27. Januar 2005
Der Wald vor lauter Bäumen
Idealismus ist ein feiner Charakterzug. Doch die schwäbische Nachwuchslehrerin Melanie Pröschle (Eva Löbau), die in Karlsruhe ihre erste Stelle antritt, ist eindeutig zu engagiert für diese Welt. Ganz fest war der Wille, im badischen Exil alles richtig zu machen. Doch mit jedem neuen Annäherungsversuch verstrickt sich die 27-Jährige weiter in ihrem Teufelskreis aus Lügen, falschen Hoffnungen und Selbsterniedrigung; sieht am Ende vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr. Groteskerweise gilt dies auch ein wenig für die gebürtige Karlsruher Filmemacherin Maren Ade, deren gleichnamige Tragikkomödie bundesweit in den Kinos anläuft.
Im schönen Plochingen startet das Abenteuer um Hauptpersönchen Melanie Pröschle. Mama, Papa und sogar der längst abservierte Ex-Freund helfen beim Kofferpacken und schon lässt Melanie die schwäbische Provinz weit hinter sich. Erst in Karlsruhe findet die große Pilgerfahrt ein Ende: Der Job ruft und in diesen Zeiten muss man flexibel sein. Jetzt aber bloß nichts falsch machen! So stellt sich Fräulein Pröschle mit „Selbschtgebranntem“ bei den Nachbarn vor und hält zum Einstand eine „feurige“ Rede vor dem neuen Kollegium.
Die Mundart macht’s!
Doch die Alteingesessenen sind von Melanies vorpreschender Art nicht sonderlich angetan. Auch ihr privates Umfeld zeigt sich schneller genervt als ihr lieb ist und natürlich haben gerade Schüler einen siebten Sinn für Schwachstellen im Lehrkörper. Und die hat sie zuhauf. Melanie Pröschle ist irritierend enthusiastisch, unfreiwillig komisch – und gar nicht selten einfach unglaublich peinlich. Einsamkeit macht sich breit: In Karlsruhe hat offensichtlich niemand auf sie gewartet.
Unkonventionelle Außenseitergeschichte mit surrealem Finale
Ganz anders soll es Maren Ade und ihrem Low-Budget-Projekt „Der Wald vor lauter Bäumen“ ergehen. Wem es vergönnt ist, seine Abschlussarbeit bundesweit ins Kino zu bringen, verdient Anerkennung. Doch bleibt es abzuwarten, ob ein Film, bei dem gerade die vertraute Mundart erst für so manch heiteren Moment sorgt, über Baden-Württembergs Landesgrenzen hinaus nennenswert erfolgreich sein kann.
Wer mit den Dialekten nichts anzufangen weiß, und im Laufe der 84 Minuten nurmehr einen undefinierbaren „BaWü-Brei“ vernimmt, darf sich immerhin auf eine aus dem Leben gegriffene Außenseitergeschichte freuen. Doch ganz gleich welcher der beiden Parteien man angehört – der Zuschauer schwankt permanent zwischen Sympathie und Ablehnung, weil Melanie Pröschle ebenso unbedarft wie gekonnt, ohne Not und stets Kopf voraus, von einem Fettnäpfchen ins andere torkelt.
Wenn der Filmtitel zur Handlungsmaxime mutiert
Und Drehbuchautorin Ade tut gut daran, auf plump plakativ provoziertes Mitleid zu verzichten, bleibt mit ihrem Werk auf diese Weise glaubwürdig lebensnah. Die eingesetzte Videokamera tut ihr Übriges fürs Dokuflair – bis der Titel zur Handlungsmaxime zu werden scheint. In Minute 79 erfolgt der Bruch. Die Regisseurin konnte nach eigener Aussage in der Realität partout keinen stimmigen Schluss finden – und flüchtet sich zwei Tage vor Drehbeginn flugs ins Surreale. Doch Idealismus an sich ist, wie gesagt, ein feiner Charakterzug.
