Karls­ruhe — Die Zeit für Opti­mis­ten war ange­bro­chen ges­tern Abend in der Günther-​​Klotz-​​Anlage. Durfte Edu­ardo Ben­nato sei­nen Italo-​​Rock noch bei leich­tem Nie­sel­re­gen vor­tra­gen, zogen — je näher der Sil­ber­mond ans Fir­ma­ment rückte — dunkle Regen­wol­ken auf. „Ver­klärte Nacht“ mal wie­der ganz anders.

Und so groß die Ent­täu­schung dar­über war, dass es in die­sem Som­mer kei­nen „Spi­rit Of The Greedy Bunch“ und somit keine Über­ra­schungs­gäste geben würde, so groß ist her­nach die Begeis­te­rung über einen mehr als wür­di­gen „Fest“-Abschluss. Was am Frei­tag auf der Haupt­bühne mit der Schick­sals­ge­mein­schaft um Money­bro­ther und Ampa­ra­noia ver­gleichs­weise mäßig begann und sich am Sams­tag dank Juli und Wit­hin Temp­ta­tion auf Stan­des­maß ein­pen­delt, erlebt ges­tern Abend sei­nen ful­mi­nan­ten Schluss­punkt. Allen Regen­güs­sen zum Trotz har­ren sie aus; im uner­schüt­ter­li­chen Glau­ben, dass der Vie­rer aus dem ost­säch­si­schen Baut­zen das Nase­schnäu­zen und Abhus­ten der Fol­ge­tage wert sein würde.

Und Sil­ber­mond waren es: Wohl sel­ten hat der Hügel einen der­art ener­gie­ge­la­de­nen Gig erlebt! Und so bemüht der abge­dro­schene Begriff um die Power­frau auch anmu­ten mag — Ste­fa­nie Kloß ist mit ihren knapp 21 Jah­ren genau das. Den Tourkalender-​​Eintrag „Karls­ruhe“ mit fet­ten Edding-​​Lettern auf dem lin­ken Arm (oder war es am Ende gar ein genia­ler Coup des Stadt­mar­ke­ting?), ver­steht sie es von Beginn an, ihr Publi­kum mit­zu­rei­ßen: ‚Cause It’s Only Enter­tain­ment! Drei, vier Power­num­mern zu Beginn, dann spielt die „Silbermond-​​Jukebox“. Ob insze­niert oder nicht — die Idee, das Publi­kum aus Reihe eins einen Nicht-​​Silbermond-​​Song aus­wäh­len zu las­sen, um die­sen sodann aus dem Steh­greif zu covern, ist ja schon mal ganz nett.

Doch die Silbermond-​​Spar-​​Fassung von Green Days „Bou­le­vard Of Bro­ken Dreams“ ent­wi­ckelt sich zu einer erquick­li­chen Mit­mach­runde. Ergeb­nis: Stim­mung nahe dem Sie­de­punkt. Zuvor sichert sich Ste­fa­nie Kloß bei „Mach’s dir selbst“ noch die Gesangs­un­ter­stüt­zung der klei­nen Laura und auch der spon­tan auf die Bühne gebe­tene „junge Mann mit dem gift­grü­nen Hut“ darf sich sein Steffi-​​Bussi — wenn auch mit vor­ge­hal­te­ner Hand — abho­len: Eigent­lich zum Mit­sin­gen aus­er­ko­ren, nutzt er die große Show­bühne: „Heb die linke Hand in die Höh, heb die rechte Hand in die Höh und dann im Kreis, das ist der ver­rückte Tier­tanz“. Frech­heit siegt nun mal.

Aber Sil­ber­mond über­zeu­gen allen Entertainer-​​Qualitäten zum Trotz mit ihren musi­ka­li­schen Fer­tig­kei­ten. Konnte man bei Juli ab und an fast den Ein­druck gewin­nen, dass Eva Brie­gel ihre Refrain-​​Zeilen bewusst ans Publi­kum abtritt, weil ihr schlicht die Puste aus­geht, blie­ben auch ihre Hin­ter­män­ner im Ver­gleich zu Sil­ber­mond doch recht blass.

Dort tum­meln sich näm­lich drei rich­tig gute Musi­ker. Schlag­zeu­ger Andreas Nowak bleibt es zwar größ­ten­teils ver­sagt, sich geson­dert her­vor­zu­tun, dafür legt Johan­nes Stolle gleich zwei Bass-​​Soli an den Tag, wie man sie nicht oft prä­sen­tiert bekommt. Und Bru­der Tho­mas scheint ohne­hin beim Gitarren-​​Spiel mit dem Saiten-​​Instrument schier zu verschmelzen.

Seine brei­ten Metal-​​Riff-​​Einlagen — etwa wäh­rend Ste­fa­nie Kloß das Bad in der Menge genießt, sich vom Publi­kum auf Hän­den tra­gen lässt — könn­ten sogar den im Dop­pel­pack ange­tre­te­nen Wit­hin Temptation-​​Einheizern Robert West­er­holt und Ruud Jolie den inoff­zi­el­len Titel um die abso­lute „Fest“-Härte 2005 strei­tig machen.

Doch Sil­ber­mond ver­ste­hen sich kei­nes­wegs nur auf stil­si­chere Abgeh-​​Nummern mit gefäl­li­gen Hooklines, wie „Wis­sen was wird“ oder „Immer am Limit“. Beim MTV– und Viva-​​geschädigten „Sym­pho­nie“ etwa beweist Tho­mas Stolle auch sein fei­nes Händ­chen für die Kla­via­tur, und Der­wisch Ste­fa­nie fas­zi­niert erst recht, wenn sie den Schmu­se­kurs ein­schlägt. So muss sie klin­gen, die wahre, die per­fekte Deutschrock-​​Welle!

Ver­ges­sen wer­den soll aller­dings ob all der Silbermond-​​Anbetungen nicht Edu­ardo Ben­nato. „Fest“-Organisator Rolf Fluh­rer war sich auch auf­grund der guten Erfah­run­gen mit Künst­lern wie Jova­notti oder den Local Heroes Casa­no­s­tra schon im Vor­feld sicher, „dass Italo-​​Rock auf dem ‚Fest‘ funktioniert.“

Mal Rock ‚n‘ Roll in Rein­kul­tur, dann wie­der sehr blue­sig und am Ende sogar mit jamai­ka­ni­schem Reg­gae samt Tri­but an Bob Mar­ley ver­edelt — schon um kurz nach acht war klar, dass der Abend soeben seine erste kleine Über­ra­schung erlebt. Auch wenn die zuvor ange­kün­digte WM-​​Hymne „Un estate ita­liana“ am Ende lei­der doch nicht ange­stimmt wird.

Gute andert­halb Stun­den vor Mit­ter­nacht und die zweite Über­ra­schung des Abends war per­fekt. Sil­ber­mond wer­den gera­dezu fre­ne­tisch ein ums andere Mal aus der Gar­de­robe kom­pli­men­tiert, mitt­ler­weile hat man auch den bis­lang unver­öf­fent­lich­ten Track mit dem so herr­lich zum Wet­ter pas­sen­den „Meer sein“ vor­ge­tra­gen, dann setzt es den end­gül­ti­gen Schluss-​​Akkord. Zwangs­läu­fig, denn es wäre auch nicht mehr son­der­lich viel vom 15 Songs umfas­sen­den Debüt „Ver­schwende deine Zeit“ übrig geblieben.

Fast schon über­bor­dende Begeis­te­rung auf bei­den Sei­ten und man kann der völ­lig geflash­ten Ste­fa­nie Kloß ihre Hügel-​​Überwältigung durch­aus abneh­men. Der Spi­rit am „Fest“-Sonntag war nach drei Jah­ren Greedy Bunch zuge­ge­ben wie­der ein ganz ande­rer, doch auch ohne Über­ra­schungs­gäste erlebt Karls­ruhe eine ver­klärte Nacht vol­ler Über­ra­schun­gen: Durch­nässt, aber glück­lich. Der schil­lernde Sil­ber­mond hat sich längst mit Vehe­menz vor die dunk­len Regen­wol­ken geschoben.