1. September 2005

11:14 — Elevenfourteen

Linear erzählte Geschich­ten sind schön. Schön ein­fach. Still hal­ten, nichts tun. Immer­hin ist das Leben doch schon kom­pli­ziert genug. Halt, stopp — noch­mal von vorn: Linear erzählte Geschich­ten sind schön. Schön öde näm­lich. Wie wohl­tu­end ist da der ein oder andere Aus­rei­ßer. „Nico­tina“ oder „L.A. Crash“ waren etwa jüngst zwei eben sol­che. Nun zieht ein gewis­ser Greg Marcks auf aber­wit­zi­gem Rund­kurs mit „11:14 — Ele­ven­four­teen“ an bei­den vor­bei. Mit einem Independent-​​Streifen im Rückwärtsgang.

Ein ange­trun­ke­ner Auto­fah­rer (Henry Tho­mas), dem unver­se­hens eine Lei­che in die Wind­schutz­scheibe segelt; drei Halb­starke (Ben Fos­ter, Colin Hanks und Stark Sands), die in ihrem Van ziel­los durch die schein­bar heile Kleinstadt-​​Spießer-​​Idylle bret­tern, nur Blöd­sinn im Kopf und des­halb bald nichts mehr in der Hose haben; eine im klein­bür­ger­li­chen Leben ver­wel­kende Tankstellen-​​Aushilfe (Hil­ary Swank), die von ihrem bes­ten Freund (Shawn Hatosy) mit Ansage eine Kugel durch den Ober­arm gejagt bekommt; ein durch­trie­be­nes Teenie-​​Luder (Rachel Leigh Cook), die einen ihrer zwei fes­ten Freunde zum Hen­kers– par­don Schä­fer­stünd­chen auf den Fried­hof lockt und eigent­lich doch ganz andere Absich­ten hat und ihr besorg­ter Vater (Patrick Swayze) in pani­scher Angst, sein Töch­ter­lein könnte die ganz große Dumm­heit began­gen haben.

Neun Men­schen, mehr oder min­der gut mit­ein­an­der bekannt, aber alle­samt zur fal­schen Zeit am fal­schen Ort. Denn um Schlag vier­tel nach elf ste­hen sie für einen kur­zen aber tra­gi­schen Moment auf der­sel­ben Bühne des Lebens­thea­ters. Ein Schick­sals­räd­chen greift ins andere und für so manch eine(n) fällt um 11.14 Uhr der finale Vor­hang. Fünf Epi­so­den, wel­che die Schlüs­sel­sze­nen immer wie­der, aber aus dem Blick­win­kel der jewei­li­gen Haupt­per­son zei­gen, mit zwei gro­ßen und vie­len klei­nen Namen zusam­men­ge­setzt zu einem — man darf es in die­ser Über­schwäng­lich­keit sagen — wirk­lich famo­sen Stück Film!

Hil­ary Swank, zu Jah­res­be­ginn noch als Clint East­woods „Mil­lion Dol­lar Baby“ im „Oscar“-Ring, mimt in die­ser Low Budget-​​Produktion nun ein­drucks­voll die klein­städ­ti­sche Zahnspangen-​​Prollette mit viel Herz aber wenig Hirn. Auch Alt-​​Star Patrick Swayze, der an „Dirty Dancing“-Tänzerbein und „Gefähr­li­che Brandung“-Surferbauch mitt­ler­weile doch ordent­lich Alters­speck ange­setzt hat, fügt sich naht­los ein ins fröh­lich drauf­los spie­lende Ensem­ble. Und doch sind es nicht zuletzt die (noch) Namen­lo­sen, allen voran Shawn Hatosy in der Rolle des ver­zwei­fel­ten Duffy, wel­che ein klei­nes Erst­lings­werk zum fei­nen Kino­film machen.

Mit sei­ner furios kon­stru­ier­ten und wohl durch­dach­ten Puzzle-​​Geschichte voll bes­tem Bad Humor und einer bit­ter­bö­sen Abrech­nung mit Kleinstadt-​​Amerika gibt Marcks wohl eines der bemer­kens­wer­tes­ten Regie­de­büts der ver­gan­ge­nen Jahre: Im Stile eines „Memento“ fährt er mit Voll­gas im Rück­wärts­gang an bis die Kupp­lung qualmt, um nach einem aber­wit­zi­gen fünf­spu­ri­gen Rund­kurs Ende und Beginn mit lau­tem Getöse kol­li­die­ren zu las­sen. Das Plot-​​Lenkrad stets fest im Griff.