Voll­kon­takt, wer hat Angst vorm Mis­ter Bad Guy? Man kann von sei­nen har­ten, bis dato gar nicht sel­ten reich­lich homo­pho­ben Rhy­mes hal­ten, was man mag. Doch zumin­dest musi­ka­lisch gehö­ren Bushi­dos Gangsta-​​Raps längst zu den Feins­ten zwi­schen Schö­ne­berg und Tem­pel­hof. Über­haupt: Ber­lin, das ist seine Stadt und wenn das New Kid On The Block los­prollt, dann pum­pen die Drums, ticken die High-​​Hats und vibrie­ren die Synthie-​​Streicher.

Eine Welt aus Gold­kett­chen, Huren, Dro­gen, Waf­fen und Hip­Hop, dazu ein Mann, gemein wie zehn — da reicht schon mal ‚ne Kugel und der Keck beißt in den Bord­stein. Doch fortan steht auch Aggro Ber­lin auf der Opfer-​​Liste, denn der King Of Kingz hat sein „Elec­tro Ghetto“ (Urban/​Uni­ver­sal) bei einem Major-​​Label aufgemacht.

Der Mythos von der ver­schwo­re­nen Ber­li­ner Rapper-​​Gemeinschaft brö­ckelt und es wäre schon sehr ver­wun­der­lich gewe­sen, wenn Bushido sei­nem Frust über den unschö­nen Abschied nicht im Diss Luft machen würde: „Ich bin kein Aggro Ber­li­ner!“ („Knast oder Ruhm“). Die latente Befürch­tung, er würde außer­halb der Aggro-​​Familie sein Ding viel­leicht nicht mehr durch­zie­hen kön­nen, sind indes größ­ten­teils halt­los gewe­sen — zumin­dest, was die Rhy­mes anbe­langt. Der Ein­fluss der Viel­zahl betei­lig­ter Pro­du­zen­ten (Ilan, die Bea­tho­avenz, D-​​Bo, Raspu­tin oder DJ Desue) mün­det näm­lich lei­der gar nicht sel­ten in einem Sound mit Kom­pro­mis­sen. Und die gehen klar zu Las­ten der ansons­ten so kom­pro­miss­lo­sen Bushido-​​Beats.

Typisch er und doch irgend­wie neu

Den­noch bleibt vie­les unver­kenn­bar: Auf „Typisch ich“ etwa legt sich das ver­trau­ens­er­we­ckende Geräusch vom Nach­la­den einer Schuss­waffe über den abgrund­tie­fen Boom-​​Bass. Und natür­lich wird auch wie­der flei­ßig tele­fo­niert, wenn­gleich man sich dies­mal nicht zum Koks­deal ver­ab­re­det. Beim „Gangbang“ stopft Bushido mit dem Bre­mer Baba Saad und Bass Sul­tan Hengzt viel­mehr ganz andere Kör­per­öff­nun­gen. Über­haupt wird üppig gefea­tured im „Elec­tro Ghetto“; Reim-​​Bozz Azad gibt den „Flerräter“-Ersatz („Feu­er­sturm“) und auf der Fort­set­zung des 2003er-​​Songs ist das dröh­nende Organ der Ber­li­ner Kiez-​​Legende King Ali zu ver­neh­men („Gemein wie 100″).

Doch es gibt — Major sei dank — auch einen neuen Bushido, einen mit Sinn für Gefühls­du­se­lei. Erst disst er mit Baba Saad eif­rig gegen Curse-​​Schmusesongs („Ers­gu­t­er­junge“), lässt dann selbst den „Schmet­ter­ling“ aus der Magen­grube und sorgt am Ende sogar gemein­sam mit Glashaus-​​Sängerin Cas­san­dra Steen beim Track „Hoff­nung stirbt zuletzt“ für einen wei­te­ren sehr sof­ten Über­ra­schungs­mo­ment. Trotz­dem: „Ich mach den Sound für den Hof im Knast, ich mach den Sound für die Dea­ler im Park“ rappt Bushido beim Titeltrack und defi­niert damit auch wei­ter­hin die Beats für den ganz spe­zi­el­len Ber­li­ner Style, der sich nach wie vor einen feuch­ten Dreck um die Befind­lich­kei­ten im hei­mi­schen Hip­Hop schert. Deutsch-​​Rap will (Elec­tro) Ghetto wer­den — und nur Bushido weiß, wie. Voll­kon­takt? Na, auf jeden, Alter!