31. Oktober 2005

Der Ärgermacher

War das Karls­ru­her DVD-​​Label Bohe­mia Film­kunst bis­lang Güte­sie­gel für ambi­tio­nierte Kurz­filme so hat man sich nun mit „Der Ärger­ma­cher — Der Amok­lauf eines Kul­tur­ter­ro­ris­ten“ zum ers­ten Mal dem Motto: „Ist län­ger, ist bes­ser!“ ver­schrie­ben. „Ein Stef­fen Jürgens-​​Film“? Moment, da war doch die­ses geniale Bewer­bungs­ge­spräch auf der Toi­lette der Film­aka­de­mie Baden-​​Württemberg

Genau die­ser Stef­fen Jür­gens prä­sen­tiert nun sein Langfilm-​​Debüt und hält dabei die Beam­ten der „Soko Sid­dharta“ um Hesse-​​Liebhaber Kom­mis­sar Kosack (Hans Peter Hall­wachs) und die Fern­seh­fahn­der von „X & Y“ auf Trab. Denn der ebenso unta­len­tierte wie popu­la­ri­täts­süch­tige und grö­ßen­wahn­sin­nige Möchtegern-​​Schriftsteller Jochen Anthra­zit (Jür­gens) schart einen Club der toten Dich­ter um sich: Er hat die Gebeine von Franz Kafka, Robert Musil und Her­mann Hesse in sei­nen Besitz gebracht, um die Bun­des­re­gie­rung zum Druck von 150.000 Exem­pla­ren sei­nes lau­si­gen Romans „Note 6″ zu zwingen.

Bei der Kno­chen­über­gabe brand­markt Lite­ra­tur­papst Mar­cel Reich-​​Ranicki das Lebens­werk auch noch als Schü­ler­auf­satz und der Gede­mü­tigte mit dem selbst dia­gnos­ti­zier­ten Tho­mas Mann’schen „Felix Krull“-Syndrom ergreift letzte Maß­nah­men, um die Deut­schen in ihrem Inners­ten zu tref­fen: Schließ­lich ist gerade Fußball-​​WM im eige­nen Lande und die den Adler tra­gen ste­hen im End­spiel gegen die ver­hass­ten Eng­län­der: Was wäre öffent­lich­keits­wirk­sa­mer als Natio­nal­mann­schafts­ka­pi­tän Ste­fan Effen­berg mit einem Bom­ben­gür­tel deko­riert und von Wer­ner Hansch kom­men­tiert übers Spiel­feld zu jagen?

Haupt­dar­stel­ler, Co-​​Regisseur und Co-​​Autor ver­eint Stef­fen Jür­gens in sei­nem post­mo­der­nen Kul­tur­ter­ro­ris­ten aus dem Jahr 2001. Und der steht für 110 Minu­ten bitterbös-​​bizarrer Medi­en­sa­tire, die ganz neben­bei noch eine sen­sa­ti­ons­geile und voy­eu­ris­ti­sche Gesell­schaft demas­kiert. Das ist schräg, das ist skur­ril, das ist abar­tig, das ist krank! Und was für die Gesell­schaft gilt darf auch „Der Ärger­ma­cher“ auf sich ver­bu­chen. Oder wie soll man es bezeich­nen, wenn sich die ver­sam­melte Kok­ser­runde des Dich­ter und Den­kers Kno­chen­mehl — im Mixer gebrauchs­fer­tig gemacht — die Nasen­schei­de­wände hoch­zieht? „Machst mir noch’n Kafka fer­tig?“ Aber klar doch, Stef­fen. Und wohl bekomm’s. Den hast dir alle­mal verdient!