9. März 2005
Die den Affen tragen
Frankfurt a. M. — Jetzt haben auch sie ihre Mission erfüllt. Am Montagabend ging in der Batschkapp die Aufwärm-Tour von Such A Surge (SAS) zu Ende. Doch richtig durchstarten will man erst am 4. April: Dann zündet der Fünfer aus Braunschweig seinen „Alpha“-Kracher. Den kompromisslosen Grundtenor verdankt das Album unter anderem dem „neuen“ Mann an der elektrischen Klampfe und bevor Lutz Buch im Hessischen sein Instrument bearbeitet hat, sprach er mit Patrick Wurster über Situation und Evolution, Cover und Crossover, Heilig Abend und heiligen Krieg.
???: Noch vier Wochen bis zum Release eures neuen Albums. Martialisch-prunkloses Cover-Artwork mit Affenkopf, prägnanter Titel. Beim Vorgänger „Rotlicht“ habt ihr euch mit Erklärungen nicht aus der Reserve locken lassen. Und heute?
Lutz Buch: Jeder in der Band hat seinen eigenen Bezug dazu. Aber in erster Linie strahlt das Cover eine gewisse Gelassenheit aus — es passt einfach gut zu unserer derzeitigen Stimmung. SAS ist schon sehr lange dabei und im Endeffekt kratzt uns da nicht mehr sonderlich viel. Das vermittelt es für mich.
???: „Alpha“ stammt vom Affen ab?
Buch: Den Titel hat Ollis Freundin irgendwann ins Spiel gebracht. Und mit dem Affen war das so: Mein Gitarren-Backliner steht drauf und da hab ich ihm versprochen: „Wir machen einen Affen aufs Cover.“ Aber mir persönlich ist diese Verbindung Alpha plus Affe gleich Alphatier eigentlich viel zu überpointiert. Ich hab’ jedenfalls nicht den Anspruch, irgendeine Vorreiterrolle zu übernehmen.
???: Und doch geht ihr wieder neue Wege. Fast keine Spur mehr vom etwas mainstreamigeren „Surge Effekt“, das „Rotlicht“ ist zumindest gedimmt und nun dieser „Alpha“-Kracher. Wie kommen die Stilwechsel zustande?
Buch: Wir machen vorher keinen Masterplan, in welche Richtung es gehen soll. Das würde auch nicht klappen. Die besten Sachen funktionieren bei SAS aus dem Bauch heraus und dieses Bauchgefühl ist ganz stark von der jeweiligen Situation und Umgebung abhängig. Deswegen spiegelt jedes Album einen speziellen Zeitabschnitt wider. „Alpha“ ist ein gutes Stück bissiger geworden als seine Vorgänger und das liegt ein Stück weit auch an mir. Der Gitarrist hat bei SAS schon immer eine Impuls gebende Rolle eingenommen und ich bin ein anderer Songwriting-Charakter als Dennis Graef. Für mich war es wichtig Songs zu schreiben, die vor allem auch live gut funktionieren. Wenn du nach einem Plan fragst, der dem Album zugrunde gelegen hat, dann ist es wohl dieser.
???: Ob in Münster oder Braunschweig — der Trend geht unüberhörbar zum Geradeaus-Rock. Ist das Crossover-Genre zehn Jahre nach dem Hype nun tot oder firmiert man dieser Tage einfach nur unter einem anderem Namen?
Buch: Crossover — ich weiß eigentlich gar nicht so genau, was das sein soll. Als sich dieses Schlagwort damals entwickelt hat, gab’s die Verbindung zwischen Sprechgesang und Gitarrenmusik noch gar nicht. Unter Crossover lief vielleicht eine Band wie D.R.I. und das ist für mich auch ein viel schlüssigeres Verständnis. Wenn man sich schon solcher Schubladen bedienen muss.
???: Aber gerade SAS werden doch als die hiesigen Heilsbringer des Crossover gehandelt…
Buch: Das hörst du die ganze Zeit. Aber letzten Endes ist es ermüdend, weil es unserer Musik einfach nicht gerecht wird.
???: Und wenn wir den typisch deutschen Crossover nun definieren als Gitarrenrock, der mit Sprechgesang unterlegt ist?
Buch: Ja dann — dann ist es echt tot. Das ist aber auch gut so. Wir haben natürlich nach wie vor Spaß an den alten Sachen, aber im Endeffekt ist SAS eine Band, die macht, was sie macht. Und irgendwann macht sie halt was anderes…
???: …und unter Umständen auch woanders. Ihr seid nicht mehr bei Sony unter Vertrag. Wie kam’s zum Label-Wechsel?
Buch: Wenn Sony verlängert hätte, wären sie blöd gewesen. Der Vertrag stammte aus einer Zeit, als der Kuchen noch um einiges größer war. Das hätte uns Gelder zugesichert, die in dieser Branche einfach nicht mehr verfügbar sind — nicht für eine Band wie SAS. Wir sind Exoten. Auf jedem Label. Das ist auch bei Nuclear Blast so, die ja mittlerweile zu den größten Plattenfirmen in Deutschland gehören.
???: Zu Sony-Zeiten wart ihr die einzigen Künstler im Haus, auf deren Cover kein „Copy Kills Music“-Label prangen musste. Basser Axel Horn hat einmal gesagt, euch sei es egal, auf welchen Weg die Leute zu ihrer Mucke kommen. Seht ihr’s wirklich so gelassen mit den „Napster“-Erben?
Buch: Es ist einfach schade, wenn ein Album lange Zeit vor Release im Netz zu bekommen ist. Aber ganz einfach aus dem Grund, weil das so ein bisschen die Vorfreude nimmt. Früher wusstest du, dann und dann kommt die neue Scheibe von Künstler XY auf den Markt. Da konnte man sich drauf freuen. Das ist heutzutage leider nicht mehr so. Dieses Weihnachtsgefühl ist passé. Aber abgesehen davon ist das ganze Runterladen schlicht und ergreifend nur eines: Werbung. Ich denke, dass der positive Effekt bei einer Band wie SAS überwiegt. Vielleicht versuchen wir ja auch nur, uns was einzureden — aber ändern kann man’s ohnehin nicht. Warum also großartig drüber aufregen?
???: Aufregen tut ihr euch aber seit jeher und abreagiert wird sich in der Musik. Wenn ihr allerdings auf Herzschmerz zu sprechen gekommen seid, dann drehte sich’s bis dato immer um verflossene Liebschaften. Erst „Nie mehr Lovesongs“ und jetzt präsentiert ihr mit „Alles was mir fehlt“ eine doch sehr romantische Nummer.
Buch: Es gab in der Tat noch nie ein SAS-Liebeslied, das so positiv ausgelegt war. Und gerade das finde ich so super an diesem Song! Es gibt keinen Haken, kein Post Scriptum. Es ist eine klare Aussage, ein Bekenntnis, das eben deshalb so kraftvoll wirkt.
???: Apropos kraftvoll: Auf „Alpha“ findet sich mit dem sehr Pain In The Assken „Instant Replay“ immerhin ein englischsprachiger Song. Dabei sind doch gerade eure in Französisch gehaltenen Lyrics so typisch SAS. Doch die gibt’s leider nur auf der EP…
Buch: Dieser ganze Entstehungsprozess ist wie schon gesagt sehr impulsiv und eben ganz und gar nicht so steuerbar, wie man sich das vielleicht denken mag. Natürlich könnte man sagen: „Wir versuchen eine gewisse Ausgewogenheit hinzukriegen.“ Oder man sagt halt: „Das ist uns scheißegal.“
???: Eine andere Sache scheint euch allerdings sehr nachhaltig beschäftigt zu haben. Bei „Mission erfüllt“ findet ihr klare Worte zum Irak-Krieg, meistert den schmalen Grad zwischen Pathos und Peinlichkeit. Gab’s Überlegungen, ob die Leute euren Senf dazu auch noch hören wollen?
Buch: Wir haben uns da in der Tat sehr, sehr lange Gedanken drüber gemacht und der Song war eigentlich auch schon längst abserviert. „Mission erfüllt“ war nämlich einer der ersten, die wir eingespielt hatten; damals war die Thematik noch sehr präsent, aber an einen Single– oder Album-Release nicht zu denken. Als der näher rückte, haben wir uns schon überlegt, ob das jetzt noch passt — bis George W. wiedergewählt wurde. Ich hoffe natürlich, dass es nicht passieren wird, aber wenn wir Pech haben, könnte so eine Geschichte wieder auf uns zukommen — sei es nun Korea oder irgendwer anders. Deshalb haben wir gesagt: „Scheiß drauf, wir bringen den Song raus!“ Man kann es ganz einfach nicht oft genug wiederholen.
