31. März 2005
Barfuss
Wie weit gehst du, wenn du verliebt bist? Til Schweiger stellt diese Frage und hat auch gleich die Antwort parat. Und was für eine! Er brilliert vor wie hinter der Kamera und geradezu zuckersüß gibt seine weibliche Hauptdarstellerin Johanna Wokalek die psychisch kranke Leila, welche ihre Welt mit staunenden Kinderaugen entdeckt. Sechs Jahre nach seinem Regiedebüt und einem Umweg übers ferne Hollywood kredenzt Schweiger mit „Barfuss“ ein einfühlsames Road Movie und eine der außergewöhnlichsten (Liebes-)Geschichten seit langer, langer Zeit.
Nick Keller (Til Schweiger) verliert einen Job nach dem anderen und seine Familie, allen voran sein Stiefvater Heinrich (Michael Mendl), hält ihn für einen totalen Versager. Nur Mama (Nadja Tiller) hat den Glauben an ihren Herrn Sohn noch nicht verloren. Doch für den heißt die nächste Sprosse auf der Hartz IV-Karriereleiter Kloputzer in einer psychiatrischen Klinik. Und der Zufall will es, dass Nick just zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist: In letzter Sekunde verhindert er, dass sich Patientin Leila (Johanna Wokalek) mit dem Bademantelgürtel erhängt.
Ein echtes Bekenntnis im Zeitalter amouröser Kurzlebigkeit
Das hat ungeahnte Konsequenzen: Leila, die den größten Teil ihres Lebens dank einer Über-Mutter eingesperrt in den eigenen vier Wänden verbracht hat, folgt ihrem unfreiwilligen Retter; heimlich, im Nachthemd und barfuss. Nicks Versuche, sie abzuwimmeln, schlagen allesamt fehl: Leila ist ein süßer Sturkopf und hat beschlossen, für immer bei ihm zu bleiben.
Dass Til Schweiger mit seinem Image bestens umzugehen weiß, hat er unlängst mit seinem Cameo-Auftritt in „Agnes und seine Brüder“ gezeigt. Doch die Schublade Schweiger benötigt längst wieder ein frisches Etikett: Mit viel verschrobener Komik und spontanem Witz, ohne einen einzigen Kuss (!) — aber umso einfühlsamer, zärtlich wie tragisch inszenierte der Drehbuchautor, Produzent, Regisseur und Hauptdarsteller in Personalunion sein erklärtes Herzensprojekt „Barfuss“. Da stört selbst das Bilderbuch-Happy End nicht mehr wirklich.
Ein Film, ein Titeltrack: „Absolutely Entertaining“!
Dieser durchweg in dezente Brauntöne getauchte Film ist ein echtes Bekenntnis im Zeitalter amouröser Kurzlebigkeit, bei dem einfach alles stimmt: Story, Besetzung samt Gastauftritten (Jürgen Vogel, Armin Rohde, Markus Maria Profitlich und Axel Stein), Einstellungen, Schnitt bis hin zum Soundtrack. Die Coverversion von Leonard Cohens „Halleluja“ — einmal mehr aus dem Goldkehlchen von Rea Garvey — fügt sich noch besser ein als bei Hans Weingartners „Die fetten Jahre sind vorbei“ und der wirklich fantastische Titelsong von Mariha darf stellvertretend für die gesamten 115 Minuten stehen: „Absolutely Entertaining“!
