Chaoze One - "Koppstoff"Jetzt wer­den die Ver­hält­nisse wie­der grade gerückt. Knapp ein Jahr nach der „Rapres­sion“ besingt jetzt also auch Karls­ru­hes Vorzeige-​​Guerilla-​​HipHopper Chaoze One sei­nen Block. Und damit ver­bu­chen die „Guten“ wie­der einen Punkt auf dem Haben­konto, nach­dem Rap­per­dumpf­ba­cke Sido Blu­men­topfs schö­nes Ori­gi­nal gehö­rig durchs Aggro-​​Ghetto gezo­gen hat.

Wäh­rend dem einen außer sexu­ell Lüs­ter­nen, die nicht mehr recht auf dem Aller­wer­tes­ten sit­zen kön­nen, schein­bar nicht son­der­lich viel auf­fällt im Leben, rappt Chaoze One auf sei­ner heute erschie­ne­nen EP „Kopp­stoff“ (Twis­ted Chords) von der „Land­ser“ lesen­den Oma, vom Poli­zei­staat und Pro­pa­ganda „ver­che­cken­den“ Glat­zen mit Tarn­kappe — ein 18-​​minütiger Abge­sang aufs Hierzuland.

Ein­zig beim Titel hat sich Chaoze One vom gleich­na­mi­gen Buch aus der Feder Feri­dun Zai­moglus inspi­rie­ren las­sen, viel­leicht bes­ser bekannt durch „Kan­aka Sprak vom Rande der Gesell­schaft“. Ansons­ten macht er wie gewohnt sein ganz eige­nes Ding. Und gleich beim zwei­ten Track fällt aber­mals ein pro­mi­nen­ter Name. Ein­mal mehr ist ein alter Bekann­ter zu hören: Bei „Some People“ geben sich Chaoze und Deadly T — von dem kei­ner so recht weiß, ob seine Anar­chis­ten Aca­demy ihre Pfor­ten denn nun end­gül­tig für alle Ewig­keit geschlos­sen hat — das Mikro in die Hand und offe­rie­ren nach dem Abge­sang aufs „Grün­groß­deutsch­land“ nun ihr ganz per­sön­li­ches „State Of Mind der Rap­per zur Deutschrap-​​Beliebigkeits-​​Diskussion“.

Und wollte man den sich anschlie­ßen­den „Hei­mat­me­lo­dien“ auch noch einen Zusatz­ti­tel geben, dann hieße der zwei­fels­ohne: „Kein Mensch ist ille­gal — Part II“. Abge­se­hen von tür­kisch und spa­nisch ange­hauch­ten Sam­ples im Beat und den ers­ten Chaoz’schen Rap­geh­ver­su­chen auf eng­li­schem Ter­rain prä­sen­tiert sich bei die­sem Anti-​​Abschiebe-​​Track eine New­co­me­rin an der Seite des „Alt­meis­ters“: Lotta C nennt sie sich und nicht zuletzt ihr mar­kan­tes Organ macht die „Hei­mat­me­lo­dien“ zu dem her­aus­ra­gen­den „Koppstoff“-Stück schlechthin.

Es folgt der alt­be­kannte Track „Revolution/​Koma Deluxe“, wel­cher bereits zu Jah­res­be­ginn ver­öf­fent­licht und bis dato an die 1.000 Mal als MP3-​​Fassung ver­äu­ßert wurde. Und — wie sollte es bei soviel har­ter Polit-​​Kost anders sein — ist der emo­tio­nale Raus­schmei­ßer eben dort plat­ziert, wo er hin­ge­hört: an den Schluss näm­lich. „Hey Schwungi“, ein kur­zer, melan­cho­li­scher Song mit sehr per­sön­li­chen Lyrics im Stile von „Letz­ter Gruß“, wel­chen Chaoze auf dezente Drums und Kla­viers­am­ples rappt.

Doch nach den 18:38 Minu­ten ist noch längst nicht Schluss: „Kopp­stoff“ ent­hält außer­dem als PC-​​Datentrack Chaoze Ones erste und längst rest­los ver­grif­fene Demo-​​CD „Neue Kreise“, ein Selfmade-​​Video zu „Revolution/​Koma Deluxe“ sowie über 40 Minu­ten Live-​​Material vom Bensheim-​​Auftritt 2003. Dass an ange­spro­che­ner letz­ter Stelle ruhi­gere Töne ange­mes­sen sind, ist nur zu klar. Ansons­ten aber prä­sen­tiert sich Chaoze One auf „Kopp­stoff“ einen gehö­ri­gen Tick här­ter und aggres­si­ver als auf den meis­ten „Rapression“-Nummern — und diese Härte steht ihm und sei­ner Musik nur zu gut; zumal die bun­des­deut­schen Zustände in gewohn­ter Chaoze-​​Manier nicht eben zim­per­lich anpran­gert werden.

Und auch wenn die Mensch­heit zumin­dest mit­tel­fris­tig noch mit „der neuen deut­schen Batt­le­härte und den patriarchal-​​pubertären Besa­mungs­phan­ta­sien der poli­tisch bewusst­los vor sich hindump­fen­den HipHop-​​Stammtischler“- wie es Han­nes Loh, Ex-​​MC der Erste-​​Stunde-​​Polit-​​Rapper Anar­chist Aca­demy so adrett for­mu­liert hat — geplagt sein wird: Kopp­stoff, den gibt’s hier­zu­lande ganz sicher auch auf lange Sicht noch jede Menge. Chaoze One wird hof­fent­lich wei­ter­hin das Beste draus machen. Nehmt euch also fein in Acht, ihr „Land­ser“ lesen­den Großmütter!