29. Juli 2004

Fahrenheit 9/​11

„Shame On You, Mr. Bush!“ Jaja, er hat ihn schon geraume Zeit im Visier, genau wie der Prä­si­dent sei­nen Sad­dam und jetzt hat auch Michael Moore abge­drückt. Mit sei­ner Waffe und die scheint so mäch­tig zu sein, dass sie nach Ein­schät­zung vie­ler George W. Bush die Wie­der­wahl kos­ten könnte.

Denn der Doku­men­tar­film ist die­ser Tage so popu­lär, wie nie: Wäh­rend Mor­gan Spur­lock mit „Super Size Me“ ver­gleichs­weise kleine Bröt­chen backt, ver­sucht der Welt erfolg­reichs­ter Polit­do­ku­fil­mer den Prä­si­den­ten der Ver­ei­nig­ten Staa­ten zu ent­lar­ven — und sieht sich plötz­lich selbst dem Vor­wurf der Mani­pu­la­tion ausgesetzt.

In sei­nem ers­ten Film seit „Oscar“-Triumph „Bow­ling For Colum­bine“ über­rascht Moore mit einer Col­lage aus selbst gedreh­tem Film­ma­te­rial, Archiv­auf­nah­men und bis­lang nicht gezeig­ten Bil­dern — von der Prä­si­dent­schafts­wahl im Jahr 2000 über die Anschläge vom 11. Sep­tem­ber und dem Waf­fen­gang in Afgha­nis­tan bis hin zum Krieg im Irak.

Bei den Film­fest­spie­len zu Can­nes wurde mit „Fah­ren­heit 9/​11″ mit der „Gol­de­nen Palme“ als bes­ter Film aus­ge­zeich­net, in den USA indes ist der meist dis­ku­tierte Strei­fen des Jah­res nicht nur Tages­ge­spräch son­dern auch ein ech­ter Block­bus­ter: Als erste Doku­men­ta­tion über­haupt belegte Michael Moo­res Werk Platz eins der Kino­charts. Immer­hin woll­ten am Start­wo­chen­ende drei Mil­lio­nen Ame­ri­ka­ner sehen, warum ihr Staats­ober­haupt denn nun wirk­lich im Irak ein­mar­schiert ist.

Nur ein Dumm­schwät­zer mit beacht­li­chem Handicap?

Es sollte die Arg­lo­sen ver­stö­ren, wenn Moore auf die geschäft­li­chen Ver­bin­dun­gen zwi­schen den Fami­lien Bush und Bin Laden hin­weist oder die Kum­pa­neien zwi­schen Bush Senior und den Herr­schern über jenen Stoff auf­deckt, der alle und alles schmiert. Und Moore ist ein Meis­ter in dem, was er tut. Geschickt legt er dem Prä­si­den­ten, als die­ser von den bei­den Flug­zeug­ein­schlä­gen im World Trade Cen­ter erfährt, Denk­bla­sen in den Kopf und dif­fa­miert ihn nach­hal­tig als hand­lungs­un­fä­hi­gen Trot­tel. Wären die Umstände nicht so bit­ter­lich rea­ler, ein durch­aus amü­san­tes Schauspiel!

Die Anti-​​Bush-​​Front reibt sich ver­schmitzt und ver­gnügt die Hände

Der mäch­tigste Mann der Welt — nur ein gefähr­li­cher, geld­gei­ler und oben­drein unfä­hi­ger Dumm­schwät­zer mit beacht­li­chem Han­di­cap? So stellt Moore den US-​​Präsidenten über 123 Minu­ten dar und in der Tat: Ange­sichts etli­cher Sze­nen fragt man sich, wie um alles in der Welt ein Mann sei­ner Posi­tion der­art unüber­legte Aus­sa­gen täti­gen kann, wenn oben­drein ganz offen­sicht­lich die Kamera läuft.

Die Anti-​​Bush-​​Front reibt sich ob des Gezeig­ten ver­schmitzt und ver­gnügt die Hände; Moore-​​Gegner indes hal­ten dem Doku­men­tar­fil­mer vor, er sei im höchs­ten Grade pole­misch. Die offen­ge­leg­ten Stümpfe von Kriegs­ve­te­ra­nen tun ihr Übri­ges und spä­tes­tens, wenn Lila und Howard Lips­comb, die Eltern von Sgt. Michael Peder­sen, der bei einem Hub­schrau­ber­ab­sturz im Irak sein Leben ließ, vor die Kamera tre­ten, packt Moore auch den letz­ten Zuschauer: mit Emotionen.

Einen Mani­pu­la­tor durch Mani­pu­la­tion bloßstellen?

Die Frage stellt sich, ob die Wahl sei­ner Mit­tel legi­tim ist. „Bril­lante Enthüllungs-​​Doku!“ jubi­lie­ren die einen. „Schnöde Anti-​​Bush-​​Propaganda!“ schimp­fen die ande­ren. So oder so — Michael Moore jon­gliert der­art vir­tuos mit den Fak­ten, arran­giert sie für seine Sache, dass man eigent­lich nicht umhin kann, den Dar­stel­lun­gen Glau­ben zu schen­ken. Aber einen Mani­pu­la­tor durch Mani­pu­la­tion bloßstellen?

Aug um Aug und Zahn um Zahn, das war ein­mal. Das weiß auch Michael Moore. Ein Mann sei­nes Kali­bers bedient sich sub­ti­le­rer Zweck­die­ner als der Lüge. Aber die Wahr­heit ist nun­mal ein dehn­ba­res Gut und ist es nicht nur legi­tim von Moore die nack­ten Fak­ten mit Spe­ku­la­tio­nen und sati­ri­schen Ele­men­ten anzu­rei­chern, um seine Mes­sage mit der nöti­gen Por­tion Unter­hal­tung zu transportieren?

Es ist eben ein stück­weit Pole­mik im Dienst der guten Sache. Und der Zweck hei­ligt bekannt­lich vie­ler­lei Mit­tel. Wenn’s um einen Füh­rungs­wech­sel im Wei­ßen Haus geht erst recht.