20. Juni 2005
Emil Bulls — „The Southern Comfort“
Neulich morgens auf dem Abstellgleis: „Tach Heavy.“ „Hallo Nu, na — auch wieder auf dem Boden der Tatsachen angelangt? Kopf hoch, mach dir nix draus. Du bist ja noch jung. Komm, lass uns mit Speed, Death, Black und Trash ein Bierchen zischen gehen.“
Es ist noch gar nicht lange her, da genügte diese eine Etikette zum Charts-Garanten — allem massenunkompatiblen Sound zum Trotz. Oder sollten wüste „Take On Me“-Cover plötzlich jedermanns und sogar –fraus Sache sein? Irgendwie ohnehin alles sehr seltsam, war der Begriff als solcher doch schon zu Lebzeiten ein Absurdum. Denn das einzig wirklich Neue am Nu Metal war — Hand aufs Herz — doch nicht mehr als der Name. Aber auch egal jetzt. Ebenso schnell wie er aufkam, ging er auch wieder dahin, fristet heuer sein Untergrunddasein im Kreise der musikalischen Artverwandten. Und die einstigen bajuwarischen Vorzeige-Nu Metaller von den Emil Bulls? Die versuchen sich mit „The Southern Comfort“ (Pirate Records/Track1/Oh My Sweet) auf ein Leben nach dem Hype.
Statt in die spanische und schwedische Ferne zu schweifen, wie beim Vorgänger „Porcelain“ geschehen, ist die dank DJ Zamzoes Rückzug aus vorderster Front zum Fünfer geschrumpfte Herde diesmal kurzerhand zu Hause geblieben. Und im Ferienhäuschen am Chiemsee komponiert sich’s offenbar um einiges besser. Der Sound der Bulls ist aber nach wie vor weit davon entfernt Gemütlichkeit aufkommen zu lassen: Nach einem ebenso fintenreichen wie überflüssigen Album-Intro, das völlig unverhofft mit Trommelwirbel und Trompetenklängen um die Ecke geschlendert kommt, packen Frontmann Christoph von Freydorf und seine Bullen sogleich die bewährten Presslufthämmer aus: „This Is The Time, This Is The Place For Great Revenge. This Is The Day To Say Fire-Fuck You!“
Such A Surge-MC Olli Schneider ist nach wie vor das Maß des gepflegten Shouts, aber auch Christoph von Freydorf scheint erkannt zu haben, dass sein Organ gut und gerne noch ein Pfund drauflegen kann. Heraus kommt Schweinerock galore („Revenge“) und doch verstehen es die Bulls zugleich vorzüglich, ihre poppigen Versatzstücke durchs gesamte Album zu weben („Magnificent Lies“). Das eingängige Emo-Element der drei Vorgänger ist dank „Newborn“ und „These Are The Days“ zwar nicht ganz in Vergessenheit geraten, doch präsentiert sich das Gros der 13 Tracks eine gute Spur rauer als gewohnt.
„The Southern Comfort“ ist mit Sicherheit das gelungenste Werk der Münchner, aber das sprichwörtliche „Aus einem Guss“-Album hört sich doch ein klein wenig anders an. Der Gutmensch nennt so was dann schillernd facettenreich. Sein überpenibler Nebenmann jedoch wird sich schlicht und ergreifend über die fehlende Linie mokieren, wenn Monster Magnet und Harmful („At Fleischberg’s“), Turbonegro („Wolves“) oder Gluecifer („Ignorance Is Bliss“) — reichlich zu Gemüte geführt wohl in bierseligen Chiemseenächten — im kreativen Tagwerk zuviel der Würdigung erfahren.
Und das bei Kritikern so beliebte Vorbilder-Rate-Spielchen soll bei „The Southern Comfort“ angeblich nicht mehr funktionieren? „Wer das Gegenteil beweist, bekommt eine Maß Freibier“, verspricht der Presse-Waschzettel. Zugegeben: Auf Albumlänge klingt zwar wirklich kaum eine Band wie die Bulls ’05; und weil der sperrige Humpen sich sowieso ziemlich schlecht per Post verschicken lässt, geben wir uns freilich auch mit einer gepflegten Weißen zufrieden. Wir sagen schon mal artig „Dankeschön!“ und „Prösterchen!“. Auf ein Leben nach dem Hype!
