30. September 2004
Die Blutritter
Ob sie nun echt ist oder nicht — dieser Frage stellen sich die meisten Weingartner erst gar nicht. Doch wenn man der Legende Glauben schenken will, dann hat es sich damals wie folgt zugetragen, droben auf dem Berge Golgatha: Ein heidnischer römischer Legionär fing das Blut des gekreuzigten Jesu Christi auf und dem ungläubigen Soldaten wurde prompt ganz Paulusgleich die Erleuchtung zuteil. Fortan war er bekannt als der Heilige Longinus, Bischof von Mantua. Geschichten, wie sie eben einzig und allein die Bibel zu erzählen weiß. Eines schönen Tages gelangte die Blutreliquie als Geschenk ins oberschwäbische Weingarten nahe Ravensburg.
Dort wird sie alljährlich am so genannten Blutfreitag, dem Tag nach Christi Himmelfahrt, aus den Untiefen des Klosters geholt und ehrenvoll durch die Lande getragen — oder besser gesagt geritten: Wenn die weit über 30.000 Blutritter ausziehen geht nämlich die größte Reiterprozession der Welt über die Gassen. Anlass für Dokumentarfilmer Douglas Wolfsperger dieses Schauspiel in Cinemascope zu fotografieren. Ob Landmetzger oder Bäcker, Bestatter oder Krankenpfleger, Schwaben-Indianer oder Klosterbruder — sie alle sind Teil der großen Männerwallfahrt.
Um diese Protagonisten herum zeichnet Wolfsperger mit seiner Dokumentation „Die Blutritter“ ein entlarvendes Gesellschaftsbild über Volksfrömmigkeit und Doppelmoral; fein versetzt mit ironischen Zwischentönen, jedoch ohne seine Hauptdarsteller nach Moore’scher Manier der Lächerlichkeit preiszugeben. Das können die mit ihren teils sehr engstirnig-antiquierten und obendrein ebenso frauenfeindlich wie homophoben Weltanschauungen ganz gut selbst.
Fast quer durch die Bank spricht aus jedem Satz das provinzielle Denken des kleinen frommen Mannes und wie könnte es auch anders sein: Die ach so nächstenliebende Katholische Kirche reitet im forschen verbalen Galopp voran, die Reliquie ihres christlichen Glaubens hoch zu Ross gen Himmel gereckt. Herr vergib ihnen nicht. Sie müssten wissen, was sie tun.
