20. Oktober 2005
Flightplan — Ohne jede Spur
Was haben zwei Werke wie „Panic Room“ und „Tattoo“ gemein? Okay, sie bedienen dasselbe Filmgenre, doch Thriller-Kino kann eben — ganz gleich ob amerikanisch oder deutsch — so und so aussehen. Nein, 2002 war jenes Jahr, in dem die beiden „Flightplan“-Hauptprotagonisten vor wie hinter der Kamera das letzte mal so richtig im Rampenlicht standen. Jeder wie er’s verdient hatte.
Vom Schwabenland nach Hollywood — das gab’s doch schon mal. Nun hat also auch Regisseur Robert Schwentke nach Hollywood übergemacht; und wird nach drei „Tatort“-Drehbüchern und zwei Kinofilmen gleich mit einem Großprojekt betraut. Zu mehr als dieser einen Gemeinsamkeit reicht es aber auch im Vergleich mit Roland Emmerich nicht. Beachtlich ist die Tasache als solche dennoch allemal und nimmt man Schwentkes missratenen Einstand zum Maßstab erst recht. Einerlei. Drüben in L.A. war es dem gebürtigen Stuttgarter sodenn vergönnt, eine Schauspiel-Institution wie Jodie Foster in Szene zu setzen. Sie spielt in „Flightplan — Ohne jede Spur“ Flugzeugingenieurin Kyle Pratt, die sich nach dem Unfalltod ihres Mannes mit der sechsjährigen Tochter Julia (Marlene Lawston) auf den Rückflug von Berlin in die USA befindet.
Gezeichnet von den tragischen Ereignissen schlafen Kyle und Julia an Bord des Doppeldeckers ein. Als Kyle einige Stunden später aufwacht, ist das Töchterlein nicht mehr an seinem Platz. Als Julia selbst nach intensiver Suche nicht aufzufinden ist, schlägt die latente Beunruhigung der Mutter schnell in Panik um. Doch nicht genug damit, dass sich weder die Fluggäste noch die Crew daran erinnern wollen, Julia überhaupt jemals an Bord gesehen zu haben, taucht der Name ihrer Tochter plötzlich nicht einmal mehr auf der Passagierliste auf. Keiner will der verstörten Frau jetzt mehr Glauben schenken und als ihr vom Kapitän (Sean Bean) mitgeteilt wird, Julia sei zusammen mit dem Vater in Berlin tödlich verunglückt, glaubt die ohnehin psychisch angeschlagene Witwe, den Verstand verloren zu haben.
Paranoid-perfider Psycho-Plot
Eine Geschichte, die zu oft am Scheideweg ihres eigentlichen Problems steht: nämlich welche Richtung an den zahlreichen Weggabelungen die richtige ist. „Tattoo“ war weder Milieustudie noch Horror-Thriller und wollte doch beides zu gleicher Zeit verkörpern. Nun hat sich Robert Schwentke konsequent dem Psychothrill verschrieben und siehe da: Es funktioniert!
Konnte sich sein Debüt nie wirklich von den omnipräsenten Vorbildern „Das Schweigen der Lämmer“, „Sieben“ und allen voran „8MM“ lösen, so belässt er es dieser Tage bei dezenten, aber dafür umso wirkungsvolleren Hitchcock-Anleihen. Der Zuschauer findet sich nach kurzem Vorgeplänkel in einem paranoiden, ja geradezu perfiden Psycho-Plot mit jeder Menge falscher Fährten wieder, der ganz nebenbei noch mit den vorurteilsbeladenen Terrorängsten unserer Zeit spielt.
Man darf es mit dieser Bestimmtheit sagen: Schwentke wird mit seinem neuen Film den gehobenen Hollywood-Standards in fast jeder Hinsicht gerecht. Überdurchschnittlich. Und mehr als das: Eine stimmige Story, deren Spannungsbogen — im Gegensatz zu Luxus-Ramsch wie dem jüngst ebenfalls in der bedrückenden Enge eines Flugzeugs angesiedelten „Red Eye“ von Wes Craven — immerhin drei Viertel des Films vereinnahmt bis er jäh zerberstet. Dazu zeigt er (fast im Übermaß) auch in punkto cineastisches Handwerk was am New Yorker Columbia College und dem American Film Institute in Los Angeles so alles gelehrt wird.
Und dass Jodie Foster eine erstklassige Wahl, weil erstklassige Actrice ist, bedarf eigentlich keiner gesonderten Erwähnung mehr. Der Teilzeit-Superstar verleiht mit ihrer ersten Hauptrolle seit „Panic Room“ dem Film erst seinen klaustrophobischen, beklemmenden Drive. Mit alten Gemeinsamkeiten ist es so oder so nicht mehr sonderlich weit her; aber es ist nicht zuletzt ihr Verdienst, dass Schwentkes Jugendsünde fortan endgültig als eine eben solche gelten darf.
