Green Day- "American Idiot"Jetzt mal ehr­lich: Wer von die­ser Truppe noch son­der­lich viel mehr erwar­tet hatte, als die Rand­no­tiz, dass Bil­lie Joe Arm­strong mit den John­nies Ramone und Thun­ders um die Wette flü­gelt, gehörte ent­we­der zur Fan-​​Gattung der Marke uner­schüt­ter­lich oder schrei­tet ohne­hin als gren­zen­lo­ser Opti­mist unbe­darft, aber glück­lich durchs Leben.

Die für „Best Of“-Verhältnisse gar nicht mal so schlech­ten „Inter­na­tio­nal Super­hits“ ließ man ja so eben noch über sich erge­hen, aber mit „Shena­ni­gans“ haben die Kali­for­nier dem Letz­ten klar­ge­macht, warum B-​​Seiten nun mal auf der Rück­seite von Sin­gles zu fin­den sind. Und nun das: Ein „Best Rock Album-​​Grammy“ für „Ame­ri­can Idiot“ (Reprise Records/​War­ner Music).

Es fällt ja seit jeher nicht unbe­dingt leicht, sich als ein­ge­fleisch­ter Green Day–Sym­pa­thi­sant zu outen: Anno ’94 kommt mit „Doo­kie“ jene gran­diose Scheibe voll Ohrwurm-​​Punk daher, die das Trio im nu zu „Bravo“-gehypten Kiddie-​​Idolen hoch­sti­li­siert. „Bas­ket Case“ lässt sich selbst mit der hei­mi­schen Gara­gen­band ohne große Schwie­rig­kei­ten nach­spie­len und „When I Come Around“ macht es den Nachbarschaft-​​gefürchteten Cover-​​Königen noch ein gutes Stück ein­fa­cher; G, D, E-​​Moll, C — und ein wei­te­rer Song im Reper­toire! Doch auf Dauer kann ein sol­ches Unter­fan­gen nur schief gehen: MTV rauf, MTV run­ter, Bil­lie Joe hier, Bil­lie Joe da — und ab mit dem gras­grü­nen „Dookie“-Shirt in die dun­kels­ten Untie­fen des Klei­der­schranks! Dazu braucht’s nun wahr­haft kei­ner Mit­glied­schaft im Club der Bunt­haa­ri­gen wider den Kommerz.

>Die Folge-​​Alben „Insom­niac“ und „Nim­rod“ sind denn für die „Ich hör alles, was es in die Charts schafft“-Klintel zwar gott­lob wie­der so mit­tel­präch­tig, dass sich sogar der Nieten-​​Nachwuchs ruhi­gen Gewis­sens an „Give It To Me Baby, aha aha“-Massenware ergötzt. Ande­rer­seits bedarf es aber­mals einer äußerst aus­ge­feil­ten Argu­men­ta­tion, warum denn aus­ge­rech­net diese bei­den Schei­ben im fein säu­ber­lichst zusam­men­ge­stell­ten hei­mi­schen Plat­ten­ar­se­nal ihren See­len­frie­den fin­den dür­fen. Ver­trackte Sache, die­ses Fan-​​Dasein. Wäre es zu vor­schnell, nach drei Jah­ren mal eben einen kur­zen Blick in den Kla­mot­ten­schrank zu ris­kie­ren?! Ein­fach so, nur um zu sehen, ob’s noch da ist.

Und wäh­rend hier noch reif­lich abge­wägt wird, zei­gen Bil­lie Joe Arm­strong, Trés Cool und Mike Dirnt, dass sie weit mehr zu bie­ten haben als eingängig-​​schnöde Melo­die­läufe auf Drei Akkorde-​​Basis. Mit „Warning“ geht’s anno 2000 fast gänz­lich weg vom Punk; mehr Pop, und noch mehr Songwriter-​​Elemente. Da stellt sich so man­chem Anhän­ger ganz schnell der Kamm und zwar gänz­lich ohne eige­nes Zutun. Man macht schließ­lich nicht jede Musik­er­laune so ohne wei­te­res mit. Und jetzt räu­men Green Day also nach vier Jah­ren ohne auch nur eine Note mit der ande­ren kom­bi­niert zu haben der­ma­ßen ab, dass sie ein zwei­tes Mal aus­ge­sorgt haben dürf­ten. Die­ses 13 mehr („Ame­ri­can Idiot“) oder min­der („Are We The Wait­ing“) bril­lante Songs umfas­sende Kunst­stück mit einem kon­se­quen­ten Konzept-​​Album zu voll­füh­ren, das mit „Jesus Of Sub­ur­bia“, „St. Jimmy“ und „Whats­er­name“ die drei Lager der Bush-​​Gegner in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten wider­spie­gelt, stimmt da um so wohlgesonnener.

Und unser ver­zwei­fel­ter Sym­pa­thi­sant? Zwar wabert heuer mit „Bou­le­vard Of Bro­ken Dreams“ der nächste Klingeltonwerbungs-​​Unterbrecher MTV rauf und Viva run­ter, ein auf andro­gyn gestyl­ter Bil­lie Joe schlurft hier und schlen­dert dort — aber mal ehr­lich: Fürs pseudo-​​rebellische Green Day-​​Leibchen mit Fliege und Hun­de­hau­fen sind wir mitt­ler­weile doch ohne­hin längst zu alt.