2. März 2006

Capote

Bis zum Jahr 1966, jenem denk­wür­di­gen der Ver­öf­fent­li­chung von „In Cold Blood“, mein­ten Schrift­stel­ler in die Fuß­stap­fen von Fitz­ge­rald, Heming­way oder Faulk­ner tre­ten zu müs­sen und schrie­ben Fik­tion. Non-​​Fiktion dage­gen war etwas für His­to­ri­ker, Jour­na­lis­ten und Stüm­per. Tru­man Capote indes­sen unter­nahm mit „Kalt­blü­tig“ den Ver­such, ein völ­lig neues Genre zu kreieren.

Die Non-​​Fiction-​​Novel, ein auf Fak­ten basie­ren­des Werk, ver­edelt mit künst­le­ri­scher Aus­wahl und dem Auge­merk des Lite­ra­ten. Und siehe da, eine Tat­sa­chen­er­zäh­lung kann ebenso packend sein wie ein raf­fi­niert gewo­be­ner Thril­ler. Dass dies auch fil­misch mög­lich ist, zeigte schon die ‚67er Ver­fil­mung von Richard Brooks samt Ori­gi­nal­schau­plät­zen und –prot­ago­nis­ten; und wird uns nun aber­mals durch Erst­lings­re­gis­seur Ben­nett Mil­ler in Erin­ne­rung geru­fen. Er wei­tet mit­hilfe der Bio­gra­phie von Gerald Clarke die Sicht auf die Dinge aus und macht den Exzen­tri­ker kur­zer­hand zur Haupt­per­son: Phi­lip Sey­mour Hoff­man mimt mit näseln­der Stimme den beken­nen­den homo­se­xu­el­len Literaten.

Wir befin­den uns in einer Zeit, da der Schrift­stel­ler als sol­cher eine Form von Berühmt­heit erreicht hat, wie man sie heute nur­mehr bei Figu­ren der Pop­kul­tur kennt. Capote war dazu gebo­ren, sich selbst im Ram­pen­licht zu prä­sen­tie­ren; von der Hoch– und Tri­vi­al­kul­tur gefei­ert, lie­ferte er ebenso Stoff für ernst­hafte lite­ra­ri­sche Betrach­tung wie für fri­vo­les Getrat­sche in der High Society und ebnete damit den Weg für jene Art von Per­sön­lich­keits­kult, wie er heute all­ge­gen­wär­tig ist.

Den „Oscar“ ganz, ganz fest im Blick

Just dank „Früh­stück bei Tif­fany“ gefei­ert, wird Capote im Novem­ber 1959 auf einen mys­te­riö­sen Mord­fall auf­merk­sam: Die mit­tel­lose Far­mer­fa­mi­lie Clut­ter aus Hol­comb ist kalt­blü­tig hin­ge­rich­tet wor­den und Capote beschließt, dass dies sein nächs­ter Arti­kel für den „New Yor­ker“ wer­den soll. Als noch wäh­rend sei­ner Recher­chen die bei­den Mör­der Perry Smith (Clif­ton Collins jr.) und Dick Hickock (Mark Pel­le­grino) von She­riff Dewey (Chris Cooper) geschnappt wer­den, beschließt der Autor, mit einem Roman über die wah­ren Ereig­nisse Lite­ra­tur­ge­schichte zu schrei­ben, ja unsterb­lich zu wer­den. Und er wurde es. Sechs zer­mür­bende Jahre ver­gin­gen, bis die bei­den Mör­der hin­gen und Capote sei­nen Tat­sa­chen­ro­man voll­en­den konnte.

„Kalt­blü­tig“ bescherte ihm gewal­ti­gen Ruhm, viel Geld und eine Menge Respekt; er wurde zum berühm­tes­ten Schrift­stel­ler der USA — und sollte doch nie wie­der ein wei­te­res Werk zu Ende brin­gen. „Kalt­blü­tig“ mar­kierte den ent­schei­den­den Wen­de­punkt in sei­nem Leben: Seine homo­ero­ti­sche Hin­ge­zo­gen­heit zu „Gold­mine“ und See­len­ver­wandt­schaft Perry Smith, den er letzt­end­lich doch nur zu sei­nem Vor­teil benutzte, kalt­blü­tig aus­beu­tete, mün­dete in einen tra­gi­schen (Ver-)fall. So ver­kauft es jeden­falls der Film als dra­ma­tur­gi­sche Schlusspointe.

„Die Tru­man Show“ des Phi­lip Sey­mour Hoffman

Ben­net Mil­ler zeich­net in „Capote“ diese Zuspit­zung der Ereig­nisse mit gro­ßer Prä­zi­sion nach, und sein omni­prä­sen­ter Haupt­dar­stel­ler über­ragt 114 Minu­ten lang ein­fach alles! Es ist die große „Tru­man Show“ des Phi­lip Sey­mour Hoff­man. Zwar ver­liert er in der deut­schen Fas­sung im direk­ten Ver­gleich ein wenig an der sprich­wört­li­chen Ori­gi­na­li­tät, am kom­men­den Sonn­tag­mor­gen bei den Aca­demy Awards wird das frei­lich nicht ins Gewicht fallen.

Das Por­trät über eine der schil­lernds­ten Per­sön­lich­kei­ten des 20. Jahr­hun­derts ist neben der Kate­go­rie „Bes­ter Film“ voll­kom­men zurecht für vier wei­tere „Oscars“ nomi­niert; und nicht nur in Punkto Film­ge­schichte darf sich ein Phi­lip Sey­mour Hoff­man mit die­ser wirk­lich groß­ar­ti­gen Schau­spiel­per­for­mance ganz, ganz sicher sein.