Götz Widmann - "Zeit"Im Grunde hat sie jeder zur Genüge, den­noch fehlt’s den meis­ten dran und ein­fach neh­men tun sie sich ohne­hin die Wenigs­ten: Zeit. „Zeit, um sich zu pfle­gen. Zeit, sich nicht mehr auf­zu­re­gen. Zeit für in den Regen legen und sich nicht dabei bewe­gen. Zeit, sich zu erin­nern. Zeit für Stim­men aus dem Innern. Zeit für ein hal­bes Jahr am Meer. Geschlechts­ver­kehr.“ Was nun Götz Wid­mann von dem Besun­ge­nen in den zurück­lie­gen­den Jah­ren seit sei­nem ers­ten Solo-​​Album wider Wil­len in die Tat umge­setzt hat oder auch nicht sei dahingestellt.

Doch zwei­fels­ohne hat der Lie­der­ma­cher sie sich genom­men, neben Dau­er­tour und Live-​​Album. Zeit für seine just erschie­nene dritte Solo-​​Scheibe (Ahuga/​Alive) näm­lich. Und hier will jemand nicht mehr län­ger nur der alter­na­tive Liedermaching-​​Rebell sein, ganz offen­sicht­lich. Zwar redet Götz Wid­mann auch auf „Zeit“ gewohnt nicht lange drum rum, ist noch nie sein Ding gewe­sen. So geht’s mit bewähr­tem Biss („Grimms Mär­chen“) und Witz („Danke Tanke“) zur Sache. Und den einen Mitgröh­ler wollte er den Freun­den des sau­ber geschrubb­ten Akkords denn wohl auch nicht vor­ent­hal­ten („Tage­lange Nüch­tern­heit“). Doch sind die lei­sen Zwi­schen­töne ver­nehm­bar lau­ter gewor­den, sowohl die text­li­chen und erst recht die musikalischen.

So geballt bal­la­desk und nach­denk­lich („Die Blume“) hat man den Ex-​​Joint Ven­ture jeden­falls bis dato noch nicht ver­neh­men dür­fen. Ein­tö­nig wird’s den­noch nie, dafür hat Wid­mann sein Album gott­lob breit genug ange­legt; von der cohe­nes­ken „Armen schö­nen Frau“, Heavy-​​Nylon-​​Rock á la „Chro­nik mei­nes Alko­ho­lis­mus“ bis hin zu tech­noar­tig groo­ven­den Loops („Homo Sapi­ens“). Wenn es für diese, nen­nen wir’s doch ganz platt Wei­ter­ent­wick­lung noch einen Beleg gebraucht hätte, dann lie­fert ihn der Titeltrack: Mit einem die Minu­ten über­dau­ern­den Intro garnt Götz Wid­mann die „Lebens­ein­heit“ schlecht­hin gera­dezu bril­lant in Noten.

Erst zag­haft gezupft, dann braut es sich lang­sam zusam­men bis sich die ange­staute Span­nung schließ­lich mit Vehe­menz in der Schlag­gi­tarre erschöpft. Ganze 3:45 Minu­ten dau­ert es, bis das Sai­ten­in­stru­ment den Lie­der­ma­cher zu Wort kom­men lässt. Wid­mann nimmt sich diese Zeit. Und ver­langt mehr denn je auch vom Zuhö­rer, sich etwas von die­sem ach so raren Gut zu gön­nen: „Wie ich mir, so ich euch“, könnte der Wahl­spruch lau­ten. „Zeit“ ist über große Stre­cken eben kein Album, das man sich „mal so neben her rein­zie­hen“ kann.

Nein, „Zeit“ will sich viel­mehr zu Gemüte geführt wer­den. Der Grat ist nicht eben breit; jener, zwi­schen Anspruch und Unter­hal­tung. Götz Wid­mann macht ihn heuer noch ein Stück­chen schma­ler und agiert im Gegen­zug etwas gemäch­li­cher als gewohnt. Doch wer sich etwas mehr „Zeit“ nimmt, hat auf sei­nen Grat­wan­de­run­gen einen siche­ren Stand. „Ich brauch Zeit“, singt Götz Wid­mann im Refrain sei­nes Titeltracks. Eine Zeile, die man sich zu Her­zen neh­men sollte. In jeder Hinsicht.