13. September 2004
Nik Page — „Sinmachine“
Da standen sie also fein säuberlichst aufgereiht, diese drei ominösen Fläschchen mit den krakeligen Aufschriften „Gothic Rock“, „Hymnenhafter Pop“, „Monumentale Chor-Arrangements“, „Electronic Stuff“ und „Deutsche Texte“. Der finster dreinblickende Jüngling mit dem aufgestellten blonden Haar führt die Ingridenzien wohl dosiert eine nach der anderen an die vollen Lippen einer vierarmigen Schönheit, deren draller Vorbau sich kaum mehr von dem schon großzügig geschnürten Leder-Korsett im Zaum halten lassen will. Und Nik Page krallt sich als vorletzte Zutat eine handvoll Szenegrößen, die seine „Sinmachine“ (Wannsee Records/Edel) erst so richtig auf Touren bringen sollen.
Es ist die zweite Solo-Scheibe des einstigen Blind Passengers–Masterminds und wenn man auf „Sacrifight“ schon kaum mehr Anzeichen des Industrial Metals aus den Endzeiten jener Formation finden konnte, mit der Nik Pages Musikerkarriere begann, so geht er mit diesem Album konsequent neue Electro Goth ‚n’ Roll-Wege. Doch alleine wandert es sich auf vergleichsweise ungewohnten Solo-Pfaden nach wie vor recht unsicher — und das magische Wort auf diesem steinigen Geläuf heißt „Featuring“. Schon auf seinem Debüt erfreute sich Klein Nik großer Gefährten; um mit Eric Fish (Subway To Sally) und Jürgen Engler (Die Krupps) nur zwei zu nennen.
Da wundert es nicht, dass auch auf „Sinmachine“ reichlich Szeneprominenz vertreten ist: So beschreitet er die „Road Of Damnation“ etwa gemeinsam mit Tanzwut alias Corvus Corax und X-Perience Sängerin Claudia Uhle, neuerdings bekannt unter dem Pseudonym Angelzoom. Dirk Scheuber von Project Pitchfork steht der Nummer „Sweet Dust“ Pate und beim auch als Single-Auskopplung erschienenen „Dein Kuss“ unterstützen Dara Pain und Joachim Witt den Berliner. Er kann’s allerdings durchaus längst alleine und nicht umsonst steht Nik Page beim vielleicht besten Track seinen schwarzen Mann: Das düstere „Sincity“ klingt genauso schmutzig und Industrial-Rock geschwängert wie der sündige Titel nahe legt.
Ob mit oder ohne fremde Hilfe — die „Sinmachine“ läuft rund und weiß durchaus zu becircen. Allenfalls bei „Mysteryland“ hat Nik Page ein wenig zu hoch ins Regal gegriffen. Doch es duftete wohl einfach zu verlockend nach MTV und Viva, dieses vermaledeite giftgrüne Fläschchen mit den „Cover-Songs“. Bevor nun Blasphemie-Rufe laut werden: So ist nun mal das Business und noch sind die Ärzte nicht tot. Zumal Herr Felsenheimer wie man hört sein „Go“ gegeben hat. Und obendrein klingt die Page-Version fast wie eine penible Eins-zu-eins-Kopie — was wiederum die Frage nach Sinn oder Unsinn einer solchen Nummer mit nur noch größeren Dollarzeichen beantwortet. Ansonsten bleibt festzuhalten: Viel Gothic, viel Synthy, viel Pathos, viel Rock. Licht aus, „Sinmachine“ an! Befriedigung ist garantiert.
