27. Oktober 2005
Keine Lieder über Liebe
„Zwischen Raufaser und Wand klebt die Hoffnung fremder Leben, klebt die Sehnsucht nach was Neuem, kleben Bahnen von Tapeten. An den Kaffeeautomaten stehen wir und warten. Und wir geben unsrer Zukunft ein Zuhaus.“ Befänden wir uns nicht im Kino, es könnte sich glatt um die Passage eines Kettcar-Songs handeln. Moment. Wir befinden uns im Kino. Und es handelt sich um die Passage eines Kettcar-Songs. Nun ja, irgendwie zumindest.
Da wäre zum einen das Indiz, dass die ominöse Filmband Hansen sich im geschmackvollen Grand Hotel van Cleef eingenistet hat; und obendrein schart deren Sänger Jürgen Vogel auch noch die Befindlichkeitslyriker Thees Uhlmann von Tomte und Kettcar-Frontmann Marcus Wiebusch oder Musiker wie Max Martin Schröder alias Olli Schulz’ Hund Marie um sich, die sich gemeinsam mit Kettcar-Basser Reimer Bustorff fürs galante Songwriting verantwortlich zeigen.
„Schön die Kamera draufhalten bis es genug geile Szenen gibt“
Damit daraus denn auch Kino wird, muss man nur noch „schön die Kamera draufhalten bis es genug geile Szenen gibt und dann einen Film draus bauen.“ So vermessen lautete das Credo am Set. Und „Keine Lieder über Liebe“ ist ein Werk, dessen Entstehungsgeschichte wohl ebenso interessant ist wie das ambitionierte Projekt selbst: Ohne das Notfall-Drehbuch aus der Schublade zu holen, ließ Regisseur Lars Kraume seine Akteure gewähren; schickte Heike Makatsch, Jürgen Vogel und Florian Lukas auf eine Tingeltangel-Tour durch die norddeutsche Provinz. Drei Wochen lang war er mit der Hansen Band auf Tour, die eigens für diesen Film gegründet wurde, sammelte über 150 Stunden Material.
Und das ist der zugehörige Plot: Der angehende Filmemacher Tobias Hansen (Florian Lukas) plant „eine Dokumentation über die beiden wichtigsten Menschen in meinem Leben“, als da wären Freundin Ellen (Heike Makatsch) und Bruder Markus (Jürgen Vogel). Doch seit Tobias und Ellen den Schwager in spe vor einem Jahr besucht haben, stimmt es nicht mehr in der Beziehung. Insgeheim weiß Tobias, dass etwas zwischen den beiden gelaufen sein muss. Und weil nichts nagender ist als die Ungewissheit begleitet er den Bruder und dessen Hansen Band samt Kamerateam auf eine masochistische Vergangenheits-Tournee, führt dort die Sünder zusammen, nur um sich seine schlimmsten Befürchtungen bestätigen zu lassen. Was er dem Bruderherz fadenscheinig als Musik-Doku verkauft, entwickelt sich in Folge sehr vorhersehbar zu einem ausgewachsenen Drama.
Hamburger Schule Goes Cinema — filmgewordenes Kettcar also? Naja. Gemeinsam dürften beide Ausnahme-Erscheinungen zweifelsohne haben, dass die Meinungen über das Dargebotene am Ende gespalten sind. Doch während man die Hamburger Schule, der sich die Gruppen Kettcar und Tomte bekanntlich verschrieben haben, entweder liebt oder hasst, sind bei „Keine Lieder über Liebe“ durchaus Zwischentöne erlaubt. Inmitten von Pathos-Überdosis und Bilder-Wirrwarr vermögen es die Lyrics von Marcus Wiebusch bei so ziemlich jedem Song des aktuellen Albums „Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen“ eben jene eine erleuchtende Zeile aufzutun, die entwaffnend schlicht all das sagt, was gesagt werden muss.
Dagegen verharren die meisten der durchweg improvisierten Dialoge im Film auf Westentaschenphilosophieformat; fehlt es ihnen an Pathos, fehlt es an Bildern, an Quintessenz. Und die Kettcar-obligatorischen T-Shirt-Sprüche? Rar sind sie gesät. Sehr rar. All das bleibt den Texten der Hansen Band vorbehalten. Doch das zusammengewürfelte Quintett kommt — zumindest um mit seiner Musik eine wirkliche Message rüberzubringen — schlicht und ergreifend zu kurz zu Wort.
Die Stimme zum Gebiss gibt’s nur auf Platte
Weit weniger überraschend dürfte da die Erkenntnis sein, dass ein Marcus Wiebusch nicht schauspielern und ein Jürgen Vogel nicht singen kann. Mag man dem Hansen-Frontmann bei den im Studio zurechtgepegelten Songs zum charismatischen Gebiss die entsprechende Gesangsstimme attestieren, werden bei den live dargebotenen Nummern aus dem Hamburger Molotow oder dem Berliner Bastard zunehmend nostalgisch-peinliche Gefühle an den Proberaum bei Muttern wach. Und sobald der Titel „Was hätten wir denn tun sollen“ aus Kettcars Anfangstagen gegen den Hansen-Klon „Strand“ antritt, sieht Vogel schon nach wenigen Zeilen nurmehr die meilenweit entfernte Silhouette seines Film-Gitarreros Wiebusch.
Verschmerzbar. Es ist vielmehr die aufgeblähte Story, welche sich schlicht vorwerfen lassen muss, unterm Strich nicht genügend herzugeben, um der auf 100 Minuten heruntergebrochenen Pseudo-Doku wirklich adäquat Tiefgang zu verleihen. Dass sich die zuckersüße Ellen lieber von Rocker Markus denn von Schlaftablette Toby vernaschen lässt, kann man Heike Makatschs Filmfigur nicht verdenken. Und so lange die verschrobensten Spacken immer noch die tollsten Mädels abbekommen, ist ein Florian Lukas sicher nicht fehlbesetzt; wenngleich er als einziger des namhaften Hauptdarsteller-Trios auch außerhalb des Films im Film ungewohnt unscheinbar bleibt.
Der kleinste gemeinsame Nenner: stilsichere Musik
Abgesehen davon, dass es reichlich bizarr wirkt, wenn der Kameramann selbst in den intimsten Momenten der Ménage à trois allzeit zugegen ist, lebt Lars Kraumes gewagtes Projekt doch zu großen Teilen vom voyeuristischen Big-Brother’s-Watching-You-Szenario mit hektischer Handycam und harten Schnitten. Und so einigt man sich eben auf den kleinsten gemeinsamen Nenner: Die gepriesenen „geilen Szenen“ gibt es nämlich allein schon ob der stilsicheren Musik mit Hammer-Songs wie „Kamera“, „Keine Lieder“, „Alles teilen“ oder „Baby Melancholie“ zuhauf.
Oder um ganz kettcaresk ein Bild zu bemühen: Jenen bedauernswerten Mitmenschen, welchen Wiebuschs fantastische Zeilen wie die unverständlich gurrenden Titel-Tauben anmuten, bleiben am Ende der Platte immer noch die lieblich säuselnden Sound-Spatzen. Und zumindest aus diesem Blickwinkel betrachtet sind Schule und Film allemal gleichauf.
