1. November 2004
Wizo — „Anderster“
Tapfer bleiben ist angesagt. Vergangenen Freitag ging im Stuttgarter LKA der Welt letzter Wizo–Gig über die Longhorn-Bühne. Zum Jahresbeginn 2005 ist beim Punkrock-Dreier aus Sindelfingen ohnehin alles „Anderster“ (Hulk Räkorz/SPV). Der erste Longplayer seit zehn Jahren, man mochte es ja schon nicht mehr für möglich halten. Doch den wahren Paukenschlag schickte Sänger Axel Kurth gleich hinterher. Tapfer bleiben, Leute.
Abschiedstour. Am 5. März beginnt endgültig die wizolose Zeitrechung. Was hatten wir uns gewünscht, um’s wenigstens ein klein wenig mit Fassung tragen zu können? Klar, wenn schon, denn schon ein Kracher-Album zum Abschied! Zwar hat das Trio in der zurückliegenden Dekade nicht eben sonderlich viel zustande gebracht; hier mal eine EP, dort eine Single, da ein Stick, doch ist es wie mit so vielem.
Sindelfinger Schwachsinn und Westentaschenphilosophien
Die glorreichen 90er legten ungeachtet aller Realität ihren güldenen Schleier über all die halbgaren Versuche. „Für’n Arsch“ und „Bleib tapfer“ haben ihren Platz in der Hall Of Fame des Punkrock längst sicher, wenngleich man mit „Uaarrgh!“ 1994 die in jederlei Hinsicht beste Platte produziert hat. Selbst die nicht eben üppig gefüllte „Herrenhandtasche“ hat uns noch solch Meilensteine wie „Quadrat im Kreis“ beschert. Und jetzt verabschieden sich Wizo mit einer Platte, die so abgrundtief grottenschlecht ist, dass dem Machwerk im Grunde keine einzige Zeile gewidmet werden dürfte.
Wäre — ja wäre da nicht dieser alles einnebelnde güldene Schleier. Um nur kurz hineinzutauchen: Da war der Goldfisch namens Michael, viel Gerede um „Kein Gerede“, weil man den skrupellosen Staat zu stoppen gedachte, der Skandal ums Schwein am Kreuz, unvergessene Fahrten im B-Kadett oder der Anarcho-Auftritt beim „Bizarre“-Festival. Bei allem Spaß an der Sache hatten Wizo seinerzeit auch noch Songs mit Aussage zu bieten, seien sie nun politischer („Nix & Niemant“, „Kopfschuss“, „Das goldene Stück“) oder philosophischer Natur („Raum der Zeit“, „Überflüssig“).
Tapfer bleiben, denn davon ist nichts, aber auch gar nichts übrig geblieben. Dass es textlich nicht mehr weit her ist, hat schon das Lebenszeichen „R.A.F.“ mit seinen Kindergarten-Terroristen-Lyrics gezeigt. Doch „Anderster“ ist der sauerstofflose Gipfel des Sindelfinger Schwachsinns. Viel Pseudo-Fun, Punkrock fast durchgehend Fehlanzeige, kurzum: eine musikalische Bankrotterklärung. Der Opener „Kopf ab, Schwanz ab, Has“ ist vielleicht noch unter der Nonsens-Rubrik zu entschuldigen, doch lohnt der liebe Rest das Anspielen nicht. Mit Ausnahme des letzten Tracks.
„So wie’s einmal war, wird’s nie wieder sein“
Aber selbst das musikalisch noch halbwegs akzeptable „Z.G.V.“ entpuppt sich bei genauerem Hinhören als abgedroschene Westentaschenphilosophie: „So wie’s einmal war, wird’s nie wieder sein.“ Recht hat er, der Axel. Wir bleiben tapfer, verdrücken uns die Tränchen und sagen artig „Dankeschön!“ für all die vielen unvergessenen Hymnen — doch mit diesem von Wizo so oft gepredigten goldenen Stück Sch.… fällt der Abschied um einiges leichter. Auch wenn wir uns den eigentlich ganz „anderster“ vorgestellt hatten.
