Frank­furt a. M. — Jetzt haben auch sie ihre Mis­sion erfüllt. Am Mon­tag­abend ging in der Batsch­kapp die Aufwärm-​​Tour von Such A Surge (SAS) zu Ende. Doch rich­tig durch­star­ten will man erst am 4. April: Dann zün­det der Fün­fer aus Braun­schweig sei­nen „Alpha“-Kra­cher. Den kom­pro­miss­lo­sen Grund­te­nor ver­dankt das Album unter ande­rem dem „neuen“ Mann an der elek­tri­schen Klampfe und bevor Lutz Buch im Hes­si­schen sein Instru­ment bear­bei­tet hat, sprach er mit Patrick Wurs­ter über Situa­tion und Evo­lu­tion, Cover und Cross­over, Hei­lig Abend und hei­li­gen Krieg.

???: Noch vier Wochen bis zum Release eures neuen Albums. Martialisch-​​prunkloses Cover-​​Artwork mit Affen­kopf, prä­gnan­ter Titel. Beim Vor­gän­ger „Rot­licht“ habt ihr euch mit Erklä­run­gen nicht aus der Reserve locken las­sen. Und heute?
Lutz Buch: Jeder in der Band hat sei­nen eige­nen Bezug dazu. Aber in ers­ter Linie strahlt das Cover eine gewisse Gelas­sen­heit aus — es passt ein­fach gut zu unse­rer der­zei­ti­gen Stim­mung. SAS ist schon sehr lange dabei und im End­ef­fekt kratzt uns da nicht mehr son­der­lich viel. Das ver­mit­telt es für mich.

???: „Alpha“ stammt vom Affen ab?
Buch: Den Titel hat Ollis Freun­din irgend­wann ins Spiel gebracht. Und mit dem Affen war das so: Mein Gitarren-​​Backliner steht drauf und da hab ich ihm ver­spro­chen: „Wir machen einen Affen aufs Cover.“ Aber mir per­sön­lich ist diese Ver­bin­dung Alpha plus Affe gleich Alpha­tier eigent­lich viel zu über­poin­tiert. Ich hab‘ jeden­falls nicht den Anspruch, irgend­eine Vor­rei­ter­rolle zu übernehmen.

???: Und doch geht ihr wie­der neue Wege. Fast keine Spur mehr vom etwas main­strea­mi­ge­ren „Surge Effekt“, das „Rot­licht“ ist zumin­dest gedimmt und nun die­ser „Alpha“-Kracher. Wie kom­men die Stil­wech­sel zustande?
Buch: Wir machen vor­her kei­nen Mas­ter­plan, in wel­che Rich­tung es gehen soll. Das würde auch nicht klap­pen. Die bes­ten Sachen funk­tio­nie­ren bei SAS aus dem Bauch her­aus und die­ses Bauch­ge­fühl ist ganz stark von der jewei­li­gen Situa­tion und Umge­bung abhän­gig. Des­we­gen spie­gelt jedes Album einen spe­zi­el­len Zeit­ab­schnitt wider. „Alpha“ ist ein gutes Stück bis­si­ger gewor­den als seine Vor­gän­ger und das liegt ein Stück weit auch an mir. Der Gitar­rist hat bei SAS schon immer eine Impuls gebende Rolle ein­ge­nom­men und ich bin ein ande­rer Songwriting-​​Charakter als Den­nis Graef. Für mich war es wich­tig Songs zu schrei­ben, die vor allem auch live gut funk­tio­nie­ren. Wenn du nach einem Plan fragst, der dem Album zugrunde gele­gen hat, dann ist es wohl dieser.

???: Ob in Müns­ter oder Braun­schweig — der Trend geht unüber­hör­bar zum Geradeaus-​​Rock. Ist das Crossover-​​Genre zehn Jahre nach dem Hype nun tot oder fir­miert man die­ser Tage ein­fach nur unter einem ande­rem Namen?
Buch: Cross­over — ich weiß eigent­lich gar nicht so genau, was das sein soll. Als sich die­ses Schlag­wort damals ent­wi­ckelt hat, gab’s die Ver­bin­dung zwi­schen Sprech­ge­sang und Gitar­ren­mu­sik noch gar nicht. Unter Cross­over lief viel­leicht eine Band wie D.R.I. und das ist für mich auch ein viel schlüs­si­ge­res Ver­ständ­nis. Wenn man sich schon sol­cher Schub­la­den bedie­nen muss.

???: Aber gerade SAS wer­den doch als die hie­si­gen Heils­brin­ger des Cross­over gehan­delt…
Buch: Das hörst du die ganze Zeit. Aber letz­ten Endes ist es ermü­dend, weil es unse­rer Musik ein­fach nicht gerecht wird.

???: Und wenn wir den typisch deut­schen Cross­over nun defi­nie­ren als Gitar­ren­rock, der mit Sprech­ge­sang unter­legt ist?
Buch: Ja dann — dann ist es echt tot. Das ist aber auch gut so. Wir haben natür­lich nach wie vor Spaß an den alten Sachen, aber im End­ef­fekt ist SAS eine Band, die macht, was sie macht. Und irgend­wann macht sie halt was anderes…

???: …und unter Umstän­den auch woan­ders. Ihr seid nicht mehr bei Sony unter Ver­trag. Wie kam’s zum Label-​​Wechsel?
Buch: Wenn Sony ver­län­gert hätte, wären sie blöd gewe­sen. Der Ver­trag stammte aus einer Zeit, als der Kuchen noch um eini­ges grö­ßer war. Das hätte uns Gel­der zuge­si­chert, die in die­ser Bran­che ein­fach nicht mehr ver­füg­bar sind — nicht für eine Band wie SAS. Wir sind Exo­ten. Auf jedem Label. Das ist auch bei Nuclear Blast so, die ja mitt­ler­weile zu den größ­ten Plat­ten­fir­men in Deutsch­land gehören.

???: Zu Sony-​​Zeiten wart ihr die ein­zi­gen Künst­ler im Haus, auf deren Cover kein „Copy Kills Music“-Label pran­gen musste. Bas­ser Axel Horn hat ein­mal gesagt, euch sei es egal, auf wel­chen Weg die Leute zu ihrer Mucke kom­men. Seht ihr’s wirk­lich so gelas­sen mit den „Napster“-Erben?
Buch: Es ist ein­fach schade, wenn ein Album lange Zeit vor Release im Netz zu bekom­men ist. Aber ganz ein­fach aus dem Grund, weil das so ein biss­chen die Vor­freude nimmt. Frü­her wuss­test du, dann und dann kommt die neue Scheibe von Künst­ler XY auf den Markt. Da konnte man sich drauf freuen. Das ist heut­zu­tage lei­der nicht mehr so. Die­ses Weih­nachts­ge­fühl ist passé. Aber abge­se­hen davon ist das ganze Run­ter­la­den schlicht und ergrei­fend nur eines: Wer­bung. Ich denke, dass der posi­tive Effekt bei einer Band wie SAS über­wiegt. Viel­leicht ver­su­chen wir ja auch nur, uns was ein­zu­re­den — aber ändern kann man’s ohne­hin nicht. Warum also groß­ar­tig drü­ber aufregen?

???: Auf­re­gen tut ihr euch aber seit jeher und abrea­giert wird sich in der Musik. Wenn ihr aller­dings auf Herz­schmerz zu spre­chen gekom­men seid, dann drehte sich’s bis dato immer um ver­flos­sene Lieb­schaf­ten. Erst „Nie mehr Love­songs“ und jetzt prä­sen­tiert ihr mit „Alles was mir fehlt“ eine doch sehr roman­ti­sche Num­mer.
Buch: Es gab in der Tat noch nie ein SAS-​​Liebeslied, das so posi­tiv aus­ge­legt war. Und gerade das finde ich so super an die­sem Song! Es gibt kei­nen Haken, kein Post Scrip­tum. Es ist eine klare Aus­sage, ein Bekennt­nis, das eben des­halb so kraft­voll wirkt.

???: Apro­pos kraft­voll: Auf „Alpha“ fin­det sich mit dem sehr Pain In The Ass­ken „Instant Replay“ immer­hin ein eng­lisch­spra­chi­ger Song. Dabei sind doch gerade eure in Fran­zö­sisch gehal­te­nen Lyrics so typisch SAS. Doch die gibt’s lei­der nur auf der EP…
Buch: Die­ser ganze Ent­ste­hungs­pro­zess ist wie schon gesagt sehr impul­siv und eben ganz und gar nicht so steu­er­bar, wie man sich das viel­leicht den­ken mag. Natür­lich könnte man sagen: „Wir ver­su­chen eine gewisse Aus­ge­wo­gen­heit hin­zu­krie­gen.“ Oder man sagt halt: „Das ist uns scheißegal.“

???: Eine andere Sache scheint euch aller­dings sehr nach­hal­tig beschäf­tigt zu haben. Bei „Mis­sion erfüllt“ fin­det ihr klare Worte zum Irak-​​Krieg, meis­tert den schma­len Grad zwi­schen Pathos und Pein­lich­keit. Gab’s Über­le­gun­gen, ob die Leute euren Senf dazu auch noch hören wol­len?
Buch: Wir haben uns da in der Tat sehr, sehr lange Gedan­ken drü­ber gemacht und der Song war eigent­lich auch schon längst abser­viert. „Mis­sion erfüllt“ war näm­lich einer der ers­ten, die wir ein­ge­spielt hat­ten; damals war die The­ma­tik noch sehr prä­sent, aber an einen Sin­gle– oder Album-​​Release nicht zu den­ken. Als der näher rückte, haben wir uns schon über­legt, ob das jetzt noch passt — bis George W. wie­der­ge­wählt wurde. Ich hoffe natür­lich, dass es nicht pas­sie­ren wird, aber wenn wir Pech haben, könnte so eine Geschichte wie­der auf uns zukom­men — sei es nun Korea oder irgend­wer anders. Des­halb haben wir gesagt: „Scheiß drauf, wir brin­gen den Song raus!“ Man kann es ganz ein­fach nicht oft genug wiederholen.