6. Oktober 2005

Chucky’s Baby

Das Poten­zial einer Hor­ror­fi­gur ist end­lich. Das erkann­ten schon ganz andere als Don Man­cini und so war es nur eine Frage der Sequels bis auch sein Chu­cky den Weg eines Freddy Krue­ger ein­schla­gen würde: Genug gegru­selt, das Absurde end­gül­tig in den Mit­tel­punkt stel­len und den einst grausig-​​schaurigen Stoff zum blu­ti­gen Schocker-​​Slapstick ummün­zen. So lau­tete denn auch ein­mal mehr die Mörderpuppen-​​Marschrute bei ihrem fünf­ten Lein­wand­ge­met­zel „Chucky’s Baby“ (High­light Video).

Doch man­che Dinge ändern sich eben glück­li­cher­weise nie und so geht der Geist des Seri­en­tä­ters, wel­cher 1988 in den Kör­per einer Spiel­zeug­puppe fuhr, auch 17 Jahre danach noch immer sei­nem Lieblings-​​Hobby nach: Killen.

Doch auch Mör­der­pup­pen wer­den mit dem Alter ruhi­ger und so wid­met sich Chu­cky wei­ter­hin der Lebens­pla­nung: Eine Braut hat er schon, eine ver­waiste Sohn-​​Tochter namens Glen(da) auch; und der darf Mama und Papa nun wie­der zum Leben erwe­cken. Und letz­te­rer möchte sogleich mal wie­der Nach­wuchs zeu­gen. Aller­dings nicht mehr mit sei­ner Tif­fany. Mensch­lich soll er sein und dazu hat der „Good Guy“ sich nie­mand Gerin­ge­ren als Hollywood-​​Star Jen­ni­fer Tilly (im Vor­gän­ger „Chu­cky und seine Braut“ bereits in der Rolle der mensch­li­chen Tiff zu sehen) als Gebär­ma­schine aus­er­ko­ren, die gerade für den Film im Film „Chu­cky dreht durch“ besetzt wurde.

Für die­ses abstruse Sze­na­rio hat Dreh­buch­au­tor Don Man­cini sei­nen Mords­bu­ben dies­mal gleich auch als Regis­seur an die Hand genom­men. Gewohnt blu­tig und derbe geht’s folg­lich zur Sache; in jeder Hin­sicht, denn auch der krude Humor ist ein ganz spe­zi­el­ler — dür­fen wir doch bei­spiels­weise schauen, wie Chu­cky so ganz neben­bei Brit­ney Spears ins Jen­seits beför­dert. „Ups, I Did It Again.“ Und weil mensch­li­ches Leben bekannt­lich nicht ohne Zutun ent­steht, flie­ßen auch Kör­per­säfte, die nicht zwangs­läu­fig dun­kel­rot über die frisch gewei­ßelte Wand sprit­zen müs­sen. Die Frage jedoch, wie viel dabei von Man­ci­nis ange­streb­ter Satire auf kon­ser­va­tive Fami­li­en­werte und hoch­klas­sige –dra­men wie „Kra­mer gegen Kra­mer“ letz­ten Endes noch rüber­kommt, ist sicher eine streitbare.

Zumal Selbst­re­flek­tio­nen und –refe­ren­zen im Horror-​​Genre nichts wirk­lich Neues sind. Die Dar­stel­lung der­ar­ti­ger Pseudo-​​Realitäten haben wir schon vor Jah­ren in Wes Cra­vens „Freddy’s New Night­mare“ schauen dür­fen. Jaja, die cine­as­ti­schen Seri­en­kil­ler… Krue­ger, Jason, Michael Myers, alle sind sie noch am Start. Irgend­wie muss es da ja auch mit dem guten alten Chu­cky wei­ter­ge­hen, will er nicht fortan Nor­man Bates Gesell­schaft leis­ten. Und so folgt auch des Schlit­zers fünf­ter Teil wie­der kon­se­quent dem per­fi­den Genre-​​Trend, dass der Zuschauer zuse­hends mit dem Täter statt sei­ner Opfer sym­pa­thi­siert — unge­ach­tet der Tat­sa­che, dass er im Grunde selbst das nächste Schlacht­lamm sein könnte.

Chu­cky hin­ge­gen war noch nie ein Opfer. Er weiß, was er tut; tötet, weil er es liebt zu töten: „Es ist keine Sucht, es ist eine Beru­fung.“ Und damit sind wir doch noch bei einem wirk­li­chen Novum ange­langt, das Par­odie und Satire alle­mal wür­dig ist: Wann gab es schon ein­mal eine Hor­ror­fi­gur, die inmit­ten eines exis­tenz­be­dro­hen­den Dilem­mas steckt? Denn Tif­fany stellt zum Wohle des Kin­des als­bald ihr grau­sa­mes Tun in Frage, und sie zwingt auch Gatte Chu­cky über das „Warum“ nach­zu­den­ken. Dem wer­den sich zwar auch all jene stel­len müs­sen, die im schier unaus­weich­li­chen sechs­ten Teil des maka­be­ren Slasher-​​Puppentheaters erneut ihre Kino­plätze ein­neh­men — die Ant­wort indes liegt frei­lich auf der Hand: Ein trot­zi­ges „Darum!“ näm­lich. Schließ­lich sind wir doch alle ein biss­chen Chucky!