9. Februar 2006

Casanova

„Alter Casa­nova, du!“ Wer sich so titu­lie­ren las­sen muss, kommt sel­ten gut weg. Dabei han­delte der legen­däre Schür­zen­jä­ger gar nicht etwa aus nie­de­ren Beweg­grün­den, wie wir nun erfah­ren dür­fen. Von der Frau Mama im zar­ten Kin­des­al­ter zurück­ge­las­sen, sucht der mitt­ler­weile zum statt­li­chen Manns­bild gereifte Gia­como „Casa­nova“ (Heath Led­ger) im Vene­dig des Jah­res 1753 immer noch in jeder Frau nach der schö­nen Mut­ter, deren Ver­lust er nie ver­wun­den hat.

So inten­siv gestal­tet sich die aus­sichts­lose Suche, dass sein unstill­ba­rer Hun­ger nach Liebe und seine ein­ma­li­gen Ver­füh­rungs­künste schon bald sehr viel mehr sind als blo­ßes Tages­ge­spräch in der Dogen­stadt. Ob Novi­zin, Jung­frau oder feine Dame — Casa­nova bringt jedes Weib in Wal­lung. Er ist der Inbe­griff für die totale Hin­gabe und Amo­ral, was wie­derum der Kir­che ein ste­chen­der Dorn im Auge ist.

Inqui­si­tor Pucci (Jeremy Irons) heißt der päpst­li­che Häscher, wel­cher ihn in fla­granti erwi­schen soll, damit man mit sei­ner öffent­li­chen Hin­rich­tung ein züch­tig Zei­chen set­zen kann. Nur eine Hei­rat kann ihn jetzt noch vor dem siche­ren Gal­gen ret­ten und die ver­meint­lich jung­fräu­li­che Vic­to­ria (Nata­lie Dor­mer) hat das Glück. Doch dann begeg­net der frisch Ver­lobte unver­hofft einer Frau (Sienna Mil­ler), die ihm eben­bür­tig ist. Und Intel­li­genz macht sexy. Lei­der ver­mag es die aus­er­wählte Renaissance-​​Schriftstellerin und über­zeugte Femi­nis­tin Fran­ce­sca Bruni dem Wer­ben mit Leich­tig­keit zu wider­ste­hen. Ist sie doch oben­drein auch noch dem Edel­mann Pappriz­zio (Oli­ver Platt) versprochen.

Gebro­chen ist des Her­zens­bre­chers Herz

Was oft­mals abge­dro­schen klin­gen mag, trifft hier ebenso unein­ge­schränkt zu: Heath „Rit­ter aus Lei­den­schaft“ Led­ger ist eine echte Traum­be­set­zung für den Titel­hel­den. Und obgleich Casa­no­vas (Liebes-)Leben bereits in Dut­zen­den von Fil­men the­ma­ti­siert wurde, hat er bis dato in kei­ner ver­gleich­ba­ren mensch­li­chen Klemme gesteckt; wird doch erst­mals des Her­zens­bre­chers Herz gebro­chen. „Chocolat“-Regisseur Lasse Hall­ström hat den Mumm, die Mär vom pas­sio­nier­ten Gigolo ad absur­dum zu führen.

Allein die Idee, der Welt größ­ter Lieb­ha­ber könne sich selbst Hals über Kopf aus­ge­rech­net in die Eine ver­lie­ben, die nichts von ihm wis­sen will, ist groß­ar­tig! Sie stammt — das sollte man fai­rer­weise sagen — von einer Frau: Dreh­buch­au­to­rin Kim­berly Simi. Und die Umset­zung ver­mag genau das, was Kino mit­un­ter aus­macht: Rich­tig gut zu unter­hal­ten. Mit pracht­vol­ler Aus­stat­tung und Kulisse sowie pointiert-​​geschliffenen Dia­lo­gen nähert man sich dem Mythos des (heuer Son­nen­bril­len tra­gen­den) Gia­como Casa­nova auf moderne, spitzzüngig-​​ironische Weise. Und die ist für so manch mul­ti­ple Befind­lich­keit in der obers­ten Kör­per­re­gion gut. Der beste Sex fin­det eben immer noch im Kopf statt.