13. Oktober 2005
Wallace & Gromit: Auf der Jagd nach dem Riesenkaninchen
Eine Apparatur, wie sie Erfinder Wallace nicht besser hinbekommen hätte: Man stecke Knetmasse in ein Stück Film, animiere es in Stop-Motion-Technik und heraus purzeln jede Menge Trickfilm-„Oscars“. So einfach liest sich die Erfolgsgeschichte von Nick Park und den „Wallace und Gromit“-Abenteuern. Jetzt streift sein skurriles Plastilin-Duo das zu enge Kurzfilmkorsett ab.
Und Abnehmer stehen schon bereit: Selbiges haben vor dem Hauptfilm nämlich vier seit kurzem weltberühmte Pinguine übergezogen: Kowalski, Private, Skipper und Rico (einmal mehr gesprochen von den Fantastischen Vier) stimmen im neunminütigen Appetizer „Die Madagascar-Pinguine in vorweihnachtlicher Mission“ aufs erste abendfüllende „Wallace & Gromit“-Abenteuer ein. Nach ihren beiden „Oscar“-gekrönten Episoden „Die Techno-Hose“ und „Unter Schafen“ dürfen der Käsefanatiker und sein vierbeiniger Freund — bei denen wohl keiner mit letzter Bestimmtheit sagen kann, wer nun die Rolle des Herrchens übernimmt — anschließend als Gemüse-Polizei ein kaninchengeplagtes Dorf von ihrer Pein erlösen.
Die Jagd auf harmlose Häschen ist nicht zuletzt dank Wallaces Erfindungsreichtum eine mit zwei ungleichen Kontrahenten. Doch plötzlich bedroht ein gigantisches Langohr die liebevoll gepflegten Vorgärten samt ihrer preisverdächtigen Ernte in spe. Nacht für Nacht stibizt es die schönsten Gewächse aus den Gemüsebeeten und lässt das humane Schädlingsbekämpfungs-Unternehmen Anti-Pesto in Person von Wallace und Gromit ganz schön alt aussehen. Das ist umso dramatischer, da die prächtigsten Gartenfrüchte doch bald bei der jährlichen Landwirtschaftsschau prämiert werden sollen.
Absolute Detailverliebtheit und gewitzte Situationskomik
Ein paar Zahlen verdeutlichen die ungeheure Arbeit, welche hinter solch einem Gedulds-Projekt wie „Wallace & Gromit auf der Jagd nach dem Riesenkaninchen“ steckt: Damit die Figuen lebendig werden, war ein Team von 30 Animationskünstlern etliche Jahre mit kneten beschäftigt. Dabei bedeuten 24 Bilder pro Sekunde 24 verschiedene Positionen pro Figur; zehn Sekunden Film pro Arbeitstag sind schon das Höchste der Gefühle.
Aber es gibt Grenzen für das Plastilin: Um etwa Nebel, Rauch oder Wasser darzustellen, würde sich die Produktionszeit ins Unendliche steigern. Hier behalfen sich die Macher dann doch mit Computertechnik. Doch soll ungeachtet dessen das Handwerk im Vordergrund stehen: Im Unterschied zum 2000er Kinoerfolg „Chicken Run“ allerdings, bei welchem Nick Parks Hühner noch ganz artenuntypisch aalglatt daherkamen, besitzen die Figuren heuer — wie in allen „Wallace & Gromit“-Filmen seit dem Premierenwerk „Alles Käse“ aus dem Jahr 1990 — ganz bewusst kleine Unregelmäßigkeiten, so dass bei genauem Betrachten die Fingerabdrücke zu sehen sind. „Persönliche Note“ nennen das die Macher.
Und die kann man ihrem 96-Minüter nebst absoluter Detailverliebtheit und gewitzter Situationskomik uneingeschränkt attestieren: Sei es ob der schrullig-drolligen Figuren, der schrägen Handlung mit ihren immer wieder eingeflochtenen Anspielungen auf „American Werewolf“, „Frankensteins Monster“, „Ben Hur“, „Matrix“ und „King Kong“ oder nur der kindlichen „Sesamstraßen“-Faszination für laufende Knetgesellen — diese Aardman-Produktion ist Kinokurzweil nach Maß, die ihren Zuschauer durchgängig in einen wohligen Zustand des Dauerschmunzelns zu versetzen weiß.
Nick Park sollte sich am 5. März 2006 jedenfalls schon mal besser nichts vornehmen. An jenem Sonntag vergibt die Academy Of Motion Picture Arts And Sciences einmal mehr ihren begehrten Goldjungen…
