„Zwi­schen Rau­fa­ser und Wand klebt die Hoff­nung frem­der Leben, klebt die Sehn­sucht nach was Neuem, kle­ben Bah­nen von Tape­ten. An den Kaf­fee­au­to­ma­ten ste­hen wir und war­ten. Und wir geben uns­rer Zukunft ein Zuhaus.“ Befän­den wir uns nicht im Kino, es könnte sich glatt um die Pas­sage eines Kettcar-​​Songs han­deln. Moment. Wir befin­den uns im Kino. Und es han­delt sich um die Pas­sage eines Kettcar-​​Songs. Nun ja, irgend­wie zumindest.

Da wäre zum einen das Indiz, dass die omi­nöse Film­band Han­sen sich im geschmack­vol­len Grand Hotel van Cleef ein­ge­nis­tet hat; und oben­drein schart deren Sän­ger Jür­gen Vogel auch noch die Befind­lich­keits­ly­ri­ker Thees Uhl­mann von Tomte und Kettcar-​​Frontmann Mar­cus Wie­busch oder Musi­ker wie Max Mar­tin Schrö­der alias Olli Schulz’ Hund Marie um sich, die sich gemein­sam mit Kettcar-​​Basser Rei­mer Bus­torff fürs galante Song­wri­t­ing ver­ant­wort­lich zeigen.

„Schön die Kamera drauf­hal­ten bis es genug geile Sze­nen gibt“

Damit dar­aus denn auch Kino wird, muss man nur noch „schön die Kamera drauf­hal­ten bis es genug geile Sze­nen gibt und dann einen Film draus bauen.“ So ver­mes­sen lau­tete das Credo am Set. Und „Keine Lie­der über Liebe“ ist ein Werk, des­sen Ent­ste­hungs­ge­schichte wohl ebenso inter­es­sant ist wie das ambi­tio­nierte Pro­jekt selbst: Ohne das Notfall-​​Drehbuch aus der Schub­lade zu holen, ließ Regis­seur Lars Kraume seine Akteure gewäh­ren; schickte Heike Makatsch, Jür­gen Vogel und Flo­rian Lukas auf eine Tingeltangel-​​Tour durch die nord­deut­sche Pro­vinz. Drei Wochen lang war er mit der Han­sen Band auf Tour, die eigens für die­sen Film gegrün­det wurde, sam­melte über 150 Stun­den Material.

Und das ist der zuge­hö­rige Plot: Der ange­hende Fil­me­ma­cher Tobias Han­sen (Flo­rian Lukas) plant „eine Doku­men­ta­tion über die bei­den wich­tigs­ten Men­schen in mei­nem Leben“, als da wären Freun­din Ellen (Heike Makatsch) und Bru­der Mar­kus (Jür­gen Vogel). Doch seit Tobias und Ellen den Schwa­ger in spe vor einem Jahr besucht haben, stimmt es nicht mehr in der Bezie­hung. Ins­ge­heim weiß Tobias, dass etwas zwi­schen den bei­den gelau­fen sein muss. Und weil nichts nagen­der ist als die Unge­wiss­heit beglei­tet er den Bru­der und des­sen Han­sen Band samt Kame­ra­team auf eine maso­chis­ti­sche Vergangenheits-​​Tournee, führt dort die Sün­der zusam­men, nur um sich seine schlimms­ten Befürch­tun­gen bestä­ti­gen zu las­sen. Was er dem Bru­der­herz faden­schei­nig als Musik-​​Doku ver­kauft, ent­wi­ckelt sich in Folge sehr vor­her­seh­bar zu einem aus­ge­wach­se­nen Drama.

Ham­bur­ger Schule Goes Cinema — film­ge­wor­de­nes Kett­car also? Naja. Gemein­sam dürf­ten beide Ausnahme-​​Erscheinungen zwei­fels­ohne haben, dass die Mei­nun­gen über das Dar­ge­bo­tene am Ende gespal­ten sind. Doch wäh­rend man die Ham­bur­ger Schule, der sich die Grup­pen Kett­car und Tomte bekannt­lich ver­schrie­ben haben, ent­we­der liebt oder hasst, sind bei „Keine Lie­der über Liebe“ durch­aus Zwi­schen­töne erlaubt. Inmit­ten von Pathos-​​Überdosis und Bilder-​​Wirrwarr ver­mö­gen es die Lyrics von Mar­cus Wie­busch bei so ziem­lich jedem Song des aktu­el­len Albums „Von Spat­zen und Tau­ben, Dächern und Hän­den“ eben jene eine erleuch­tende Zeile auf­zu­tun, die ent­waff­nend schlicht all das sagt, was gesagt wer­den muss.

Dage­gen ver­har­ren die meis­ten der durch­weg impro­vi­sier­ten Dia­loge im Film auf Wes­ten­ta­schen­phi­lo­so­phie­for­mat; fehlt es ihnen an Pathos, fehlt es an Bil­dern, an Quint­es­senz. Und die Kettcar-​​obligatorischen T-​​Shirt-​​Sprüche? Rar sind sie gesät. Sehr rar. All das bleibt den Tex­ten der Han­sen Band vor­be­hal­ten. Doch das zusam­men­ge­wür­felte Quin­tett kommt — zumin­dest um mit sei­ner Musik eine wirk­li­che Mes­sage rüber­zu­brin­gen — schlicht und ergrei­fend zu kurz zu Wort.

Die Stimme zum Gebiss gibt’s nur auf Platte

Weit weni­ger über­ra­schend dürfte da die Erkennt­nis sein, dass ein Mar­cus Wie­busch nicht schau­spie­lern und ein Jür­gen Vogel nicht sin­gen kann. Mag man dem Hansen-​​Frontmann bei den im Stu­dio zurecht­ge­pe­gel­ten Songs zum cha­ris­ma­ti­schen Gebiss die ent­spre­chende Gesangs­stimme attes­tie­ren, wer­den bei den live dar­ge­bo­te­nen Num­mern aus dem Ham­bur­ger Molo­tow oder dem Ber­li­ner Bas­tard zuneh­mend nostalgisch-​​peinliche Gefühle an den Pro­be­raum bei Mut­tern wach. Und sobald der Titel „Was hät­ten wir denn tun sol­len“ aus Kett­cars Anfangs­ta­gen gegen den Hansen-​​Klon „Strand“ antritt, sieht Vogel schon nach weni­gen Zei­len nur­mehr die mei­len­weit ent­fernte Sil­hou­ette sei­nes Film-​​Gitarreros Wiebusch.

Ver­schmerz­bar. Es ist viel­mehr die auf­ge­blähte Story, wel­che sich schlicht vor­wer­fen las­sen muss, unterm Strich nicht genü­gend her­zu­ge­ben, um der auf 100 Minu­ten her­un­ter­ge­bro­che­nen Pseudo-​​Doku wirk­lich adäquat Tief­gang zu ver­lei­hen. Dass sich die zucker­süße Ellen lie­ber von Rocker Mar­kus denn von Schlaf­ta­blette Toby ver­na­schen lässt, kann man Heike Makatschs Film­fi­gur nicht ver­den­ken. Und so lange die ver­schro­bens­ten Spa­cken immer noch die tolls­ten Mädels abbe­kom­men, ist ein Flo­rian Lukas sicher nicht fehl­be­setzt; wenn­gleich er als ein­zi­ger des nam­haf­ten Hauptdarsteller-​​Trios auch außer­halb des Films im Film unge­wohnt unschein­bar bleibt.

Der kleinste gemein­same Nen­ner: stil­si­chere Musik

Abge­se­hen davon, dass es reich­lich bizarr wirkt, wenn der Kame­ra­mann selbst in den intims­ten Momen­ten der Ménage à trois all­zeit zuge­gen ist, lebt Lars Krau­mes gewag­tes Pro­jekt doch zu gro­ßen Tei­len vom voy­eu­ris­ti­schen Big-Brother’s-Watching-You-Szenario mit hek­ti­scher Han­dy­cam und har­ten Schnit­ten. Und so einigt man sich eben auf den kleins­ten gemein­sa­men Nen­ner: Die geprie­se­nen „gei­len Sze­nen“ gibt es näm­lich allein schon ob der stil­si­che­ren Musik mit Hammer-​​Songs wie „Kamera“, „Keine Lie­der“, „Alles tei­len“ oder „Baby Melan­cho­lie“ zuhauf.

Oder um ganz kett­ca­resk ein Bild zu bemü­hen: Jenen bedau­erns­wer­ten Mit­men­schen, wel­chen Wie­buschs fan­tas­ti­sche Zei­len wie die unver­ständ­lich gur­ren­den Titel-​​Tauben anmu­ten, blei­ben am Ende der Platte immer noch die lieb­lich säu­seln­den Sound-​​Spatzen. Und zumin­dest aus die­sem Blick­win­kel betrach­tet sind Schule und Film alle­mal gleichauf.