Bib­bernd kau­ert der Kirsch­was­ser­kö­nig vor sei­ner Gefolg­schaft, und wäh­rend Breiti sich hin­ter dem ver­en­de­ten Gaul ver­schanzt, das Gewehr fest im Anschlag, hat Kud­del den Glau­ben ans Wei­ter­kom­men offen­sicht­lich längst auf­ge­ge­ben. Ein­zig Heer­füh­rer Cam­pino reckt wacker die Fahne in den Wind — bis zum bit­te­ren Ende eben. So trug es sich zu vor nahezu 14 Jah­ren, fest­ge­hal­ten in Öl, für immer ver­ewigt als Cover-​​Repro.

Doch in letz­ter Zeit hatte es den Anschein, als ob Die Toten Hosen das Ziel ihrer edlen Mis­sion ein wenig aus den Augen ver­lie­ren wür­den. Auf dem selbst­er­klär­ten Kreuz­zug geschei­tert sozu­sa­gen. Nach diver­sen mehr oder min­der erfolg­rei­chen Anläu­fen hat sich das Quin­tett heuer wie­der berap­pelt und macht kehrt. Auf geht’s „Zurück zum Glück“ (JKP).

Vom Punk­rock zum Deutschrock

Nicht nur die Hosen selbst haben sich jüngst des öfte­ren gefragt, ob das denn nun „noch Punk­rock ist oder wie man sowas eigent­lich nennt“, was da auf „Kauf mich!“, „Opium fürs Volk“, „Unsterb­lich“ und dem „Aus­wärts­spiel“ in die Sai­ten gehauen wurde. Viel hat man herum­ex­pe­ri­men­tiert — legi­ti­mer­weise und gar nicht sel­ten klang das am Ende auch sehr erfri­schend. Jahr­ein Jahr­aus die­sel­ben Akkorde zu spie­len und damit auch noch erfolg­reich zu sein, das bleibt wohl ein­zig das Pri­vi­leg der Ramo­nes oder viel­leicht noch Greg Graf­fin und sei­nen Pre­di­gern der schlech­ten Religion.

Doch muss­ten ein­ge­fleischte Anhän­ger der Düs­sel­dor­fer Urge­steine gerade auf den bis dato letz­ten bei­den Schei­ben oft lange suchen, um einen Song mit Klassiker-​​Potential aus­zu­ma­chen; einen den man guten Gewis­sens mit „Opel-​​Gang“, dem „Wort zum Sonn­tag“ oder „Hier kommt Alex“ in einem Atem­zug nen­nen kann. Gerade das „Aus­wärts­spiel“ war in die­ser Hin­sicht trotz des ein oder ande­ren sehr guten Tracks lei­der ein ganz kla­rer Heim­sieg, gegen wen oder was man da auch immer gekickt haben mochte.

Schwamm drü­ber, als ech­ter Fan steht man nun­mal zu sei­ner Mann­schaft wie die Hosen zur For­tuna. Daran ändert ein durch­wach­se­nes Spiel noch lange nix. Doch wie soll man diese Art Musik denn nun ein­ord­nen, wenn’s das Schlag­wort „Punk­rock“ ganz offen­bar nicht mehr so recht tref­fen mag? „Punk­rock ist seit Ende ’78 tot“, hat Cam­pino ein­mal wis­sen las­sen und betrach­tet man die poli­ti­schen Anlie­gen jener Gene­ra­tion, dann ist dem nichts mehr hin­zu­zu­fü­gen. Und mit ihrer Geschichte von den Hel­den und den Die­ben haben Die Toten Hosen längst gezeigt, dass sie ihren Wer­de­gang durch­aus rea­lis­tisch zu reflek­tie­ren ver­ste­hen. Doch ändert die­ser Umstand nichts daran, dass Punk­rock als Musik­genre auch die­ser Tage noch seine Daseins­be­rech­ti­gung hat.

Die Hosen 2004 — här­ter und kom­pro­miss­lo­ser denn je

So weit, so gut, doch bringt uns das nicht wirk­lich wei­ter. Viel­leicht bli­cken wir ein wenig wei­ter gen Nord­os­ten, wo von einem lär­men­den Mediziner-​​Trio im Grunde seit jeher die­sel­ben Akkorde gekloppt wer­den. Dort in der Haupt­stadt ver­sucht man sich mit „Deutsch­rock“ greif­bar zu machen. Und viel­leicht ist es genau das, was auch die neue Hosen-​​Scheibe vor­nehm­lich zu bie­ten hat: Ein vol­les Brett Rock, wie es sich schon dezent auf den zurück­lie­gen­den Ver­öf­fent­li­chun­gen und erst recht auf der im Februar erschie­ne­nen Sin­gle „Friss oder stirb“ ange­kün­digt hatte.

Wer sich nur mit der aktu­el­len Aus­kopp­lung „Ich bin die Sehn­sucht in dir“ zufrie­den gibt, wird vom musi­ka­li­schen Kurs­wech­sel aller­dings nicht viel mit­be­kom­men. Ein net­ter Song, zwei­fels­ohne, doch die Sorte gibt es auf „Unsterb­lich“ wie „Aus­wärts­spiel“ zuhauf. Nein, es sind echte Kra­cher wie „Zurück zum Glück“, „Kopf oder Zahl“, „Wei­ßes Rau­schen“ oder „How Do You Feel?“, die wie­der rich­tig Lust machen, zur gro­ßen Campi-​​Stage-​​Diving-​​Show zu pil­gern! Mit „Wun­der“ gibt’s dazu noch die „Wünsch Dir was“-Hardcore-Neuauflage 2004 und oben­drein bekom­men alle sch­mu­si­gen Softie-​​Naturen auch dies­mal ihre zweid­rei anspruchs­vol­len Quoten-​​Tracks.

Mehr aber auch nicht und ums mal auf den Punkt zu brin­gen: „Zurück zum Glück“ ist eines der här­tes­ten Hosen-​​Alben. Kom­pro­miss­lo­ser denn je, viel­leicht noch am ehes­ten zu ver­glei­chen mit „Auf dem Kreuz­zug ins Glück“. Und wenn die Alt­pun­ker nicht gleich zur Sache kom­men, dann hört man es sich lang­sam aber sicher zusam­men­brauen, das Sound­ge­wit­ter. Dass Cam­pi­nos Lyrics ein­mal mehr Son­der­klasse haben, bedarf im Grunde kei­ner Erwäh­nung mehr, ob er nun die Band wie zuletzt häu­fi­ger gesche­hen musi­ka­lisch reflek­tiert („Wir sind der Weg“, „Freunde“), den „Gol­de­nen Wes­ten“ besingt oder zur Abwechs­lung mal wie­der ein wenig Herz­schmerz („Alles wird vor­über­ge­hen“, „Herz brennt“) wal­ten lässt. Und mit ihrem ganz spe­zi­el­len „Wal­kampf“ haben die Rhein­län­der einen ech­ten Mitgröh­ler gelandet.

Woll’n wir end­lich andere Lieder?

Bemer­kens­wert ist dies­mal auch das Schlag­zeug­spiel, wel­ches schon beim Opener eigent­lich sehr hosen­un­ty­pisch anmu­tet. Er hatte es bereits mehr­mals ange­deu­tet und die Her­ren Trini Trim­pop und Wolf­gang „Wölli“ Rhode mögen Nach­sicht wal­ten las­sen: Vom Rit­chie ist viel­leicht der begna­detste Drum­mer, den die Hosen je in ihren Rei­hen trom­meln wuss­ten. Doch nicht nur am Instru­ment, auch beim Front­mann geht wie­der so rich­tig der Punk ab — sofern diese saloppe Rede­wen­dung in Ver­bin­dung mit den Düs­sel­dor­fern noch erlaubt sei. Seit „Opium fürs Volk“ hat Cam­pino seine Stimm­bän­der jeden­falls nur live sol­chen Stra­pa­zen ausgesetzt.

Andere Lie­der? Nein, die wol­len wir noch lange nicht. „Ven­ce­re­mos — Wir wer­den sie­gen, irgend­wann ein­mal“, gelo­ben Kud­del, Andi, Breiti, Vom und Cam­pino seit gut zwei­ein­halb Jah­ren beharr­lich. Jetzt kön­nen auch wir wie­der fes­ten Glau­bens sein und machen auf dem Absatz kehrt. Der Kreuz­zug geht wei­ter und wir fol­gen eili­gen Schrit­tes, das ach so ver­lo­ckende Glück stets vor Augen.