18. November 2004

Bad Santa

Wenn der Weih­nachts­mann die­ses Jahr den Knüp­pel aus dem Sack holt, dann froh­lockt nicht etwa das Kin­der­herz. Die­ser Kaufhaus-​​Santa treibt’s viel­mehr ganz wild: Dem Wört­chen „Anprobe“ etwa ver­leiht er in der Damen-​​Umkleide auf ganz eigene Art und Weise neue Bedeu­tung und nach Fei­er­abend ver­nascht er mit Vor­liebe die Knei­pen­be­leg­schaft auf dem Rück­sitz sei­nes Wagens: „Wenn ich mit dir fer­tig bin, wird dir eine Woche schwin­de­lig sein, du Dreck­sau!“ Zitat Ende.

Ist das etwa ein Geba­ren für den Weih­nachts­mann? Frei­lich nicht und der echte ist gewiss auch nicht dem 24-​​Stunden-​​Dauersuff ver­fal­len. Das ist nur „Bad Billy Bob“: Statt Stie­fel zu fül­len, belädt er lie­ber die eige­nen Taschen und nicht zuletzt wer­den bei „Bad Santa“ anstelle der obli­ga­to­ri­schen Nüsse an Hei­lig Abend noch ganz andere Dinge geknackt. Aus­nahms­weise ist an die­ser Stelle ein­mal nicht von Frauen die Rede.

In sei­nem beweg­ten Leben hat Wil­lie T. Sto­kes (Billy Bob Thorn­ton) schon so man­chen Tief­schlag weg­ste­cken müs­sen, aber keine noch so ernied­ri­gende Demü­ti­gung kann es auch nur im ent­fern­tes­ten auf­neh­men mit dem Jam­mer­tal der Trä­nen, das Wil­lie jetzt, wenige Tage vor Weih­nach­ten, zu durch­wa­ten hat: Als Kaufhaus-​​Weihnachtsmann muss er von früh bis spät auf­ge­regte Kin­der auf sei­nem Schoß Platz neh­men las­sen und sich ihre Geschenk­wün­sche zum fro­hen Fest anhören.

Tra­shige Weih­nachts­ko­mö­die mit Kultcharakter

Aus­ge­rech­net Wil­lie, zu des­sen prä­gnan­tes­ten Eigen­schaf­ten neben sei­nen men­schen­ver­ach­ten­den Unflä­tig­kei­ten, einer unstill­ba­ren Flei­sches­lust und sei­nem fata­len Hang zum Vollsuff auch ein aus­ge­präg­ter Kin­der­hass gehört. Aber mit der ent­spre­chen­den Dosis Hoch­pro­zen­ti­gem intus lässt es sich gerade noch so über­ste­hen. Dass dabei das ein oder andere Mal­heur pas­siert — c’est la vie: Wenn die Blase voll ist, muss sie eben geleert wer­den, auch wenn gerade keine Toi­lette in der Nähe ist.

Doch in Wahr­heit sind Wil­lie und sein klein­wüch­si­ger Part­ner (Tony Cox), der ihm als Weih­nachts­ko­bold assis­tiert, ein ein­ge­spiel­tes Pan­zer­kna­cker­team, das seit Jah­ren als Santa und sein klei­ner Hel­fer auf­tritt, um dann am Hei­li­gen Abend den Safe des jewei­li­gen Ein­kaufs­zen­trums aus­zu­räu­men. Mar­cus sorgt dafür, dass die Alarm­an­lage außer Gefecht gesetzt wird, Wil­lie knackt den Tre­sor — und dann geht’s ab in den Süden, das Geld ver­pras­sen. Und kaum ist der Herbst gekom­men heißt es: „Alle Jahre wie­der“. Dies­mal lässt sich das zän­ki­sche Duo im Kon­sum­tem­pel von Bob Chi­peska (John Rit­ter) nie­der, um aber­mals den bewähr­ten Coup durch­zu­zie­hen. Doch die­ser Tage kommt es so ganz anders als alle Jahre.

Was ist es doch für ein unbe­schreib­li­ches Glücks­ge­fühl, sich einen Film anzu­tun, an den man so abso­lut keine heh­ren Erwar­tun­gen knüpft — um dann um so beschwing­ter das bewegte Dun­kel wie­der hin­ter sich zu las­sen: „Bad Billy Bobs“ Rolle ist von Regis­seur Terry Zwig­off wun­der­bar anar­chisch ange­legt, und wer könnte sie bes­ser mit Leben fül­len als der Hollywood-​​Spätzünder? Dass der Schluss des kei­nes­wegs nur auf dump­fen Fäkal­hu­mor ange­leg­ten Wer­kes den­noch — ver­gleichs­weise — tief bewegt, ist eine wei­tere Note, wel­che „Bad Santa“ von den so oft geschei­ter­ten Ver­su­chen einer „etwas ande­ren Weih­nachts­ko­mö­die“ abhebt. Zumal einem schon allein ob der Tat­sa­che, dass hier „Inspec­tor Hooper­man“ alias John Rit­ter in sei­nem letz­ten Film zu sehen ist, ein wenig weh­mü­tig ums Herz wird.

Doch wann durf­ten wir je eine solch durch und durch tra­shige X-​​Mas-​​Komödie sehen, bei der man im Lauf der andert­halb Stun­den schier nicht umhin kommt, mit einem vor­freu­di­gen Grin­sen gebannt auf die Lein­wand zu star­ren; im ste­ten Hof­fen, sich des lang­sam aber sicher auf­stau­en­den Lach­krampfs mit einem lau­ten Prus­ten zu ent­le­di­gen. Jaja, „wenn ich mit dir fer­tig bin, wird dir eine Woche schwin­de­lig sein, du…!“