24. Juli 2005
Es war Juli: Die perfekte Welle schwappt über den Hügel
Karlsruhe — Standesgemäß wurd’s am „Fest“-Samstag nach einem doch mäßigen Musikbühnen-Auftakt: Es ward Juli vor dem Hügel, die „Klotze“ zum Bersten gefüllt und sogar das „Experiment Within Temptation“ — wie Organisator Rolf Fluhrer es so hübsch betitelt — gelingt.
Was wurde da nicht alles befürchtet im Vorfeld. Die Teenie-Invasion sah so mancher über die Günther-Klotz-Anlage hereinbrechen und mit ihr Heerscharen volltrunkener Bälger, die den teilweise sehr rüpelhaften Wir sind Helden-Tross aus dem vergangenen Jahr wie eine harmlose Jungschar-Versammlung aussähen ließen. Nichts dergleichen ist passiert. „Es war ein klassisches ‚Fest’-Publikum anwesend, alles verlief sehr friedlich“, resümiert Fluhrer sichtlich zufrieden und erleichtert den Samstagabend. Die Polizei schätzt, dass etwa 60.000 den Auftritt von Juli verfolgt haben. Und die waren begeistert: „Ich habe selten erlebt, dass eine deutsche Band von Jung und Alt hier so bejubelt worden ist“, freut sich der Festival-Organisator.
Casting-Vorwürfe hin und Neider her. Von englischen Lyrics auf deutsche Texte umgeschwenkt, um mit dem Debüt „Es ist Juli“ ganz oben auf dem Kamm der Deutschrockwelle mitzusurfen — vieles musste sich das Gießener Quintett jüngst vorwerfen lassen. Doch ganz anders als die „Originale“ Moneybrother und Amparanoia erreichten Juli ihr Publikum.
Vor wenigen Monaten noch von vielen Radiostationen aus scheinheiligen Pietätsgründen zeitweise geächtet, schwappt „Die perfekte Welle“ im wahrsten Sinne über den Hügel und das gleich zweimal. Da tut es der Stimmung denn auch keinen Abbruch, dass nach „Geile Zeit“ und „Warum“ vielen Zuhörern so manches noch viel spanischer anmutete als tags zuvor.
So gediegen es dort am Freitagabend zur Sache ging, so verzerrerverstärkt sollte es an diesem Samstag weitergehen. Uneins waren sich die beiden Top-Act-Booker Manfred Goos und Rolf Fluhrer, ob eine Band wie Within Temptation aufs „Fest“ passt. Fluhrer hat sich durchgesetzt. Und sollte Recht behalten.
Denn surprise surprise: Die Gothik-Rocker aus Holland stoßen keineswegs auf taube Ohren; und haben obendrein auch fürs Auge einiges zu bieten: Mystisch dekorierte Musikbühne mit Videoleinwand, eine Pyroshow, wie sie das „Fest“ wohl selten erlebt hat — und natürlich der Blickfang an vorderster Front: Sharon den Adel in einem pompösen Stück aus „Ganz in Weiß“.
Einem MTV-Clip gleich zimmert Lebensabschnittsgefährte Robert Westerholt unterstützt von Ruud Jolie seine düster-melancholischen „Silent Force“-Riffs, immer wieder durchstoßen vom allesdurchdringenden Engelsorgan, sofern Sharon den Adel nicht gerade das ebenhölzernfarbene Haar auf und nieder schüttelt.
Die Teenie-Invasion — oder zumindest ihre negativen Begleiterscheinungen — blieben zwar aus, doch mag es nicht zuletzt an Within Temptation und ihrem Runen-Faible liegen, dass sich neben einigen Schwarzkuttenträgern auch auffällig viel braunes Fußvolk in der „Klotze“ tummelt.
Doch es bleibt größtenteils ruhig. Überhaupt können die „Fest“-Macher mit dem zweiten Tag voll und ganz zufrieden sein: Das erklärte Ziel, verbesserte Qualität auch beim Thema Sicherheit zu bieten, indem links und rechts der Hauptbühne sämtliche Stände entfernt wurden, sorgt zumindest vor dem ganz großen Ansturm für die erhoffte Entzerrung; auch in puncto vermehrte Präsenz uniformierter Beamter sehen die Macher ihr Ansinnen erreicht — sogar Dieter Behnle, Leiter des Amtes Bürgerservice und Sicherheit, sparte nicht des Lobes. Prächtiges Wetter gab’s obendrein und so frohlockt auch der Stadtjugendausschuss-Vorsitzende Christian Klinger „über den besten Tagesumsatz seit ich zurückdenken kann“. Wir halten abermals „Fest“: Alles wieder standesgemäß.
