Karls­ruhe — „Ich weiß auch nicht, warum wir immer wie­der mit den Onkelz ver­gli­chen wer­den. Viel­leicht liegt es daran, dass wir die­sel­ben Akkorde spie­len“, mut­maßte einst Hosen-​​Frontmann Cam­pino. Nein, son­der­lich viel mehr gemein­sam haben sie wirk­lich nicht. Außer einer Sache vielleicht.

Gehasst, ver­dammt, ver­göt­tert sah man sich lange Jahre in Frank­furt wäh­rend tief im Wes­ten die Mär von den Hel­den und den Die­ben umgeht. Ent­we­der oder, Punk­rock oder Kom­merz­ka­cke, „Friss oder stirb“. Die 9.000 Anhän­ger der Toten Hosen, die sich am gest­ri­gen Sams­tag­abend in der seit über zwei Mona­ten aus­ver­kauf­ten Euro­pa­halle ver­sam­melt hat­ten, waren sich ihrer Sache aller­dings ziem­lich sicher: Denn zum Fres­sen sind sie da!

„Zurück zum Glück“ und das sprich­wört­lich. Es muss ein ver­dammt gutes Gefühl sein, im Wis­sen zu tou­ren, das beste Album seit 15 Jah­ren ein­ge­spielt zu haben. Vom musi­ka­li­schen Kurs­wech­sel der Her­ren Frege, Meu­rer, von Holst, Breit­kopf und Rit­chie ist indes­sen wäh­rend ihres Karlsruhe-​​Gigs lei­der nicht son­der­lich viel zu hören. Durch­weg kom­pro­miss­los schnell und bra­chial zei­gen sich ein­zig Anhei­zer Anti-​​Flag, bevor die Düs­sel­dor­fer um kurz nach zehn ihr „Aus­wärts­spiel“ mit dem gleich­na­mi­gen Lied­gut anpfeif­fen. Und es braucht nur den auf­rei­zen­den Satz: „Jäm­mer­lich! Das geht ja selbst in Kai­sers­lau­tern viel, viel bes­ser!“ und die Meute kocht endgültig.

Büh­nen­bild und Light­show hat man schon weit bes­ser gesehen

Hier ein flot­ter Spruch, da ein Anek­döt­chen; ob er sich als Spre­cher der „Band für Aus­set­zige“ nun an die „ver­lo­re­nen See­len des KSC“ wen­det, um mit den tief­schür­fen­den Wor­ten „Men­schen machen Feh­ler“ selbst King Kahn die Abso­lu­tion vorab für eine Rück­kehr zu den Blauen zu ertei­len, über die hie­sige Pro­mi­nenz in Per­son von Nino de Angelo läs­tert, den „Erben Chubby Che­ckers“ über die in Karls­ruhe lie­gen­den Wur­zeln des Twist refe­riert, oder ob er ein­fach nur davon berich­tet was pas­siert, wenn sich ein gewis­ser Herr Frege zu viele Slibovic-​​Grappa-​​Mischgetränke geneh­migt: Cam­pino ist seit jeher ein Front­mann mit Entertainer-​​Qualitäten, ver­steht es wie nur ganz wenige, mit sei­nem Publi­kum zu kommunizieren.

„Bay­ern“, „Hang On Sloopy“ und „Wal­kampf“ hei­ßen neben­bei die zuge­hö­ri­gen Songs und letz­te­rer hat seine Feu­er­taufe nun auch in Karls­ruhe bestan­den. Es ist selbst bei einem Kracher-​​Album wie „Zurück zum Glück“ nicht eben ein Leich­tes, jung­fräu­li­che Songs live zu eta­blie­ren. Denn das braucht vor allem eines: Zeit. Doch der „Wal­kampf“ ist längst gewon­nen, soll hei­ßen: Eine rich­tig gute Abgeh-​​Nummer, nun also auch erwiesenermaßen.

Büh­nen­bild und Light­show hat man indes bei Hosen-​​Gigs auch schon weit bes­ser, weil gewitz­ter und ver­spiel­ter gese­hen und ohne­hin könnte vie­les gegen die Alt-​​Punks ins Feld geführt wer­den, aber Power und eine sprü­hende Freude an ihrer sprich­wört­li­chen Beru­fung, die haben sie nach wie vor — und zwar reich­lich davon! Auch wenn ein­stö­ckige „Boxen­türme“ eigent­lich unter sei­nem Niveau sind, wagt Ener­gie­bün­del Cam­pino wenige Tage vor sei­nem 43. Geburts­tag trotz­dem einige Male den obli­ga­to­ri­schen Sta­ge­dive in die pogende Menge und selbst Andi lässt sich zu vor­an­ge­schrit­te­ner Stunde samt vier­sai­tig bespann­tem Bass rück­lings über die Köpfe des Publi­kums tragen.

Liebe Freunde und Feinde: Fresst oder sterbt!

In Zei­ten, da manch Künst­ler für immer mehr Ein­tritts­geld immer weni­ger Kunst zum Bes­ten gibt, befan­den sich die Hosen mit etwas über zwei Stun­den Spiel­zeit abso­lut im grü­nen Bereich. Ein­zig die Set­list dürfte vor­nehm­lich Fans der ers­ten Stunde einige Bauch­schmer­zen berei­ten. Der aktu­elle Longplayer muss ent­spre­chend gewür­digt wer­den, keine Frage. Dazu noch den ein oder ande­ren immer und immer wie­der feil­ge­bo­te­nen Klas­si­ker aus der Kate­go­rie „Geht halt nich‘ ohne“ — so weit sind sich alle Freunde und Feinde einig.

Doch haben die Toten Hosen abge­se­hen davon noch reich­lich mehr an wirk­lich guten Num­mern im Reper­toire als ein schnö­des „MTV– und Viva-​​Best Of“ der ver­gan­ge­nen neun Jahre. Zu hören sind sie ges­tern Abend lei­der viel zu sel­ten. „All die gan­zen Jahre“ mit „Made­laine“ und „Cokane In My Brain“ hin­ge­gen drei der rar gesä­ten Wiedergutmacher.

Rich­tig bit­ter wird’s dann aber, wenn Cam­pino froh­lo­ckend eine der zahl­lo­sen Zuga­ben mit den Wor­ten anpreist: „Und jetzt ein Lied, das wir wäh­rend der gan­zen Tour noch nicht gespielt haben!“ Warum denn aber aus­ge­rech­net Karls­ruhe in den zwei­fel­haf­ten Genuss solch aus­ge­lutsch­ter „Bravo-Hits“-Schnulzetten wie „Bon­nie und Clyde“ kom­men muss? Wir wis­sen es nicht. Und als ob das noch nicht gereicht hätte, schiebt das Quin­tett „Alles aus Liebe“ und „Schön sein“ gleich hin­ter­her. Bon Appe­tit, lie­ber Fan. Friss oder stirb.

Bom­mer­lun­der ist Bom­mer­lun­der und Geschäft ist Geschäft

„Man­che Lie­der wer­den über die Jahre lasch, andere behal­ten ihre Bedeu­tung oder wach­sen sogar“, und gott­lob hat­ten Cam­pino und seine Hosen gegen „‚Big Brother‘-Besucher und andere Flach­pfei­fen“ schon vor Jahr­zehn­ten „1.000 gute Gründe“ vor­zu­brin­gen. Es gäbe mit Sicher­heit noch eini­ges mehr an Argu­men­ten, wei­tere Songs aus die­ser oder vor­an­ge­gan­ge­nen Deka­den zu spie­len. Und mit Sicher­heit ebenso viele dagegen.

Bom­mer­lun­der ist Bom­mer­lun­der und Geschäft ist nun mal Geschäft. Die Hosen schwim­men im Main­stream, und der dürfte allen anwe­sen­den Wasserstoffperoxid-​​Weltverbesserern zum Trotz auch so man­chen aufs Kon­zert gespült haben, der ohne besagte „Bekannt aus Funk und Fernsehen“-Sternstunden wohl ernst­haft über­legt hätte, ob er für eine solch omi­nöse Ansamm­lung nie zuvor ver­nom­me­nen Lied­guts ein zwei­tes Mal das Ein­tritts­geld löh­nen würde.

Die Hosen wis­sen das und bedan­ken sich denn auch artig: „Wer zum ers­ten Mal hier ist: Will­kom­men! Und alle, die uns über die Jahre die Treue gehal­ten haben: Ihr seid der Grund dafür, dass es uns immer noch gibt!“ Und so will die Menge nach dem ver­meint­lich letz­ten Song frei­lich immer noch „Mehr davon“. Die einen, weil sie sich ach so präch­tig unter­hal­ten füh­len, die ande­ren, weil die Hoff­nung neben der Ewig­keit eben immer noch am längs

ten währt.

So rei­hen die Hosen bereit­wil­lig eine Zugabe an die nächste, erklim­men selbst nach „Schö­nen Gruß, auf Wie­der­se­hen“ zum wie­der­hol­ten Male die Bühne bis Cam­pino mit „You’ll Never Walk Alone“ end­gül­tig den Ohr­wurm für den Heim­weg anstimmt. Und wäh­rend die bösen Buben aus Frank­furt ihrem selbst­be­weih­räu­che­rungs­schwan­ge­ren Märtyrer-​​Dasein gott­lob selbst ein Ende gesetzt haben, wer­den uns Die Toten Hosen hof­fent­lich noch eine wei­tere Tour­nee erhal­ten blei­ben. Denn Hel­den hin und Punk­rock her: Spiel­schul­den sind eben immer noch Ehrenschulden.