache zu sensibilisieren. So auch in den vorangegangenen „bären(bold)starken“ Büchern. Sechs an der Zahl hat der in Durlach lebende Schriftsteller bislang veröffentlicht.
Doch nicht nur als Autor, auch als Rezensent für verschiedene Medien hat sich der Mann mit der Baskenmütze über die Grenzen der Fächerstadt hinaus einen Namen gemacht. Ewig nörgelnde Kollegen hingegen beäugt er kritisch. „Ich jedenfalls verreiße längst keine Bücher mehr – für wen denn?“ Zum Lesen verführen möchte er. „Das Lesevirus verbreiten“, wie er sagt. Er selbst war lange Zeit immun, bis zum 27. Lebensjahr. Dann kam der Knast und wurde Wendepunkt seines Lebens.
„Ich hatte jahrelang Zeit gehabt, das Lesen zu lernen“, erzählt Kuno Bärenbold mit ironischem Unterton im Rückblick auf seine Knastzeit – um sogleich zu ergänzen: „Und ich bin stolz darauf, heute als Autor und Kritiker das zurück geben zu können, was ich im Knast (auch!) gelernt habe – das Lesen.“ Das ist sein Geschenk an die da draußen, um gleichzeitig auf eine Grafik des Künstlers Gerhart Frey zu verweisen. Bärenbold zieht hier einen prallvollen Bücherkarren und ruft den Leuten provozierend zu: „Lest doch, ihr Flaschen!“
Es geht aber auch anders, nämlich mit zuhören: Seine Lesungen in Schulen, Jugendzentren, Gefängnissen, Büchereien oder Kulturkneipen sind dem badischen Vorzeigepoeten ebenso wichtig, wie die tägliche Ration Literatur: „Einen Tag ohne Lesen?“, fragt er ungläubig, „das ist für mich unvorstellbar!“
Doch Bärenbold ist nicht nur solo zu erleben: Gemeinsam mit dem Mundart-Dichter Harald Hurst und dem Musik-Kabarettisten Gunzi Heil füllt „Karlsruhes Boy Group der Literatur“ regelmäßig die Hallen und Säle der Umgebung. In einer ihrer wenigen Sternstunden bezeichnete eine hiesige Tageszeitung die sympathischen Künstler auch schon so treffend als „Die Drei von der Denkstelle“.
Zum Nachdenken anregen, darauf kommt es Kuno Bärenbold an. Doch trotz aller ideellen Wertschätzung, die er dem geschriebenen Wort beimisst, muss sich der erklärte Literatur-Liebhaber mit einem tiefen Seufzer eingestehen: „Schade nur, dass Bücher nicht küssen können.“
