15. November 2004
Götz Widmann — „Zeit“
Im Grunde hat sie jeder zur Genüge, dennoch fehlt’s den meisten dran und einfach nehmen tun sie sich ohnehin die Wenigsten: Zeit. „Zeit, um sich zu pflegen. Zeit, sich nicht mehr aufzuregen. Zeit für in den Regen legen und sich nicht dabei bewegen. Zeit, sich zu erinnern. Zeit für Stimmen aus dem Innern. Zeit für ein halbes Jahr am Meer. Geschlechtsverkehr.“ Was nun Götz Widmann von dem Besungenen in den zurückliegenden Jahren seit seinem ersten Solo-Album wider Willen in die Tat umgesetzt hat oder auch nicht sei dahingestellt.
Doch zweifelsohne hat der Liedermacher sie sich genommen, neben Dauertour und Live-Album. Zeit für seine just erschienene dritte Solo-Scheibe (Ahuga/Alive) nämlich. Und hier will jemand nicht mehr länger nur der alternative Liedermaching-Rebell sein, ganz offensichtlich. Zwar redet Götz Widmann auch auf „Zeit“ gewohnt nicht lange drum rum, ist noch nie sein Ding gewesen. So geht’s mit bewährtem Biss („Grimms Märchen“) und Witz („Danke Tanke“) zur Sache. Und den einen Mitgröhler wollte er den Freunden des sauber geschrubbten Akkords denn wohl auch nicht vorenthalten („Tagelange Nüchternheit“). Doch sind die leisen Zwischentöne vernehmbar lauter geworden, sowohl die textlichen und erst recht die musikalischen.
So geballt balladesk und nachdenklich („Die Blume“) hat man den Ex-Joint Venture jedenfalls bis dato noch nicht vernehmen dürfen. Eintönig wird’s dennoch nie, dafür hat Widmann sein Album gottlob breit genug angelegt; von der cohenesken „Armen schönen Frau“, Heavy-Nylon-Rock á la „Chronik meines Alkoholismus“ bis hin zu technoartig groovenden Loops („Homo Sapiens“). Wenn es für diese, nennen wir’s doch ganz platt Weiterentwicklung noch einen Beleg gebraucht hätte, dann liefert ihn der Titeltrack: Mit einem die Minuten überdauernden Intro garnt Götz Widmann die „Lebenseinheit“ schlechthin geradezu brillant in Noten.
Erst zaghaft gezupft, dann braut es sich langsam zusammen bis sich die angestaute Spannung schließlich mit Vehemenz in der Schlaggitarre erschöpft. Ganze 3:45 Minuten dauert es, bis das Saiteninstrument den Liedermacher zu Wort kommen lässt. Widmann nimmt sich diese Zeit. Und verlangt mehr denn je auch vom Zuhörer, sich etwas von diesem ach so raren Gut zu gönnen: „Wie ich mir, so ich euch“, könnte der Wahlspruch lauten. „Zeit“ ist über große Strecken eben kein Album, das man sich „mal so neben her reinziehen“ kann.
Nein, „Zeit“ will sich vielmehr zu Gemüte geführt werden. Der Grat ist nicht eben breit; jener, zwischen Anspruch und Unterhaltung. Götz Widmann macht ihn heuer noch ein Stückchen schmaler und agiert im Gegenzug etwas gemächlicher als gewohnt. Doch wer sich etwas mehr „Zeit“ nimmt, hat auf seinen Gratwanderungen einen sicheren Stand. „Ich brauch Zeit“, singt Götz Widmann im Refrain seines Titeltracks. Eine Zeile, die man sich zu Herzen nehmen sollte. In jeder Hinsicht.
