17. November 2005
Harry Potter und der Feuerkelch
Geschickt angestellt hat es Joanne K. Rowling allemal. Die Marketing-Maschine Potter läuft und läuft und läuft, da braucht’s keine mediale Unterstützung mehr. Nein, andersherum wird ein Schuh draus: Glücklich darf sich die berichtende Zunft schätzen, alljährlich einen solchen Lesermagneten serviert zu bekommen. Dabei tritt der just gestartete vierte Teil „Harry Potter und der Feuerkelch“ auf der Stelle; macht im Vergleich mit seinem überaus gelungenen Vorgänger sogar den ein oder anderen Schritt zurück.
Den Schritt zu viel unterstellt man auf Hogwarts indessen auch dem Hauptprotagonisten Harry Potter (Daniel Radcliffe): Er soll die von Schulleiter Albus Dumbledore (Michael Gambon) gezogene Alterslinie überschritten und einen Zettel mit seinen Namen in den magischen Feuerkelch geworfen haben, um sich fürs „Trimagische Turnier“ zu bewerben. Je ein Champion aus den drei renommiertesten Zaubererschulen wird sodenn vom feurigen Kelche auserwählt in drei lebensgefährlichen Wettstreits anzutreten.
Und dafür ist der Potter-Bub mit seinen 14 Lenzen doch noch viel zu jung, so sagen es die Regularien. Doch die sind mit einem Male einerlei: Denn neben dem Durmstranger Quidditch-Superstar Viktor Krum (Stanislav Ianevski), Fleur Delacour (Clémence Poésy) von Beauxbatons und dem allseits beliebten Hogwarts-Favoriten Cedric Diggory (Robert Pattinson) spuckt der Kelch unerklärlicherweise einen weiteren Namen aus: Harry Potter. Und was aus dem Feuer kommt, ist Gesetz.
Schockpotenzial in Ansätzen durchaus vorhanden
Noch düsterer als „Der Gefangene von Askaban“ sollte die Verfilmung des vierten Bandes sein, schließlich wird’s zum ersten Male Tote geben, da vergab die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft diesmal lieber sofort eine FSK 12, statt hinterher wieder nachbessern zu müssen. Und wenngleich die Hälfte vor der Pause nichts allzu Grausiges entdecken lässt, tun Eltern doch gut daran, zweimal darüber nachzudenken, ob sie ihrerseits die (diesmal von der FSK gezogene) Alterslinie umgehen und dem Nachwuchs Geleitschutz geben. Denn aus Kindersicht sind Schocker mit Albtraumpotenzial durchaus geboten.
Auch wenn der Vorgänger in Sachen Gruselfaktor bei weitem nicht getoppt wird, so ist der Anblick von (wenn auch verhexten) Wasserleichen, abgehackten Händen zur Wiederbelebung toter Voldemorts (verkörpert von Ralph Fiennes) vielleicht nicht unbedingt das Kindgerechteste. Hat man da etwa einmal mehr am ursprünglichen Zielpublikum vorbeiproduziert? Was die Verfilmung der Teile drei und vier angeht, so ist das zumindest nicht gänzlich von der Hand zu weisen.
Der Neue bricht mit der Harmonie
Mokierte man bei den ersten beiden Adaptionen noch vielerorts, dass Regisseur Chris Columbus geradezu penibel an der literarischen Vorlage kleben blieb, wurden heuer wieder viele Szenen zugunsten effektlastiger Einstellungen gekürzt oder gar ganz gestrichen. Wie man’s macht, macht man’s verkehrt. Aber so ist das eben meist bei Romanverfilmungen und wir werden es verkraften; gehört „Der Feuerkelch“ ohnehin nicht zu den Meisterwerken der Reihe. Zu sehr verfiel Rowling dabei in bewährte, aber leider ausgelutschte Schemata: Neues Schuljahr, neuer Lehrer (Alastor Moody, gespielt von Brendan Gleeson), der nicht das ist, was er vorgibt zu sein — ein Grundprinzip, das sich schon in Buchform relativ schnell erschöpft hat. Da hat auch der Film trotz des „Reise nach Jerusalem“-Spielchens um den Regiestuhl keinerlei Mühe gleichzuziehen.
Und noch mehr als das: Richtig störend sind die stellenweise brutalen Erzählsprünge des Neuen, Mike Newell. Zwar läuft der Zuschauer freilich nicht Gefahr den roten Faden zu verlieren; es dreht sich schließlich, das wollen wir auch an dieser Stelle niemals vergessen, immer noch um ein Kinderbuch. Doch fühlt man sich ab und an wie bei einer RTL 2-Vorstellung von „From Dusk Till Dawn“: „Moment, bin ich eingenickt? Da fehlt doch irgend etwas?!“ Während Quentin Tarantinos Ausnahmewerk einzig ob des umherspritzenden Vampir-Gedärms verunstaltet wird, nur um es zur besten Sendezeit auszustrahlen, scheint Newell diesen Schnitt-Kniff zu (s)einem Stilmittel erklärt zu haben. Doch die völlig unnötigen Sprünge in der Handlung führen zum Bruch mit der Harmonie, verleihen den gesamten 157 Minuten eine unschöne, weil gehetzte und gebrochene Grundstimmung.
Harry wird flügge: Frühlingsgefühle im Winter
Und dann auch noch diese zuweilen über alle Maßen nervigen winterlichen Frühlingsgefühle: Denn die Kinners werden flügge. Verstand es Newells Vorgänger Alfonso Cuarón allerdings noch, das stetige Erwachsenwerden von Ron Weasley (Rupert Grint), Hermine Granger (Emma Watson) und Harry Potter vorzüglich, weil dezent, aber ebenso unübersehbar zu bebildern, geilt sich das Trio nun bei jedem Blickkontakt mit dem anderen Geschlecht derart an und auf, dass man fürchten muss, die FSK 12 dürfte jeden Moment hinfällig werden.
Doch braucht es auch künftig keiner magischen Fähigkeiten, um vorauszusagen, dass der (übertriebene) Hype um Harry allen Abstrichen zum Trotz kein Ende nehmen wird. Auch wenn die Journaille in Person von Sensationsreporterin Rita Skeeter (Miranda Richardson) und ihren Klatschkolumnen mal eben charmant abgewatscht wird, Daniel Radcliffe vielleicht nur noch ein letztes Mal den Zauberumhang überstreift, um in der Verfilmung von Band Nummero fünf mit dem „Orden des Phönix“ konfrontiert zu werden und man sich im Hause Warner Bros. für die finalen beiden Teile einen neuen Harry suchen müsste: Es ist längst zu spät. Die Potter-Maschinerie läuft und läuft und läuft. Daran ändert auch ein schwächelnder vierter Teil nichts mehr — das ist so sicher wie die Rückkehr Lord Voldemorts…
