7. Juli 2005

Antikörper

Dass nach „Sie­ben“ eben nicht „Saw“ kommt, wis­sen wir. Und nun geht wie­der ein Horror-​​Psycho-​​Thriller an den Kino­start, der nicht ver­heh­len kann, zumin­dest stel­len­weise nach­hal­tig vom kali­for­ni­schen Todsünden-​​Blockbuster inspi­riert wor­den zu sein. Dazu auch noch eine deut­sche Pro­duk­tion — und unver­se­hens nimmt die Skep­sis im Kuschel­sitz nebenan Platz.

Im Hei­mat­dorf des Thü­rin­ger Provinz-​​Polizisten Michael Mar­tens (Wotan Wilke Möh­ring) wird ein klei­nes Mäd­chen bes­tia­lisch ermor­det: auf­ge­schlitzt vom Schritt an auf­wärts. Mar­tens sucht den Mör­der im Kreise der Sei­nen und macht sich damit in der mit­tel­deut­schen Idylle, wo noch jeder mit jedem ver­wandt sein darf, wenig Freunde in der Gemeinde. Ein gutes Stück ent­fernt über­wäl­tigt in Ber­lin ein Son­der­kom­mando Seri­en­kil­ler Gabriel Engel (André Hen­ni­cke). Als der ermit­telnde Kom­mis­sar Sei­ler (Heinz Hoenig mimt den rast– und ruhe­lo­sen Super­bul­len) im Laufe des Ver­hörs her­aus­fin­det, dass der per­verse Kin­der­schän­der just am Tat­tag in Mar­tens Kaff zuge­gen war, scheint ein Puz­zle­stück zum ande­ren zu pas­sen. Mar­tens reist in die Haupt­stadt, um dem gefan­ge­nen Psy­cho ein Geständ­nis abzu­rin­gen. Doch Engel ist geris­sen, ver­strickt den unsi­che­ren Dörf­ler in ein ver­stö­ren­des Katz-​​und-​​Maus-​​Spiel.

Ein Jung­re­gis­seur namens Chris­tian Alvart ver­spricht der Welt mit sei­nem „Anti­kör­per“ einen hoch­span­nen­den Psy­cho­thril­ler. Moment. Da war doch was… Irgendwo im Hin­ter­kopf nagt’s. Und plötz­lich ist es wie­der omni­prä­sent! Gute Güte, diese lieb­lich säus­selnde Puff-​​Mieze, die da eben zwei­mal für Bruch­teile von Sekun­den „Antikörper“-Leinwandpräsenz genie­ßen durfte, das war doch… Oder war sie’s nicht? Oh doch, sie war’s: Nadeshda Bren­ni­cke. Und wir ent­sin­nen uns mit dem gebo­te­nen Grau­sen an „Tat­too“, jenes famos geschei­terte Kino­de­büt des Robert Schwentke, der in sei­ner Jugend viel zu lange unbe­auf­sich­tigt „Das Schwei­gen der Läm­mer“ schauen durfte.

Ob Dreh­buch­schrei­ber und Regis­seur Chris­tian Alvart sich die­ser Negativ-​​Assoziation nicht bewusst gewe­sen sein sollte? Die werte Frau Bren­ni­cke für einen der­ar­ti­gen Genre-​​Film zu ver­pflich­ten — und sei es nur für einen Gast­auf­tritt und auch wenn es zu aller­letzt an ihr lag, dass „Tat­too“ so gründ­lich dane­ben ging — konnte schon mal kein gutes Omen sein. Und ebenso wie Kol­lege Schwentke will auch Alvart mit sei­nem über­frach­te­ten Psycho-​​Plot zuviel; zuviel an reli­giö­ser Sym­bo­lik con­tra abar­tigste Trieb­be­frie­di­gung, zuviel gesell­schafts­kri­ti­sches Geplän­kel um Gut und Böse (wer ist denn nun der Teu­fel — Engel oder Mar­tens?) und vor allem zu viele unnö­tige Hand­lungs­schnör­kel, die ohne Not dem Thrill die Zähne ziehen.

Da nützt es lei­der auch nicht mehr, dass der Strei­fen gegen Ende der üppi­gen 127 Minu­ten mit sei­nen durch­aus über­ra­schen­den Wen­dun­gen — die vom Grund­mus­ter her über­deut­lich an David Fin­chers „Sie­ben“ erin­nern — wie­der ein wenig anzieht; nichts, dass Wotan Wilke Möh­ring und André Hen­ni­cke erst­klas­sige Leis­tun­gen ablie­fern und das Debüt für eine deut­sche Pro­duk­tion fil­misch mehr als nur respek­ta­bel in Szene gesetzt ist. „Sie sind ent­täuscht, nicht wahr?“, fragt Engel bei der ers­ten Begeg­nung mit dem Cop vom Kaff. „Wen haben Sie denn erwar­tet? Han­ni­bal Lec­tor?!“ Und ein ver­stoh­le­ner Blick nach nebenan bringt end­gül­tig trau­rige Gewiss­heit: Die Skep­sis flätzt sich längst genüss­lich im roten Filmpalast-​​Samt.