26. Juni 2003
Annette Postel, Chanteuse
Karlsruhe — Eigentlich wollte sie ja Opern-Sängerin werden, „aber für die Tenöre war ich zu groß, für die Intendanten dann doch ein wenig zu blond und für die Regisseure hatte ich zu wenig Figur“, kokettiert Annette Postel heute im Blick zurück. Geschafft hat sie es dennoch — wenngleich ihr derzeitiges Engagement an der Frankfurter Kammer-Oper nur eine Art Nebenbeschäftigung ist. Einen Namen gemacht hat sich die Wahl-Karlsruherin vielmehr als Chanteuse.
Ungeachtet aller klassischen Ausbildung — sie studierte Gesang und Gesangspädagogik an der staatlichen Musikhochschule Mannheim — findet Annette Postel ihre Stimme lange Zeit noch nicht ausgereift, so dass der Traum von der großen Oper vorerst ein solcher bleiben muss. So ist sie eben Chanteuse geworden und verzückt ihr Publikum seither mit Arien, Elegien und Tiraden — ob alleine oder im Duett: Mal wandelt sie „Kurtweilliges“ präsentierend auf den Spuren des bekannten Komponisten, mimt in „Chanson Purpur“ die lüsterne Diva oder blondelt „Frisch getönt“ gemeinsam mit Musik-Kabarettist Gunzi Heil über die Bretter, welche dem Volksmund nach die Welt bedeuten sollen.
Anno 2002 war es, als Annette Postel für ihr Programm „Keine Diva fällt vom Himmel“ den Kleinkunstpreis des Landes Baden-Württemberg entgegen nehmen durfte. Begleitet von Klaus Webel am Flügel plaudert sie frohgemut aus dem traurig-komischen Chansonnähkästchen; Selbstgeschriebenes und Stücke von Balzun, Bentgens, Kofler, Kirst, Weill wie Mozart manifestieren sich in melancholischen Rhapsodien und Opern-Parodien gepaart mit kabarettistischen Einlagen.
Doch auch an anderer Stelle wusste die gebürtige Pfälzerin zu überzeugen: 1997 bekommt sie im Berliner Theater des Westens den ersten Preis im Bundeswettbewerb Gesang, Sparte Chanson, zuerkannt; vor drei Jahren ersingt sich Annette Postel gar die „Goldmedallie“ des Lotte-Lenya-Gesangswettbewerbes der Kurt-Weill-Foundation New York.
Der Chanson, das Singen über Liebe, Lust und Leidenschaft ist für Annette Postel über die Jahre zur sprichwörtlichen Berufung geworden. Oder gibt es sonst noch ein Metier, in dem sich Abendkleider und Parfüm steuerlich absetzen lassen?
Beschreiben Sie sich mit drei Worten:
Anstrengend, laut, fröhlich.
Was ist Ihre größte Stärke?
Optimismus und Schnelligkeit.
Was ist Ihre größte Schwäche?
Optimismus und Schnelligkeit (und damit verbunden: Unordnung, Hektik, Chaos, Ungeduld…).
Was war als Kind oder Jugendlicher Ihr Traumberuf? Haben Sie damals jemals daran gedacht, das zu werden, was Sie heute sind?
Tierdompteuse (habe schon immer gerne Tiere gehabt und meinen kleinen Bruder herumkommandiert) und Operndiva (zunächst wegen der Musik und der Verkleidung, später wegen der Millionäre, die einem dann angeblich zu Füßen fallen).
Was würden Sie im Leben gerne noch erreichen?
So-Weitermachendürfen-wie-bisher, meine Mitte.
Was nervt Ihren Partner am meisten an Ihnen?
Siehe Frage 3.
Auf welchen Gegenstand möchten Sie im Leben nicht verzichten?
Auf den Flügel von meinem Freund.
Wen würden Sie gerne auf den Mond schießen?
Auf-die-Straße-Spucker, Umweltignoranten, Kriegstreiber, einige Politiker, Püppi-Frauchen in Nerzmänteln…
Welcher Mensch beeindruckt Sie?
Gunzi Heil, weil er so eine sprühende Fantasie hat, Georg Kreisler (Kabarettist), Georgette Dee (Diseuse) u.v.m. (darunter besonders Menschen über 80, weil ich trotz eigenem Redefluß auch gerne zuhöre).
Welche Musik (Interpret und Titel) und welcher Film haben Sie am meisten beeindruckt?
Mozart und Puccini in ihren Opern, Hugo-Wolf-Lieder, die Sängerinnen Montserat Caballé, Edita Gruberova, aber auch Sting, Freddy Mercury, Seal, u.v.m. Lieblingsfilme: u.a. grüne Tomaten und Amélie.
Welches Buch haben Sie als letztes gelesen?
Das Handbuch zu meinem Aufnahmegerät. Davor „Warum Frauen nicht einparken können…“ und mehrere 20er– und 40er-Jahre-Biographien (über Komponisten, Interpreten, Politiker…).
Sie werden als Tier geboren. Als welches?
Als Seeotter (die sind so niedlich)…
Sie tauschen einen Tag mit einer Person des anderen Geschlechts — wer wäre das?
Mein Freund, dann würde ich die Männer vielleicht mehr verstehen.
Was finden Sie an Karlsruhe reizvoll?
Parks, Zoo, Architektonisch schöne alte Ecken, die moderate Größe, die Cafés.
Was würden Sie an Karlsruhe ändern, wenn Sie Oberbürgermeisterin wären?
Den Tunnel und den Umbau des Botanischen Gartens noch mal überdenken und die Kriegsstraße mit Grünflächen übertunneln.
Welches sind die markantesten Karlsruher / deutschen Köpfe?
Karlsruhe: Gunzi, Harald Hurst und Wolfgang Riehm. Deutschland: Joschka Fischer sowie Gräfin Dönhoff.
Sie leben in einem anderen Land. Welcher Grund könnte Sie dazu bewegen beziehungsweise davon abhalten, nach Deutschland einzuwandern?
Minus: die eher harte deutsche Sprache, die nasskalten Winter. Plus: die Kulturlandschaft, die Demokratie.
Es geht um das Glück der Republik. Welche Person, Gruppierung oder Idee sollte mehr Einfluss gewinnen?
Attac, Friedensbewegung, Greenpeace.
Wie und wo möchten Sie sterben?
Schnell und schmerzlos mit 85 nach einem Auftritt.
Kommen Sie in den Himmel oder in die Hölle?
Wenn im Himmel Mozart und in der Hölle Tango gespielt wird, will ich eine Kombi-Eintrittskarte.
