Geschickt ange­stellt hat es Joanne K. Row­ling alle­mal. Die Marketing-​​Maschine Pot­ter läuft und läuft und läuft, da braucht’s keine mediale Unter­stüt­zung mehr. Nein, anders­herum wird ein Schuh draus: Glück­lich darf sich die berich­tende Zunft schät­zen, all­jähr­lich einen sol­chen Leser­ma­gne­ten ser­viert zu bekom­men. Dabei tritt der just gestar­tete vierte Teil „Harry Pot­ter und der Feu­er­kelch“ auf der Stelle; macht im Ver­gleich mit sei­nem über­aus gelun­ge­nen Vor­gän­ger sogar den ein oder ande­ren Schritt zurück.

Den Schritt zu viel unter­stellt man auf Hog­warts indes­sen auch dem Haupt­prot­ago­nis­ten Harry Pot­ter (Daniel Rad­cliffe): Er soll die von Schul­lei­ter Albus Dum­ble­dore (Michael Gam­bon) gezo­gene Alters­li­nie über­schrit­ten und einen Zet­tel mit sei­nen Namen in den magi­schen Feu­er­kelch gewor­fen haben, um sich fürs „Tri­magi­sche Tur­nier“ zu bewer­ben. Je ein Cham­pion aus den drei renom­mier­tes­ten Zau­ber­er­schu­len wird sodenn vom feu­ri­gen Kel­che aus­er­wählt in drei lebens­ge­fähr­li­chen Wett­streits anzutreten.

Und dafür ist der Potter-​​Bub mit sei­nen 14 Len­zen doch noch viel zu jung, so sagen es die Regu­la­rien. Doch die sind mit einem Male einer­lei: Denn neben dem Durm­stran­ger Quidditch-​​Superstar Vik­tor Krum (Sta­nis­lav Ianev­ski), Fleur Dela­cour (Clé­mence Poésy) von Beauxba­tons und dem all­seits belieb­ten Hogwarts-​​Favoriten Ced­ric Dig­gory (Robert Pat­tin­son) spuckt der Kelch uner­klär­li­cher­weise einen wei­te­ren Namen aus: Harry Pot­ter. Und was aus dem Feuer kommt, ist Gesetz.

Scho­ck­po­ten­zial in Ansät­zen durch­aus vorhanden

Noch düs­te­rer als „Der Gefan­gene von Aska­ban“ sollte die Ver­fil­mung des vier­ten Ban­des sein, schließ­lich wird’s zum ers­ten Male Tote geben, da ver­gab die Frei­wil­lige Selbst­kon­trolle der Film­wirt­schaft dies­mal lie­ber sofort eine FSK 12, statt hin­ter­her wie­der nach­bes­sern zu müs­sen. Und wenn­gleich die Hälfte vor der Pause nichts allzu Grau­si­ges ent­de­cken lässt, tun Eltern doch gut daran, zwei­mal dar­über nach­zu­den­ken, ob sie ihrer­seits die (dies­mal von der FSK gezo­gene) Alters­li­nie umge­hen und dem Nach­wuchs Geleit­schutz geben. Denn aus Kin­der­sicht sind Scho­cker mit Alb­traum­po­ten­zial durch­aus geboten.

Auch wenn der Vor­gän­ger in Sachen Gru­sel­fak­tor bei wei­tem nicht getoppt wird, so ist der Anblick von (wenn auch ver­hex­ten) Was­ser­lei­chen, abge­hack­ten Hän­den zur Wie­der­be­le­bung toter Volde­morts (ver­kör­pert von Ralph Fien­nes) viel­leicht nicht unbe­dingt das Kind­ge­rech­teste. Hat man da etwa ein­mal mehr am ursprüng­li­chen Ziel­pu­bli­kum vor­bei­pro­du­ziert? Was die Ver­fil­mung der Teile drei und vier angeht, so ist das zumin­dest nicht gänz­lich von der Hand zu weisen.

Der Neue bricht mit der Harmonie

Mokierte man bei den ers­ten bei­den Adap­tio­nen noch vie­ler­orts, dass Regis­seur Chris Colum­bus gera­dezu peni­bel an der lite­ra­ri­schen Vor­lage kle­ben blieb, wur­den heuer wie­der viele Sze­nen zuguns­ten effekt­las­ti­ger Ein­stel­lun­gen gekürzt oder gar ganz gestri­chen. Wie man’s macht, macht man’s ver­kehrt. Aber so ist das eben meist bei Roman­ver­fil­mun­gen und wir wer­den es ver­kraf­ten; gehört „Der Feu­er­kelch“ ohne­hin nicht zu den Meis­ter­wer­ken der Reihe. Zu sehr ver­fiel Row­ling dabei in bewährte, aber lei­der aus­ge­lutschte Sche­mata: Neues Schul­jahr, neuer Leh­rer (Alas­tor Moody, gespielt von Bren­dan Glee­son), der nicht das ist, was er vor­gibt zu sein — ein Grund­prin­zip, das sich schon in Buch­form rela­tiv schnell erschöpft hat. Da hat auch der Film trotz des „Reise nach Jerusalem“-Spielchens um den Regie­stuhl kei­ner­lei Mühe gleichzuziehen.

Und noch mehr als das: Rich­tig stö­rend sind die stel­len­weise bru­ta­len Erzähl­sprünge des Neuen, Mike Newell. Zwar läuft der Zuschauer frei­lich nicht Gefahr den roten Faden zu ver­lie­ren; es dreht sich schließ­lich, das wol­len wir auch an die­ser Stelle nie­mals ver­ges­sen, immer noch um ein Kin­der­buch. Doch fühlt man sich ab und an wie bei einer RTL 2-​​Vorstellung von „From Dusk Till Dawn“: „Moment, bin ich ein­ge­nickt? Da fehlt doch irgend etwas?!“ Wäh­rend Quen­tin Taran­ti­nos Aus­nah­me­werk ein­zig ob des umher­sprit­zen­den Vampir-​​Gedärms ver­un­stal­tet wird, nur um es zur bes­ten Sen­de­zeit aus­zu­strah­len, scheint Newell die­sen Schnitt-​​Kniff zu (s)einem Stil­mit­tel erklärt zu haben. Doch die völ­lig unnö­ti­gen Sprünge in der Hand­lung füh­ren zum Bruch mit der Har­mo­nie, ver­lei­hen den gesam­ten 157 Minu­ten eine unschöne, weil gehetzte und gebro­chene Grundstimmung.

Harry wird flügge: Früh­lings­ge­fühle im Winter

Und dann auch noch diese zuwei­len über alle Maßen ner­vi­gen win­ter­li­chen Früh­lings­ge­fühle: Denn die Kin­ners wer­den flügge. Ver­stand es Newells Vor­gän­ger Alfonso Cuarón aller­dings noch, das ste­tige Erwach­sen­wer­den von Ron Weas­ley (Rupert Grint), Her­mine Gran­ger (Emma Wat­son) und Harry Pot­ter vor­züg­lich, weil dezent, aber ebenso unüber­seh­bar zu bebil­dern, geilt sich das Trio nun bei jedem Blick­kon­takt mit dem ande­ren Geschlecht der­art an und auf, dass man fürch­ten muss, die FSK 12 dürfte jeden Moment hin­fäl­lig werden.

Doch braucht es auch künf­tig kei­ner magi­schen Fähig­kei­ten, um vor­aus­zu­sa­gen, dass der (über­trie­bene) Hype um Harry allen Abstri­chen zum Trotz kein Ende neh­men wird. Auch wenn die Jour­naille in Per­son von Sen­sa­ti­ons­re­por­te­rin Rita Skee­ter (Miranda Richard­son) und ihren Klatsch­ko­lum­nen mal eben char­mant abge­watscht wird, Daniel Rad­cliffe viel­leicht nur noch ein letz­tes Mal den Zau­be­r­um­hang über­streift, um in der Ver­fil­mung von Band Num­mero fünf mit dem „Orden des Phö­nix“ kon­fron­tiert zu wer­den und man sich im Hause War­ner Bros. für die fina­len bei­den Teile einen neuen Harry suchen müsste: Es ist längst zu spät. Die Potter-​​Maschinerie läuft und läuft und läuft. Daran ändert auch ein schwä­cheln­der vier­ter Teil nichts mehr — das ist so sicher wie die Rück­kehr Lord Voldemorts…