9. März 2006

Brokeback Mountain

Ein warmer Western? Ja warum denn eigentlich nicht. Wer noch immer den Skandal wittert, wenn sich zwei Mannsbilder küssen, hat ohnehin nichts verstanden. Dessen ungeachtet stürzt der in Taiwan geborene Regisseur Ang Lee mit seinem „Brokeback Mountain“ ein amerikanisches Monument vom Sockel: den Marlboro Man. Lonesome Cowboys, das waren sie. Marlboro Men eben, Mensch gewordene männliche Mythen. Bis sie einander begegnen.

Denn Ranchhelfer Ennis Del Mar (Heath Ledger) und der texanische Rodeoreiter Jack Twist (Jake Gyllenhaal) kommen sich näher, als es die Konvention ihrer Zeit für vertretbar befindet in jenem Sommer 1963 in den Bergen Wyomings beim Lämmerhüten. Ein Schäferstündchen später und gegenseitigen Beteuerungen keinesfalls schwul zu sein, kehren sie zurück auf Kurs: Frau und Kind, Haus und Hof soll‘n es sein. Doch das Feuer der Leidenschaft lodert erbarmungslos weiter in ihren Herzen. So liebt Mann sich denn über Jahre hinweg heimlich im Schatten des Brokeback Mountain und Jack ist es längst leid, diese Momente der Intimität und Hingabe nicht öffentlich ausleben zu können.

Mit Jake Gyllenhaal und Heath Ledger hat der für seine Regie sowohl mit dem „Golden Globe“ als auch dem „Oscar“ ausgezeichnete Ang Lee zwei Hauptdarsteller an der Hand, die trotz ihres noch jungen Alters eine schauspielerische Präsenz besitzen, die erstaunen muss. Speziell Gyllenhaal hat es mit der Rolle des Jack Twist in die Köpfe der Kritiker und die Feuilletons geschafft, und gar nicht wenige sehen in ihm den „Next Best Superstar“ Hollywoods – nicht zu Unrecht.

Ein Film, der an Raum gewinnen wird in jedem Herzen

Trotz einer sparsamen Inszenierung und eher minimalistischer Kameraarbeit gelingen Lee Bilder, die länger als gewöhnlich im Kopf des Betrachters verharren. Hier wird cineastische Kraft spürbar; eine Kraft, die sich auch in einem äußerst dezenten (mit dem Filmmusik-“Oscar“ ausgezeichneten) Soundtrack von Gustavo Santaolalla sowie in den hervorragend besetzten Nebenrollen widerspiegelt: Michelle Williams gibt die gehörnte Ehefrau Del Mars herzzerreißend kampfstark und – natürlich – „Oscar“-nominiert. Gegen wahre Liebe aber ist selbst kein eheliches Kraut gewachsen. Apropos wachsen: Man kann sich sicher sein, „Brokeback Mountain“ wird an Raum gewinnen in jedem Herzen, das ihn gesehen.

Und vielleicht kann die episch-tragische Lovestory zur gleichnamigen Kurzgeschichte von Annie Proulx irgendwann zu jenem Klassiker reifen, den viele (vielleicht etwas zu früh) in diesem ruhigen und kraftvollen Werk schon jetzt zu erkennen glauben. Das verbuchte gleich acht „Oscar“-Nominierungen, darunter die bedeutende für den „Besten Film“; und buhlte auch hier vergebens. Denn zumindest Heath Ledger war am vergangenen Sonntag wieder völlig lonesome: Es konnte nun mal nur einen „Besten Hauptdarsteller“ geben.