24. Januar 2005
Karlsruhe bundesweit
Karlsruhe — Idealismus ist ein feiner Charakterzug. Doch die schwäbische Nachwuchslehrerin Melanie Pröschle, die in der Fächerstadt ihre erste Stelle antritt, ist eindeutig zu engagiert für diese Welt. Ganz fest war der Wille, im badischen Exil alles richtig zu machen. Doch mit jedem neuen Annäherungsversuch verstrickt sich die 27-Jährige weiter in ihrem Teufelskreis aus Lügen, falschen Hoffnungen und Selbsterniedrigung. Einsamkeit macht sich breit: In Karlsruhe hat offensichtlich niemand auf sie gewartet. Ganz anders erging es da Hauptdarstellerin Eva Löbau und Regisseurin Maren Ade, deren Film „Der Wald vor lauter Bäumen“ bundesweit in die Kinos kommt: Patrick Wurster traf die beiden — ein Gespräch über Inspiration und Intention, Machart und Mundart.
???: Wie kommt man auf die Idee, eine Tragikkomödie über eine scheiternde Junglehrerin ausgerechnet in Karlsruhe zu drehen?
Maren Ade: Ich stamme von hier und wollte schon immer einen Film in Karlsruhe drehen. Über die Heimat weiß man schließlich bestens Bescheid, da fühlte ich mich erzählerisch sicher. Es muss ja nicht immer München, Berlin oder Hamburg sein.
???: Inwieweit war Ihnen Ihre persönliche Vita als Lehrerkind beim Drehbuchschreiben dienlich?
Ade: Als Lehrerkind ist die Schule ganz einfach Tag für Tag Thema. Das ist im Prinzip wie eine Soap Opera. Ich wollte aber auf keinen Fall einen sozialkritischen Film machen, so nach dem Motto „Jetzt zeige ich mal das deutsche Schulsystem wie es wirklich ist“. Aber die Schulidee fand ich erzählerisch sehr interessant. Und wenn ich mir eine Figur für einen Film ausdenke, fällt mir total oft zu allererst der Beruf ein.
???: Eine Schwäbin in Karlsruhe — ist Melanie Pröschle der Stereotyp einer Württembergerin?
Eva Löbau: Es ging ja nur darum zu zeigen, dass jemand fremd sein kann obwohl er gleich um die Ecke wohnt. Also, dass es schon unter „exotisch“ läuft, wenn jemand nur aus Plochingen kommt. Wer von der Baden-Schwaben-Thematik unbelastet ist, wird gar nicht auf die Idee kommen, dass der Film irgendwelches Schubladendenken bedienen könnte.
???: Aber gerade die Mundart sorgt doch für so manch heiteren Moment. Denken Sie, der Film wird bei Publikum, für das Schwäbisch und Badisch nur ein BaWü-Dialekt-Brei ist, genauso ankommen?
Löbau: Das macht keinen Unterschied, weil es dann eine andere Art von Humor ist, der aber genauso erheitern kann. Im Norden hab ich beispielsweise schon oft gehört, Dialekt mache die Figuren dümmer; und diese Leute lachen dann einfach über die Mundart an sich.
???: Ist es einfacher in der „Heimatsprache“ zu schreiben und zu drehen?
Ade: Bis zu einem gewissen Grad schon. Aber es stimmt: Die Mundart bringt wirklich einen gewissen Humor mit. Ich wollte vielmehr einen möglichst authentischen Film machen und dazu gehört für mich ganz klar der Dialekt. Ich höre diese Färbung auch sehr gerne bei anderen Filmen, will wissen, wo ich bin. Leider traut man sich das viel zu selten.
???: An welcher Schule haben Sie gedreht?
Ade: An der Wernher-von-Braun-Realschule in Rheinstetten. Der Grundgedanke war eine Klasse zu nehmen, die sich kennt und die eingespielt ist.
???: Geht man anders zu Werke, wenn man mit Kindern arbeitet?
Ade: Ich habe anfangs versucht, genauso detailreich zu arbeiten wie immer — aber das war Quatsch. Wir haben dann irgendwann herausgefunden, dass man das Ganze ein bisschen gröber angehen muss: die Kinder einfach machen lassen. Eva hat erst einmal so eine Art „Vorlaufunterricht“ gemacht und ist dann in die Szene eingestiegen. Gerade die Fünftklässler haben sie weniger als Schauspielerin, sondern recht schnell als normale Lehrerin wahrgenommen. Im Alltag kommt ja auch alle Nase lang ein neuer Referendar rein. Und wenn du dann noch so was reinrufst wie „Jetzt lasst euch das aber nicht gefallen, beschwert euch mal bei der Frau Pröschle!“, dann reicht das schon aus.
Löbau: Es ist zugegeben nicht ganz ohne, dass man sich da so zum Abschuss freigibt, obwohl’s nur eine Rolle ist. Ich stehe ja de facto da, um mich fertigmachen zu lassen — und das machen die dann auch. Da wird’s teilweise schon mal persönlich.
???: Frau Löbau, hatten Sie beim Drehen nicht manchmal Mitleid mit sich selbst?
Löbau: Nein, der Film nimmt ja eine Entwicklung vom Humorvollen ins sehr Ernste. Beim Drehen selbst hat man allerdings diese Dramaturgie noch nicht so im Gespür, weil sie erst durchs Schneiden reinkommt. Aber im Nachhinein — nein, eigentlich auch nicht. Das ist ja so eine Art Gegenspiel zwischen Melanie und ihrer Umwelt. Sie ist nicht doof, checkt teilweise auch, was geht und fragt: „Nerv’ ich jetzt?“ Nur bekommt sie darauf keine ehrlichen Antworten, weil sich ihr Umfeld an andere Spielregeln hält: „Das muss man schon selber merken, wenn man nervt.“ Andererseits ist Melanie niemand, der völlig verhuscht nach Karlsruhe kommt. Sie ist durchaus eine Person, die sich abgrenzen kann. Wie etwa von ihrem aufdringlichen Kollegen Thorsten. Das ist schon absurd. Man denkt im ersten Moment vielleicht: „Sei doch froh, dass sich wenigstens einer für dich interessiert!“ Aber warum muss man denn den Erstbesten nehmen?
???: Als Zuschauer schwankt man ständig zwischen Sympathie und Ablehnung.
Ade: Man leidet mit ihr. Aber ich hab’ eigentlich sehr streng beim Drehbuch darauf geachtet, dass es auf keinen Fall eine klassische Außenseitergeschichte wird, in der das Mitleid plump plakativ provoziert wird. Denn im Prinzip tritt Melanie selbst in jedes Fettnäpfchen. Es sind nicht die anderen, die sie ausgrenzen. Man muss sie nicht mögen.
???: Sie konnten den ein oder anderen Förderfond auftun, der SWR und die Münchner Hochschule für Film und Fernsehen sind Co-Produzenten. Mussten Sie trotzdem kleine Brötchen backen?
Ade: Schon. Große Namen sind nicht gleichzusetzen mit viel Geld. Die Leute haben vier Monate und 27 Drehtage mit Herzblut gearbeitet: Es hat nämlich niemand eine Gage bekommen. Schließlich ist es mein Abschlussfilm für die HFF. Und dafür war das ein großes Budget, ja eine luxoriöse Situation. Und ich bin sehr dankbar für diese Chance.
???: Sie sagen, es war keine Notlösung, auf Video zu drehen, sondern ein Wunsch…
Ade: Ich hatte bei meinen bisherigen Kurzfilmen oft das Gefühl, dass mich das wenige Material beschneidet, welches man beim Arbeiten mit Film zur Verfügung hat.
???: Wäre es ketzerisch zu sagen, man macht die Not zur Tugend?
Ade: Natürlich würde man sich das gerne auf Film leisten können. Einerseits ist es — klar — auch eine Kostenfrage, andererseits wären viele Dinge bei „Der Wald vor lauter Bäumen“ schlicht nicht so authentisch geworden wie sie es sind, allen voran die Schulklassenszenen. Wir haben alleine von dort zehn Stunden Material mitgebracht, weil du einfach abwarten kannst, eine beobachtende, dokumentarische Rolle einnimmst.
???: Am Schluss haben Sie eine gute Portion Kunstfilm reingebracht. Wie passt das mit dem Vorangegangenen zusammen?
Ade: Ich hatte ganz lange kein passendes Ende, erst zwei Tage vor Drehbeginn kam mir die Erleuchtung. In der Realität konnte ich einfach keinen stimmigen Schluss finden. Alles, was wir uns überlegt hatten, war zu klein oder man hätte viel länger weitererzählen müssen. Irgendwann dachte ich: ‚Einmal muss dieser Frau etwas Größeres passieren!’ Dann habe ich angefangen in diese surreale Richtung zu denken.
???: Aber der Schluss ist interpretationswürdig.
Ade: Man kann ihn auslegen. Ich hatte allerdings keinen Selbstmord im Sinn. Es ging mir einfach um ein stimmiges Bild, das auch den Zuschauer entlässt. Für mich ist die Schlusssequenz eine Erlösung und soll eigentlich auch nicht mehr sein als das, was man sieht: Nämlich, dass jemand mal die Kontrolle abgibt. Und einmal im Leben ein bisschen mehr sieht.
