Götz Widmann - "Drogen"„Ich möchte leben wo man noch die freie Liebe kennt, ich möchte leben wo man Hunde noch Che oder Mao nennt — ich weiß ich bin mit mei­ner Sehn­sucht nicht allein, ich möcht so schreck­lich gern ein Landkommunen-​​Hippie sein!“ Oh doch — er ist allein. Seit dem Tod sei­nes kon­ge­nia­len Part­ners Kleinti Simon ist das Liedermacher-​​Duo Joint Ven­ture unwie­der­bring­lich (Musik-)Geschichte und ein jeder, dem es ver­gönnt war, einen Auf­tritt der bei­den Kiffer-​​Gitarreros mit­er­le­ben zu dür­fen kann sich heute glück­lich schätzen.

Geblie­ben sind frei­lich ihre Songs: Lie­der über Dro­gen, ob flüs­si­ger Natur oder sol­che, die das Inha­lie­ren erfor­dern; Lie­der über freie Liebe, Sex und die ver­lo­re­nen Ideale der neuen Lin­ken. Mal ankla­gend, mal for­dernd, gerne auch mal etwas der­ber — aber immer herr­lich direkt und nie ohne die nötige Por­tion Selbst­iro­nie. Ihre Musik ver­suchte nie mehr zu sein, als Trans­port­mit­tel für die Texte — bis zu jenem tra­gi­schen Juni-​​Tag im Som­mer 2000, an dem Kleinti Simon im Alter von 33 Jah­ren an einem Herz­in­farkt ster­ben musste.

Kleinti Simon ist nicht zu ersetzen

Doch heuer geht das „Extrem­lie­der­ma­ching“ wei­ter, denn der ver­blie­bene Land­kom­mu­n­enhip­pie ist mit einem neuen Live-​​Album am Start: Es beinhal­tet die schöns­ten Momente aus zwei Jah­ren Solo-​​Dauertour und wie könnte es anders hei­ßen als „Dro­gen“ (Blan­komu­sik). In bes­ter Tra­di­tion spielt Götz Wid­mann sowohl alte Klas­si­ker und fast in Ver­ges­sen­heit gera­tene Rari­tä­ten aus gemein­sa­men Joint Venture-​​Tagen — wie zum Bei­spiel „Chro­nik mei­nes Alko­ho­lis­mus“, „Hank starb an ner Über­do­sis Hasch“, „Ich schäme mich beim Wich­sen“, „Edu­ard der Haschisch­hund“ und natür­lich den „Land­kom­mu­n­enhip­pie“ — als auch neue Stü­cke sei­ner ers­ten Solo-​​Platte, ange­fan­gen bei „Dein Vater hat ‚nen Kater“, „Das Leben sollte mit dem Tod begin­nen“, „Die Zau­ber­steuer“ oder „Zöll­ner vom Voll­zug abhal­ten auf der A4“, wäh­rend Mitgröhl-​​Nummern wie „Hol­land“ oder „Und tschüss“ lei­der gänz­lich fehlen.

Von solch klei­nen Wer­muts­trop­fen abge­se­hen ist viel­mehr der musi­ka­li­sche Ver­lust im All­ge­mei­nen unver­kenn­bar. Götz Wid­mann ist einer der bes­ten Lie­der­ma­cher, die das Land kennt — keine Frage. Und wer sich erst seit der Solo-​​Ära zu sei­nen Fans zählt, wird wahr­schein­lich auf „Dro­gen“ nichts ver­mis­sen — gemeint ist hier selbst­ver­ständ­lich das Album. Doch der geneigte Fan ahnt es längst: Es feh­len nun mal Kleinti Simons Höhen, die lei­sen Töne, wäh­rend Götz Wid­mann mit einer eher rauen und brummig-​​heiseren Stimme geseg­net ist. Auch bei Joint Ven­ture war’s eben ein­mal mehr die Mischung und die ist solo in bekann­ter Form und Qua­li­tät schlicht nicht mehr zu leis­ten. Solo gesun­gen klin­gen viele der alten Stü­cke ein wenig hart, unge­wohnt eben. Beson­ders auf­fäl­lig wird Kleinti Simons Ver­lust natür­lich bei Stü­cken, die von vorn­her­ein für zwei Parts aus­ge­legt sind, wie bei­spiels­weise „Der Esel“: Auf der CD bedient sich Wid­mann hier kur­zer­hand des Publi­kums, wel­ches an Klein­tis Stelle singt.

Auch für Nicht-​​Kiffer zum Kon­sum geeignet

Den­noch: Man muss Wid­manns Ent­schei­dung ganz ein­fach akzep­tie­ren und vor allen Din­gen respek­tie­ren, sich kei­nen Nach­fol­ger für sei­nen Freund und Part­ner Kleinti Simon ins Boot zu holen, son­dern alleine wei­ter­zu­ma­chen. Ste­hen doch seine eige­nen Num­mern nicht zuletzt in Puncto Text­witz den alten Joint Venture-​​Hymnen in nichts nach. Und so beinhal­tet „Dro­gen“ etwas mehr als 75 Minu­ten berau­schende Klänge — auch für Nicht-​​Kiffer zum beden­ken­lo­sen Kon­sum geeignet!