Neu­lich mor­gens auf dem Abstell­gleis: „Tach Heavy.“ „Hallo Nu, na — auch wie­der auf dem Boden der Tat­sa­chen ange­langt? Kopf hoch, mach dir nix draus. Du bist ja noch jung. Komm, lass uns mit Speed, Death, Black und Trash ein Bier­chen zischen gehen.“

Es ist noch gar nicht lange her, da genügte diese eine Eti­kette zum Charts-​​Garanten — allem mas­sen­un­kom­pa­ti­blen Sound zum Trotz. Oder soll­ten wüste „Take On Me“-Cover plötz­lich jeder­manns und sogar –fraus Sache sein? Irgend­wie ohne­hin alles sehr selt­sam, war der Begriff als sol­cher doch schon zu Leb­zei­ten ein Absur­dum. Denn das ein­zig wirk­lich Neue am Nu Metal war — Hand aufs Herz — doch nicht mehr als der Name. Aber auch egal jetzt. Ebenso schnell wie er auf­kam, ging er auch wie­der dahin, fris­tet heuer sein Unter­grund­da­sein im Kreise der musi­ka­li­schen Art­ver­wand­ten. Und die eins­ti­gen baju­wa­ri­schen Vorzeige-​​Nu Metal­ler von den Emil Bulls? Die ver­su­chen sich mit „The Sou­thern Com­fort“ (Pirate Records/​Track1/​Oh My Sweet) auf ein Leben nach dem Hype.

Statt in die spa­ni­sche und schwe­di­sche Ferne zu schwei­fen, wie beim Vor­gän­ger „Porce­lain“ gesche­hen, ist die dank DJ Zam­zoes Rück­zug aus vor­ders­ter Front zum Fün­fer geschrumpfte Herde dies­mal kur­zer­hand zu Hause geblie­ben. Und im Feri­en­häus­chen am Chiem­see kom­po­niert sich’s offen­bar um eini­ges bes­ser. Der Sound der Bulls ist aber nach wie vor weit davon ent­fernt Gemüt­lich­keit auf­kom­men zu las­sen: Nach einem ebenso fin­ten­rei­chen wie über­flüs­si­gen Album-​​Intro, das völ­lig unver­hofft mit Trom­mel­wir­bel und Trom­pe­ten­klän­gen um die Ecke geschlen­dert kommt, packen Front­mann Chris­toph von Frey­dorf und seine Bul­len sogleich die bewähr­ten Press­luft­häm­mer aus: „This Is The Time, This Is The Place For Great Revenge. This Is The Day To Say Fire-​​Fuck You!“

Such A Surge-​​MC Olli Schnei­der ist nach wie vor das Maß des gepfleg­ten Shouts, aber auch Chris­toph von Frey­dorf scheint erkannt zu haben, dass sein Organ gut und gerne noch ein Pfund drauf­le­gen kann. Her­aus kommt Schwei­ne­rock galore („Revenge“) und doch ver­ste­hen es die Bulls zugleich vor­züg­lich, ihre pop­pi­gen Ver­satz­stü­cke durchs gesamte Album zu weben („Magni­fi­cent Lies“). Das ein­gän­gige Emo-​​Element der drei Vor­gän­ger ist dank „New­born“ und „These Are The Days“ zwar nicht ganz in Ver­ges­sen­heit gera­ten, doch prä­sen­tiert sich das Gros der 13 Tracks eine gute Spur rauer als gewohnt.

„The Sou­thern Com­fort“ ist mit Sicher­heit das gelun­genste Werk der Münch­ner, aber das sprich­wört­li­che „Aus einem Guss“-Album hört sich doch ein klein wenig anders an. Der Gut­mensch nennt so was dann schil­lernd facet­ten­reich. Sein über­pe­ni­bler Neben­mann jedoch wird sich schlicht und ergrei­fend über die feh­lende Linie mokie­ren, wenn Mons­ter Magnet und Harm­ful („At Fleischberg’s“), Tur­bone­gro („Wol­ves“) oder Glu­e­ci­fer („Ignorance Is Bliss“) — reich­lich zu Gemüte geführt wohl in bier­se­li­gen Chiem­see­näch­ten — im krea­ti­ven Tag­werk zuviel der Wür­di­gung erfahren.

Und das bei Kri­ti­kern so beliebte Vorbilder-​​Rate-​​Spielchen soll bei „The Sou­thern Com­fort“ angeb­lich nicht mehr funk­tio­nie­ren? „Wer das Gegen­teil beweist, bekommt eine Maß Frei­bier“, ver­spricht der Presse-​​Waschzettel. Zuge­ge­ben: Auf Album­länge klingt zwar wirk­lich kaum eine Band wie die Bulls ’05; und weil der sper­rige Hum­pen sich sowieso ziem­lich schlecht per Post ver­schi­cken lässt, geben wir uns frei­lich auch mit einer gepfleg­ten Wei­ßen zufrie­den. Wir sagen schon mal artig „Dan­ke­schön!“ und „Prös­ter­chen!“. Auf ein Leben nach dem Hype!