19. August 2004

Dawn Of The Dead

Zack Sny­der fackelt nicht lange. Ein kur­zes Vor­ge­plän­kel, dann bei­ßen sich seine Unto­ten durch die Lei­ber der Leben­den. Das „Nicht-ganz-tot“-Subgenre macht sei­nem Namen alle Ehre und schafft es die­ser Tage ein­mal mehr, dem eige­nen Grab zu ent­stei­gen. Ein Vier­tel Jahr­hun­dert nach George A. Rome­ros apo­ka­lyp­ti­schem Horror-​​Klassiker „Dawn Of The Dead“ prä­sen­tiert der eins­tige Wer­be­fil­mer Sny­der den Kult-​​Schocker in einer mehr als sehens­wer­ten Neu­auf­lage — die wahr­lich sehr viel mehr her­gibt als von einem schnö­den Remake her­kömm­li­cher Mach­art zu erwar­ten wäre. Die Story mag bis auf wenige Anlei­hen eine ganz eigene sein, eines hat sich indes nicht geän­dert: Wenn in der Hölle kein Platz mehr ist, kom­men die Toten auf die Erde — als „Director’s Cut“ auf DVD (Uni­ver­sal Pic­tures).

Wo alles sei­nen Anfang nahm bleibt auch dies­mal im Dun­keln und ist im Grunde über­haupt nicht wesent­lich. Aufs Ergeb­nis kommt’s viel­mehr an und das ist schon weit­aus mehr als beun­ru­hi­gend. Die Mensch­heit wird von einer ebenso uner­klär­li­chen wie tod­brin­gen­den Plage heim­ge­sucht: Ver­stor­bene ent­stei­gen ihren Grä­bern und machen erbar­mungs­los Jagd auf alles was zwei Beine hat, ein­zig und allein ange­trie­ben von einer kan­ni­ba­li­schen Gier nach pul­sie­ren­dem Menschenfleisch.

Die Shop­ping Mall als letzte Bas­tion der Menschheit

Schon beim Ein­stieg ins fröh­li­che Fress­ge­lage wan­delt Sny­der auf eige­nen Pfa­den: Ein wenig Johnny Cash im Intro und los geht die wilde Men­schen­hatz: Nach­dem ihr Mann mehr an Ana Clark (Sarah Pol­ley) knab­bern wollte als bei einem ame­ri­ka­ni­schen Durch­schnitts­vor­spiel üblich, ver­lässt diese in pani­scher Flucht das traute Eigen­heim — und statt Erleich­te­rung über das geret­tete Leben zu ver­spü­ren, bie­tet sich Ana ein Bild des Grau­ens: Nach Frisch­fleisch lech­zende Zombie-​​Herden haben den gesam­ten Block ver­wüs­tet, und durch wes­sen Gebein sich noch keine Untoten-​​Zähne gebohrt haben flieht — oder ver­sucht es jeden­falls. So wie Ana. Als­bald trifft die völ­lig ver­störte Frau auf eine kleine Gruppe, die aus dem wort­kar­gen Poli­zis­ten Ken­neth (Ving Rha­mes), Michael (Jake Weber) sowie dem Andre (Mekhi Phi­fer) und des­sen schwan­ge­rer Frau besteht.

Der Not­ge­mein­schaft gelingt es schließ­lich, sich in einem ver­las­se­nen Luxus­ein­kaufs­zen­trum zu ver­schan­zen. Doch sie sind nicht gänz­lich auf sich gestellt: Auf dem Dach des nahe gele­ge­nen „Gun Stores“ hat es Laden-​​Inhaber Andy eben­falls ver­stan­den, seine Haut zu ret­ten. Abge­schot­tet von den kläg­li­chen Über­res­ten einer zivi­li­sier­ten Außen­welt müs­sen sich Ana und ihre Mit­strei­ter schon bald gegen wahre Hor­den von Unto­ten zur Wehr set­zen — und hecken ob ihrer aus­sichts­lo­sen Lage einen gera­dezu aben­teu­er­li­chen Flucht­plan aus.

Weit­aus mehr als ein schnö­des Remake

Es ist nicht son­der­lich viel übrig geblie­ben von Rome­ros „Zom­bies im Kauf­haus“. Die ein­zige Par­al­lele zwi­schen Remake und Ori­gi­nal ist der zen­trale Ort des Gesche­hens, die Shop­ping Mall — sieht man ein­mal von der net­ten Hom­mage in Per­son von Tom Savini ab, der 1978 noch den Motor­rad­ro­cker Bla­des spielte und nun als County-​​Sherrif einen Gast­auf­tritt hat. Zack Sny­ders Anlie­gen war es, etwas Eige­nes zu kre­ie­ren und ihm ist es gera­dezu vor­treff­lich gelun­gen, sich vom schier über­mäch­ti­gen Ori­gi­nal zu lösen. Dass seine Zombie-​​Armee dabei sehr viel blut­rüns­ti­ger und furcht­er­re­gen­der daher­kommt mag vor­nehm­lich an den bes­se­ren Arbeits­be­din­gun­gen lie­gen, die sich einem Fil­me­ma­cher heut­zu­tage bie­ten, ange­fan­gen bei der Maske bis hin zu den trick­tech­ni­schen Spie­le­reien. Doch ist seine Ver­sion abge­se­hen davon auch noch weit­aus span­nen­der und schlüs­si­ger insze­niert als Rome­ros Vorlage.

Wenn­gleich Sny­ders Zom­bies keine Lei­chen­flit­zer á la „28 Days Later“ sind, so erweist sich der flei­sches­lüs­terne Mob nicht län­ger als behä­big wan­kende Gestal­ten, denen man mit geschick­tem Haken­schla­gen ent­rin­nen könnte. Doch der neue „Dawn Of The Dead“ setzt mit­nich­ten nur auf sprit­zende Kör­per­säfte, über die Wand ver­teilte Hirn­masse und frei­ge­leg­tes Gedärm. Wäh­rend der kon­sum­kri­ti­sche Ansatz des Ori­gi­nals lei­der wei­test­ge­hend auf der Stre­cke bleibt glänzt das Remake dar­über hin­aus mit einer gehö­ri­gen Por­tion iro­ni­scher Anspie­lun­gen. Gera­dezu bril­lant, wenn Sny­der seine Akteure beim „All­tag“ im Kauf­haus zeigt; da wird kon­su­miert, anpro­biert, geliebt und die Lan­ge­weile bringt gar völ­lig neue Spiel­ar­ten des Zeit­ver­treibs hervor.

Es birgt schon eine sehr erhei­ternde Kom­po­nente, Ken­neth und Andy das Schach­spiel von Dach zu Dach via Fern­glas und Walki-​​Talki pro­ben zu sehen. So ver­streicht Tag um Tag und wer mag’s ihnen ver­den­ken beim „Promi-​​Shooting“ das Ange­nehme mit dem Nütz­li­chen zu kom­bi­nie­ren: „Burt Reyn­olds“ steht da auf dem Schild zu lesen, wel­ches Ken­neth in die Höhe reckt. Andy nimmt den Feld­ste­cher her­un­ter, legt an — und schon spritz die Gehirn­masse aus einem schnauz­bär­ti­gen Unto­ten, dass es eine wahre Freude ist. So sieht eben „Humor FSK 18″ aus.

Splat­ter mit Anstand und eine gehö­rige Por­tion gro­tes­ker Ironie

Dabei gelingt es dem Fil­me­ma­cher sogar, den Umstän­den ent­spre­chend geschmack­voll zu sein. Die Splatter-​​Elemente sind stets gezielt gesetzt, ohne den schä­bi­gen Ein­druck der blo­ßen Effekt­ha­sche­rei auf­kom­men zu las­sen. „Dawn Of The Dead“ bie­tet ohne Über­trei­bung alles, was ein gutes Zombie-​​Movie aus­zu­zeich­nen hat: Viel Splat­ter, reich­lich Trash, eine gehö­rige Por­tion gro­tes­ker Iro­nie — und das alles sehr sau­ber ver­packt in einen run­den Plot apo­ka­lyp­ti­schen Aus­ma­ßes: Es gibt nun mal kein Entrinnen.