Idea­lis­mus ist ein fei­ner Cha­rak­ter­zug. Doch die schwä­bi­sche Nach­wuchs­leh­re­rin Mela­nie Pröschle (Eva Löbau), die in Karls­ruhe ihre erste Stelle antritt, ist ein­deu­tig zu enga­giert für diese Welt. Ganz fest war der Wille, im badi­schen Exil alles rich­tig zu machen. Doch mit jedem neuen Annä­he­rungs­ver­such ver­strickt sich die 27-​​Jährige wei­ter in ihrem Teu­fels­kreis aus Lügen, fal­schen Hoff­nun­gen und Selbst­er­nied­ri­gung; sieht am Ende vor lau­ter Bäu­men den Wald nicht mehr. Gro­tes­ker­weise gilt dies auch ein wenig für die gebür­tige Karls­ru­her Fil­me­ma­che­rin Maren Ade, deren gleich­na­mige Tra­gik­ko­mö­die bun­des­weit in den Kinos anläuft.

Im schö­nen Plochin­gen star­tet das Aben­teuer um Haupt­per­sön­chen Mela­nie Pröschle. Mama, Papa und sogar der längst abser­vierte Ex-​​Freund hel­fen beim Kof­fer­pa­cken und schon lässt Mela­nie die schwä­bi­sche Pro­vinz weit hin­ter sich. Erst in Karls­ruhe fin­det die große Pil­ger­fahrt ein Ende: Der Job ruft und in die­sen Zei­ten muss man fle­xi­bel sein. Jetzt aber bloß nichts falsch machen! So stellt sich Fräu­lein Pröschle mit „Selbscht­ge­brann­tem“ bei den Nach­barn vor und hält zum Ein­stand eine „feu­rige“ Rede vor dem neuen Kollegium.

Die Mund­art macht’s!

Doch die Alt­ein­ge­ses­se­nen sind von Mela­nies vor­pre­schen­der Art nicht son­der­lich ange­tan. Auch ihr pri­va­tes Umfeld zeigt sich schnel­ler genervt als ihr lieb ist und natür­lich haben gerade Schü­ler einen sieb­ten Sinn für Schwach­stel­len im Lehr­kör­per. Und die hat sie zuhauf. Mela­nie Pröschle ist irri­tie­rend enthu­si­as­tisch, unfrei­wil­lig komisch — und gar nicht sel­ten ein­fach unglaub­lich pein­lich. Ein­sam­keit macht sich breit: In Karls­ruhe hat offen­sicht­lich nie­mand auf sie gewartet.

Unkon­ven­tio­nelle Außen­sei­ter­ge­schichte mit sur­rea­lem Finale

Ganz anders soll es Maren Ade und ihrem Low-​​Budget-​​Projekt „Der Wald vor lau­ter Bäu­men“ erge­hen. Wem es ver­gönnt ist, seine Abschluss­ar­beit bun­des­weit ins Kino zu brin­gen, ver­dient Aner­ken­nung. Doch bleibt es abzu­war­ten, ob ein Film, bei dem gerade die ver­traute Mund­art erst für so manch hei­te­ren Moment sorgt, über Baden-​​Württembergs Lan­des­gren­zen hin­aus nen­nens­wert erfolg­reich sein kann.

Wer mit den Dia­lek­ten nichts anzu­fan­gen weiß, und im Laufe der 84 Minu­ten nur­mehr einen unde­fi­nier­ba­ren „BaWü-​​Brei“ ver­nimmt, darf sich immer­hin auf eine aus dem Leben gegrif­fene Außen­sei­ter­ge­schichte freuen. Doch ganz gleich wel­cher der bei­den Par­teien man ange­hört — der Zuschauer schwankt per­ma­nent zwi­schen Sym­pa­thie und Ableh­nung, weil Mela­nie Pröschle ebenso unbe­darft wie gekonnt, ohne Not und stets Kopf vor­aus, von einem Fett­näpf­chen ins andere torkelt.

Wenn der Film­ti­tel zur Hand­lungs­ma­xime mutiert

Und Dreh­buch­au­to­rin Ade tut gut daran, auf plump pla­ka­tiv pro­vo­zier­tes Mit­leid zu ver­zich­ten, bleibt mit ihrem Werk auf diese Weise glaub­wür­dig lebens­nah. Die ein­ge­setzte Video­ka­mera tut ihr Übri­ges fürs Dokuf­lair — bis der Titel zur Hand­lungs­ma­xime zu wer­den scheint. In Minute 79 erfolgt der Bruch. Die Regis­seu­rin konnte nach eige­ner Aus­sage in der Rea­li­tät par­tout kei­nen stim­mi­gen Schluss fin­den — und flüch­tet sich zwei Tage vor Dreh­be­ginn flugs ins Sur­reale. Doch Idea­lis­mus an sich ist, wie gesagt, ein fei­ner Charakterzug.