28. August 2003

Wrong Turn

Von nun an wer­den die all­sonn­täg­li­chen Wald­spa­zier­gänge nicht mehr das­selbe sein. Ganz ähn­lich jener Scheu davor wie­der ins Was­ser zu gehen, nach­dem „Der weiße Hai“ auf der Kino­lein­wand auf­ge­taucht ist, wird es wohl nun allen Wan­der­lus­ti­gen erge­hen — „Wrong Turn“ sei Dank: Dort ent­puppt sich für eine Gruppe jun­ger Leute ein harm­lo­ser Aus­flug in die Wäl­der von West Vir­gi­nia als Hor­ror­trip: Nach einer Auto­panne machen sich die Schick­sals­ge­nos­sen auf die Suche nach Hilfe — und sto­ßen im schier unend­li­chen Dickicht auf eine Horde blut­durs­ti­ger Menschenfresser.

Eigent­lich befin­det sich Chris (Des­mond Har­ring­ton) auf dem Weg zu einem Bewer­bungs­ge­spräch als ein Truck fünf Mei­len vor ihm auf dem High­way umstürzt. Nach eini­ger Zeit im Stau wird ihm die War­te­rei zu dumm. Er macht eine schick­sal­hafte 180-​​Grad-​​Wendung und nimmt eine Abkür­zung durch den Wald. Dann der erste Schock-​​Effekt für den Zuschauer: Chris rammt einen ande­ren Wagen, der urplötz­lich vor ihm auf­taucht. Wie sich her­aus­stellt haben die vier Insas­sen einen Platt­fuß; ein Stück Sta­chel­draht quer über den Wald­bo­den gespannt könnte aller­dings auch ein Indiz für einen Hin­ter­halt sein.

Doch ganz gen­re­ty­pisch ver­hal­ten sich die Prot­ago­nis­ten völ­lig unbe­darft und wer­den erst miss­trau­isch, als sie in einer ein­sa­men Wald­hütte statt beleg­ter Stul­len mensch­li­che Kie­fer und abge­bis­sene Ohren im Kühl­schrank vor­fin­den. Die drei Haus­her­ren — auf­grund jah­re­lan­ger Inzucht grau­sam ent­stellt — haben den uner­war­te­ten Besuch zum Fres­sen gerne und machen fortan mit allem was das hei­mi­sche Waf­fen­ar­se­nal her­gibt Jagd auf das Quintett.

Viel Blut und Gewalt — trotz FSK 16

Letz­te­res stellt sich bei sei­ner Flucht genauso unge­schickt wie vor­her­seh­bar an, so dass sich der Zuschauer genö­tigt fühlt, ihm durch lau­tes Zuru­fen bei­ste­hen zu müs­sen. Aber alles Ban­gen und Hof­fen nützt nicht: Einer nach dem ande­ren wird so grau­sam dahin­ge­met­zelt, dass man sich ernst­haft fra­gen muss, wie „Wrong Turn“ eigent­lich mit einer FSK 16 davon­ge­kom­men ist. Ob abge­trennte Glied­ma­ßen, ver­stü­ckelte und aus­ge­wei­dete Kör­per, Beile im Kopf und Pfeile durchs Auge — Regis­seur Rob Schmidt lässt in sei­nem Action-​​Horror-​​Thriller nichts anbren­nen. Im Grunde kei­nes­wegs ver­werf­lich, bedenkt man jedoch wie manch ande­rer Film — etwa Quen­tin Taran­ti­nos Vam­pir­gro­teske „From Dusk Till Dawn“ in der 16er– Fas­sung — Federn las­sen musste, fragt man sich schon ob hier nicht mit zwei­er­lei Maß gemes­sen wird.

Ansons­ten bie­tet „Wrong Turn“ eigent­lich alles, was man von einem soli­den Horror-​​Film erwar­ten darf: Voll­kom­men unbe­kannte Schau­spie­ler — sieht man ein­mal von der grusel-​​erprobten „Buffy“-Darstellerin Eliza Dushku ab — und ein gekonn­tes Han­tie­ren mit den Werk­zeu­gen des Gen­res. Wobei Schmidt ab und an doch ein biss­chen sehr tief in die Kli­schee­kiste greift. Freunde der blu­ti­gen Abend­un­ter­hal­tung wer­den jedoch sicher­lich ihre helle Freude haben und auch ohne groß­ar­tig aus­ge­feilte Hintergrund-​​Story dürfte bei jener Kli­en­tel das Gefühl über­wie­gen, mit „Wrong Turn“ den rich­ti­gen Weg ein­ge­schla­gen zu haben.