1. Juni 2005

Harald Hurst, Mundart-Dichter

"Heimat isch dort, wo aim d'Leut so gut verschteh'n, dass mer manchmol scho beim Schwätze merkt, s'wär besser g'wese, mer hätt's Maul g'halte." Sagt er. Und doch hält er sich nur selten daran. Harald Hurst babbelt viel lieber, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Tun natürlich die meisten im Ländle. Er hingegen spricht nicht nur im Dialekt, er bringt ihn auch gekonnt zu Papier: Schnoddrig und doch blitzgescheit, mal hinterfotzig, dann wieder augenzwinkernd. Aber eben niemals volkstümlich. Mundart-Dichter, ganz allgemein gesprochen Schriftsteller, Geschichtenerzähler oder doch vielleicht Wörterclown und Lachpoet per Selbstdefinition?

Von allem ein bisschen, das ist er; einer der besten wenn nicht gar ungekrönter Ländles-Regent seines Metiers. Daheim ist er König - König der Babbler, sozusagen. Und leben tut er doch eher wie ein Bettelmann: Sprichwörtlich von der Hand in den Mund nämlich, seit einem Viertel Jahrhundert. "Es ist ein Wunder", resümiert Harald Hurst heute, kurz nach seinem 60. Geburtstag, verschmitzt. "Du hast geschafft, was du nie wolltest: Als freier Schriftsteller zu überleben."

Schulkarriere? "Katastrophe!", winkt er ab. Hierarchische Machtgefüge haben ihm noch nie gepasst. So mancher Lehrer verzweifelte einst am Buben aus dem "Dörfle". Dort ist er aufgewachsen, zwischen den Kriegstrümmern, bis ihn die Sehnsucht nach der Ferne gepackt hat: "Junge, komm bald wieder", sang Freddie Quinn, dachte ganz sicher auch die Frau Mama und schon hatte ihr 15-jähriger Sprössling angeheuert, Südamerika und Westindien als Matrose umschippert - um dann von der vermeintlichen Romantik der Seefahrt desillusioniert doch noch Poller gegen Penne einzutauschen.

Als so genannter Schulfremder zimmert er sich 1968 das Autodidakten-Abitur am hiesigen Helmholtz-Gymnasium. Sein Türöffner für ein ausgedehntes Studium in Sachen Romanistik und Anglistik. Sie ist ja nicht ganz unschön, die Quadratestadt; Heidelberg aber eben doch noch ein bisschen schöner. Und so dauert's ganze elf Jahre bis zum frisch gebackenen Lehrer für Englisch und Französisch - um nach dem zweiten Staatsexamen doch nicht in den Schuldienst übernommen zu werden. "Ich hab's mir aber ohnehin nicht wirklich als Beruf vorstellen können", und das wird Harald Hurst die Entscheidung umzusatteln leicht gemacht haben. "Trennung zur beiderseitigen Erleichterung", nennt er das heute. Und wenn's noch einen dritten guten Grund für den Neuanfang gebraucht hätte, dann ist das Ende einer langjährigen Beziehung sicherlich kein schlechter.

So fängt er an zu schreiben; die Satire hat's ihm angetan, ob nun im Glossengewand, etwa für die "Karlsruher Rundschau", oder in Form von Gedichten. Erste Lesungen sind des Autoren Mühen Lohn. Und schon hat er unversehens doch einen Lehrauftrag: Seinen Landsleuten die badische Denk- und Fühlweise näher zu bringen. Bis dato hat er es auf ein gutes Dutzend "Lehrbücher" gebracht, das Gros davon im Dialekt. "Komm, geh fort" heißt sein aktuelles und in diesem Titel spiegelt sich das feine Sprachgespür des Harald Hurst wider, das ihm einige Mundartpreise, den Titel "Badener des Jahres 1994", Stipendien der Kunststiftung Baden-Württemberg und des Ministeriums für Kunst und Wissenschaft oder 2003 den renommierten "Thaddäus-Troll-Preis" beschert hat.

Noch ein Mundart-Buch verspricht er, "dann werde ich mich erst einmal wieder dem Schriftdeutsch zuwenden". Ins Betuliche, Biedermeierliche, Selbstbeschränkte fürchtet er sonst abzugleiten, wie so viele seiner im Dialekt schreibenden Kollegen. Den freien Gedanken einfangen wird Harald Hurst einmal mehr mit seiner betagten Triumph-Adler. Schreibmaschine statt PC - da kennt er nichts, sehr zum Leidwesen seines Verlages. Doch alles gute Zureden hat nicht gefruchtet und so wird ihm wie allen Diven und anderen Ausnahmeerscheinungen zähneknirschend eine weitere Sonderbehandlung zuteil werden.

Aber er dankt es ihnen, Verleger wie Kundschaft, "weil ihm der einzelne Mensch mehr am Herzen liegt als die ganze Menschheit. Weil er nicht nach den Sternen, sondern lieber zum Weinglas greift", wie einst ein Rezensent den Wahl-Ettlinger so treffend charakterisiert hat. Hier wie da steckt Wahrheit drin. Und einen guten Tropfen, den weiß er zu schätzen. Einen Roten wohlgemerkt. Und die Hurst'sche Weinuhr schlägt bei seinen Lesungen meist recht präzise. "Babble un Nippe", so hält er es: Halbzeit beim Trollinger-Fläschle heißt Pause fürs Publikum. Und das kommt wieder, wenn Andernorts - ob solo oder an der musikliterarischen Seite von Gunzi Heil und Kuno Bärenbold - die nächste Flasche entkorkt wird.

Bei ihm fühlt es sich eben verstanden. Denn es sind ihre Geschichten, die er erzählt, "G'schichte von de Leut halt". Hinter seiner Komik steckt aber weit mehr: Entlarvung, Selbstironie, Schwermut. Wer über Hursts Jedermenschen lacht, amüsiert sich über Nebenfrau samt Nebenmann. Und mit einem Mal macht sich die Erkenntnis breit, dass man es vielleicht selbst sein könnte, der in ihrer Mitte Platz genommen hat. So schee hat mer's halt wahrscheins doch bloß no dohoim. Denn in der Heimat - genießt selbst ein König Narrenfreiheit.

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