19. Januar 2005

Ausgetretene Pfade

Karls­ruhe — Hier will jemand nicht mehr län­ger nur der alter­na­tive Liedermaching-​​Rebell sein, ganz offen­sicht­lich. Zwar redet Götz Wid­mann auch auf sei­nem neuen Album „Zeit“ gewohnt nicht lange drum rum, ist noch nie sein Ding gewe­sen. Doch sind die lei­sen Zwi­schen­töne ver­nehm­bar lau­ter gewor­den; sowohl die text­li­chen und erst recht die musi­ka­li­schen. Und ein neues Album ver­pflich­tet. Zur Tour näm­lich, die ihn am gest­ri­gen Diens­tag­abend ins Jubez geführt hat. Und wäh­rend auf der Bühne Strom und Was­ser die 300 Zah­len­den exzel­lent auf den eins­ti­gen Joint Ven­ture–Gitar­rero ein­stimm­ten, nahm sich Götz Wid­mann Zeit, um wenige Meter ent­fernt im Backstage-​​Bereich mit Patrick Wurs­ter über neue Schwer­punkte, ver­meint­li­che Stand­beine und auf­stre­bende Talente zu sprechen.

???: Auf dei­ner neuen Platte „Zeit“ stimmst du unge­wohnt leise Töne an. Ist’s etwa vor­bei mit dem Liedermaching-​​Rebellen?
Götz Wid­mann: Das wech­selt bei mir irgend­wie stän­dig. Schon zu Joint Venture-​​Zeiten gab es eine nach­denk­li­chere Platte und die nächste war dann wie­der rockig. Ich hab da nur nicht so gro­ßen Ein­fluss drauf, muss neh­men, was grade aus mir raus­kommt. Ich bin aber dabei, Songs für die nächste Scheibe zu schrei­ben — und die wird wie­der rockiger.

???: Wird’s denn auch wie­der mehr „Las­ter­lie­der“ geben?
Wid­mann: Ich hab schon so viele Lie­der übers Kif­fen geschrie­ben in mei­nem Leben, da sind die Pfade dann irgend­wann aus­ge­tre­ten. Und sich wie­der­ho­len ist lang­wei­lig. Da ist es dann ganz natür­lich, dass sich die The­men­schwer­punkte ein biss­chen ändern. Obwohl auch auf „Zeit“ die Mischung stimmt. Jeden­falls hab ich’s kon­zi­piert wie eine LP, aller­dings mit drei Sei­ten: Die erste zum Lachen, die zweite gut gemischt, und die dritte zum Schmu­sen und zum Einschlafen.

???: Aber trotz­dem, so geballt bal­la­desk und nach­denk­lich hat man dich bis­lang sel­ten gehört. Kann man sagen, du ver­langst dies­mal mehr als frü­her von dei­nem Zuhö­rer, sich Zeit für dein Album zu neh­men?
Wid­mann: Auf jeden Fall! Das war mir aber bewusst. Als die neue Platte raus­kam, gab’s zwei oder drei Wochen lang über­haupt keine Ein­träge in mei­nem Gäs­te­buch, da bin ich schon ganz ner­vös gewor­den. Aber die Leute haben sich die Platte eben erst ein paar Mal ange­hört, bevor sie ihre Mei­nung abge­ge­ben haben. Man muss es so sehen: Ich habe heute ein­fach eine grö­ßere Öffent­lich­keit als frü­her, es kom­men mehr Leute zu den Kon­zer­ten. Daher kann ich auch davon aus­ge­hen, dass mir über­haupt jemand zuhört. Da traut man sich dann ein biss­chen mehr und kann dem Zuhö­rer etwas mehr abver­lan­gen. Aber am Ende hat der ja auch was davon.

???: Du bist seit „Zeit“ unab­hän­gig, ver­öf­fent­lichst auf dem Indie Ahuga. Was ver­sprichst du dir von einem in Eigen­re­gie geführ­ten Label?
Wid­mann: Ahuga haben wir sei­ner­zeit mit Joint Ven­ture gegrün­det, um die ers­ten bei­den Schei­ben ver­trei­ben zu kön­nen, die unsere dama­lige Plat­ten­firma nicht haben wollte. Ich habe jetzt aber nicht vor zum Label-​​Manager zu mutie­ren und mir ein zwei­tes Stand­bein auf­bauen. Dafür ist das Geschäft gerade im Augen­blick viel zu undank­bar. Es macht hin und wie­der schon Spass, etwas bewe­gen zu kön­nen. Aber auf die Dauer ist mir das ein­fach viel zu viel Arbeit. Mich inter­es­siert natur­ge­mäß immer noch am meis­ten was ich als Künst­ler mache. Und damit bin ich voll und ganz aus­ge­las­tet. Aber Ahuga ist ein gemein­sa­mes Forum für Lie­der­ma­cher, die ich kenne und mit denen ich gerne zusam­men­ar­beite. Die kön­nen dann die Kon­takte des Labels nut­zen. Und für meine Per­son bin ich eigent­lich ganz glück­lich mit die­sem Indie-​​Gedanken. Den gro­ßen Plat­ten­fir­men geht’s zur Zeit ziem­lich mies und wenn mal ein Künst­ler gut läuft, muss der die gan­zen Flops, die da rei­hen­weise pro­du­ziert wer­den, mit­tra­gen. Fette Pro­mo­tion — die krie­gen nur die rich­tig Gro­ßen und daher ist es als Under­ground­künst­ler gar nicht so schlecht, wenn man sich sel­ber vertritt.

???: Eine die­ser Künst­ler, die der­zeit von Ahuga pro­fi­tie­ren, ist Janina. Du hälst offen­sicht­lich viel von ihr, hast sie zwei­mal mit auf Tour genom­men und das Debüt­al­bum spen­diert. Was darf man denn von Janina noch erwar­ten?
Wid­mann: Das hängt ein biss­chen davon ab, wie sie aus den Start­lö­chern kommt. Vom Talent her kann man ihr alles zutrauen. Die kann rich­tig groß wer­den! Aber mein Enga­ge­ment hat seine Gren­zen. Ich kann ihr in der der­zei­ti­gen Situa­tion ein wenig hel­fen, was Know-​​How und Finan­zie­rung anbe­langt, aber einen ande­ren Künst­ler mit­auf­bauen — das geht nicht. In den drei Mona­ten, in denen sie mit mir auf Tour war, hat sie die Pro­duk­ti­ons­kos­ten für die CD wie­der ein­ge­spielt und hat oben­drein noch 500 Stück übrig. Das war so ein biss­chen meine Absicht. Es ist was ande­res ob ein Künst­ler nur gut singt oder ob er eine CD als Visi­ten­karte zur Ver­fü­gung hat. Und die hat sie jetzt. Mal sehen, was sie draus macht.