12. Januar 2006

Das Comeback

Die Lip­pen auf­ge­platzt, die Augen so ver­quol­len, dass sie außer hell und dun­kel nicht mehr viel wahr­neh­men kön­nen und dazu Beu­len im Gesicht, wie nach einem unlieb­sa­men Zusam­men­tref­fen mit wild­ge­wor­de­nen Bie­nen­schwär­men. Doch die­ser Mann schreit nicht etwa nach sei­ner Adrian. Über­haupt schaut er nicht mal halb so mal­trä­tiert aus wie Rocky Bal­boa nach sei­nem „Kampf des Jahr­hun­derts“. Und das könnte daran lie­gen, dass wir es hier mit einer wah­ren Geschichte zu tun haben.

Zu was ist ein Mann bereit, der außer sei­ner Fami­lie alles ver­lo­ren hat? Und die Ant­wort lau­tet schlicht: Zu immer mehr. Bis er viel­leicht sogar sein Leben ris­kiert. So ist es jeden­falls beim Boxer­drama „Das Come­back“ (Buena Vista Home Enter­tain­ment), wel­ches seit dem 12. Januar auf DVD im Han­del erhält­lich ist. Ame­rika liebt seine Under­dogs, große mensch­li­che Dra­men, die Good Guys, die es am Ende gegen alle Wid­rig­kei­ten schaf­fen. Hol­ly­wood indes pro­du­ziert sie am Fließ­band. Und manch­mal darf das Leben Pate ste­hen. Wie im Falle von Natio­nal­held Jim Braddock.

Ein­mal Gosse und zurück

Nach dem Bör­sen­crash erschüt­terte bekannt­lich einst die große Depres­sion das Wun­der­land; die Wirt­schaft lag brach, Mil­lio­nen haben ihre Arbeit ver­lo­ren. So auch Ex-​​Boxchampion Brad­dock (mit Rus­sell Crowe groß­ar­tig besetzt), für den eine Hand-​​Verletzung das Karriere-​​Aus bedeu­tete. Dem folgte der soziale Abstieg samt Frau (Renée Zell­we­ger) und Kin­dern, Gele­gen­heits­jobs und jede Menge Kum­mer. Einem glück­li­chen Zufall sei Dank darf Brad­dock nun für einen ein­zi­gen Kampf wie­der in den Ring stei­gen. Und prompt pas­siert, womit kei­ner gerech­net hat: Er gewinnt, die Nation tobt. Der Auf­er­stan­dene tän­zelt wie­der von Sieg zu Sieg und steht schon bald sei­nem schärfs­ten Geg­ner gegen­über: Schwergewichts-​​Champion Max Baer (Craig Bierko), der auf sei­nem knall­har­ten Weg zum Titel schon zwei Män­ner im Ring tot­ge­schla­gen hat.

Mit Sport­ler­ko­mö­dien ist in die­sem Lande kein Staat zu machen. Schwenkt Hol­ly­wood in der cine­as­ti­schen Dis­zi­plin aller­dings auf Drama um und ver­legt sie in den Box­ring, dann ste­hen die Chan­cen auf einen Kas­sen­er­folg ungleich bes­ser — wie etwa zuletzt bei Clint East­woods sprich­wört­li­chem „Mil­lion Dol­lar Baby“. Und des­sen Regie­kol­lege Ron Howard lässt zu Beginn sei­nes in atmo­sphä­ri­sche rot-​​gelb-​​braun-​​Töne getauch­ten Boxe­re­pos viel Zeit ver­strei­chen, um den Fall der Figu­ren bis ans Exis­tenz­mi­ni­mum zu schil­dern. Für viele Geschmä­cker wohl ein biss­chen zu viel.

Es men­schelt — sogar im Ring zwi­schen Gut und Böse

Doch kaum steht sein Haupt­prot­ago­nist wie­der im Ring wird es rich­tig packend, ja pathos­ge­la­den im posi­ti­ven Sinne. Und je fit­ter Jim Brad­dock, desto leicht­fü­ßi­ger wird auch „Das Come­back“; unge­ach­tet der unge­schön­ten emo­tio­na­len Schwere. Denn es men­schelt, sogar im Ring zwi­schen Gut und Böse. Da figh­ten keine Göt­ter. Es ste­hen sich viel­mehr zwei Sterb­li­che aus Fleisch und Blut gegen­über. Die Fron­ten sind klar abge­grenzt, aller­dings ohne sich plump pla­ka­ti­ver Sti­li­sie­run­gens­me­tho­den in Ton und Bild bedie­nen zu müs­sen wie sie etwa bei „Rocky IV“ noch ebenso ein­drucks– wie wir­kungs­voll fil­misch insze­niert wurden.

Und wo wir doch schon mal beim Alle­go­ri­sie­ren sind: Nach 139 Minu­ten wirk­lich gro­ßem (Heim-)Kino steht der „Cin­de­rella Man“ frei­lich wie­der ganz oben auf dem sozia­len Trepp­chen. Und das könnte einem Ron Howard auch bald blü­hen: Am 5. März ist „Oscar“-Verleihung.