Christina StürmerInhalt gegen Öffent­lich­keit. So lau­tet der sim­ple Deal im tag­täg­li­chen Rän­ke­spiel zwi­schen Jour­na­lis­mus und PR. Doch bizarr mutet es mit­un­ter an, was sich manch Künst­ler her­aus­nimmt. Oder tref­fen­der gesagt: meint her­aus­neh­men zu kön­nen. Beiße nie die Hand, die dich füt­tert. Was jeder noch so räu­dige Hund instink­tiv ver­in­ner­licht hat, schei­nen immer öfter gerade die­je­ni­gen zu ver­ges­sen, die noch lange nicht genü­gend Fleisch auf den Rip­pen haben. Der Optik unge­ach­tet ist das auch beim Alpen-​​Castingshow-​​Gewächs Chris­tina Stür­mer nicht anders. Kla­rer (Un-)Fall von aku­ter „Star­ma­nia“.

Gerade star­tete die 23-​​Jährige ihre Debüt-​​Tournee durch deut­sche Lande, eines der ers­ten Domi­zile: die Dur­la­cher Fest­halle. Auch Karls­ru­hes Online-​​Tageszeitung ka​-news​.de war als Medi­en­part­ner dabei, für „sein“ Kon­zert flei­ßig die Pro­mo­trom­mel zu rüh­ren. 17 Uhr, Interview-​​Termin mit Frau Stür­mer. Doch noch.

Der Jour­na­list in der Rolle des unmün­di­gen Erfüllungsgehilfen?

Denn die „Rote Liste“, die im Vor­feld via E-​​Mail die Redak­tion erreichte, war nur mit viel Zäh­ne­knir­schen zu akzep­tie­ren: Keine Fra­gen über die (offen­bar vom Major-​​Label Uni­ver­sal hier­zu­lande nicht mehr gern gese­hene) Casting-​​Vergangenheit! Und bit­te­schön keine Fra­gen dar­über, ob denn die „Alpen-​​Christl“ ihr Lied­gut selbst tex­tet! So lau­tete die bedin­gungs­lose Dok­trin des Manage­ments. Vor Ort wol­len die Ärger­nisse jedoch kein Ende neh­men: Obwohl im Vor­feld ein Vier-​​Augen-​​Gespräch ver­ein­bart war, der Fra­gen­ka­ta­log dem­nach auf die Front­frau aus­ge­rich­tet, hatte sich das Stern­chen kurz­fris­tig in den Kopf gesetzt, dass sie nichts und das Kol­lek­tiv fortan alles ist.

Tour­ma­na­ge­rin Cosima von der betreu­en­den Agen­tur Berit Bönisch Con­sul­ting lässt unmit­tel­bar vor dem Zusam­men­tref­fen von Fra­ger und Befrag­ter lapi­dar wis­sen, „dass Chris­tina ab sofort nur noch mit der Band zu haben“ sei. Schließ­lich hieße es ja auch Chris­tina Stür­mer und Band. Spiel­re­geln sind an sich eine feine Sache — sofern man sie vor Anpfiff kund­tut. „Dein Pro­blem. Da steht ein Lap­top und ein Dru­cker. Lass dir was ein­fal­len, ich hol dich in fünf Minu­ten wie­der ab.“ Der Jour­na­list end­gül­tig in der Rolle des unmün­di­gen Erfüllungsgehilfen?

Frag, was wir wol­len, „sonst kriegst du keine lockere Chris­tina und somit auch keine guten Ant­wor­ten“. O-​​Ton der Mana­ge­rin. Ver­spre­chen oder Dro­hung? Egal, denn viel dahin­ter ist im Falle von Chris­tina Stür­mer anschei­nend ohne­hin nicht: Wer offen­sicht­lich meint, sich ein hal­bes Jahr nach einer halb­wegs erfolg­rei­chen und auch halb­wegs gelun­ge­nen Debüt-​​Platte vom gehyp­ten Stern­chen zum selbst­ver­lieb­ten Star krö­nen zu kön­nen, die vom Pres­se­rum­mel ach so genervte Diva raus­hän­gen zu las­sen, um im Gegen­zug selbst auf die dank­bars­ten Fra­gen und Stich­wor­t­ein­würfe nur eine ebenso heiße wie inhalts­leere Luft­blase von sich zu geben, wird nur schwer vom Image des fremd­ge­steu­er­ten Casting-​​Häschens los­kom­men. Deutsch und öster­rei­chisch basie­ren zwar auf dem­sel­ben Wort­schatz, doch offen­bar gibt es zwi­schen Label und Künst­le­rin in die­sem Punkt doch einige Sprach­schwie­rig­kei­ten: Im Gegen­satz zum hei­mi­schen at-​​Auftritt erwähnt die deut­sche Web­site die vier Musi­ker der „Und Band“ näm­lich mit kei­nem Wort.

Mut­ter, der Mann mit dem Koks ist da…

Dass es selbst der Ket­ten­hund in Per­son von Tour­ma­na­ge­rin Cosima nicht bes­ser weiß, in wel­cher Liga ihr ver­husch­ter Schütz­ling spielt, ist aller­dings schon bei­nahe gro­tesk. Obgleich die fol­gende beschä­mende Bege­ben­heit zu jenem Zeit­punkt schon fast nicht mehr von Belang war, wur­den her­nach allen Erns­tes noch die bereits akkre­di­tier­ten Foto­gra­fen zum „Vor­stel­lungs­ge­spräch“ zitiert, um ent­schei­den zu kön­nen, wer auf­grund von Medium und zuge­hö­ri­ger Auf­lage für wür­dig (oder bes­ser brauch­bar) befun­den wird, wer sein Bild bekommt und wer nicht. Am bes­ten klebe man sich im Falle eines Zuschlags den Foto­pass quer über die Stirn, denn „Chris­tina möchte von der Bühne aus sehen kön­nen“, ob der Mann am Drü­cker auch legi­ti­miert ist, ihr Ant­litz für die Nach­welt festzuhalten.

Genom­men wird nach wie vor noch gerne. Wenn Frau Stür­mer aller­dings wei­ter­hin so grob foul spielt, ist auch das nicht mehr von Belang. Wer sich — wohl­ge­merkt als New­co­mer mit allen Chan­cen auf einen Musik-​​Bizz-​​Pauschaltrip inklu­sive Rück­fahr­schein — selbst unbe­drängt mit hoch­ge­zo­ge­nem Näs­chen ins Abseits stellt, erhöht schnel­ler als ihm lieb sein dürfte den Schick­sals­zäh­ler der Casting-​​Generation um eins nach oben; wenn­gleich Buch­händ­le­rin schließ­lich auch ein sehr erfül­len­der Job sein kann. Nein, hier ist ganz offen­sicht­lich jemand der schnelle Ruhm zu Köpf­chen gestie­gen: Größ­ter öster­rei­chi­scher Pop­star seit Falco? Mut­ter, der Mann mit dem Koks ist da…

PR und Jour­na­lis­mus spa­zie­ren Hand in Hand durch den Blätterwald

Da hilft denn auch die späte Ein­sicht der Mana­ge­rin, „dass man eben noch uner­fah­ren und Karls­ruhe einer der ers­ten Ter­mine im Tour­ka­len­der“ sei, nichts. Im Gegen­teil: Arro­gan­tes Auf­tre­ten mit — Zitat — „Unsi­cher­heit und Uner­fah­ren­heit“ zu ent­schul­di­gen, ist im bes­ten Falle noch ein Armuts­zeug­nis. Zuteil wird der Alpen-​​Christl allen­falls noch die Gnade der spä­ten Geburt, schließ­lich ist sie erst Jahr­gang ’82. Apro­pos: „Wir haben Anfang der 80er Jahre gegen Pers­hings demons­triert. Wer demons­triert denn heute gegen Cas­tings? Gegen diese gan­zen sin­gen­den unin­ter­es­san­ten ‚Fer­rero Küsschen‘-Wichser?“ Da braucht es erst einen Come­dian wie Michael Mit­ter­meier, um es auf den Punkt zu brin­gen. Denn aus der Angst her­aus, es sich zu ver­scher­zen, weh­ren sich nach wie vor die Wenigs­ten in der Bran­che gegen die wach­sende Willkür.

An die­ser Stelle einen heh­ren Appell an die schöne Idee von der Pres­se­frei­heit aus­zu­ru­fen, ist frei­lich reich­lich lach­haft. Längst spa­zie­ren PR und Jour­na­lis­mus Hand in Hand durch den Blät­ter­wald, sind auf­ein­an­der ange­wie­sen, ist letz­te­rer über­spitzt gesagt nur­mehr ein blo­ßes Räd­chen im Sys­tem, lässt sich als Ver­laut­ba­rungs­or­gan instru­men­ta­li­sie­ren. Jeder von uns tut das Tag für Tag, mal bewusst, dann wie­der unbe­wusst, der eine mehr, der andere weni­ger. Und doch: Jeder tut es — ganz gleich ob er sich das nun ein­ge­ste­hen mag oder nicht. Gerade im loka­len Geklün­gel tritt man sich mög­lichst nicht unnö­tig auf die Füße. Haus und Hof ste­hen sperr­an­gel­weit offen. Der Jour­na­list also doch in der Rolle des Erfül­lungs­ge­hil­fen? Vielleicht.

Aber immer­hin eines mün­di­gen, der auch mal freund­lich aber bestimmt „Nein, danke!“ sagen darf. Doch viel zu sel­ten begehrt der Pro­mo­ti­ons­hel­fer auf, lässt sich statt­des­sen in den Sta­tus einer bil­li­gen Public-​​Relations-​​Hure drän­gen; und immer mehr ver­sucht die Gegen­seite die Arbeit der Jour­na­lis­ten nach ihrem Gut­dün­ken zu beein­flus­sen, zu mani­pu­lie­ren, zu kon­trol­lie­ren. Denn das Gehabe von Chris­tina Stür­mer und ihrer für die­sen Abend zur Seite gestell­ten Betreue­rin — par­don: die „Und Band“ nicht zu ver­ges­sen — ist lei­der lang­sam weit mehr als der bedau­erns­werte Einzelfall.

„Ein bizar­res Embargo gegen die Kritik“

Auch abseits der pro­gram­mier­ten Träller-​​Marionetten wird emsig ver­sucht, Bericht­er­stat­tung über ver­meint­lich begeh­rens­werte Pro­dukte zu steu­ern. Bei­spiele für die teils schon unver­schäm­ten Aus­wüchse gibt es zuhauf: Sei es nun Chris­tina Stür­mer, die sich am liebs­ten selbst befra­gen würde, Künst­ler wie die Toten Hosen, wel­che mit Vehe­menz aufs Recht am eige­nen Bild pochen und vor dem Gang in den Foto­gra­ben sei­ten­weise ein­klag­ba­res Ver­trags­werk unter­zeich­nen las­sen oder Gangsta-​​Rapper 50 Cent, der bei sei­nem ein­zi­gen Kon­zert in Süd­deutsch­land vor weni­gen Tagen die Foto­gra­fen gleich ganz umsonst ihre Auf­war­tung machen lässt.

Den Blatt­schuss auf dem Jahr­markt der Dreis­tig­kei­ten ver­bucht seit kur­zem aber unan­ge­foch­ten Kino­ver­lei­her UIP, der sich zum ers­ten Mal in der Film-​​Geschichte von den bei Pres­se­vor­füh­run­gen — auf wel­chen Lei­bes­vi­si­ta­tio­nen und Nacht­sicht­ge­rät­schaft längst zum Stan­dard­re­per­toire gehö­ren — anwe­sen­den Jour­na­lis­ten schrift­lich zusi­chern ließ, dass vor dem Welt­start von Ste­ven Spiel­bergs halb­ga­rem Unter­gangs­epos „Krieg der Wel­ten“ nicht berich­tet wird. „Ein bizar­res Embargo gegen die Kri­tik.“ Lars-​​Olav Beier hat mit sei­nem „Spiegel“-Artikel „Not­stand im Kino­saal“ als einer der ganz weni­gen ange­mes­sen auf den längst über­bor­den­den Kon­troll­wahn der PR-​​Maschinerie reagiert.

Dass die feil­ge­bo­te­nen Pro­dukte nach deren Dafür­hal­ten im best­mög­li­chen Licht ste­hen sol­len, ist ver­ständ­lich und legi­tim. Ja, unver­zicht­bar sind die Damen und Her­ren der zuar­bei­ten­den Abtei­lung „Externe Kom­mu­ni­ka­tion“ für unser­eins. Gerade in die­sen schlech­ten Zei­ten, da die Redak­tio­nen aller­or­ten ohne­hin hoff­nungs­los unter­be­setzt sind. Und auch in den bes­se­ren geht es nun­mal nicht ohne jene jeder­zeit gern genom­me­nen Infor­ma­ti­ons­zu­spie­ler von außen, die doch im Grunde alle nur das eine wol­len. Die Mit­tel jedoch, mit denen die Öffent­lich­keits­ar­bei­ter ihre Inter­es­sen auf der ande­ren Seite des Schreib­ti­sches durch­zu­set­zen ver­su­chen, sind kei­nes­falls mehr gerecht­fer­tigt. Erst recht nicht, wenn es sich um dröge Durch­schnitts­ware bis hin zum Ramsch handelt.

Beiße nie die Hand, die dich füt­tert. Wie man ele­gant zurück­schnappt, hat Lars-​​Olav Beier vor­ge­macht. Vor dem trau­ri­gen Hin­ter­grund jener Bin­sen­weis­heit, dass selbst die nega­tivste Pro­mo­tion immer noch Pro­mo­tion ist — da macht der „Fall Chris­tina Stür­mer“ lei­der keine Aus­nahme — ginge es aller­dings sogar noch eine Spur stil­vol­ler: Und zwar mit der nicht erst seit Sven Rege­ners Kul­tro­man bewähr­ten „Herr Lehmann“-Methode. Schließ­lich ist (bis­lang noch) kei­ner zum Berich­ten gezwun­gen. Also, mit Ver­laub: Scheiß der Hund drauf!