18. November 2005

Bushido - "Electro Ghetto"

Vollkontakt, wer hat Angst vorm Mister Bad Guy? Man kann von seinen harten, bis dato gar nicht selten reichlich homophoben Rhymes halten, was man mag. Doch zumindest musikalisch gehören Bushidos Gangsta-Raps längst zu den Feinsten zwischen Schöneberg und Tempelhof. Überhaupt: Berlin, das ist seine Stadt und wenn das New Kid On The Block losprollt, dann pumpen die Drums, ticken die High-Hats und vibrieren die Synthie-Streicher.

Eine Welt aus Goldkettchen, Huren, Drogen, Waffen und HipHop, dazu ein Mann, gemein wie zehn - da reicht schon mal 'ne Kugel und der Keck beißt in den Bordstein. Doch fortan steht auch Aggro Berlin auf der Opfer-Liste, denn der King Of Kingz hat sein "Electro Ghetto" (Urban/Universal) bei einem Major-Label aufgemacht.

Der Mythos von der verschworenen Berliner Rapper-Gemeinschaft bröckelt und es wäre schon sehr verwunderlich gewesen, wenn Bushido seinem Frust über den unschönen Abschied nicht im Diss Luft machen würde: "Ich bin kein Aggro Berliner!" ("Knast oder Ruhm"). Die latente Befürchtung, er würde außerhalb der Aggro-Familie sein Ding vielleicht nicht mehr durchziehen können, sind indes größtenteils haltlos gewesen - zumindest, was die Rhymes anbelangt. Der Einfluss der Vielzahl beteiligter Produzenten (Ilan, die Beathoavenz, D-Bo, Rasputin oder DJ Desue) mündet nämlich leider gar nicht selten in einem Sound mit Kompromissen. Und die gehen klar zu Lasten der ansonsten so kompromisslosen Bushido-Beats.

Typisch er und doch irgendwie neu

Dennoch bleibt vieles unverkennbar: Auf "Typisch ich" etwa legt sich das vertrauenserweckende Geräusch vom Nachladen einer Schusswaffe über den abgrundtiefen Boom-Bass. Und natürlich wird auch wieder fleißig telefoniert, wenngleich man sich diesmal nicht zum Koksdeal verabredet. Beim "Gangbang" stopft Bushido mit dem Bremer Baba Saad und Bass Sultan Hengzt vielmehr ganz andere Körperöffnungen. Überhaupt wird üppig gefeatured im "Electro Ghetto"; Reim-Bozz Azad gibt den "Flerräter"-Ersatz ("Feuersturm") und auf der Fortsetzung des 2003er-Songs ist das dröhnende Organ der Berliner Kiez-Legende King Ali zu vernehmen ("Gemein wie 100").

Doch es gibt - Major sei dank - auch einen neuen Bushido, einen mit Sinn für Gefühlsduselei. Erst disst er mit Baba Saad eifrig gegen Curse-Schmusesongs ("Ersguterjunge"), lässt dann selbst den "Schmetterling" aus der Magengrube und sorgt am Ende sogar gemeinsam mit Glashaus-Sängerin Cassandra Steen beim Track "Hoffnung stirbt zuletzt" für einen weiteren sehr soften Überraschungsmoment. Trotzdem: "Ich mach den Sound für den Hof im Knast, ich mach den Sound für die Dealer im Park" rappt Bushido beim Titeltrack und definiert damit auch weiterhin die Beats für den ganz speziellen Berliner Style, der sich nach wie vor einen feuchten Dreck um die Befindlichkeiten im heimischen HipHop schert. Deutsch-Rap will (Electro) Ghetto werden - und nur Bushido weiß, wie. Vollkontakt? Na, auf jeden, Alter!

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