16. März 2006
Boysetsfire — „The Misery Index“
Derbes Geprügel vermengt mit ausgefeiltestem Songwriting; sie gelten als Aushängeschild der amerikanischen Postcoreszene. Aber nicht mehr lange. Und das liegt nicht am aktuellen Album „The Misery Index: Notes From The Plague Years“ (Burning Heart Records), auf dem man sich musikalisch irgendwo zwischen dem sehr emolastigen Vorgänger „Tomorrow Come Today“ und „After The Eulogy“ eingependelt hat. Boysetsfire machen Schluss.
Zu allem Überfluss hat sich Gitarrist Josh Latshaw bei einem Arbeitsunfall Genick, Hüfte und zwei Rückenwirbel gebrochen, seine Lunge ist kollabiert. Gleich zwei Schocker-Meldungen aus den letzten August-Tagen 2006. Doch noch ist morgen nicht heute. Neben seiner — wenn auch sehr langwierigen — Genesung scheint auch die derzeitige Europatournee samt des Gigs beim Konstanzer „Rock am See“ gesichert: Reverend Rakus und andere langjährige Roadies der Band springen für den Gestürzten in die Saiten.
Und die sind neuerdings immer wieder auf Akustikgitarre gespannt; der rüde Boysetsfire-Sound versetzt mit Streicher-, („Falling Out Theme“) Jazz– und Funk-Momenten („So Long … And Thanks For The Crutches“). Die Bandgründer Chad Istvan und der verunfallte Latshaw (beide Gitarre), Nathan Gray (Gesang und Gebrüll), Matt Krupanski (Schlagzeug) und Robert Ehrenbrand (Bass) verzichten aber auch am Ende ihrer Diskographie nicht auf ihre textliche Social-Consciousness-Linie.
Und vor allem nicht auf den spielend-fliegenden Wechsel von wüsten Schreiorgien und höchst melodieskem Gesang, jenem wohl beeindruckendsten „Instrument“ des Quintetts aus Delaware. Diese Platte ist ein mehr als würdiges „Requiem“ aufs Postcore-„Empire“; zwei Schritte nach vorn und einen zurück, zwischen morgen und danach — da stehen Boysetsfire in unserer Erinnerung genau richtig!
Den Song für die Ewigkeit haben sie uns ohnehin längst in die Gehörgänge gedroschen: Man mag den Stilwechsel vom 2000er Durchbruchsalbum „After The Eulogy“ zur (der gängigen Meinung nach zu) glatten „Tomorrow Come Today“ aus dem Jahr 2003 als Ausrutscher in eingängige Jimmy Eat World-Rockstrukturen abtun, doch birgt diese Scheibe neben grandiosen Breitwand-Refrains wie etwa in „Full Colour Guilt“ oder „Handful Of Redemption“ den Hardcore-Einpeitscher schlechthin: „Release The Dogs“.
Einen solchen Mosh-Hammer mit derart zügelloser Energie wie Harmonie schreibt eine Band nur einmal und der muss nicht nur auf „The Misery Index“ lange, lange Seinesgleichen suchen. Gefunden ist seither allenfalls eine Antwort. „Who Let The Dogs Out?“ Nun sollten’s also auch die Baha Men hoffentlich ein kleines bisschen besser wissen.
