10. November 2005

Edelweisspiraten

Der Münch­ner Studenten-​​Geheimbund „Die Weiße Rose“ ist dank Marc Rothe­mund und sei­ner mit zwei „Deut­schen Film­prei­sen“ aus­ge­zeich­ne­ten „Sophie Scholl“ wie­der in aller Munde. Dabei waren es bei wei­tem nicht nur Intel­lek­tu­elle oder Adlige wie die Gruppe um Graf Stauf­fen­berg, wel­che sich frü­her oder spä­ter gegen das braune Regime zur Wehr setz­ten — wie es uns der Schul­un­ter­richt viel­leicht Glau­ben machen mag.

Das will Regis­seur Niko von Glasow mit ner­vö­ser Hand­ka­mera, bewuss­tem Ver­zicht auf Hakenkreuz-​​Symbolik, nicht zu über­se­hen­dem Low Bud­get und Ärzte-​​Drummer Bela B. als Zug­pferd ändern. Seine von den Geschichts­bü­chern fast gänz­lich ver­schwie­ge­nen Anti-​​Helden aus dem Pro­le­ta­rier­mi­lieu hören Swing-​​Musik, klop­pen sich mit der ver­hass­ten Hitler-​​Jugend und tra­gen ein Edel­weiß am Revers. Die Nach­kriegs­zeit brand­markte sie als Kri­mi­nelle, weil ihr Über­le­ben im Unter­grund sie zu Dieb­stäh­len und Plün­de­run­gen zwang. Erst im Juni die­ses Jah­res wur­den die Edel­weiß­pi­ra­ten in Deutsch­land aner­kannt. Sie waren „die Schmud­del­kin­der des Wider­stands“, wie es der heute 75-​​jährige Edel­weiß­pi­rat Jean Jülich beschreibt, dem als Bera­ter und Erzäh­ler eine maß­geb­li­che Rolle im Film zukommt.

Und so führt Jülich mit einem Anfangs­mo­no­log auf (s)eine Geschichte über die Arbei­ter­kin­der aus Köln-​​Ehrenfeld ein; er selbst in der halb­fik­ti­ven Rolle des Karl, gespielt von Iwan Ste­bu­nov. Vor­erst belässt es die lose Gruppe noch bei unpo­li­ti­scher Klas­sen­keile und Wand­schmie­re­reien. Dann ret­ten sie den flüch­ti­gen Straf­ge­fan­ge­nen Stein­brück (Bela B. Fel­sen­hei­mer) vor den Nazis. Kaum gesund gepflegt, schwingt sich der „Bom­ber­hans“ zu ihrem Leit­wolf her­auf und die Pira­ten machen ernst: Ein mili­tan­ter Anschlag hier, ein Sabo­ta­ge­akt da; schon gerät die edel­weiße Gemein­schaft ins Visier der Gestapo, die selbst gegen Her­an­wach­sende mit erbar­mungs­lo­ser Härte vorgeht.

Ein Regis­seur ver­strickt sich in Widersprüche

Und diese Härte will von Glasow zei­gen. „Nicht von der ande­ren Seite zuse­hen — rein­ge­hen ins Grauen“, nennt es der Regis­seur. Das spricht er nicht nur den jüngs­ten (auf unter­schied­lichste Weise das Dritte Reich the­ma­ti­sie­ren­den) Spiel­fil­men wie „Sophie Scholl — Die letz­ten Tage“, „Napola — Elite für den Füh­rer“ oder „Der Unter­gang“ ab. Die schlimms­ten Sze­nen musste er sogar her­aus­schnei­den, schließ­lich „sollte es kein Splatter-​​Movie wer­den.“ So tief ins Grauen wagte sich von Glasow laut Selbst­ein­schät­zung. „Und falls jeman­dem schlecht wird darf er gerne den Saal ver­las­sen“, ver­un­si­cherte er die Zuschauer der Karls­ru­her Schau­burg–Pre­view am vor­letz­ten Okto­ber­tag noch zusätz­lich. Doch oh Graus, die Gewalt, sowohl die pla­ka­tive als auch die unter­schwel­lige, sind nicht mehr oder min­der stark aus­ge­prägt als bei allen ande­ren Fil­men über die Nazi-​​Zeit auch.

Warum sich die deut­schen Ver­lei­her zier­ten, ja wei­ger­ten, von Glasows „Edel­weiss­pi­ra­ten“ ins Kino zu brin­gen und er es am Ende selbst tun musste, dar­über ver­strickt sich der Fil­me­ma­cher im Gespräch sogar in wei­tere Wider­sprü­che: Soll­ten es wirk­lich poli­tisch moti­vierte Gründe gewe­sen sein? Schließ­lich hät­ten unsere Eltern und Groß­el­tern in der Tat wesent­lich mehr gewusst, wenn es wirk­lich allein in Köln 3.000 Edel­weiß­pi­ra­ten gege­ben hat. So lau­ten die Gestapo-​​Akten. Zu bri­san­ter Stoff?

Wirk­lich ein revi­die­ren­der und viele schmer­zen­der Blick auf Deutsch­lands dun­kelste Jahre? Ist nicht das Ammen­mär­chen vom gänz­lich unwis­sen­den deut­schen Volke längst und zumin­dest unter vor­ge­hal­te­ner Hand als ein eben­sol­ches ent­larvt? Doch dann räumt sich von Glasow selbst ein, dass es den Ver­lei­hern letz­ten Endes „nicht auf Inhalte ankommt, son­dern allein das Geld­ver­die­nen im Vor­der­grund steht“. Und das ist mit sei­ner „Gemischte Gefühle“-Produktion, die über ein „Tatort“-Budget nicht son­der­lich weit hin­aus­kommt, nur schwer zu machen. Wir nähern uns der Wahrheit.

Bela B. ebenso höl­zern wie seine Schlagzeugstöcke

Und wenn­gleich Low Bud­get noch lange nichts über die Güte eines Werks aus­sa­gen muss, sollte man im Falle der „Edel­weiß­pi­ra­ten“ den Tat­sa­chen ins Auge bli­cken und Ver­schwö­rungs­theo­rien etwas wei­ter hin­ten anstel­len: Viel­leicht man­gelt es ja wirk­lich schlicht an der Qua­li­tät. Da hilft dann — und das ist gut so — auch kein gro­ßer Name wie Bela B., der neben­bei bemerkt seit sei­nem Mit­wir­ken im tra­shi­gen „Kil­ler Bar­bys vs. Dra­cula“ auch nicht geschafft hat, son­der­lich viel mehr aus sei­nem „Schauspiel-​​Talent“ her­aus­zu­kit­zeln; er agiert im Laufe der 100 Minu­ten ebenso höl­zern wie seine Schlag­zeug­stö­cke. Nein, wir müs­sen viel­mehr end­lich auf­hö­ren, die Dinge von vorn­her­ein gut zu hei­ßen, nur weil es um die gute Sache geht. Die „Edel­weiß­pi­ra­ten“ sind, was sie sind: Näm­lich nur ein wei­te­res fil­mi­sches Plä­do­yer wider das Vergessen.