9. Februar 2006

Saw 2

Das Kino gehört zu den ganz weni­gen Orten, an denen man sich nur zu gerne auch mal in schlechte Gesell­schaft begibt; und so war es nur zu logisch, dass das Debüt des aus­tra­li­schen New­co­mer­duos James Wan und Leigh Whan­nell dank kran­kem Plot-​​Twist zum Über­ra­schungs­er­folg des ver­gan­ge­nen Jah­res avan­cie­ren konnte: Zwei Män­ner kom­men in einer kar­gen Kell­er­zelle wie­der zu Bewusst­sein, mit Ket­ten an den Fuß­fes­seln, in der Mitte des Rau­mes eine aus­ge­blu­tete Leiche.

Wie sie dort hin­ge­kom­men sind, wis­sen sie nicht. Wie sie her­aus­kom­men, hät­ten sie wohl lie­ber nie erfah­ren: Wer sich selbst bis zum Abend das Bein durch­sägt und das Leben des ande­ren been­det, bekommt dafür das seine geschenkt. Aus die­sem spar­sa­men, aber zutiefst wir­kungs­vol­len Psy­cho­sze­na­rio ent­wi­ckelte Regis­seur Wan einen aller Jubel­arien zum Trotz eher mit­tel­klas­si­gen Hor­ror­strei­fen. Was sel­ten gut begon­nen hat, wurde in Folge schwach und schwä­cher, schlecht und schlech­ter, um sich gen Ende noch­mals ful­mi­nant auf­zu­bäu­men! Was hätte dar­aus wer­den kön­nen, wenn die bei­den Her­ren Dreh­buch­au­to­ren aus ihrem Fai­ble für Tod­sün­den kei­nen gar so gro­ßen Hehl gemacht hät­ten; die klaus­tro­pho­bi­sche Enge ihres über­deut­lich von David Fin­chers Genie­streich „Sie­ben“ inspi­rier­ten Kil­ler­thril­lers nicht durch eine ebenso lieb­lose wie über­flüs­sige Sto­ry­line vom obses­si­ven Cop (Danny Glover) auf­ge­bro­chen hät­ten. Viel. Und noch mehr.

Des­sen unge­ach­tet darf der Jigsaw-​​Killer (Tobin Bell) mit kran­ker Moral, altem Autor (Leigh Whan­nel) und neuem Regis­seur (Dar­ren Lynn Bous­man) ein Jahr danach wie­der seine sadis­ti­schen Spiel­chen aus­klü­geln: Detec­tive Eric Matthews (Don­nie Wahl­berg) gelingt es, den vom Krebs gezeich­ne­ten Psy­cho­pa­ten in sei­nem Ver­steck zu stel­len — und das trotz raf­fi­nier­tes­ter Bul­len­fal­len, von denen selbst die Bewoh­ner der räu­mungs­be­droh­ten Ex-​​Steffi noch etwas ler­nen könn­ten. Doch der ver­meint­li­che Fahn­dungs­er­folg ist nur ein wei­te­res Puz­zle­teil in Jigsaws Lebenswerk.

Die Quä­le­rei ver­kommt zum Selbstzweck

Das mör­de­ri­sche Mas­ter­mind hält näm­lich Matthews‘ Sohn und sie­ben wei­tere Men­schen in einem Haus gefan­gen, das ste­tig mit Ein­ge­weide zer­set­zen­dem Ner­ven­gas gespeist wird. Die Schick­sals­ge­mein­schaft hat ledig­lich zwei Stun­den Zeit, um die Ton­band­hin­weise zu ent­schlüs­seln, das Gegen­mit­tel zu fin­den und der Todes­falle zu ent­kom­men. Denn zum Spie­len sind sie da… Und Matthews muss das ver­zwei­felte Trei­ben ohn­mäch­tig auf einem Video­mo­ni­tor mit ansehen.

Dem Zuschauer ergeht es da nicht sehr viel anders. Hin­schauen muss man, und möchte doch über weite Stre­cken des 93-​​Minüters dem Elend ent­flie­hen, weil’s gar zu grau­sig wird: Bescheu­ert agie­rende Film­fi­gu­ren und eine völ­lig hirn­ris­sige Rah­men­hand­lung, deren ein­zi­ger Zweck es scheint, sinn­lose Bru­ta­li­tä­ten anein­an­der­zu­rei­hen, denen es oben­drein noch an letz­ter Kon­se­quenz fehlt. Viel Blut und wenig Hirn? Gerne. Aber wenn schon stu­pide, dann bit­te­schön splatt­rig. Doch bevor dem Tod­ge­weih­ten im Ofen die Augen aus den Höh­len plat­zen und die unte­ren Haut­schich­ten in sanf­ten Bla­sen an die Ober­flä­che tre­ten, lässt es Bous­man auch schon wie­der gut sein. Was er zu zei­gen wagt, ver­pufft; mit zumeist blitz­schnell geschnit­te­nen Fla­cker­bil­dern beraubt er selbst die blut­rüns­tigs­ten Momente ihre Wirkung.

Die Quä­le­rei ver­kommt zum Selbst­zweck. Von der ehe­mals ver­que­ren Inten­tion des neu­ro­ti­schen Seri­en­tä­ters, sei­nen Opfern zu hel­fen, sie ihrer Lebens­sünde bewusst wer­den zu las­sen, ja zu bekeh­ren, indem er sie vor die bit­tere Wahl stellt, sich selbst zu ver­stüm­meln oder zu ster­ben, ist im Sequel viel zu wenig übrig geblie­ben. Dabei bestand doch gerade in die­sen Ver­zweif­lungs­sze­na­rien der eigent­li­che bedrü­ckende Kick des halb­ga­ren Vor­gän­gers. Wenn eines wirk­lich mit Bra­vour gelun­gen ist, dann das nicht ganz ein­fa­che Kunst­stück den „Saw“-typischen Hand­lungs­haken ein zwei­tes Mal zu schlagen.

Am Ende befin­den wir uns net­ter­weise im „Letz­ten Haus auf der lin­ken Seite“, aber­mals im siffi­gen Kel­ler­wasch­raum, begeg­nen den sterb­li­chen Über­res­ten von Adam und Dr. Gor­don und wer­den uns allein ob des offen Fina­les in abseh­ba­rer Zeit wohl wie­der ohne Not in noch schlech­tere Gesell­schaft bege­ben. Gott­lob gehö­ren unver­bes­ser­li­che Kino­gän­ger bis­lang nicht zu Jigsaws bevor­zug­tem Opferkreis.