Über­bor­dende Vor­freude oder böse Vor­ah­nung? Das sind die Gefühls­wel­ten zwi­schen denen man sich als Kürbiskopf-​​Fanatiker bewe­gen durfte als die schier unglaub­li­che Sage umging, der „Kee­per“ kehre wie­der. Lang, lang ist’s her: 1987, zu Zei­ten da der Metal noch heavy war und auch ohne Nu voll hipp, ver­bün­de­ten sich fünf lang­mäh­nige Jüng­linge aus dem hohen deut­schen Nor­den mit den Göt­tern und das aus Mar­ke­ting­über­le­gun­gen zer­pflückte Dop­pel­kon­zept­al­bum „Kee­per Of The Seven Keys“ kata­pul­tiert die Micha­els Kiske und Wei­kath, Mar­kus Groß­kopf, Kai Han­sen und Ingo Schwich­ten­berg nach ganz oben. Doch zu wel­chem Preis?

Nie wie­der soll­ten Hel­lo­ween gran­dio­sere Num­mern schrei­ben dür­fen: „A Little Time“, „I Want Out“, „Dr. Stein“ und „Future World“. Song­ti­tel wie in Gra­nit gemei­ßelt; hart, schnell, außer­ge­wöhn­lich, aber immer mit einer gehö­ri­gen Por­tion Melo­die im fili­gra­nen Gitarren-​​Gewitter. Fast schon blas­phe­misch mutet es da auf den ers­ten Blick an, fast 20 Jahre Jahre spä­ter den drit­ten „Keeper“-Part auf gleich zwei CDs nach­zu­schie­ben. „The Legacy“ (Steammer/​SPV) — Ver­mächt­nis oder Verdammnis?

Schön zitiert und doch zu beliebig…

Die bei­den Urge­steine Wei­kath (Gitarre) und Groß­kopf (Bass) sind nach wie vor an Bord der Hanseaten-​​Kogge, den­noch hat sich das Per­so­nal­ka­rus­sell mal wie­der ein klein wenig wei­ter­ge­dreht: Dani Loeble ersetzt Ex-​​Running Wild Ste­fan Schwarz­mann an den Drums, den der Fluch des Rock ‚n‘ Rolf heim­sucht. Doch auch bei Hel­lo­ween ist man sich — wenn auch nicht jedes, so doch alle Jahre wie­der — stets uneins, wohin der musi­ka­li­sche Weg gehen soll. „Jericho“-Speed Metal oder „Chameleon“-Weichspüler-Rock? Alles schon mal da gewe­sen. Doch nun scheint man sich mit dem „Rab­bit Don’t Come Easy“-Nachfolger neu ein­ge­pen­delt zu haben. Bis zum nächs­ten Aus­rut­scher wenigstens.

Einen wirk­li­chen leis­ten sich die Ham­bur­ger auf „The Legacy“ glück­li­cher­weise nicht. Den­noch klin­gen nicht wenige der 13 Num­mern gar zu belie­big („Born On Judg­ment Day“, „Plea­sure Drone“); das rockt zwar, ful­mi­nant („Come Alive“), epo­chal („The King For A 1000 Years“, „Occa­sion Ave­nue“), schnell („Silent Rain“), bal­la­desk („Light The Uni­verse“). Aber kaum da der nächste Track im Player rotiert, ist die Hook meist auch schon wie­der ver­ges­sen. Am ehes­ten in den bes­se­ren alten Zei­ten wüh­len noch die erwähn­ten Opener „The King For A 1000 Years“ und „Occa­sion Ave­nue“. Letz­tere der bei­den Rock-​​Opern kommt im Ver­gleich zu den 80er-​​Großtaten reich­lich modern daher, spielt oben­drein zu Beginn nett adrett mit Zita­ten („Eagle Fly Free“ oder „Hal­lo­ween“) der ers­ten bei­den „Keeper“-Alben.

Das High­light heißt jedoch ganz anders: Die äußerst erfri­schende „Mrs. God“ ist’s näm­lich, wel­che dank einem sehr ver­trau­ten Leadgitarren-​​Riff mit neuem Sound erst­mals alte Erin­ne­run­gen an die ver­flos­sene „Future World“ weckt. Zugleich ist es aber auch eine typi­sche Deris-​​Nummer, die ohne Wei­te­res der 94er Auf­er­ste­hung „Mas­ter Of The Rings“ ent­sprun­gen sein könnte. Und genau die­ser „Zurück in die Zukunft“-Spagat müsste die kom­plette „Legacy“ umfas­sen, um die Chance zu wah­ren, den bei­den gehul­dig­ten Remi­nis­zen­ten das Was­ser zu reichen.

…„Cause We All Live In Future World“!

Doch dafür fehlt es von Speed und Härte ein­mal abge­se­hen fast zur Gänze am Außer­ge­wöhn­li­chen der Sorte „Ride The Sky“, „Phan­toms Of Death“, „Rise And Fall“, „Living Ain’t No Crime“, „Man­kind“, „Per­fect Gent­le­man“ oder auch „First Time“, um ein­mal ganz ver­schie­dene Ver­tre­ter aus ebenso unter­schied­li­chen Schaf­fens­pe­rio­den zu nen­nen. „Mrs. God“ oder auch „The Invi­si­ble Man“ zäh­len zu den weni­gen Aus­nah­men. Aber viel­leicht sind wir ja bei der Per­so­na­lie Andi Deris nach lan­gem Herumei­ern auch schon längst am eigent­li­chen Knack­punkt der unver­hoff­ten „Kee­per­kehr“ vorbeigeschrammt.

Der eins­tige Front­mann der ein­zi­gen Karls­ru­her Band, die es jemals zu etwas gebracht hat — die Rede ist frei­lich von Pink Cream 69 — ist ein wirk­lich fan­tas­ti­scher Sän­ger wie Kom­po­nist; mit sei­nem Vor­gän­ger Kiske aller­dings in bei­den Dis­zi­pli­nen schlicht nicht zu ver­glei­chen. Schon des­halb dürfte es der musi­ka­li­schen Güte unge­ach­tet schwer­fal­len, die neuen an den alten Hel­lo­ween zu mes­sen. Weil uns das Quin­tett mit sei­nem titel­ge­ben­den Kunst­griff aber dazu nötigt, tun wir’s doch ein­fach trotz­dem: Ein Album mit dem blo­ßen Zusatz „The Legacy“ kann nie und nim­mer gegen ein eben sol­ches beste­hen. „Cause We All Live In Future World.“ Und die bekommt heil’gen Ver­mächt­nis­sen ganz sel­ten wirk­lich gut.