8. Januar 2003
Schlagerprinzessin ganz in „Ruge“
Stuttgart — „Wer Liebe lebt“ sang sie einst aus voller Brust und katapultierte sich damit bis zum „Grand Prix“ nach Kopenhagen. Dass dieses Unterfangen nicht von Erfolg gekrönt war, ist für Michelle längst nicht mehr von Belang. Denn das aktuelle Album „Rouge“ der als Tanja Hewer geborenen Sängerin schickt sich an, seine Vorgänger zu überflügeln. Patrick Wurster sprach vor dem Tourneestart mit der Schlagerprinzessin im Stuttgarter Interconti über das aktuelle Album, verflossene Liebschaften und neue Liebeleien, über Sex-Tattoos und das Leben nach der Karriere.
???: Dein Album „Rouge“ (Electrola/EMI) ist nach der Veröffentlichung am 2. September vergangenen Jahres von Null auf Platz Fünf der deutschen Album-Charts gestiegen. Hast du diesen Erfolg erwartet?
Michelle: Erwartet ist vielleicht der falsche Ausdruck. Aber nachdem das „Best Of“-Album schon sehr gut angekommen ist, hofft man natürlich darauf, dass der Nachfolger noch besser einsteigt. „Rouge“ ist immer noch deutscher Schlager, aber wir haben versucht mit der Zeit zu gehen. Heutzutage gehört schon viel dazu ein solches Album gut in den Charts zu platzieren.
???: Die Aufnahmen sollen in einer sehr lockeren Atmosphäre entstanden sein. War’s denn so ein Zuckerschlecken?
Michelle: Ja, die Atmosphäre war in der Tat sehr entspannt. Wir haben das Album auf Ibiza eingespielt und weil wir nicht alles am Stück aufgenommen haben, hat es sich schon über ein halbes Jahr hingezogen.
???: Deine Stimme klingt auf dem neuen Album um einige Nuancen gereifter. Wie kommt das?
Michelle: Das liegt unter anderem auch an Matthias Reim, der „Rouge“ produziert hat. Er weiß genau, wo meine Stärken liegen. Man kann sich einfach viel mehr öffnen, wenn man sich so gut kennt wie wir zwei — und das macht sich eben auch im Ergebnis bemerkbar.
???: Gibt es eigentlich einen persönlichen Favoriten unter deinen 13 neuen Songs?
Michelle: Meine absolute Lieblingsnummer ist „Bis ans Ende der Welt“. Das ist ein sehr ruhiges Stück. Ich mag unheimlich die persönliche Atmosphäre an diesem Lied. Es fällt mir sehr leicht, es zu singen — aber ich glaube das ist wohl immer so, wenn man einen Favoriten hat.
???: Bei drei Titeln stammt der Text aus deiner Feder, bei zwei anderen warst du beteiligt. Wie kommt es, dass du diesmal mehr Einfluss genommen hast als bei früheren Produktionen?
Michelle: Ich hatte irgendwie das Gefühl, dass ich diesmal ein bisschen mehr von mir selbst preisgeben kann. Ich würde allerdings kein komplettes Album texten wollen, da wäre dann so ein Druck des Müssens.
???: Einerseits heißt es, die Texte auf „Rouge“ seien pure Fiktion, andererseits sagst du, dass du noch nie Texte mit soviel Überzeugung gesungen hast. Wie passt das zusammen?
Michelle: Das mag auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen, aber vielleicht kann man es so erklären: Ich singe über die Gedanken der anderen. Schließlich bin ich erst 30 Jahre jung und kann das noch gar nicht alles selbst erlebt haben.
???: Vergleicht man Songs wie „Hast du Lust“ oder „Ich tanz auch allein“ mit sanfteren Nummern wie „Bringst du mich heute Nacht nach Hause“ oder „Wenn der Regen wieder fällt“, dann ist der Kontrast von stark und verletzlich unverkennbar. Findest du dich in diesem Spannungsverhältnis wieder?
Michelle: Richtig, das sind Texte, die in der Tat sehr unterschiedlich sind. Aber jede Frau hat sowohl starke als auch schwächere Seiten — und diese Facetten habe ich natürlich auch. Da gibt es neben glücklichen ebenso zerbrechliche Phasen, in denen man sich einen Freund wünscht, wie in „Bringst du mich heute Nacht nach Hause“. Viele Frauen werden sich in diesem Lied wiederfinden, denn fast jede wünscht sich solch einen Mann: Einer, der für sie da ist — aber nicht bei der nächst besten Gelegenheit mit ihr in die Kiste hüpfen möchte.
???: Wo du das Thema schon ansprichst: Gibt es einen neuen Mann in Deinem Leben?
Michelle: Auf diese Frage habe ich schon gewartet. Nein, den gibt es nicht und ich muss sagen, ich bin so, wie ich jetzt lebe, wirklich glücklich und habe alleine alles ganz gut im Griff. Ich hätte den Kopf momentan gar nicht frei, um mich in eine neue Beziehung zu stürzen. Natürlich bin ich auch etwas vorsichtiger geworden und lasse mich nicht mehr so schnell auf einen Mann ein. Der nächste, der in mein Leben tritt, wird auf alle Fälle erst mal auf Herz und Nieren geprüft, bevor er meine Kinder kennen lernt. Ich bin ohnehin keine Frau, die in der ersten Nacht mit einem Mann ins Bett steigt. Das habe ich noch nie gemacht und das werde ich auch niemals tun. Ich bin auf eine feste Beziehung aus — auch der Kinder wegen. Denn ich möchte ihnen auf keinen Fall dieses Wechselspiel vorleben: erst kommt ein Mann, dann geht er wieder und das Ganze wieder von vorne. Wenn man einen Partner kennen lernt, sollte Sex nicht ausschlaggebend sein. Für mich sind ganz andere Dinge wichtig: Ich will den Menschen erst einmal richtig kennen, möchte wissen, ob er der Richtige ist. Wenn ich mit einem Mann ins Bett gehe, dann ist das die letzte Mauer, die bei mir fällt.
???: Du musstest in der Vergangenheit vieles aus deinem Privatleben in der Boulevard-Presse lesen. Wie sehr nervt dich das?
Michelle: Bis zu einer gewissen Grenze ist das ein Geben und Nehmen. Leider wird diese Grenze sehr oft überschritten. Aber letztendlich kann man nichts dagegen tun. Wenn es drin steht, dann steht es drin. Nehmen wir einmal diese Tattoo-Geschichte: Dass die „Bild“ meine Tätowierung als Sex-Tattoo betitelt hat, darüber habe ich mich echt geärgert. Ein Sex-Tattoo ist in meinen Augen etwas ganz anderes. Da müsste ja das Motiv etwas mit Sexualität zu tun haben, was keineswegs der Fall ist! Das ist eine ganz normale Zeichnung. Aber so sind eben die Aufmacher.
???: Bislang ist dieses Intim-Tattoo nur ein halb gelüftetes Geheimnis. Bleib es dabei?
Michelle: Dabei bleibt es! Was ich gezeigt habe ist okay, aber mehr gibt’s nicht. Bei so etwas ziehe ich eine klare Grenze, das ist meine Privat-Sache!
???: Du lebst jetzt in Köln. Hast du noch Kontakt zu deiner alten Heimat im Schwarzwald?
Michelle: Ja, ich habe noch Kontakt nach Villingen-Schwenningen und zwar zu einer Familie, bei der ich längere Zeit gelebt habe. Aber ich liebe Köln und da will ich auch nicht mehr weg!
???: Du hast in einem Gespräch mit Reinhold Beckmann erzählt, „mit 40 höre ich auf.“ Was kommt nach der Schlager-Karriere?
Michelle: Also noch sind es ja zehn Jahre hin bis es soweit ist. Aber 40 ist für mich einfach die magische Grenze, da möchte ich
nicht mehr auf der Bühne stehen müssen. Das hat verschiedene Gründe: Es ist zwar wunderschön im Scheinwerferlicht zu stehen und das Publikum gibt mir auch sehr viel, aber das Leben hinter der Bühne ist ein anderes: Man muss kämpfen, ständig präsent sein und natürlich möchte man immer an der Spitze stehen. Bis 40 halt ich noch durch, aber dann möchte ich das einfach nicht mehr. Vielleicht arbeite ich nach der aktiven Karriere im Hintergrund mit oder helfe Newcomern auf die Sprünge — irgend etwas wird sich finden. Wenn man für die Musik lebt, dann kann man das nicht einfach so abstellen. Abgesehen davon möchte ich mich dann auf alle Fälle noch mehr für Kinder einsetzen.
???: Viele andere Künstler haben den Absprung zur rechten Zeit verpasst…
Michelle: Dieses Gefühl, geliebt zu werden ist schon etwas ganz Besonderes. Aber in meinem Leben gibt es Dinge, die mir einfach wichtiger sind. Für viele andere Künstler mag dieser Einwand zutreffen, aber für mich ist die Musiker-Karriere nicht alles. Wenn ich nach Hause komme, dann lachen mich zwei Kinder an. Das ist mein Leben.
???: Was sagt denn die sechsjährige Tochter zum Erfolg der Mama?
Michelle: Celine findet es „okay“ was ich mache. Im Grunde ist es für sie etwas völlig normales.
???: Wie schaffst du es, Kinder und Karriere unter einen Hut zu bringen?
Michelle: Es ist — zugegeben — nicht ganz einfach. Ich muss viele Menschen einbeziehen, denen ich voll vertraue. Wie zum Beispiel meiner Kinderfrau, die seit fünf Jahren bei uns zu Hause wohnt.
???: Du hast nicht nur ein Herz für deine eigenen Kinder, sondern auch für Patenkinder in Indien und Afrika. Außerdem unterstützt du das Hamburger Projekt „Findelkind“. Es gibt viele Arten sich sozial zu engagieren, warum gerade auf diesem Weg?
Michelle: Ich finde es sehr schlimm, was gerade in Indien mit den Mädchen passiert. Seit fünf Jahren versuche ich schon, ein indisches Kind zu adoptieren, aber es ist schlicht unmöglich. Wer dazu in der Lage ist, Kinder zu kriegen — und das kann ich mit meinen beiden Mädchen schlecht leugnen — der hat im Prinzip keine Chance. Aber es gibt auch noch andere Kinder, die Hilfe brauchen. Kinder, die von ihren Müttern in die Mülltonne geworfen oder einfach ausgesetzt werden. Auf sie will ich mich künftig konzentrieren. Darum ist das letzte Lied des neuen Albums „Das Lachen eines Kindes“, an dem ich auch selbst mitkomponiert habe, der Klappe in Hamburg gewidmet.
???: Wie steht es um deine Autobiografie?
Michelle: Da bin ich schon seit einigen Jahren dran. Mal schauen, ich setze mir da kein Ultimatum.
???: Wird es nach Kopenhagen 2001 wirklich keine Michelle mehr bei einem „Grand Prix“ geben?
Michelle: Nein, das mit dem „Eurovision Song Contest“ war eine sehr schöne und wichtige Erfahrung, die ich nicht missen möchte — aber dabei will ich es auch belassen. Das sollen künftig andere machen.
