Der­bes Geprü­gel ver­mengt mit aus­ge­feil­tes­tem Song­wri­t­ing; sie gel­ten als Aus­hän­ge­schild der ame­ri­ka­ni­schen Post­core­szene. Aber nicht mehr lange. Und das liegt nicht am aktu­el­len Album „The Misery Index: Notes From The Pla­gue Years“ (Burning Heart Records), auf dem man sich musi­ka­lisch irgendwo zwi­schen dem sehr emo­las­ti­gen Vor­gän­ger „Tomor­row Come Today“ und „After The Eulogy“ ein­ge­pen­delt hat. Boy­sets­fire machen Schluss.

Zu allem Über­fluss hat sich Gitar­rist Josh Lats­haw bei einem Arbeits­un­fall Genick, Hüfte und zwei Rücken­wir­bel gebro­chen, seine Lunge ist kol­la­biert. Gleich zwei Schocker-​​Meldungen aus den letz­ten August-​​Tagen 2006. Doch noch ist mor­gen nicht heute. Neben sei­ner — wenn auch sehr lang­wie­ri­gen — Gene­sung scheint auch die der­zei­tige Euro­pa­tour­nee samt des Gigs beim Kon­stan­zer „Rock am See“ gesi­chert: Reve­r­end Rakus und andere lang­jäh­rige Roadies der Band sprin­gen für den Gestürz­ten in die Saiten.

Und die sind neu­er­dings immer wie­der auf Akus­tik­gi­tarre gespannt; der rüde Boysetsfire-​​Sound ver­setzt mit Streicher-​​, („Fal­ling Out Theme“) Jazz– und Funk-​​Momenten („So Long … And Thanks For The Crut­ches“). Die Band­grün­der Chad Ist­van und der ver­un­fallte Lats­haw (beide Gitarre), Nathan Gray (Gesang und Gebrüll), Matt Kru­pan­ski (Schlag­zeug) und Robert Ehren­brand (Bass) ver­zich­ten aber auch am Ende ihrer Dis­ko­gra­phie nicht auf ihre text­li­che Social-​​Consciousness-​​Linie.

Und vor allem nicht auf den spielend-​​fliegenden Wech­sel von wüs­ten Schrei­or­gien und höchst melo­dies­kem Gesang, jenem wohl beein­dru­ckends­ten „Instru­ment“ des Quin­tetts aus Dela­ware. Diese Platte ist ein mehr als wür­di­ges „Requiem“ aufs Postcore-„Empire“; zwei Schritte nach vorn und einen zurück, zwi­schen mor­gen und danach — da ste­hen Boy­sets­fire in unse­rer Erin­ne­rung genau richtig!

Den Song für die Ewig­keit haben sie uns ohne­hin längst in die Gehör­gänge gedro­schen: Man mag den Stil­wech­sel vom 2000er Durch­bruch­sal­bum „After The Eulogy“ zur (der gän­gi­gen Mei­nung nach zu) glat­ten „Tomor­row Come Today“ aus dem Jahr 2003 als Aus­rut­scher in ein­gän­gige Jimmy Eat World-​​Rockstrukturen abtun, doch birgt diese Scheibe neben gran­dio­sen Breitwand-​​Refrains wie etwa in „Full Colour Guilt“ oder „Hand­ful Of Redemp­tion“ den Hardcore-​​Einpeitscher schlecht­hin: „Release The Dogs“.

Einen sol­chen Mosh-​​Hammer mit der­art zügel­lo­ser Ener­gie wie Har­mo­nie schreibt eine Band nur ein­mal und der muss nicht nur auf „The Misery Index“ lange, lange Sei­nes­glei­chen suchen. Gefun­den ist seit­her allen­falls eine Ant­wort. „Who Let The Dogs Out?“ Nun sollten’s also auch die Baha Men hof­fent­lich ein klei­nes biss­chen bes­ser wissen.