MichelleStutt­gart — „Wer Liebe lebt“ sang sie einst aus vol­ler Brust und kata­pul­tierte sich damit bis zum „Grand Prix“ nach Kopen­ha­gen. Dass die­ses Unter­fan­gen nicht von Erfolg gekrönt war, ist für Michelle längst nicht mehr von Belang. Denn das aktu­elle Album „Rouge“ der als Tanja Hewer gebo­re­nen Sän­ge­rin schickt sich an, seine Vor­gän­ger zu über­flü­geln. Patrick Wurs­ter sprach vor dem Tour­nee­start mit der Schla­ger­prin­zes­sin im Stutt­gar­ter Inter­conti über das aktu­elle Album, ver­flos­sene Lieb­schaf­ten und neue Lie­be­leien, über Sex-​​Tattoos und das Leben nach der Karriere.

???: Dein Album „Rouge“ (Electrola/​EMI) ist nach der Ver­öf­fent­li­chung am 2. Sep­tem­ber ver­gan­ge­nen Jah­res von Null auf Platz Fünf der deut­schen Album-​​Charts gestie­gen. Hast du die­sen Erfolg erwar­tet?
Michelle: Erwar­tet ist viel­leicht der fal­sche Aus­druck. Aber nach­dem das „Best Of“-Album schon sehr gut ange­kom­men ist, hofft man natür­lich dar­auf, dass der Nach­fol­ger noch bes­ser ein­steigt. „Rouge“ ist immer noch deut­scher Schla­ger, aber wir haben ver­sucht mit der Zeit zu gehen. Heut­zu­tage gehört schon viel dazu ein sol­ches Album gut in den Charts zu platzieren.

???: Die Auf­nah­men sol­len in einer sehr locke­ren Atmo­sphäre ent­stan­den sein. War’s denn so ein Zucker­schle­cken?
Michelle: Ja, die Atmo­sphäre war in der Tat sehr ent­spannt. Wir haben das Album auf Ibiza ein­ge­spielt und weil wir nicht alles am Stück auf­ge­nom­men haben, hat es sich schon über ein hal­bes Jahr hingezogen.

???: Deine Stimme klingt auf dem neuen Album um einige Nuan­cen gereif­ter. Wie kommt das?
Michelle: Das liegt unter ande­rem auch an Mat­thias Reim, der „Rouge“ pro­du­ziert hat. Er weiß genau, wo meine Stär­ken lie­gen. Man kann sich ein­fach viel mehr öff­nen, wenn man sich so gut kennt wie wir zwei — und das macht sich eben auch im Ergeb­nis bemerkbar.

???: Gibt es eigent­lich einen per­sön­li­chen Favo­ri­ten unter dei­nen 13 neuen Songs?
Michelle: Meine abso­lute Lieb­lings­num­mer ist „Bis ans Ende der Welt“. Das ist ein sehr ruhi­ges Stück. Ich mag unheim­lich die per­sön­li­che Atmo­sphäre an die­sem Lied. Es fällt mir sehr leicht, es zu sin­gen — aber ich glaube das ist wohl immer so, wenn man einen Favo­ri­ten hat.

Michelle???: Bei drei Titeln stammt der Text aus dei­ner Feder, bei zwei ande­ren warst du betei­ligt. Wie kommt es, dass du dies­mal mehr Ein­fluss genom­men hast als bei frü­he­ren Pro­duk­tio­nen?
Michelle: Ich hatte irgend­wie das Gefühl, dass ich dies­mal ein biss­chen mehr von mir selbst preis­ge­ben kann. Ich würde aller­dings kein kom­plet­tes Album tex­ten wol­len, da wäre dann so ein Druck des Müssens.

???: Einer­seits heißt es, die Texte auf „Rouge“ seien pure Fik­tion, ande­rer­seits sagst du, dass du noch nie Texte mit soviel Über­zeu­gung gesun­gen hast. Wie passt das zusam­men?
Michelle: Das mag auf den ers­ten Blick wider­sprüch­lich erschei­nen, aber viel­leicht kann man es so erklä­ren: Ich singe über die Gedan­ken der ande­ren. Schließ­lich bin ich erst 30 Jahre jung und kann das noch gar nicht alles selbst erlebt haben.

???: Ver­gleicht man Songs wie „Hast du Lust“ oder „Ich tanz auch allein“ mit sanf­te­ren Num­mern wie „Bringst du mich heute Nacht nach Hause“ oder „Wenn der Regen wie­der fällt“, dann ist der Kon­trast von stark und ver­letz­lich unver­kenn­bar. Fin­dest du dich in die­sem Span­nungs­ver­hält­nis wie­der?
Michelle: Rich­tig, das sind Texte, die in der Tat sehr unter­schied­lich sind. Aber jede Frau hat sowohl starke als auch schwä­chere Sei­ten — und diese Facet­ten habe ich natür­lich auch. Da gibt es neben glück­li­chen ebenso zer­brech­li­che Pha­sen, in denen man sich einen Freund wünscht, wie in „Bringst du mich heute Nacht nach Hause“. Viele Frauen wer­den sich in die­sem Lied wie­der­fin­den, denn fast jede wünscht sich solch einen Mann: Einer, der für sie da ist — aber nicht bei der nächst bes­ten Gele­gen­heit mit ihr in die Kiste hüp­fen möchte.

???: Wo du das Thema schon ansprichst: Gibt es einen neuen Mann in Dei­nem Leben?
Michelle: Auf diese Frage habe ich schon gewar­tet. Nein, den gibt es nicht und ich muss sagen, ich bin so, wie ich jetzt lebe, wirk­lich glück­lich und habe alleine alles ganz gut im Griff. Ich hätte den Kopf momen­tan gar nicht frei, um mich in eine neue Bezie­hung zu stür­zen. Natür­lich bin ich auch etwas vor­sich­ti­ger gewor­den und lasse mich nicht mehr so schnell auf einen Mann ein. Der nächste, der in mein Leben tritt, wird auf alle Fälle erst mal auf Herz und Nie­ren geprüft, bevor er meine Kin­der ken­nen lernt. Ich bin ohne­hin keine Frau, die in der ers­ten Nacht mit einem Mann ins Bett steigt. Das habe ich noch nie gemacht und das werde ich auch nie­mals tun. Ich bin auf eine feste Bezie­hung aus — auch der Kin­der wegen. Denn ich möchte ihnen auf kei­nen Fall die­ses Wech­sel­spiel vor­le­ben: erst kommt ein Mann, dann geht er wie­der und das Ganze wie­der von vorne. Wenn man einen Part­ner ken­nen lernt, sollte Sex nicht aus­schlag­ge­bend sein. Für mich sind ganz andere Dinge wich­tig: Ich will den Men­schen erst ein­mal rich­tig ken­nen, möchte wis­sen, ob er der Rich­tige ist. Wenn ich mit einem Mann ins Bett gehe, dann ist das die letzte Mauer, die bei mir fällt.

Michelle???: Du muss­test in der Ver­gan­gen­heit vie­les aus dei­nem Pri­vat­le­ben in der Boulevard-​​Presse lesen. Wie sehr nervt dich das?
Michelle: Bis zu einer gewis­sen Grenze ist das ein Geben und Neh­men. Lei­der wird diese Grenze sehr oft über­schrit­ten. Aber letzt­end­lich kann man nichts dage­gen tun. Wenn es drin steht, dann steht es drin. Neh­men wir ein­mal diese Tattoo-​​Geschichte: Dass die „Bild“ meine Täto­wie­rung als Sex-​​Tattoo beti­telt hat, dar­über habe ich mich echt geär­gert. Ein Sex-​​Tattoo ist in mei­nen Augen etwas ganz ande­res. Da müsste ja das Motiv etwas mit Sexua­li­tät zu tun haben, was kei­nes­wegs der Fall ist! Das ist eine ganz nor­male Zeich­nung. Aber so sind eben die Aufmacher.

???: Bis­lang ist die­ses Intim-​​Tattoo nur ein halb gelüf­te­tes Geheim­nis. Bleib es dabei?
Michelle: Dabei bleibt es! Was ich gezeigt habe ist okay, aber mehr gibt’s nicht. Bei so etwas ziehe ich eine klare Grenze, das ist meine Privat-​​Sache!

???: Du lebst jetzt in Köln. Hast du noch Kon­takt zu dei­ner alten Hei­mat im Schwarz­wald?
Michelle: Ja, ich habe noch Kon­takt nach Villingen-​​Schwenningen und zwar zu einer Fami­lie, bei der ich län­gere Zeit gelebt habe. Aber ich liebe Köln und da will ich auch nicht mehr weg!

???: Du hast in einem Gespräch mit Rein­hold Beck­mann erzählt, „mit 40 höre ich auf.“ Was kommt nach der Schlager-​​Karriere?
Michelle: Also noch sind es ja zehn Jahre hin bis es soweit ist. Aber 40 ist für mich ein­fach die magi­sche Grenze, da möchte ich
nicht mehr auf der Bühne ste­hen müs­sen. Das hat ver­schie­dene Gründe: Es ist zwar wun­der­schön im Schein­wer­fer­licht zu ste­hen und das Publi­kum gibt mir auch sehr viel, aber das Leben hin­ter der Bühne ist ein ande­res: Man muss kämp­fen, stän­dig prä­sent sein und natür­lich möchte man immer an der Spitze ste­hen. Bis 40 halt ich noch durch, aber dann möchte ich das ein­fach nicht mehr. Viel­leicht arbeite ich nach der akti­ven Kar­riere im Hin­ter­grund mit oder helfe New­co­mern auf die Sprünge — irgend etwas wird sich fin­den. Wenn man für die Musik lebt, dann kann man das nicht ein­fach so abstel­len. Abge­se­hen davon möchte ich mich dann auf alle Fälle noch mehr für Kin­der einsetzen.

???: Viele andere Künst­ler haben den Absprung zur rech­ten Zeit ver­passt…
Michelle: Die­ses Gefühl, geliebt zu wer­den ist schon etwas ganz Beson­de­res. Aber in mei­nem Leben gibt es Dinge, die mir ein­fach wich­ti­ger sind. Für viele andere Künst­ler mag die­ser Ein­wand zutref­fen, aber für mich ist die Musiker-​​Karriere nicht alles. Wenn ich nach Hause komme, dann lachen mich zwei Kin­der an. Das ist mein Leben.

???: Was sagt denn die sechs­jäh­rige Toch­ter zum Erfolg der Mama?
Michelle: Celine fin­det es „okay“ was ich mache. Im Grunde ist es für sie etwas völ­lig normales.

Michelle???: Wie schaffst du es, Kin­der und Kar­riere unter einen Hut zu brin­gen?
Michelle: Es ist — zuge­ge­ben — nicht ganz ein­fach. Ich muss viele Men­schen ein­be­zie­hen, denen ich voll ver­traue. Wie zum Bei­spiel mei­ner Kin­der­frau, die seit fünf Jah­ren bei uns zu Hause wohnt.

???: Du hast nicht nur ein Herz für deine eige­nen Kin­der, son­dern auch für Paten­kin­der in Indien und Afrika. Außer­dem unter­stützt du das Ham­bur­ger Pro­jekt „Fin­del­kind“. Es gibt viele Arten sich sozial zu enga­gie­ren, warum gerade auf die­sem Weg?
Michelle: Ich finde es sehr schlimm, was gerade in Indien mit den Mäd­chen pas­siert. Seit fünf Jah­ren ver­su­che ich schon, ein indi­sches Kind zu adop­tie­ren, aber es ist schlicht unmög­lich. Wer dazu in der Lage ist, Kin­der zu krie­gen — und das kann ich mit mei­nen bei­den Mäd­chen schlecht leug­nen — der hat im Prin­zip keine Chance. Aber es gibt auch noch andere Kin­der, die Hilfe brau­chen. Kin­der, die von ihren Müt­tern in die Müll­tonne gewor­fen oder ein­fach aus­ge­setzt wer­den. Auf sie will ich mich künf­tig kon­zen­trie­ren. Darum ist das letzte Lied des neuen Albums „Das Lachen eines Kin­des“, an dem ich auch selbst mit­kom­po­niert habe, der Klappe in Ham­burg gewidmet.

???: Wie steht es um deine Auto­bio­gra­fie?
Michelle:
Da bin ich schon seit eini­gen Jah­ren dran. Mal schauen, ich setze mir da kein Ultimatum.

???: Wird es nach Kopen­ha­gen 2001 wirk­lich keine Michelle mehr bei einem „Grand Prix“ geben?
Michelle: Nein, das mit dem „Euro­vi­sion Song Con­test“ war eine sehr schöne und wich­tige Erfah­rung, die ich nicht mis­sen möchte — aber dabei will ich es auch belas­sen. Das sol­len künf­tig andere machen.