Tomte - "Buchstaben über der Stadt"Im ers­ten Gefühl steckt viel Wahr­heit, ja der erste Ein­druck soll gar der wich­tigste sein. Oder war’s doch viel­leicht der letzte, der prä­gende? Denn wohl ange­fan­gen ist gut, wohl enden ist bes­ser. Weiß jeden­falls ein deut­sches Sprich­wort. Den Ham­bur­gern Tomte kann das alles ziem­lich „Ladde“ sein, wie’s der Nord­mann zu schnod­dern pflegt. Denn zwei erha­bene Schön­hei­ten rah­men ihre „Buch­sta­ben über der Stadt“ (Grand Hotel van Cleef/​Indigo).

Vom unfer­ti­gen „Korn & Sprite“-Geschrammel ver­gan­ge­ner Tage sind Thees Uhl­mann (Gesang, Gitarre), Den­nis Becker (Gitarre), Timo Boden­stein (Schlag­zeug) und Oli­ver Koch (Bass) seit dem hoch­ge­lob­ten „Hin­ter all die­sen Fens­tern“ fast so weit weg sind wie man es als Rock­band nur sein kann: „Schreit den Namen mei­ner Mut­ter“, „Du bist den gan­zen Weg gerannt“, „End­lich ein­mal“ und „Die Schön­heit der Chance“ — übers Vor­gän­geral­bum gestreute Minu­ten für die Ewig­keit. Zwei Jahre danach klingt der Tomte-​​Sound noch eine Idee fei­ner, aus­ge­feil­ter, weil fun­dier­ter, abge­stimm­ter. Über­haupt ist die ganze Platte total lebens­be­ja­hend. Uhl­mann mimt nicht mehr den trau­ri­gen Jun­gen; das Ende der Suche ist’s wovon er singt.

Olli Schulz lässt der­weil den Hund Marie von der Leine und Neu­zu­gang Max Mar­tin Schrö­ders dezen­tes Tas­ten­spiel ist Gleit­gel für den Hör­ka­nal! Das scha­det hier und da nicht, denn in Sachen Gesang wird bei Tomte nach wie vor pas­send gemacht, was sich nicht auf Anhieb fügen mag. Uhl­mann zerrt und zieht und zupft seine bedeu­tungs­schwan­ge­ren Zei­len mal mehr, mal weni­ger pass­ge­nau auf Vers­maß: „Die Sonne scheint so oder so, die Wol­ken ent­schei­den, ob du sie siehst“, ist solch eine und eine wahr­hafte dazu. Wes­ten­ta­schen­phi­lo­so­phie oder Lebensweisheit?

Den ursprüng­li­chen Weg durchs Dickicht sei­ner ver­zweig­ten Gedan­ken­gänge kennt wohl nur des Tex­ters Tum­me­tott. Doch ist es nicht so dicht, dass sich nicht hier und da eine tritt­feste Hörer­schneise schla­gen ließe. Zumal geführt von kraft­vol­lem und fili­gra­nem Gitar­ren­spiel — und hier dür­fen die ein­gangs geprie­se­nen Songs „Ich sang die ganze Zeit von dir“ und „Gei­gen bei Won­der­ful World“ stell­ver­tre­tend für ein gan­zes Album ste­hen — bewir­ken Uhl­manns wun­der­bare Indie-​​Pop-​​Befindlichkeiten eine innere Auf­ge­wühlt­heit, irgendwo zwi­schen unbän­di­ger Eupho­rie und unglaub­li­cher Berührt­heit, wie das im deut­schen Sprach­raum sonst wohl nur die Label­kol­le­gen Kett­car vermögen.

Nein, man fühlt sich viel mehr als nur berührt; man fühlt sich end­lich mal wie­der rich­tig ergrif­fen. Was Wun­der bei „den schöns­ten Songs der Welt“ — wel­che die meis­ten von uns, Hand aufs Herz, ver­dammt gerne sel­ber geschrie­ben hät­ten. Haben sie aber nicht. Kei­ner. Nur einer hat. Sin­gen wir also doch die ganze Zeit von ihm. Und mit ihm natür­lich. Auch ein ver­dammt erhe­ben­des Gefühl.