1. September 2005

Land Of The Dead

„Ich brau­che nichts, was schnell läuft.“ So der lako­ni­sche Kom­men­tar von George A. Romero zum Remake sei­nes Untoten-​​Klassikers „Dawn Of The Dead“. Wäh­rend die Zom­bies in Pro­duk­tio­nen wie etwa Zack Sny­ders ange­spro­che­ner Neu­auf­lage oder „28 Days Later“ nur­mehr der stu­pi­den Darsteller-​​Hatz die­nen, sol­len seine zer­fled­der­ten Gesel­len auch 2005 die­ses grau­sige „Du kannst machen, was du willst, aber du kannst sie nicht stoppen“-Feeling vermitteln.

1968 war es, da ließ der junge Romero in dem Schwarzweiß-​​Grusel „Night Of The Living Dead“ erst­mals Zom­bies über arg­lose Ame­ri­ka­ner her­fal­len. Der Independent-​​Streifen wird zur Geburts­stunde eines gan­zen Gen­res und so durfte Romero mit „Zom­bies im Kauf­haus“ („Dawn Of The Dead“) anno ’78 sei­nen ers­ten kom­mer­zi­el­len Erfolg ver­bu­chen. 20 Jahre muss­ten seit „Day Of The Dead“, dem drit­ten Film, ver­ge­hen bis sich George A. Romero — der mit Peter „Bra­in­dead“ Jack­son und Lucio Fulci zwei­fels­ohne zu den Köni­gen des Zombie-​​Films zählt — wie­der jenem Sub­genre wid­met, das er einst erschaf­fen hat.

Sind Zom­bies nun die bes­se­ren Menschen?

In Rome­ros neuer Vision „Land Of The Dead“ ist die Welt, wie die Mensch­heit sie kannte, nur noch eine ver­blas­sende Erin­ne­rung. An ihrer Stelle steht der apo­ka­lyp­ti­sche Exis­tenz­kampf zwi­schen uns und ihnen, den Leben­den und den Wal­kern. Bis­lang blieb deren geis­tige Ent­wick­lung voll­kom­men auf der Stre­cke, doch nun beginnt die Höl­len­brut mit einem Mal zu ler­nen, zu orga­ni­sie­ren und zu kom­mu­ni­zie­ren. So platt der Plot.

Im Gegen­satz zu den noch gelun­ge­nen Anspie­lun­gen auf Mate­ria­lis­mus und Mas­sen­kon­sum in „Dawn Of The Dead“ — erst recht im Ori­gi­nal und sogar noch im Remake — wird in „Land Of The Dead“ mehr plump als gewitzt das aktu­elle sozio-​​politische Klima um soziale Unge­rech­tig­keit, Kapi­ta­lis­mus und ter­ro­ris­ti­sche Bedro­hung reflek­tiert. Den­nis Hop­per, des­sen Film­fi­gur — Obacht Anspie­lung! — auf den Namen Kauf­man hört, als George Bush-​​Verschnitt, der mit dem Rest der Elite in einem Glas­pa­last haust, wäh­rend alle ande­ren keine Chance auf Auf­stieg haben. Und auf der unters­ten Stufe ste­hen die Zom­bies, die laut Romero übri­gens bewusst mensch­lich gehal­ten und nicht umsonst wie Obdach­lose geklei­det sind.

Sind Zom­bies nun die bes­se­ren Men­schen? Oder Men­schen die bes­se­ren Zom­bies? Mal Hand aufs Herz: Den­kende Untote! Was kommt als nächs­tes? Zom­bies, die aus sozi­al­kri­ti­sche­thischmo­ra­li­schen Beweg­grün­den der Flei­sches­lust abschwö­ren und den „Nicht ganz toten Vege­ta­ri­ern e. V.“ bei­tre­ten? Bitte nicht. „Lasst die Zom­bies, sie suchen nur nach einer Bleibe.“ Der finale Satz eines hof­fent­lich fina­len Films.

Die Ein­ge­weide mun­den noch am ehesten

Sieht man die Story im bes­ten Falle noch als eine lose Fort­füh­rung — die aus die­sem Grund nicht zwin­gend einer lang­wie­ri­gen Ein­füh­rung bedarf — wir­ken doch Style und Make-​​Up der unto­ten Prot­ago­nis­ten teil­weise wie aus den frü­hen 80ern. Dafür steht ihnen wie­derum die Blässe der als Lebende agie­ren­den Dar­stel­ler in nichts nach. Aber Den­nis Hop­per und Asia Argento haben ohne­hin schon mit „The Kee­per“ laut­hals „Ja!“ zum Mit­tel­maß gesagt.

Immer­hin gibt es wenigs­tens in punkto Gore nicht all zuviel zu mäkeln. Der opti­sche Ver­zehr pul­sie­ren­der Ein­ge­weide mun­det im Ver­lauf der 93 Film­mi­nu­ten wohl noch am ehes­ten; wenngleich’s geüb­ten Splat­ter­fa­n­an­ti­kern den par­al­le­len Genuss von Pop­corn und Nachos nicht eben ver­lei­den dürfte. Viel ver­hee­ren­der: Von apokalyptisch-​​bedrückender Grund­stim­mung wie sie das Remake von „Dawn Of The Dead“ noch so präch­tig ver­mit­telt hat fast keine Spur. Ja sogar Genre-​​Persiflagen wie „Shaun Of The Dead“ haben mehr Scho­ck­mo­ment zu bieten.

„Land Of The Dead“ wirkt dage­gen wie ein schlech­te­res B-​​Movie, des­sen Dia­loge bis auf einige wenige erhei­ternde Aus­nah­men stu­pide inhalts­leer blei­ben. Komik kommt allen­falls unfrei­wil­lig auf und wenn ein — zuge­ge­ben net­ter — Gim­mick wie der aber­ma­lige Gast­auf­tritt von Genre-​​Ikone Tom Savini (dies­mal als Macheten-​​Zombie) schon zu den her­aus­ra­gen­den Momen­ten gehört, spricht das nicht unbe­dingt für die rest­li­chen zwei­und­neun­zi­gein­halb Minu­ten. Zeit­ge­mä­ßes Schocker­kino hat anders aus­zu­se­hen. Ganz anders.

Romero hat die Ent­wick­lung (s)eines Gen­res verschlafen

George And­rew Romero vs. Zack Sny­der — der König ist tot, es lebe der König? Ob er will oder nicht, auch ein Regisseur-​​Guru wie Romero wird nicht umhin kön­nen, sich mit der jun­gen Filmemacher-​​Garde mes­sen zu las­sen. Und das Ergeb­nis die­ses Ver­gleichs ist ein bit­te­res: Da hat einer schlicht die Wei­ter­ent­wick­lung (s)eines Gen­res ver­schla­fen und lang­weilt heuer nur noch das Publi­kum. „Der legen­däre Fil­me­ma­cher prä­sen­tiert sein ulti­ma­ti­ves Meis­ter­werk“, so steht’s gewor­ben. Tja, lei­der ist bei Leibe nicht jedes Werk vom Meis­ter auch gleich ein Meis­ter­werk. Rome­ros vier­ter ist viel­mehr ein Film zum Davon­lau­fen. Gemäch­li­chen Schrit­tes ver­steht sich.