29. März 2005
Die Toten Hosen – „Zurück zum Glück“
Bibbernd kauert der Kirschwasserkönig vor seiner Gefolgschaft, und während Breiti sich hinter dem verendeten Gaul verschanzt, das Gewehr fest im Anschlag, hat Kuddel den Glauben ans Weiterkommen offensichtlich längst aufgegeben. Einzig Heerführer Campino reckt wacker die Fahne in den Wind – bis zum bitteren Ende eben. So trug es sich zu vor nahezu 14 Jahren, festgehalten in Öl, für immer verewigt als Cover-Repro.
Doch in letzter Zeit hatte es den Anschein, als ob Die Toten Hosen das Ziel ihrer edlen Mission ein wenig aus den Augen verlieren würden. Auf dem selbsterklärten Kreuzzug gescheitert sozusagen. Nach diversen mehr oder minder erfolgreichen Anläufen hat sich das Quintett heuer wieder berappelt und macht kehrt. Auf geht’s „Zurück zum Glück“ (JKP).
Vom Punkrock zum Deutschrock
Nicht nur die Hosen selbst haben sich jüngst des öfteren gefragt, ob das denn nun „noch Punkrock ist oder wie man sowas eigentlich nennt“, was da auf „Kauf mich!“, „Opium fürs Volk“, „Unsterblich“ und dem „Auswärtsspiel“ in die Saiten gehauen wurde. Viel hat man herumexperimentiert – legitimerweise und gar nicht selten klang das am Ende auch sehr erfrischend. Jahrein Jahraus dieselben Akkorde zu spielen und damit auch noch erfolgreich zu sein, das bleibt wohl einzig das Privileg der Ramones oder vielleicht noch Greg Graffin und seinen Predigern der schlechten Religion.
Doch mussten eingefleischte Anhänger der Düsseldorfer Urgesteine gerade auf den bis dato letzten beiden Scheiben oft lange suchen, um einen Song mit Klassiker-Potential auszumachen; einen den man guten Gewissens mit „Opel-Gang“, dem „Wort zum Sonntag“ oder „Hier kommt Alex“ in einem Atemzug nennen kann. Gerade das „Auswärtsspiel“ war in dieser Hinsicht trotz des ein oder anderen sehr guten Tracks leider ein ganz klarer Heimsieg, gegen wen oder was man da auch immer gekickt haben mochte.
Schwamm drüber, als echter Fan steht man nunmal zu seiner Mannschaft wie die Hosen zur Fortuna. Daran ändert ein durchwachsenes Spiel noch lange nix. Doch wie soll man diese Art Musik denn nun einordnen, wenn’s das Schlagwort „Punkrock“ ganz offenbar nicht mehr so recht treffen mag? „Punkrock ist seit Ende ‚78 tot“, hat Campino einmal wissen lassen und betrachtet man die politischen Anliegen jener Generation, dann ist dem nichts mehr hinzuzufügen. Und mit ihrer Geschichte von den Helden und den Dieben haben Die Toten Hosen längst gezeigt, dass sie ihren Werdegang durchaus realistisch zu reflektieren verstehen. Doch ändert dieser Umstand nichts daran, dass Punkrock als Musikgenre auch dieser Tage noch seine Daseinsberechtigung hat.
Die Hosen 2004 – härter und kompromissloser denn je
So weit, so gut, doch bringt uns das nicht wirklich weiter. Vielleicht blicken wir ein wenig weiter gen Nordosten, wo von einem lärmenden Mediziner-Trio im Grunde seit jeher dieselben Akkorde gekloppt werden. Dort in der Hauptstadt versucht man sich mit „Deutschrock“ greifbar zu machen. Und vielleicht ist es genau das, was auch die neue Hosen-Scheibe vornehmlich zu bieten hat: Ein volles Brett Rock, wie es sich schon dezent auf den zurückliegenden Veröffentlichungen und erst recht auf der im Februar erschienenen Single „Friss oder stirb“ angekündigt hatte.
Wer sich nur mit der aktuellen Auskopplung „Ich bin die Sehnsucht in dir“ zufrieden gibt, wird vom musikalischen Kurswechsel allerdings nicht viel mitbekommen. Ein netter Song, zweifelsohne, doch die Sorte gibt es auf „Unsterblich“ wie „Auswärtsspiel“ zuhauf. Nein, es sind echte Kracher wie „Zurück zum Glück“, „Kopf oder Zahl“, „Weißes Rauschen“ oder „How Do You Feel?“, die wieder richtig Lust machen, zur großen Campi-Stage-Diving-Show zu pilgern! Mit „Wunder“ gibt’s dazu noch die „Wünsch Dir was“-Hardcore-Neuauflage 2004 und obendrein bekommen alle schmusigen Softie-Naturen auch diesmal ihre zweidrei anspruchsvollen Quoten-Tracks.
Mehr aber auch nicht und ums mal auf den Punkt zu bringen: „Zurück zum Glück“ ist eines der härtesten Hosen-Alben. Kompromissloser denn je, vielleicht noch am ehesten zu vergleichen mit „Auf dem Kreuzzug ins Glück“. Und wenn die Altpunker nicht gleich zur Sache kommen, dann hört man es sich langsam aber sicher zusammenbrauen, das Soundgewitter. Dass Campinos Lyrics einmal mehr Sonderklasse haben, bedarf im Grunde keiner Erwähnung mehr, ob er nun die Band wie zuletzt häufiger geschehen musikalisch reflektiert („Wir sind der Weg“, „Freunde“), den „Goldenen Westen“ besingt oder zur Abwechslung mal wieder ein wenig Herzschmerz („Alles wird vorübergehen“, „Herz brennt“) walten lässt. Und mit ihrem ganz speziellen „Walkampf“ haben die Rheinländer einen echten Mitgröhler gelandet.
Woll‘n wir endlich andere Lieder?
Bemerkenswert ist diesmal auch das Schlagzeugspiel, welches schon beim Opener eigentlich sehr hosenuntypisch anmutet. Er hatte es bereits mehrmals angedeutet und die Herren Trini Trimpop und Wolfgang „Wölli“ Rhode mögen Nachsicht walten lassen: Vom Ritchie ist vielleicht der begnadetste Drummer, den die Hosen je in ihren Reihen trommeln wussten. Doch nicht nur am Instrument, auch beim Frontmann geht wieder so richtig der Punk ab – sofern diese saloppe Redewendung in Verbindung mit den Düsseldorfern noch erlaubt sei. Seit „Opium fürs Volk“ hat Campino seine Stimmbänder jedenfalls nur live solchen Strapazen ausgesetzt.
Andere Lieder? Nein, die wollen wir noch lange nicht. „Venceremos – Wir werden siegen, irgendwann einmal“, geloben Kuddel, Andi, Breiti, Vom und Campino seit gut zweieinhalb Jahren beharrlich. Jetzt können auch wir wieder festen Glaubens sein und machen auf dem Absatz kehrt. Der Kreuzzug geht weiter und wir folgen eiligen Schrittes, das ach so verlockende Glück stets vor Augen.
