Karls­ruhe — Zwei­ein­halb Jahre sind seit dem tra­gi­schen Ende des Duos Joint Ven­ture ver­gan­gen und Götz Wid­mann gibt sich die­ser Tage angriffs­lus­ti­ger denn je zuvor: Dro­gen, Sex und Rock ‚n‘ Roll sind die The­men des der­zeit wohl respekt­lo­ses­ten Lie­der­ma­chers deut­scher Prä­gung. Am ver­gan­ge­nen Don­ners­tag­abend gas­tierte Wid­mann im gut besuch­ten Jubez. Patrick Wurs­ter und Flo­rian Bütt­ner spra­chen mit Deutsch­lands letz­tem Land­kom­mu­n­enhip­pie über Jesus und Stoi­ber, Dro­gen — ob flüs­si­ger Natur oder sol­che, die das Inha­lie­ren erfor­dern — elter­li­che Vor­bild­funk­tio­nen und seine neue Platte.

???: Im Jubez war’s auf­grund der Bestuh­lung etwas gedie­ge­ner, nimmt man als Ver­gleich bei­spiels­weise dei­nen Auf­tritt im Hei­del­ber­ger Schwimm­bad Musik Club vor eini­gen Mona­ten. Damals stand das Publi­kum gezwun­ge­ner­ma­ßen und es war rich­tig Rock ‚n‘ Roll drin. Was liegt dir mehr?
Götz Wid­mann: Ich mag die Abwechs­lung. Dann ist es immer eine neue Her­aus­for­de­rung. Ich erwarte nicht von einem Sitz­pu­bli­kum, dass es total abgeht und jedes Lied bis zur letz­ten Stro­phe mit­singt — dafür kann man an sol­chen Aben­den mehr Zwi­schen­ton­lie­der machen.

???: Du absol­vierst der­zeit ein immen­ses Tour­pro­gramm. Wie hälst du dich fit und moti­viert für deine Auf­tritte?
Wid­mann: Haupt­säch­lich mit Schla­fen. Aber das anstren­gende sind nicht etwa die Kon­zerte, son­dern viel­mehr die Par­ties, in die ich danach rein­rut­sche. Da muss man eben ab und zu mal eine Pause ein­le­gen und nach dem Auf­tritt ganz brav ins Bett gehn, viel­leicht noch ein gutes Buch lesen und dann ver­su­chen, ein zwölf­stün­di­ges Schlaf­bad zu neh­men. Ich bevor­zuge in der Regel eher zwei, drei Gigs pro Woche zu spie­len als lange auf Tour zu gehen. Ich bin doch kein Rock ‚n‘ Roll-​​Zirkus! 40 Tage mit dem Sat­tel­schlep­per unter­wegs und stän­dig am Rödeln — das würde ich nicht durch­hal­ten. Ich gehe lie­ber Don­ners­tag auf Tour und komme Sonn­tag wie­der heim. Und im Februar hau ich dann ab in den Urlaub — als Rhein­län­der erspart man sich damit gleich­zei­tig noch den Karneval.

???: Was ist deine Inten­tion — willst du mit dei­nen Lie­dern die Welt ver­bes­sern oder sol­len die Leute ein­fach nur eine gute Zeit ver­brin­gen?
Wid­mann: Also in ers­ter Linie will ich damit meine eigene Welt ver­bes­sern. Aber mir kommt’s schon mehr auf die gute Zeit an. Ich widme mich ja mehr den klei­nen The­men, wie zum Bei­spiel der Haschisch-​​Legalisierung. Da hab ich wirk­lich das Gefühl, etwas zur Mei­nungs­bil­dung bei­zu­tra­gen. Wenn ich für den Welt­frie­den singe, ist es George Bush auch scheißegal.

???: Enga­gierst du dich ander­wei­tig für die Lega­li­sie­rung wei­cher Dro­gen?
Wid­mann: Ich habe bis jetzt jedes Jahr auf der Hanf-​​Parade gespielt — bis auf das eine Mal, als mein Part­ner Kleinti Simon gestor­ben ist. Damals war ich nur als Demons­trant anwesend.

???: Gibt es Vor­bil­der, sei es musi­ka­lisch oder ideo­lo­gisch, die dich stark beein­flusst haben?
Wid­mann: Ich nenne an die­ser Stelle sonst immer Leo­nard Cohen, Bob Dylan und Rio Rei­ser. Doch mir ist ver­gan­gene Nacht auf­ge­fal­len, dass mein eigent­li­ches Vor­bild John Len­non ist. Das ist für mich der Größte der­zeit, aber das ändert sich stän­dig. Bon Scott finde ich noch toll, den alten Sän­ger von AC/​DC.

???: Hast du auch lite­ra­ri­sche Vor­bil­der?
Wid­mann: Ein Autor, den ich immer wie­der lese ist Charles Bukow­ski. Der ist für mich total wich­tig. Sein Werk habe ich zwar kom­plett durch — naja, fang ich eben wie­der von vorne an.

???: Vor gerau­mer Zeit hast du begon­nen, einen eige­nen Roman zu schrei­ben. Was machen deine schrift­stel­le­ri­schen Ambi­tio­nen?
Wid­mann: Ich hab dazu momen­tan ehr­lich gesagt ein­fach keine Zeit. Es ist für mich dann doch leich­ter und vor allen Din­gen essen­ti­el­ler, einen Song zu schrei­ben. Den kann man in einer Nacht voll­en­den. Zum Roman-​​Schreiben brauchst du sehr viel mehr Dis­zi­plin. Da muss man tat­säch­lich ein­sa­mes, nüch­ter­nes Arbei­ten über län­gere Pha­sen hin­krie­gen. Das schaff ich ein­fach nicht, dafür bin ich zuviel unter­wegs. Aber viel­leicht kommt irgend­wann mal eine Zwangs­pause auf mich zu, weil ich mir ‚ne Hand bre­che. Und dann werde ich die Zeit nutzen.

???: Du hast eine sie­ben­jäh­rige Toch­ter. Inwie­weit ändert sich der Lebens­til eines Lie­der­ma­chers hin­sicht­lich Sex, Drugs und Rock ‚n‘ Roll?
Wid­mann: Das war bei mir ein ziem­lich hef­ti­ger Ein­schnitt, weil ich mich voll soli­da­risch mit mei­ner Freun­din erklärt habe. Sogar Ziga­ret­ten und Alko­hol waren tabu in die­ser Zeit. Da begeg­net man sich selbst doch ganz schön inten­siv. Vor allem die Schlaf-​​Wach-​​Phasen wer­den extrem durch­ein­an­der­ge­rüt­telt. Aber diese Askese hab ich dann aber irgend­wann wie­der auf­ge­ge­ben. Ich lebe jetzt zwar nicht mehr mit mei­ner Toch­ter zusam­men, aber wenn sie bei mir ist und ich sie um sie­ben mor­gens in die Schule brin­gen muss, dann ist es doch eine krasse Selbst­über­win­dung wach zu wer­den. Ich geh dann auch sofort wie­der ins Bett, wenn ich sie in der Schule abge­setzt habe.

???: Kannst du dich bei dei­nem aus­schwei­fen­den Lebens­wan­del noch als erzie­he­ri­sches Vor­bild füh­len?
Wid­mann: Die Vor­bild­funk­tion, die ich gegen­über mei­ner Toch­ter habe, steht zuge­ge­be­ner­ma­ßen in einem gewis­sen Kon­flikt zu mei­ner Büh­nen­vor­bild­funk­tion. Aber ich werde schließ­lich dafür bezahlt, dass ich ein schlech­tes Vor­bild abgebe. Im Umgang mit einem Kind muss man dann doch eine etwas andere Rolle einnehmen.

???: Ent­hal­ten deine Lie­der auch bio­gra­fi­sche Züge, wie etwa bei „Sit­zend pin­keln“?
Wid­mann: Ja, aber bei die­sem Lied nicht! Es kommt aller­dings oft vor, dass meine Songs dadurch ange­sto­ßen wer­den. Manch­mal sind die Dinge auch ein­fach nur aus­ge­dacht, wobei in ziem­lich vie­len Fäl­len eine wahre Bege­ben­heit zu Grunde liegt.

???: Deine aktu­elle CD „Dro­gen“ ist eine Live-​​Scheibe. Wann geht’s wie­der ins Stu­dio?
Wid­mann: Ich werde nächs­tes Jahr in Bra­si­lien auf­neh­men und habe mir dazu extra ein mobi­les Stu­dio besorgt, so dass ich aut­ark mit dem Lap­top die Songs ein­spie­len kann.

???: Kannst du schon ein Ver­öf­fent­li­chungs­da­tum nen­nen?
Wid­mann: Mitte nächs­tes Jahr, da kann ich mich noch nicht fest­le­gen. Ich will min­des­tens 15 Songs drauf­ha­ben, sonst habe ich das Gefühl, mein Publi­kum zu bescheißen.

???: Einer dei­ner neuen Songs, „Zeit“, besteht aus einer sehr lan­gen Instru­men­tal­pas­sage. Könn­test du dir vor­stel­len, einen kom­plet­ten Instru­men­tal­song zu machen oder muss die Musik immer nur Trans­port­mit­tel für deine Texte sein?
Wid­mann: Ich möchte das nicht aus­schlie­ßen, aber ein sol­ches Stück müsste einen ganz eige­nen Sinn haben und ohne Worte trotz­dem etwas aus­sa­gen. Also „Jesus und Stoi­ber“ — nur umge­kehrt. Aber ich kann’s mir momen­tan echt nicht vorstellen.

???: Wird es denn noch eine Melo­die zu „Jesus und Stoi­ber“ geben?
Wid­mann: Nein, defi­ni­tiv nicht. Das ist ein Gedicht und so soll es auch blei­ben. All mein Ver­su­che, dazu eine Melo­die zu kom­po­nie­ren haben das Stück nur weni­ger inten­siv gemacht.

???: Du spielst seit zwei­ein­halb Jah­ren ohne dei­nen Freund und Part­ner Kleinti Simon. Hat­test du jemals den Gedan­ken, das Pro­jekt Joint Ven­ture mit einem ande­ren Musi­ker fort­zu­set­zen?
Wid­mann: Nach so einem Schlag gehen einem alle mög­li­chen Gedan­ken durch den Kopf und ich hab mir der­ar­ti­ges auch bei dem einen oder ande­ren Freund über­legt. Aber mir wurde dann bewusst, dass das beson­dere Ver­hält­nis zwi­schen mir und Kleinti ein­ma­lig war. Außer­dem wollte ich kei­nem ande­ren zumu­ten, seine Rolle aus­fül­len zu müssen.

???: Ihr habt damals bei Joint Ven­ture als Stra­ßen­mu­si­ker mit 40 Mark in der Tasche ange­fan­gen. Wann kam der Wen­de­punkt, ab dem ihr schwarze Zah­len schrei­ben konn­tet?
Wid­mann: Das hat schon so an die vier Jahre gedau­ert, bis wir unsere bür­ger­li­chen Jobs auf­ge­ge­ben haben und ich mei­nem Vater sagen konnte, er soll mir kein Geld mehr zuste­cken. Ab mei­nem 30. Geburts­tag hatte ich auch irgend­wie Schuld­ge­fühle, mei­nem alten Herrn wei­ter­hin auf der Tasche zu liegen.

???: Du bist stu­dier­ter Betriebs­wirt. Hast du schon zu Stu­di­en­zei­ten mit einer Kar­riere als Pro­fi­mu­si­ker gelieb­äu­gelt?
Wid­mann: Über­haupt nicht. Mir war aller­dings schon nach der ers­ten BWL-​​Vorlesung klar, dass das nix für mich ist. Da ich vor­her schon zwei Stu­di­en­gänge abge­bro­chen hatte und zu der Zeit noch gar nicht wusste, dass ich über­haupt Lie­der schrei­ben kann, hab ich das Stu­dium durch­ge­zo­gen — mehr oder weni­ger um mei­nen Vater glück­lich zu machen. Aber in dem Moment, als ich ihm dann mein Diplom in die Hand gedrückt habe, da wusste ich: Jetzt hab ich ihn glück­lich genug gemacht — ab sofort mach ich mich sel­ber glücklich.

???: Ver­spürst du nicht ab und an einen Moment der Lan­ge­weile oder bist es manch­mal sogar leid jeden Abend die­sel­ben Lie­der zu sin­gen?
Wid­mann: Doch das gibt’s schon. Num­mern wie „Hol­land“, „Edu­ard“ und „Hanky“, das muss man brin­gen — sonst wirst du geteert und gefe­dert. Der­zeit bin ich aller­dings sehr glück­lich auf der Bühne, weil ich viele neue Stü­cke spie­len kann. Aber ver­gan­ge­nes Jahr, da hab ich im Grunde immer wie­der das glei­che gemacht und oben­drein sehr, sehr viel getourt. Da gibt es dann schon gewisse Ermü­dungs­er­schei­nun­gen — gerade, wenn man am Abend vor­her gesof­fen hat. Aber selbst dann macht mir das immer noch Spaß. Ich glaube, wenn du nicht all­zeit gerne dein Ding machst, kannst du so ein Pro­gramm über­haupt nicht durch­hal­ten. In gewis­ser Weise habe ich in die­ser Hin­sicht vor so man­chem Volks­mu­sik– oder Schla­ger­sän­ger einen gewis­sen Respekt: Was die da für ‚ne Lüge auf­recht erhal­ten — ich könnte das nicht.