11. Oktober 2004
Götz Widmann — „Drogen“
„Ich möchte leben wo man noch die freie Liebe kennt, ich möchte leben wo man Hunde noch Che oder Mao nennt — ich weiß ich bin mit meiner Sehnsucht nicht allein, ich möcht so schrecklich gern ein Landkommunen-Hippie sein!“ Oh doch — er ist allein. Seit dem Tod seines kongenialen Partners Kleinti Simon ist das Liedermacher-Duo Joint Venture unwiederbringlich (Musik-)Geschichte und ein jeder, dem es vergönnt war, einen Auftritt der beiden Kiffer-Gitarreros miterleben zu dürfen kann sich heute glücklich schätzen.
Geblieben sind freilich ihre Songs: Lieder über Drogen, ob flüssiger Natur oder solche, die das Inhalieren erfordern; Lieder über freie Liebe, Sex und die verlorenen Ideale der neuen Linken. Mal anklagend, mal fordernd, gerne auch mal etwas derber — aber immer herrlich direkt und nie ohne die nötige Portion Selbstironie. Ihre Musik versuchte nie mehr zu sein, als Transportmittel für die Texte — bis zu jenem tragischen Juni-Tag im Sommer 2000, an dem Kleinti Simon im Alter von 33 Jahren an einem Herzinfarkt sterben musste.
Kleinti Simon ist nicht zu ersetzen
Doch heuer geht das „Extremliedermaching“ weiter, denn der verbliebene Landkommunenhippie ist mit einem neuen Live-Album am Start: Es beinhaltet die schönsten Momente aus zwei Jahren Solo-Dauertour und wie könnte es anders heißen als „Drogen“ (Blankomusik). In bester Tradition spielt Götz Widmann sowohl alte Klassiker und fast in Vergessenheit geratene Raritäten aus gemeinsamen Joint Venture-Tagen — wie zum Beispiel „Chronik meines Alkoholismus“, „Hank starb an ner Überdosis Hasch“, „Ich schäme mich beim Wichsen“, „Eduard der Haschischhund“ und natürlich den „Landkommunenhippie“ — als auch neue Stücke seiner ersten Solo-Platte, angefangen bei „Dein Vater hat ‚nen Kater“, „Das Leben sollte mit dem Tod beginnen“, „Die Zaubersteuer“ oder „Zöllner vom Vollzug abhalten auf der A4“, während Mitgröhl-Nummern wie „Holland“ oder „Und tschüss“ leider gänzlich fehlen.
Von solch kleinen Wermutstropfen abgesehen ist vielmehr der musikalische Verlust im Allgemeinen unverkennbar. Götz Widmann ist einer der besten Liedermacher, die das Land kennt — keine Frage. Und wer sich erst seit der Solo-Ära zu seinen Fans zählt, wird wahrscheinlich auf „Drogen“ nichts vermissen — gemeint ist hier selbstverständlich das Album. Doch der geneigte Fan ahnt es längst: Es fehlen nun mal Kleinti Simons Höhen, die leisen Töne, während Götz Widmann mit einer eher rauen und brummig-heiseren Stimme gesegnet ist. Auch bei Joint Venture war’s eben einmal mehr die Mischung und die ist solo in bekannter Form und Qualität schlicht nicht mehr zu leisten. Solo gesungen klingen viele der alten Stücke ein wenig hart, ungewohnt eben. Besonders auffällig wird Kleinti Simons Verlust natürlich bei Stücken, die von vornherein für zwei Parts ausgelegt sind, wie beispielsweise „Der Esel“: Auf der CD bedient sich Widmann hier kurzerhand des Publikums, welches an Kleintis Stelle singt.
Auch für Nicht-Kiffer zum Konsum geeignet
Dennoch: Man muss Widmanns Entscheidung ganz einfach akzeptieren und vor allen Dingen respektieren, sich keinen Nachfolger für seinen Freund und Partner Kleinti Simon ins Boot zu holen, sondern alleine weiterzumachen. Stehen doch seine eigenen Nummern nicht zuletzt in Puncto Textwitz den alten Joint Venture-Hymnen in nichts nach. Und so beinhaltet „Drogen“ etwas mehr als 75 Minuten berauschende Klänge — auch für Nicht-Kiffer zum bedenkenlosen Konsum geeignet!
