Kettcar - "Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen"„Es ist bes­ser für das was man ist, gehasst, als für das was man nicht ist, geliebt zu wer­den.“ Sagte ein­mal der fran­zö­si­sche Schrift­stel­ler André Paul Guil­laume Gide, singt Mar­cus Wie­busch 2005. Kett­car zitie­ren gut und gerne. Dazu nehme man noch das Beste vom Punk, gebe hier und da eine Prise Elek­tro­nik hinzu, schnüre dar­aus ein musi­ka­li­sches Paket, ver­kaufe es dem Volk als Pop und benenne es nach dem liebs­ten Spiel­zeug, das je ein Kind sein Eigen nen­nen durfte. Die­ses Rezept funk­tio­nierte beim Erst­ling „Du und wie­viel von dei­nen Freun­den“ prima.

Jetzt ist die erklärte „Super­group des Ger­man Indie-​​Rock“ wie­der dem Stu­dio ent­sprun­gen und erzählt „Von Spat­zen und Tau­ben, Dächern und Hän­den“ (Grand Hotel van Cleef/​Indigo). Zuletzt wurde das „Lat­ten­mes­sen“ nur besun­gen und damit leg­ten die Brü­der Mar­cus (Gesang und Gitarre)und Lars (Key­board) Wie­busch, Rei­mer Bus­torff (Bass), Erik Lan­ger (Gitarre) und Frank Tirado Rosa­les (Schlag­zeug) sel­bige ver­dammt hoch. Den­noch ist das zweite Werk der Ham­bur­ger ein min­des­tens eben­bür­ti­ger Nachfolger.

Mit „Dei­che“ gibt’s zu Beginn eine fes­selnde Up-​​Tempo-​​Nummer, ganz im Stile von „Aus­ge­trun­ken“ und wer es der­art auf­ge­geilt kaum mehr abwar­ten kann und jeden Song nur kurz anspielt, wird beim ers­ten Durch­hö­ren viel­leicht ein ganz klein wenig ent­täuscht sein. Zu unrecht. Kett­car gehen’s zwar im Gan­zen betrach­tet etwas akus­ti­k­las­ti­ger an (ein­fach genial: „Die Wahr­heit ist, man hat uns nichts getan“) und so man­cher Track ent­fal­tet sich zuge­ge­ben erst spät („Die Aus­fahrt zum Haus dei­ner Eltern“, „Trä­nen­gas im High-​​End-​​Leben“). Doch diese Hooklines haben schlicht und ergrei­fend eine Klasse, wie man sie im deutsch­spra­chi­gen Raum lange, lange suchen muss — und wahr­schein­lich allem Bemü­hen zum Trotz nicht fin­den wird.

Ob das kin­der­ch­or­ge­stützte und auf dem gleich­na­mi­gen Roman von Simon H. Cum­mings basie­rende „Stock­hau­sen, Bill Gates und ich“ oder „Han­dy­feu­er­zeug gra­tis dazu“ — man könnte an die­ser Stelle wohl so ziem­lich jeden der elf Tracks nament­lich erwäh­nen: Kett­car schaf­fen mit schein­ba­rer Leich­tig­keit, was das Ziel jed­we­der Art von Musik sein sollte: sie berührt. Sel­bi­ges gilt für Mar­cus Wie­buschs durch­weg deut­sche Texte. Lyrik muss es fol­ge­rich­tig hei­ßen. Klar braucht es ab und an ein wenig Phan­ta­sie oder die ent­spre­chen­den Lebens­um­stände, um den Meta­phern zur Gänze auf die Schli­che zu kom­men. Auch wenn Kett­cars Pas­sa­gen zeit­weise die bit­tere Wirk­lich­keit so ver­dammt genau auf den Punkt brin­gen wie bei den High­lights „48 Stun­den“ und „Balu“, bleibt die end­gül­tige Sinn­haf­tig­keit des Dich­ters Geheimnis.

Aber wie heißt es doch so blas­phe­misch: Wer beim deut­schen Indie-​​Rock nach dem Sinn im Gesun­ge­nen heischt, trägt auch Holz in den Wald — par­don, die Taube aufs Dach natür­lich. Doch wir geben uns im vor­lie­gen­den Falle nur zu gerne mit dem Spatz in der Hand zufrie­den; nicht zuletzt des­halb, weil sich immer wie­der zwi­schen Pathos-​​Überdosis und Bilder-​​Wirrwarr jene eine erleuch­tende Zeile auf­tut, die ent­waff­nend schlicht all das sagt, was gesagt wer­den muss. Ein T-​​Shirt-​​Spruch pro Song nun­mal ist Kettcar-​​Pflicht! Und dafür kann man sie auch im Jahr 54 nach Gide eigent­lich nur ganz furcht­bar doll lieb haben.