3. Februar 2006
Tomte — „Buchstaben über der Stadt“
Im ersten Gefühl steckt viel Wahrheit, ja der erste Eindruck soll gar der wichtigste sein. Oder war’s doch vielleicht der letzte, der prägende? Denn wohl angefangen ist gut, wohl enden ist besser. Weiß jedenfalls ein deutsches Sprichwort. Den Hamburgern Tomte kann das alles ziemlich „Ladde“ sein, wie’s der Nordmann zu schnoddern pflegt. Denn zwei erhabene Schönheiten rahmen ihre „Buchstaben über der Stadt“ (Grand Hotel van Cleef/Indigo).
Vom unfertigen „Korn & Sprite“-Geschrammel vergangener Tage sind Thees Uhlmann (Gesang, Gitarre), Dennis Becker (Gitarre), Timo Bodenstein (Schlagzeug) und Oliver Koch (Bass) seit dem hochgelobten „Hinter all diesen Fenstern“ fast so weit weg sind wie man es als Rockband nur sein kann: „Schreit den Namen meiner Mutter“, „Du bist den ganzen Weg gerannt“, „Endlich einmal“ und „Die Schönheit der Chance“ — übers Vorgängeralbum gestreute Minuten für die Ewigkeit. Zwei Jahre danach klingt der Tomte-Sound noch eine Idee feiner, ausgefeilter, weil fundierter, abgestimmter. Überhaupt ist die ganze Platte total lebensbejahend. Uhlmann mimt nicht mehr den traurigen Jungen; das Ende der Suche ist’s wovon er singt.
Olli Schulz lässt derweil den Hund Marie von der Leine und Neuzugang Max Martin Schröders dezentes Tastenspiel ist Gleitgel für den Hörkanal! Das schadet hier und da nicht, denn in Sachen Gesang wird bei Tomte nach wie vor passend gemacht, was sich nicht auf Anhieb fügen mag. Uhlmann zerrt und zieht und zupft seine bedeutungsschwangeren Zeilen mal mehr, mal weniger passgenau auf Versmaß: „Die Sonne scheint so oder so, die Wolken entscheiden, ob du sie siehst“, ist solch eine und eine wahrhafte dazu. Westentaschenphilosophie oder Lebensweisheit?
Den ursprünglichen Weg durchs Dickicht seiner verzweigten Gedankengänge kennt wohl nur des Texters Tummetott. Doch ist es nicht so dicht, dass sich nicht hier und da eine trittfeste Hörerschneise schlagen ließe. Zumal geführt von kraftvollem und filigranem Gitarrenspiel — und hier dürfen die eingangs gepriesenen Songs „Ich sang die ganze Zeit von dir“ und „Geigen bei Wonderful World“ stellvertretend für ein ganzes Album stehen — bewirken Uhlmanns wunderbare Indie-Pop-Befindlichkeiten eine innere Aufgewühltheit, irgendwo zwischen unbändiger Euphorie und unglaublicher Berührtheit, wie das im deutschen Sprachraum sonst wohl nur die Labelkollegen Kettcar vermögen.
Nein, man fühlt sich viel mehr als nur berührt; man fühlt sich endlich mal wieder richtig ergriffen. Was Wunder bei „den schönsten Songs der Welt“ — welche die meisten von uns, Hand aufs Herz, verdammt gerne selber geschrieben hätten. Haben sie aber nicht. Keiner. Nur einer hat. Singen wir also doch die ganze Zeit von ihm. Und mit ihm natürlich. Auch ein verdammt erhebendes Gefühl.
