Karls­ruhe — Mitt­woch­abend, irgendwo im Ober­reu­ter Szene-​​Ghetto. Ein schril­les Läu­ten unter­bricht den gepfleg­ten Chill. Ein­mal, zwei­mal, dann erreicht die Hand den Hörer: „Hallo?“ „Icke bin’s.“ „Alles klar, wie geht’s dir?“ „Was’n los, Alter?“ „Ich bin gleich unter­wegs zu dir.“ „Wo bist du grade?“ „Ich bin grad aufm Weg aus der Süd­stadt zu dir, Alter.“ „Okay. Was macht deine Bitch?“ „Sie hat gesagt sie ruft mich an, aber sie hat kein Gut­ha­ben mehr drauf.“ „Sowieso, wie immer, Alter. Was machen wir?“ „Na, was machen wir wohl?“ „Gangbang?“ „Alter, nein, Deutsch-​​Rap, Alter! Heute Abend will auch Dur­lach „Elec­tro Ghetto“ wer­den — und Bushido weiß wie!“

Oh ja, der King Of Kingz weiß bescheid. Es ist eine Welt aus Gold­kett­chen, Huren, Dro­gen, Waf­fen, Kecks und Opfern: Battle-​​Rap. Eine Welt, in der nur der Stär­kere zwei­mal durch die­selbe Straße geht. Seine Welt: Ber­lin. Kul­tur­fak­tor streit­bar — aber immer­hin Haupt­stadt. Und die legte ges­tern Abend ihren Electro-​​Hauch übers ver­gleichs­weise recht beschau­li­che Dur­lach. Bushi­dos Beats gehö­ren mitt­ler­weile zu den Feins­ten im Bizz und fol­ge­rich­tig wum­mern sie längst weit über Tem­pel­hofs Gemar­kun­gen aus den Boxen. Dass die gar nicht sel­ten in tie­fer­ge­leg­ten Möchtegern-​​Schüsseln mon­tiert sind, liegt auf der Hand.

Cor­don Sport für den Herrn, Mini­röck­chen für die Begleitung

Und so war nicht hun­dert­pro­zen­tig klar, ob das innere Frös­teln vor der Fest­halle neben den klir­ren­den Minus­gra­den viel­leicht doch noch einen wei­te­ren Grund hatte — wenn­gleich die meis­ten der Super­coo­len noch einige Male pus­ten müs­sen, bis sie sich ihrer Fahr­li­zenz erfreuen dür­fen. Bushido zieht den prol­len­den Pöbel an wie die Mot­ten das Licht. Und zwar Gene­ra­tio­nen über­grei­fend. Cor­don Sport­ja­cke für den Herrn, Mini­röck­chen für die Beglei­tung. Es fin­det sich ohne Zwei­fel irgend­ein Wis­sen­schaft­ler, der fun­diert bele­gen kann, dass dem Manne das Gehabe nun mal in den Genen liegt. Viel inter­es­san­ter wäre aber doch zu erfah­ren, warum so viele Frauen — oder sagen wir sol­che, die’s noch wer­den wol­len — auf Bushi­dos knall­harte Rhy­mes abfahren.

Des Deutsch-​​Rappers Publi­kum erweist sich als nicht „Duden“-fest

Was würde wohl Frau Mut­ter in Ober­reut sagen, wenn sie wüsste, dass das 15-​​jährige Töch­ter­chen Brust und Bein eine Frisch­luft­kur ver­pas­send in die Dur­la­cher Fest­halle pil­gert? Und wenn ihr wer­ter Gemahl eine leise Ahnung davon hätte, dass sich der zarte Nach­wuchs dort mit auf und ab wip­pen­der Hand zu Zei­len ver­füh­ren lässt, die sinn­ge­mäß nicht mehr und nicht weni­ger aus­sa­gen, als dass sie mit den Her­ren Bushido, sei­nem Back-​​Up Baba Saad und DJ Devin Back­stage Bett und Gemächt zu tei­len gedenkt, um ihren Leib einem ein­ge­hen­den Schlüssel-​​Schloss-​​Prinzip-​​Test zu unter­zie­hen? Gut, dass sie es nicht wissen.

Sicher müss­ten sie ver­schämt nach­fra­gen: „Carlo Coxxx und was?“; könn­ten nicht ver­ste­hen, warum nur stän­dig die­ses „Klick-Klack-Boom“-Geräusch den Sprech­ge­sang durch­streift oder was denn in aller Welt der arme „Fler­rä­ter“ so furcht­ba­res ver­bro­chen haben soll, dass nahezu die gesamte Halle laut­stark gegen ihn zürnt. Gut, dass sie es nicht wis­sen. Sie wür­den die Ant­wort ja doch nicht ver­ste­hen: „Weißt du Mama, Deutsch-​​Rap will Ghetto wer­den, doch die Nutte weiß nicht wie.“

Wie gut, dass er es weiß. Ja, Bushido weiß wie’s geht; beschimpft seine weib­li­chen Kon­zert­be­su­cher als Teen-​​Bitches und bekommt dafür nach dem keine 90 Minu­ten dau­ern­den Auf­tritt auch noch in bes­ter New Kids On The Block-​​Manier ein Herz­chen ver­zier­tes Pla­kat über­reicht: „King Bushido ist bes­ser wie Sido!“ Deutsch-​​Rap kann den Deutsch-​​Unterricht eben nicht adäquat erset­zen und so hat­ten sie denn mit einem Mal doch alle etwas gemein­sam. Ach ja, wie präch­tig lebt sich’s doch, so gänz­lich ahnungs­los in Ober­reut. Auf jeden, Alter!