Karls­ruhe — Ein wenig ent­täuscht waren sie schon, die Genos­sin­nen und Genos­sen der Roten Antifa Karls­ruhe (RAK). Nur knapp 700 Besu­cher fan­den am gest­ri­gen Sams­tag­abend den Weg in die Ex-​​Steffi: 2. Okto­ber, das ist „Einheizfeier“-Zeit. Doch jene, die sich in der Schwarz­wald­straße 79 ein­ge­fun­den hat­ten, kön­nen sich rüh­men, einem der bes­ten Steffi-​​Gigs beige­wohnt zu haben: Die Micro­phone Mafia aus Köln rappte um kurz nach eins als Head­li­ner los — und das War­ten lohnte! Patrick Wurs­ter sprach nach dem Kon­zert mit Rossi, Kutlu und DJ Ra über ihr Dasein als Teil­zeit­mu­si­ker, die neue Sin­gle und Ber­li­ner „Kollegen“.

???: Was hat euch dazu bewo­gen, bei der „Ein­heiz­feier“ als Head­li­ner anzu­tre­ten?
Kutlu: Dass wir Head­li­ner sind, haben wir erst kurz vor dem Auf­tritt erfah­ren. Aber abge­se­hen davon spie­len wir oft auf Antifa-​​Veranstaltungen. Von der Ex-​​Steffi haben wir das erste mal über unsere Con­nec­tion zu Chaoze One erfah­ren, der bekannt­lich einen Song über das Haus gemacht hat. Dank ihm war’n wir hier.
Rossi: Für die gute Sache und den guten Zweck — da sind wir immer zu haben!

???: Nun ging wider Erwar­ten doch noch der Him­mel über Karls­ruhe op. Eigent­lich woll­tet ihr den Höh­ner–Song heute Abend gar nicht spie­len. Warum kamen wir doch noch in den Genuss?
Kutlu: Wir hat­ten das Instru­men­tal von „Wann jeiht d’r Him­mel wid­der op“ gar nicht dabei… Aber nach­dem Chaoze und ganz viele andere Leute in der Sache auf uns zuge­kom­men sind, war klar: Das ist der Song, den alle hier heute Abend hören möch­ten. So haben wir den Original-​​Track von der Platte lau­fen las­sen und ein­fach über unsere Stim­men drübergerappt!

???: Ein Song mit Ohr­wurm­cha­rak­ter! Warum gab’s sei­ner­zeit zum Release kein Video?
Rossi: Wir hat­ten nie den Hin­ter­ge­dan­ken ‚ne Sin­gle draus zu machen. Das wie­derum liegt an der Ent­ste­hungs­ge­schichte des Songs. Wir haben ihn für einen Sam­pler der Köl­ner Künst­ler­in­itia­tive gegen Rechts mit dem Namen „Arsch huh — Zäng ussen­an­der“ pro­du­ziert. Dort sollte jeder Köl­ner Künst­ler einen ande­ren covern — und wir haben uns die Höh­ner aus­ge­sucht, weil das Lied super zu unse­rer Geschichte passt: Kutlu mit sei­nen tür­ki­schen Wur­zeln, ich mit mei­nen ita­lie­ni­schen.
Kutlu: Hey, ich bin doch kein Baum! (lacht) Naja, aber so haben wir die Höh­ner ken­nen­ge­lernt und das sind wirk­lich super­nette Men­schen! Die Jungs waren übri­gens sehr ange­tan von der Mic Mafia-​​Fassung.
DJ Ra: Dann haben wir drei­mal bei den „Höh­ner Clas­sics“ in der Köl­ner Phil­har­mo­nie gespielt — das ist ein Gefühl mit den Höh­nern und einem 80-​​Mann-​​Orchester im Rücken auf der Bühne zu ste­hen!
Rossi: (lacht) Vor allem, wenn 3.000 Leute auf­ste­hen und schun­keln!
Kutlu: Am letz­ten Abend hat sich der Rossi ange­maßt die Menge zu bit­ten: ‚Und jetzt alle auf­ste­hen und abge­hen!“ Und das haben dann tat­säch­lich alle gemacht! Hin­ter­her kam der Chef der Phil­har­mo­nie zu mir und meinte, er hat so etwas in sei­nem Haus noch nie gese­hen!
Rossi: Und all diese schö­nen Erleb­nisse sind doch viel mehr wert als ein Video bei Viva oder MTV lau­fen zu haben oder in die Charts zu kommen!

???: Ihr habt vor vier Jah­ren nach den schlech­ten Erfah­run­gen mit der „Farbe des Gel­des“ euer eige­nes Label Al Dente Recordz gegrün­det. Kon­zept auf­ge­gan­gen?
Rossi: In der Musik­bran­che ist es der­zeit sehr schwie­rig Fuß zu fas­sen. Aber es ist ein­fach toll, wenn du weißt, ich kann raus­brin­gen was ich will, wann ich will und vor allem wie ich will. Aber um rich­tig zu klot­zen, fehlt hier und da lei­der das Geld. Den­noch sind wir froh, die­sen Schritt gemacht zu haben, um neben uns selbst auch eini­gen ande­ren Künst­lern — wie zum Bei­spiel Super­skank, den Salo­niki Sur­fers, Stra­ßen­kinda oder Kopf­hö­rer — zu hel­fen. Die Lunte brennt, wir war­ten nur noch auf die Explosion.

???: Eigene HipHop-​​Formation, eige­nes Label — reicht’s zum Über­le­ben?
DJ Ra: Abso­lut nicht! Wir müs­sen alle drei neben­her arbei­ten.
Kutlu: Aber das war für uns immer klar. Wir sind nicht von der Frak­tion, die sagt: ‚Wir haben jetzt ‚ne Platte aufm Markt und zehn Auf­tritte in die­sem Jahr — ich kün­dige und mach fortan nur noch Musik.‘ Nach zwei Jah­ren läuft’s viel­leicht nicht mehr — und dann? Nein nein, wir fah­ren das par­al­lel. Ist zwar manch­mal schwer, aber es ist gut so wie es ist, weil wir wis­sen, dass wir jeden Monat den Lohn auf dem Konto haben und ruhi­gen Gewis­sens zu unse­ren Auf­trit­ten fah­ren kön­nen. Viel­leicht ist das der Grund, warum wir schon 16 Jahre Musik machen. Ich bin mir sicher, andern­falls gäbe es die Mic Mafia nicht mehr. Wenn du davon leben musst, setzt du dir zwangs­läu­fig ein Zeit­li­mit, in dem ein bestimm­ter Sta­tus Quo errei­chen sein muss. Und wenn’s nicht hin­haut, brichst du ab. Wir haben uns nie sol­che Mar­ken gesetzt. Wenn’s aber doch mal irgend­wann so rich­tig abge­hen sollte, dass wir davon leben kön­nen — es gibt nix ein­fa­che­res als ‚ne Kün­di­gung zu unterschreiben.

???: Ihr könn­tet euch also vor­stel­len, als Teil­zeit­mu­si­ker die Kar­riere zu been­den?
Rossi: Ganz klar! Ich find’s cool, so wie es ist. Wir kön­nen unser Ding machen und müs­sen uns nicht ver­stel­len, nur um über­le­ben zu können.

???: Was sagt ihr zu „Kol­le­gen“ wie Sido oder Bushido, die mit ihren Dumpf­ba­cken­tex­ten auf der Erfolgs­welle schwim­men wäh­rend ihr trotz ein­gän­gi­ger Beats und intel­li­gen­ten Rei­men kein Land seht?
Kutlu: Oh je, Aggro Ber­lin… Die haben doch fast alle einen an der Waf­fel. Immer hart sein, immer cool sein und dann die­ses ‚Ich lebe für Hip­Hop‘! Ich lebe nicht für Hip­Hop! Hip­Hop ist ein wich­ti­ger Bestand­teil mei­nes Lebens, weil es mich dazu gebracht hat bestimmte Dinge nicht zu tun. Für uns war es bei­spiels­weise ein­fach wich­ti­ger, in Jugend­zen­tren auf­zu­tre­ten anstatt uns in irgend­wel­chen Dis­cos mit Dro­gen weg­zu­hauen. Und wenn irgend­ei­ner meint auf der Bühne meine Fami­lie beschimp­fen zu müs­sen, hört’s auf mit Hip­Hop, das Mic geht zur Seite und dann wird geboxt! Meine Fami­lie hat nichts mit Hip­Hop zu tun, hat nichts mit Cool­ness zu tun, hat nix mit irgend­was zu tun. Meine Fami­lie bleibt aus dem Spiel. Hip­Hop darf alles? Darf es nicht! Bushido bringt zwar in der Rich­tung wenig, aber der hat dafür ‚ne andere Macke. Auf der einen Seite seine har­ten Rhy­mes, dabei ist er im Grunde total nett! Ich trenne ja gene­rell Musik und Mensch und als Mensch ist er ganz in Ord­nung. Aber um noch­mal aufs Stich­wort „Dumpf­ba­cken­texte“ zurück­zu­kom­men: Die Leute wol­len bei Musik nicht viel nach­den­ken.
DJ Ra: In Ber­lin geht das ohne­hin ganz anders ab. Da braucht nur irgend­je­mand ‚ne Platte raus­zu­brin­gen, dann haben die schon 20.000 ver­kauft. Das Kon­zept von Aggro Ber­lin ist eigent­lich ganz cool, die hal­ten sich gegen­sei­tig, auch wenn man sich dann zwei Wochen spä­ter wie­der die Fresse ein­schlägt. Aber alles, was text­lich und musi­ka­lisch rüber­kommt — das muss ich mir echt nicht antun.
Rossi: Du bist ja nur nei­disch! Nein, im Ernst: Jeder soll das machen was er will, wenn er mit den Kon­se­quen­zen leben kann.

???: Ven­detta Con­ti­nua — der Kampf geht wei­ter. Wie?
Kutlu: Wir sind schon drei echte Spe­zia­lis­ten und haben ein Fai­ble dafür ent­wi­ckelt, die fal­schen Songs für die Maxis aus­zu­su­chen… Aber heute Abend haben wir uns vor­ge­nom­men eine limi­tierte Auf­lage von „Wann jeiht d’r Him­mel wid­der op“ und „Denk­mal“ zu ver­öf­fent­li­chen. Und das Video dazu dre­hen wir in der Ex-​​Steffi.